Solistisch oder im Chor: das Singen der Tiere

Autor:in

Jürgen Hartmann

Ausgabe

N° 113 | März 2024

Len­chen wur­de «Die Sän­ge­rin» genannt, weil sie ihre Stim­me so lieb­rei­zend ver­wen­den konn­te. Jul­chen wählt sich sogar einen zen­tra­len Platz am unte­ren Ende der Trep­pe, damit ihr Gesang in bei­den Eta­gen gut zu hören ist. Und hört sie das Ban­do­ne­on spie­len, singt sie laut­hals mit. Ja, es han­delt sich bei Len­chen und Jul­chen um Kat­zen. Und ja, für den lie­ben­den Kat­zen­hal­ter ist das Gesang.

Laut dem Deut­schen Uni­ver­sal­wör­ter­buch vom Duden-Ver­lag ist Sin­gen «mit der Stim­me ein Lied, eine Melo­die oder Ähn­li­ches her­vor­brin­gen, vor­tra­gen» und beim Stich­wort Gesang wird unter­schie­den – Bedeu­tung 1a: «das Sin­gen des Men­schen», Bedeu­tung 1b: die «Gesamt­heit der klin­gen­den oder rhyth­mi­schen Laut­äu­ße­run­gen bestimm­ter Tie­re». Als Bei­spie­le nennt der Duden Vögel sowie Zika­den. So ganz über­zeugt das nicht: Klin­gen­de Laut­äu­ße­run­gen? Das Muh einer Kuh, das Wau eines Hun­des zähl­te wohl auch dazu, aber von sin­gen­den Kühen oder Hun­den ist kaum je die Rede. Und die Zika­den wur­den zwar in der Anti­ke als «musi­ka­li­sches» Insekt wert­ge­schätzt – sie gel­ten aber auch als Kra­wall­schach­teln.

Walgesang und Abendlied – Tiergesang fürs Menschenohr

Sin­gen nur Men­schen? Jeden­falls mögen sie Tier­ge­sang nicht als eben­bür­tig aner­ken­nen. Das geht auch aus einer klei­nen Sze­ne in Richard Wag­ners «Meis­ter­sin­gern» her­vor: Der ewig mäkeln­de Beck­mes­ser rümpft die Nase, als Kan­di­dat Stolz­ing beim Vor­sin­gen «Wald und Vogel­weid’» als Refe­renz nennt. «Oho! Von Fin­ken und Mei­sen lern­tet ihr Meis­ter­wei­sen?», ätzt Beck­mes­ser, «das wird dann wohl auch dar­nach sein!». Aller­dings: Am Ende der Oper zieht Beck­mes­ser den Kür­ze­ren, und der vom Vogel­ge­sang inspi­rier­te Stolz­ing wird gegen das Votum des Kri­ti­kers in den Kreis der Meis­ter auf­ge­nom­men.

Dass Vögel sin­gen, wird wohl nie­mand bestrei­ten, der je das Abend­lied einer Amsel, das Schmet­tern des Zaun­kö­nigs, den Ruf eines Kuckucks oder gar die Zau­ber­tö­ne der Nach­ti­gall gehört hat. Und Men­schen wären kei­ne Men­schen, wenn sie dar­aus nicht ein Geschäft mach­ten: Vogel­stim­men gibt es rei­hen­wei­se auf CD, zum Down­load oder Strea­ming, teils als lehr­reich, teils als ent­span­nend ver­kauft. In der kom­po­nier­ten Musik spie­len Vogel­stim­men seit jeher eine wich­ti­ge Rol­le, sei es als moti­vi­sches Ele­ment in Sin­fo­nien wie Beet­ho­vens «Pas­to­ra­le», als akri­bi­sche, instru­men­ta­le Nach­ah­mung wie in Oli­vi­er Mes­siaens Orgel­mu­sik oder gar als Live-Ein­spie­lung ori­gi­na­ler Auf­nah­men wie in Ein­ojuha­ni Rau­ta­vaar­as «Can­tus Arc­ti­cus».

Aber auch Rep­ti­li­en wie der Tokeh, ein nacht­ak­ti­ver Gecko in Süd­ost­asi­en, und sogar Säu­ge­tie­re sin­gen, und der Mensch wäre kein Mensch, mach­te er dar­aus kein Geschäft: Auf­nah­men von Wal­ge­sän­gen ver­kau­fen sich gut zum Zwe­cke der Well­ness, aber das wäre nicht mög­lich ohne jahr­zehn­te­lan­ge wis­sen­schaft­li­che Arbeit. Die ame­ri­ka­ni­schen Zoo­lo­gen Roger Pay­ne und Scott McVay began­nen 1967 mit ihren For­schun­gen am Gesang von Buckel­wa­len, 1971 ver­öf­fent­lich­ten sie ihre Ergeb­nis­se (und die ers­te Schall­plat­te mit Wal­ge­sän­gen erschien bereits im Jahr zuvor). Die schot­ti­sche For­sche­rin Aman­da Stans­bu­ry hat vor eini­gen Jah­ren Kegel­rob­ben sogar das Sin­gen bei­gebracht, die Ergeb­nis­se kann man bei You­tube fin­den mit den Such­be­grif­fen «Grey Seals com­pi­la­ti­on». Das klingt fremd und ver­traut zugleich – aber man fragt sich unwill­kür­lich, ob da nicht doch ein wenig mani­pu­liert wur­de.

Liebesgesang als Ultraschall – warum Mäuse singen

Die Ver­hal­tens­bio­lo­gin Sarah Zala vom Kon­rad-Lorenz-Insti­tut für Ver­glei­chen­de Ver­hal­tens­for­schung in Wien hat soge­nann­te Ultra­schall-Voka­li­sa­tio­nen (USV) bei Mäu­sen unter­sucht. Mit spe­zi­el­ler Aus­rüs­tung mach­te sie die Gesän­ge für mensch­li­che Ohren wahr­nehm­bar und fand gemein­sam mit ihrem Kol­le­gen Dus­tin Penn her­aus, dass die Merk­ma­le der USV mit sexu­el­ler Sti­mu­la­ti­on zusam­men­hän­gen: «Männ­chen, die mit einem Weib­chen inter­agie­ren konn­ten, also ‹sexu­el­les Pri­ming› erfah­ren haben, san­gen mehr USV, und sie ver­wen­de­ten auch mehr Sil­ben­ty­pen», sagt Sarah Zala. «Wir stell­ten fest, dass Männ­chen, wenn sie für Weib­chen sin­gen, auch mehr und mit höhe­ren Fre­quen­zen voka­li­sie­ren. Unse­re Ergeb­nis­se deu­ten dar­auf hin, dass Mäu­se die Anzahl und Fre­quenz ihrer Voka­li­sa­tio­nen in Abhän­gig­keit vom Geschlecht des poten­zi­el­len Emp­fän­gers modu­lie­ren». Die Wis­sen­schaft­le­rin forscht der­zeit an wei­te­ren Details: «Wir arbei­ten gera­de dar­an zu beschrei­ben, wie die Mäu­se vor, wäh­rend und nach der Paa­rung sin­gen, und wir haben die Weib­chen gleich­sam gebe­ten, uns mit Hil­fe von Play­back-Expe­ri­men­ten zu zei­gen, wel­che Arten von Voka­li­sa­tio­nen sie bevor­zu­gen». Die­se Expe­ri­men­te sei­en jedoch schwie­rig durch­zu­füh­ren und die Ergeb­nis­se müss­ten sorg­fäl­tig veri­fi­ziert wer­den, sagt Sarah Zala. Ame­ri­ka­ni­sche For­scher wie­der­um ent­deck­ten in Cos­ta Rica zwei eng ver­wand­te Mäu­se­ar­ten, deren kör­per­lich stär­ke­re ihre küh­len, weil höher gele­ge­nen Revie­re mit Gesän­gen gegen die klei­ne­re Ver­wandt­schaft ver­tei­digt.

Mit Chorgesang den Lebensraum abstecken

Die Gesän­ge der Indris, einer vom Aus­ster­ben bedroh­ten, im Regen­wald Mada­gas­kars leben­den Pri­ma­ten­art, hat Chia­ra De Gre­go­rio unter­sucht, die als Pri­ma­to­lo­gin an der Uni­ver­si­tät in Turin arbei­tet. Die Indris sei­en die ein­zi­ge Art von Lemu­ren, die durch Gesän­ge kom­mu­ni­ziert, erklärt sie. «Indris ver­wen­den Lie­der für unter­schied­li­che Zwe­cke in unter­schied­li­chen Kon­tex­ten. Sie bewoh­nen und ver­tei­di­gen einen Teil des Wal­des, in dem sich die für das Über­le­ben der Fami­lie not­wen­di­gen Res­sour­cen wie Fut­ter- und Schlaf­bäu­me befin­den.» An den Revier­gren­zen kom­me es dann zum musi­ka­li­schen Streit, so De Gre­go­rio: «Wenn ver­schie­de­ne Fami­li­en­grup­pen dort auf­ein­an­der­tref­fen, set­zen sie in der Regel Gesän­ge ein, um den Zugang zu die­sem Teil des Reviers zu regeln. Die bei­den Grup­pen begin­nen mit inten­si­vem Gesang und Kon­ter­ge­sang, was bis zu einer Stun­de dau­ern kann.»

Sia­mang im Cin­cin­na­ti Zoo © Mark Dumont / flickr

Nur gele­gent­lich kul­mi­nie­re die­ser Song-Con­test in kör­per­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen, im All­ge­mei­nen blie­ben die Revier­grö­ßen über die Jah­re hin­weg bemer­kens­wert sta­bil, erläu­tert die Wis­sen­schaft­le­rin. Könn­te man als Mensch womög­lich dar­aus ler­nen, dass Gesang dazu taugt, Gewalt zu ver­mei­den? In den Regen­wäl­dern Süd­ost­asi­ens sind die Sia­mangs zu Hau­se, eine wei­te­re gro­ße Affen­art. Bei ihnen kann man eben­falls regel­rech­te Fami­li­en­ge­sän­ge hören. «Die gan­ze Fami­lie singt, um ihr Ter­ri­to­ri­um akus­tisch zu mar­kie­ren und die Nach­bar­fa­mi­li­en in die Schran­ken zu wei­sen», erklär­te der Bio­lo­ge und Wis­sen­schafts­jour­na­list Mario Lud­wig im Deutsch­land­funk. Die­se Gesän­ge hät­ten eine wie­der­keh­ren­de Rei­hen­fol­ge, begän­nen täg­lich vor Son­nen­auf­gang und setz­ten sich in den frü­hen Mor­gen fort, wobei zunächst nur die Männ­chen und dann bei­de Geschlech­ter gemein­sam sän­gen. Auf Nach­fra­ge bestä­tigt Lud­wig: «Ja, das ist tat­säch­lich als Chor zu ver­ste­hen.»

Zweckfreier Gesang: nur etwas für Menschen?

Der Bio­mu­si­ko­lo­ge Andrea Ravigna­ni von der Uni­ver­si­tät Rom hat bei Vögeln und den Indris rhyth­mi­sche Mus­ter ent­deckt, die in mensch­li­chen Kul­tu­ren welt­weit eine wich­ti­ge Rol­le spie­len. Bei den Pri­ma­ten hör­te er sogar Ritar­dan­di her­aus. Die Fra­ge, ob dies nicht doch etwas bedeu­ten kön­ne, ist aber für ihn nicht rele­vant: «Ich glau­be nicht, dass dies in irgend­ei­ner Wei­se mit Intel­li­genz in Ver­bin­dung gebracht wer­den kann. Wir haben nur über ein Ver­hal­ten berich­tet, des­sen Ergeb­nis mensch­li­cher Musik ähnelt. Ich wür­de die Inter­pre­ta­ti­on nicht dar­über hin­aus aus­deh­nen», gibt der For­scher zu Pro­to­koll.

Und schließ­lich sagt auch noch der geschätz­te Tier­arzt, von sin­gen­den Kat­zen wis­se er nichts. Kater ja, die ver­tei­dig­ten mit einer Art von Gesang ihr Revier. Es scheint also viel Gesang zu geben in der Tier­welt, aber eben zum Zwe­cke der Ver­tei­di­gung – und als Balz­ri­tu­al. Am Ende muss man wohl ein­se­hen, dass es zweck­be­frei­ten Gesang nur beim Men­schen gibt. Und das ist doch inter­es­sant zu wis­sen. Wobei: Man darf ja ein wenig spe­ku­lie­ren. Dass die Indris und Sia­mangs als Fami­li­en­chö­re auf­tre­ten, ist doch immer­hin ein Anfang. Und unten an der Trep­pe stimmt auch Kat­ze Jul­chen wie­der ihren Gesang an.

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Jürgen Hartmann

Jürgen Hartmann ist Musikwissenschaftler, arbeitet als Dramaturg bei einem Musikverlag, lebt an der Wesermündung und liebt neben der Musik und dem Gesang seinen Garten.

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