Lenchen wurde «Die Sängerin» genannt, weil sie ihre Stimme so liebreizend verwenden konnte. Julchen wählt sich sogar einen zentralen Platz am unteren Ende der Treppe, damit ihr Gesang in beiden Etagen gut zu hören ist. Und hört sie das Bandoneon spielen, singt sie lauthals mit. Ja, es handelt sich bei Lenchen und Julchen um Katzen. Und ja, für den liebenden Katzenhalter ist das Gesang.
Laut dem Deutschen Universalwörterbuch vom Duden-Verlag ist Singen «mit der Stimme ein Lied, eine Melodie oder Ähnliches hervorbringen, vortragen» und beim Stichwort Gesang wird unterschieden – Bedeutung 1a: «das Singen des Menschen», Bedeutung 1b: die «Gesamtheit der klingenden oder rhythmischen Lautäußerungen bestimmter Tiere». Als Beispiele nennt der Duden Vögel sowie Zikaden. So ganz überzeugt das nicht: Klingende Lautäußerungen? Das Muh einer Kuh, das Wau eines Hundes zählte wohl auch dazu, aber von singenden Kühen oder Hunden ist kaum je die Rede. Und die Zikaden wurden zwar in der Antike als «musikalisches» Insekt wertgeschätzt – sie gelten aber auch als Krawallschachteln.
Walgesang und Abendlied – Tiergesang fürs Menschenohr
Singen nur Menschen? Jedenfalls mögen sie Tiergesang nicht als ebenbürtig anerkennen. Das geht auch aus einer kleinen Szene in Richard Wagners «Meistersingern» hervor: Der ewig mäkelnde Beckmesser rümpft die Nase, als Kandidat Stolzing beim Vorsingen «Wald und Vogelweid’» als Referenz nennt. «Oho! Von Finken und Meisen lerntet ihr Meisterweisen?», ätzt Beckmesser, «das wird dann wohl auch darnach sein!». Allerdings: Am Ende der Oper zieht Beckmesser den Kürzeren, und der vom Vogelgesang inspirierte Stolzing wird gegen das Votum des Kritikers in den Kreis der Meister aufgenommen.
Dass Vögel singen, wird wohl niemand bestreiten, der je das Abendlied einer Amsel, das Schmettern des Zaunkönigs, den Ruf eines Kuckucks oder gar die Zaubertöne der Nachtigall gehört hat. Und Menschen wären keine Menschen, wenn sie daraus nicht ein Geschäft machten: Vogelstimmen gibt es reihenweise auf CD, zum Download oder Streaming, teils als lehrreich, teils als entspannend verkauft. In der komponierten Musik spielen Vogelstimmen seit jeher eine wichtige Rolle, sei es als motivisches Element in Sinfonien wie Beethovens «Pastorale», als akribische, instrumentale Nachahmung wie in Olivier Messiaens Orgelmusik oder gar als Live-Einspielung originaler Aufnahmen wie in Einojuhani Rautavaaras «Cantus Arcticus».
Aber auch Reptilien wie der Tokeh, ein nachtaktiver Gecko in Südostasien, und sogar Säugetiere singen, und der Mensch wäre kein Mensch, machte er daraus kein Geschäft: Aufnahmen von Walgesängen verkaufen sich gut zum Zwecke der Wellness, aber das wäre nicht möglich ohne jahrzehntelange wissenschaftliche Arbeit. Die amerikanischen Zoologen Roger Payne und Scott McVay begannen 1967 mit ihren Forschungen am Gesang von Buckelwalen, 1971 veröffentlichten sie ihre Ergebnisse (und die erste Schallplatte mit Walgesängen erschien bereits im Jahr zuvor). Die schottische Forscherin Amanda Stansbury hat vor einigen Jahren Kegelrobben sogar das Singen beigebracht, die Ergebnisse kann man bei Youtube finden mit den Suchbegriffen «Grey Seals compilation». Das klingt fremd und vertraut zugleich – aber man fragt sich unwillkürlich, ob da nicht doch ein wenig manipuliert wurde.
Liebesgesang als Ultraschall – warum Mäuse singen
Die Verhaltensbiologin Sarah Zala vom Konrad-Lorenz-Institut für Vergleichende Verhaltensforschung in Wien hat sogenannte Ultraschall-Vokalisationen (USV) bei Mäusen untersucht. Mit spezieller Ausrüstung machte sie die Gesänge für menschliche Ohren wahrnehmbar und fand gemeinsam mit ihrem Kollegen Dustin Penn heraus, dass die Merkmale der USV mit sexueller Stimulation zusammenhängen: «Männchen, die mit einem Weibchen interagieren konnten, also ‹sexuelles Priming› erfahren haben, sangen mehr USV, und sie verwendeten auch mehr Silbentypen», sagt Sarah Zala. «Wir stellten fest, dass Männchen, wenn sie für Weibchen singen, auch mehr und mit höheren Frequenzen vokalisieren. Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Mäuse die Anzahl und Frequenz ihrer Vokalisationen in Abhängigkeit vom Geschlecht des potenziellen Empfängers modulieren». Die Wissenschaftlerin forscht derzeit an weiteren Details: «Wir arbeiten gerade daran zu beschreiben, wie die Mäuse vor, während und nach der Paarung singen, und wir haben die Weibchen gleichsam gebeten, uns mit Hilfe von Playback-Experimenten zu zeigen, welche Arten von Vokalisationen sie bevorzugen». Diese Experimente seien jedoch schwierig durchzuführen und die Ergebnisse müssten sorgfältig verifiziert werden, sagt Sarah Zala. Amerikanische Forscher wiederum entdeckten in Costa Rica zwei eng verwandte Mäusearten, deren körperlich stärkere ihre kühlen, weil höher gelegenen Reviere mit Gesängen gegen die kleinere Verwandtschaft verteidigt.
Mit Chorgesang den Lebensraum abstecken
Die Gesänge der Indris, einer vom Aussterben bedrohten, im Regenwald Madagaskars lebenden Primatenart, hat Chiara De Gregorio untersucht, die als Primatologin an der Universität in Turin arbeitet. Die Indris seien die einzige Art von Lemuren, die durch Gesänge kommuniziert, erklärt sie. «Indris verwenden Lieder für unterschiedliche Zwecke in unterschiedlichen Kontexten. Sie bewohnen und verteidigen einen Teil des Waldes, in dem sich die für das Überleben der Familie notwendigen Ressourcen wie Futter- und Schlafbäume befinden.» An den Reviergrenzen komme es dann zum musikalischen Streit, so De Gregorio: «Wenn verschiedene Familiengruppen dort aufeinandertreffen, setzen sie in der Regel Gesänge ein, um den Zugang zu diesem Teil des Reviers zu regeln. Die beiden Gruppen beginnen mit intensivem Gesang und Kontergesang, was bis zu einer Stunde dauern kann.»

Nur gelegentlich kulminiere dieser Song-Contest in körperlichen Auseinandersetzungen, im Allgemeinen blieben die Reviergrößen über die Jahre hinweg bemerkenswert stabil, erläutert die Wissenschaftlerin. Könnte man als Mensch womöglich daraus lernen, dass Gesang dazu taugt, Gewalt zu vermeiden? In den Regenwäldern Südostasiens sind die Siamangs zu Hause, eine weitere große Affenart. Bei ihnen kann man ebenfalls regelrechte Familiengesänge hören. «Die ganze Familie singt, um ihr Territorium akustisch zu markieren und die Nachbarfamilien in die Schranken zu weisen», erklärte der Biologe und Wissenschaftsjournalist Mario Ludwig im Deutschlandfunk. Diese Gesänge hätten eine wiederkehrende Reihenfolge, begännen täglich vor Sonnenaufgang und setzten sich in den frühen Morgen fort, wobei zunächst nur die Männchen und dann beide Geschlechter gemeinsam sängen. Auf Nachfrage bestätigt Ludwig: «Ja, das ist tatsächlich als Chor zu verstehen.»
Zweckfreier Gesang: nur etwas für Menschen?
Der Biomusikologe Andrea Ravignani von der Universität Rom hat bei Vögeln und den Indris rhythmische Muster entdeckt, die in menschlichen Kulturen weltweit eine wichtige Rolle spielen. Bei den Primaten hörte er sogar Ritardandi heraus. Die Frage, ob dies nicht doch etwas bedeuten könne, ist aber für ihn nicht relevant: «Ich glaube nicht, dass dies in irgendeiner Weise mit Intelligenz in Verbindung gebracht werden kann. Wir haben nur über ein Verhalten berichtet, dessen Ergebnis menschlicher Musik ähnelt. Ich würde die Interpretation nicht darüber hinaus ausdehnen», gibt der Forscher zu Protokoll.
Und schließlich sagt auch noch der geschätzte Tierarzt, von singenden Katzen wisse er nichts. Kater ja, die verteidigten mit einer Art von Gesang ihr Revier. Es scheint also viel Gesang zu geben in der Tierwelt, aber eben zum Zwecke der Verteidigung – und als Balzritual. Am Ende muss man wohl einsehen, dass es zweckbefreiten Gesang nur beim Menschen gibt. Und das ist doch interessant zu wissen. Wobei: Man darf ja ein wenig spekulieren. Dass die Indris und Siamangs als Familienchöre auftreten, ist doch immerhin ein Anfang. Und unten an der Treppe stimmt auch Katze Julchen wieder ihren Gesang an.