Wenn es mal nicht rund läuft: neue Angebote für Chorleiter:innen
Chorleiterin Christine Rommel erinnert sich noch gut an einen Moment in ihrer schwäbischen Heimat, kurz nach ihrem Studium der Kirchenmusik in Herford. Da kommentierte ein Chormitglied den Gesang einer Mitsängerin mit den unfreundlichen Worten, sie klinge wie eine rostige Gießkanne. Rommels vermittelnde Ader war gefragt: «Die Frau hat mich am nächsten Tag angerufen, um mir zu sagen, dass sie nicht mehr in den Chor kommt und auch nicht mehr in die Kirchengemeinde. Ich hatte dann die Optionen, entweder mit den Schultern zu zucken oder – das war der Weg, den ich gewählt habe – zwei Stunden mit ihr zu telefonieren.» Intuitiv gelang Rommel etwas, was sie später in Weiterbildungen fachlich unterfütterte: die Dynamik des Streits zu verändern und das Miteinander zu verbessern. Die Frau blieb im Chor.
Chorleitung ist Gruppenleitung. Und manchmal braucht diese besondere Gruppenleitung Werkzeuge, die über das Musikalische hinausgehen. Rommel erinnert sich, dass sie nach dem Studium manche Schwierigkeiten unvorbereitet erwischt haben: «Ich war nur fürs Singen ausgebildet; da gab es Stimmbildung, Gesangsunterricht, Schlagtechnik, Chorleitung. Aber was mache ich zum Beispiel, wenn Eltern ihre Kinder nur unregelmäßig und dann unpünktlich in den Kinderchor bringen? Damit umzugehen, wird einfach vorausgesetzt.» Rommel bildete sich bald auf eigene Faust weiter, unter anderem als Mediatorin. Heute ist sie eine der Supervisor:innen der Chor- und Ensembleleitung Deutschland (CED) und hilft anderen Chorleiter:innen, wenn ihnen ihre Arbeit über den Kopf wächst.
Vom Gespür zum Konzept: Coaching entwickeln und ausarbeiten
Auch Sandra Lücke hat früh erkannt, dass Chorleiter: innen von Rückmeldungen profitieren können. Obwohl sie selbst schon als Jugendliche Proben leitete, wurde sie vor allem stutzig, wenn sie im Chor mitsang: «Da habe ich mich gefragt, warum es denn so schwierig ist, unter diesem Chorleiter zu singen und es bei der Chorleiterin davor noch ganz einfach war. Was war anders?» Antworten kamen Lücke nach und nach in den Sinn, aber der Weg zum ausgearbeiteten Konzept war weit. Und er war gepflastert mit Ausund Weiterbildungen. Da waren die D- und C‑Ausbildungen als Chorleiterin, ein parallel begonnenes Psychologiestudium, das sie bald durch das Studium der Musikpädagogik an der Musikhochschule in Detmold ersetzte. Eine Ausbildung zur Erzieherin hatte sie ebenfalls absolviert.
«Es ist so einfach, etwas zum Guten zu wenden, wenn man weiß, wie es geht.»
Eigentlich ideale Voraussetzungen für eine Arbeit als Coach. Nur: «Damals habe ich noch nicht an Coaching gedacht, das gab es so für mich zu dieser Zeit noch nicht.» Erst als Lücke während der Covid-19- Pandemie plötzlich als Leiterin ihrer beiden Chöre pausieren musste, gab es einen kleinen Durchbruch. «Als wir während Corona nicht arbeiten durften, fehlte mir einfach der Chor als Ressource. Also habe ich eine Ausbildung zum systemisch-integrativen Coach angefangen. Die war fantastisch und ich habe bemerkt: Es ist so einfach, etwas zum Guten zu wenden, wenn man weiß, wie es geht.» Lücke holte sich Unterstützung und entwickelte Hilfestellungen für Chorleiter:innen: «Ich hatte viel darüber nachgedacht, wie Chor und Coaching zusammengehen. Und dann ist mir klargeworden: Die Basis ist der Raum, den wir schaffen können, in dem eine gute Entwicklung möglich ist.»
Kompakt oder intensiv: die Angebote der CED für Chorleiter:innen
Während Lücke ihr Angebot aus persönlichen Erfahrungen und Erkenntnissen heraus aufbaute, versuchte es die CED mit einem Aufruf. Im Frühjahr 2024 suchte sie versierte Chor- und Ensembleleiter: innen, die sich zu Supervisor:innen ausbilden lassen wollten. Schnell war klar, dass Schwerpunkte noch gefunden werden müssen, erinnert sich Rommel: «Wir haben uns persönlich oder online getroffen und besprochen, was wir brauchen und was die CED erwartet. Wir haben bei Kolleg:innen hospitiert, um unseren Blick zu schulen, und simuliert, dass wir Kolleg: innen supervisieren.» Drei Tage in der Landesmusikakademie Hessen in Schlitz waren die Gelegenheit, einmal alle Fähigkeiten und Erkenntnisse in eine Form zu bringen. Pünktlich zur chor.com 2024 gab es ein ausgereiftes Konzept. Seither können Ensembleleiter:innen ihre Arbeit von den Expert:innen der CED begutachten lassen.
«Dann geht es nicht darum: ‹Ich hätte gerne ein bisschen mehr Geld›, sondern um die Frage: ‹Bin ich denen denn nicht mehr wert?›»
Das Angebot beginnt bei der Rückmeldung auf einen gefilmten Probenmitschnitt und reicht bis zur intensiven dreimonatigen persönlichen Begleitung mit vor- und nachbereitenden Gesprächen. Menschen kämen mit den unterschiedlichsten Problemen zu ihr, erzählt Rommel, und entsprechend flexibel handhabe sie ihren Werkzeugkasten: «Es gibt Leute, die belastet, dass sie ein Thema mit einem Chorsänger oder einer Chorsängerin haben. Oder die völlige Überforderung, weil sich in der Kirchengemeinde, in der man 15 oder 20 Jahre lang gearbeitet hat, Strukturen verändern und man damit klarkommen muss. Und gleichzeitig stimmt das Salär nicht, und dann geht es nicht darum: ‹Ich hätte gerne ein bisschen mehr Geld›, sondern um die Frage: ‹Bin ich denen denn nicht mehr wert?›» Mit kleinen Interventionen gibt Rommel dann Denkanstöße. Wenn ein Konflikt noch in der Freizeit nachwirkt, fragt sie zum Beispiel: «Wie lange darf diese Person bei dir noch am Kaffeetisch sitzen?»
CED-Angebote wie die «Leitungszeit» oder die «CED-Leitungsberatung Basic » finden niedrigschwellig am Telefon oder online statt. Supervisionen können ebenfalls online durchgeführt werden. Das kann in Form eines Gesprächs sein, auch Proben seien hilfreiches Material, sagt Christine Rommel – aufgezeichnet oder auch live: «Man kann zum Beispiel mit seinem Chor vereinbaren, die Kamera mitlaufen und mich 90 Minuten an einer Probe teilhaben zu lassen. » Für umfangreichere Supervisionen kommen die Expert:innen der CED zu persönlichen Gesprächen, zu Proben und Konzerten gefahren, erklärt Rommel. «Jeder von uns hat in seinem Profil Informationen dazu stehen, wo er oder sie Standbeine haben. Ich lebe zum Beispiel in Berlin, aber selbstverständlich ist es für mich gut möglich, in Gegenden, in denen meine Kinder leben, einen Besuch dort mit einer Supervision zu verknüpfen. Das ist für jeden von uns eine Frage der Absprache.»
Drei Säulen für neue Stabilität: Coaching nach Maß
Sandra Lücke unterstützt als Coach vor allem Veränderungsprozesse. Auf drei Säulen hat sie ihr Coaching aufgebaut. Die so wichtige Gestaltung eines positiven Raums hat Lücke «Die gute Chor-Kultur» genannt. Hier vermittelt sie ein Miteinander jenseits von Top-Down-Hierarchien: «Ein Chorleiter wie Simon Halsey, der Chöre in ganz Europa geleitet hat, ist zum Beispiel jemand, der eine wahnsinnig große Bandbreite an Sichtweisen hat. Da freut sich auch jeder Profi im Rundfunkchor Berlin, wenn er unter so jemandem singen darf. Und dann gibt es eben andere mit stark fokussierten Sichtweisen: ‹Das muss aber so und so sein …› Das ist grundsätzlich nichts Schlechtes, denn immerhin weiß die Führungskraft, wo sie hin will – es lässt aber wenig kreative Freiheit zu.» In einem weiteren Coaching-Angebot unterstützt Lücke Chorleiter:innen bei der Selbststeuerung, vermittelt Führungskompetenzen und Selbstfürsorge und erarbeitet eine passende Organisationsstruktur. Ein drittes Angebot widmet sich der Bühnenpräsenz von Vokalensembles. Ihre Leistungen als freier Coach hat Lücke mithilfe einer Website am Markt positioniert, die Hintergrundinformationen bietet und Buchungen ermöglicht. Kurse bietet sie derzeit vorwiegend rund um ihren Lebensmittelpunkt in Ostwestfalen-Lippe an. Im nächsten Jahr gibt Lücke ihr Wissen aber auch am Nordkolleg Rendsburg in einem Modul «Chor-Psychologie» an angehende Chorleiter:innen weiter, also bei einer öffentlichen Einrichtung im Norden Deutschlands.