Ausprobieren ist Trumpf – szenische Arbeit mit dem Chor

Autor:in

Fabienne Schwarz-Loy

Ausgabe

N° 118 | September 2024

Die Ver­bin­dung von Musik und Sze­ne ist wir­kungs­voll und viel­ver­spre­chend: Im Musik­thea­ter sind die bei­den Ele­men­te seit jeher untrenn­bar mit­ein­an­der ver­bun­den. Doch auch sonst gibt es im voka­len und im instru­men­ta­len Bereich span­nen­de Mög­lich­kei­ten zur Ver­knüp­fung der bei­den Bestand­tei­le. In den ver­gan­ge­nen Jah­ren haben sich die­se Ideen zu einem Trend aus­ge­wei­tet und in der Chor­mu­sik ent­stan­den vie­le Kon­zert­pro­gram­me mit sze­ni­schen Ele­men­ten. Das weckt in zahl­rei­chen Chö­ren und Ensem­bles das Inter­es­se, in die­sem Gebiet eben­falls aktiv zu wer­den. Doch wie kann das The­ma ange­gan­gen wer­den und was gibt es dabei zu beach­ten?

Wo soll es hingehen? Die richtigen Stilmittel finden

Zu Beginn stellt sich die grund­le­gen­de Fra­ge: Wel­che Stil­mit­tel sind mög­lich und pas­sen zum gewünsch­ten Pro­gramm? Die Aus­wahl an sze­ni­schen Ele­men­ten ist groß: Soll der Chor eine Cho­reo­gra­fie prä­sen­tie­ren, ist die Arbeit mit Requi­si­ten und Uten­si­li­en gewünscht, soll die Musik durch gespro­che­nes Wort, Tanz oder Licht ergänzt wer­den? Geht es um gro­ße Bewe­gun­gen im Raum oder eher klei­ne Effek­te? Sol­len ein­zel­ne Momen­te eines Kon­zerts sze­nisch unter­stri­chen wer­den oder ist eine dur­ge­hen­de Dra­ma­tur­gie erwünscht? In jedem Fall muss man auf eine stim­mi­ge Aus­wahl ach­ten – oft ist weni­ger mehr: Kom­men zu vie­le unter­schied­li­che Din­ge zusam­men, ist nicht nur die Koor­di­na­ti­on der Mit­wir­ken­den eine gro­ße Her­aus­for­de­rung, auch das Publi­kum könn­te schnell über­for­dert wer­den. Am bes­ten sor­gen Sie für einen roten Faden, der sich durch das Pro­gramm zieht und vom Publi­kum ver­stan­den wird. Mit dem Kon­stan­zer Kam­mer­chor berei­te ich gera­de ein Kon­zert­pro­gramm mit dem Titel „Uto­pie – Vom Auf­lö­sen und Wie­der­fin­den“ vor und als eines der Haupt­stil­mit­tel der sze­ni­schen Umrah­mung ver­än­dert der Chor über die gan­ze Kon­zert­dau­er in ver­schie­de­nen Bewe­gungs­ab­läu­fen immer wie­der Stand­ort und Zusam­men­set­zung, löst sich Stück für Stück in ein­zel­ne Bestand­tei­le auf und fin­det anschlie­ßend wie­der als Gemein­schaft zusam­men. So wer­den Kon­zert­ti­tel und die dazu pas­sen­den Wer­ke sym­bo­lisch unter­stri­chen.

Der Musik­stil kann einen wich­ti­gen Anhalts­punkt bie­ten: Bei eher unter­halt­sa­me­ren Pro­gram­men oder im Bereich der Pop­mu­sik kön­nen zum Text pas­sen­de Cho­reo­gra­fien char­mant sein. So bau­te das Lon­do­ner Ensem­ble Pink Sin­gers klei­ne Sze­nen in das Instru­men­tal­vor­spiel des Stücks „Nine to Five“ von Dol­ly Par­ton ein: Es geht dar­in unter ande­rem um einen müh­sa­men Arbeits­tag. Die Chor­mit­glie­der skiz­zier­ten die mor­gend­li­chen Vor­be­rei­tun­gen – vom Wecker­klin­geln über das Augen­rei­ben bis hin zum Zäh­ne­put­zen und Haa­re­käm­men. Bei einem Kon­zert im Rah­men des Kon­stan­zer Chor­fes­ti­vals kamen bei John Len­nons bekann­tem Song „Ima­gi­ne“ Sei­fen­bla­sen­ma­schi­nen zum Ein­satz, bei einem kapi­ta­lis­mus­kri­ti­schen Stück wur­den Spiel­geld­schei­ne ins Publi­kum gewor­fen. Auch klei­ne Ideen kön­nen über­ra­schen­de Effek­te schaf­fen. Bei klas­si­sche­ren Pro­gram­men liegt die Kraft der Sze­ne oft in kon­tras­tie­ren­den Ele­men­ten oder neu­en, uner­war­te­ten Kon­tex­ten. In einer Auf­füh­rung mit mei­nem Ensem­ble chor:werk baden-würt­tem­berg vor eini­gen Jah­ren, bei der es um den Kon­trast von Krieg und Frie­den ging, trug ein Teil des Cho­res alte Armee­män­tel, die am Ende einer Requi­em­ver­to­nung abge­legt und in der Kon­zert­kir­che vor dem Altar sym­bo­lisch zu Gra­be getra­gen wur­den.

Das Szenische entwickeln: mit allen und überall

Je nach Aus­wahl der sze­ni­schen Mit­tel stellt sich auch die Fra­ge: wer bringt die­se ein – der Chor selbst oder zusätz­li­che Per­so­nen wie bei­spiels­wei­se Tänzer:innen, Sprecher:innen, Schauspieler:innen? Wenn die sze­ni­sche Leis­tung aus dem Chor her­aus erbracht wird, dann soll­ten Fähig­kei­ten und Qua­li­fi­ka­tio­nen in jedem Fall rea­lis­tisch betrach­tet wer­den. Dies zeigt sich vor allem in der Abgren­zung von Cho­reo­gra­fie und Schau­spiel: Ein Ensem­ble als Gan­zes kann durch cho­reo­gra­fi­sche Ele­men­te span­nen­de Kon­zert­er­leb­nis­se schaf­fen – schau­spie­le­ri­sche oder tän­ze­ri­sche Ein­zel­leis­tun­gen jedoch wir­ken zumeist nur dann berei­chernd, wenn sie pro­fes­sio­nell dar­ge­bracht wer­den und soll­ten daher ent­spre­chend aus­ge­bil­de­ten Per­so­nen vor­be­hal­ten sein. Wird der Chor selbst sze­nisch tätig, soll­te bedacht wer­den, dass es inner­halb der Grup­pe vor­aus­sicht­lich eine gewis­se Vari­anz hin­sicht­lich der Expe­ri­men­tier­freu­de und der Fähig­kei­ten geben wird. Wenn also zum Bei­spiel das gan­ze Ensem­ble syn­chro­ne Bewe­gun­gen machen soll, ist es rat­sam, die­se so zu wäh­len, dass alle Betei­lig­ten sich dabei wohl­füh­len und die­se auch sou­ve­rän aus­füh­ren kön­nen. Falls es unter­schied­li­che Mög­lich­kei­ten gibt, sich in eine Per­for­mance ein­zu­brin­gen, kön­nen Auf­ga­ben auch nach Prä­fe­ren­zen ver­teilt wer­den: Die einen bewe­gen sich viel­leicht ger­ne, ande­re über­neh­men ger­ne Text­pas­sa­gen oder blei­ben lie­ber im Hin­ter­grund. Dies kann bei der Pla­nung berück­sich­tigt und gege­be­nen­falls im Ensem­ble abge­fragt wer­den.

Sinn­voll ist auch, die räum­li­chen und logis­ti­schen Gege­ben­hei­ten mit in die Über­le­gun­gen ein­zu­be­zie­hen: Klingt die Musik im Raum trotz­dem noch gut und aus­ge­wo­gen, auch wenn sich der Chor gemischt im Raum ver­teilt? Wenn Bewe­gun­gen des Cho­res geplant sind, kön­nen die ent­spre­chen­den Stü­cke dann aus­wen­dig gesun­gen wer­den oder erlaubt die geplan­te Per­for­mance das Sin­gen mit Noten? Gibt es genug Platz für ent­spre­chen­de Sze­nen oder ent­ste­hen gar poten­zi­ell gefähr­li­che Situa­tio­nen, zum Bei­spiel am Büh­nen­rand, auf Trep­pen oder Absät­zen? Wer­den die mög­li­chen Her­aus­for­de­run­gen gleich mit­ge­dacht, gibt es bei der Aus­füh­rung meist weni­ger Pro­ble­me.

Inspiration finden: Wie szenische Elemente Kraft aufbauen

Aber was genau kann man machen? Bei der Ideen­ent­wick­lung haben Sie ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten: Wenn Sie die Schwarm­in­tel­li­genz und die Krea­ti­vi­tät des Cho­res nut­zen, kom­men aus der Grup­pe her­aus mög­li­cher­wei­se inter­es­san­te Vor­schlä­ge, an die Sie selbst nicht gedacht hät­ten. Gleich­zei­tig kann es aber her­aus­for­dernd sein, aus einer Viel­zahl unter­schied­lichs­ter Ideen einen sinn­vol­len roten Faden her­aus­zu­ar­bei­ten. Alter­na­tiv kann sich auch die Chor­lei­tung oder eine dafür bestimm­te Per­son oder Grup­pe um die Kon­zep­ti­on einer sze­ni­schen Per­for­mance küm­mern und gege­be­nen­falls exter­ne Bera­tung in Sachen Regie oder Thea­ter­päd­ago­gik in Anspruch neh­men. Auch Auf­füh­run­gen ande­rer Ensem­bles kön­nen als Inspi­ra­ti­on die­nen und die Wei­ter­ent­wick­lung eige­ner Ideen anre­gen. Je nach­dem, für wel­che sze­ni­schen Ele­men­te Sie sich ent­schei­den, stellt sich die Fra­ge, ob sich die­se in Zusam­men­hang mit dem Kon­zert­pro­gramm für Zuhö­ren­de auto­ma­tisch gut erschlie­ßen oder ob es hilf­reich ist, dem Publi­kum etwas Hin­ter­grund­in­for­ma­ti­on zu geben: Was pas­siert im Kon­zert, ent­ste­hen durch die Sze­nen neue The­men, Kon­tex­te oder Anspie­lun­gen? Dies könn­te bei­spiels­wei­se in einer kur­zen Kon­zert­ein­füh­rung oder auch durch einen Text im Pro­gramm­heft erklärt wer­den. Grund­sätz­lich gilt: Sze­ni­sche Mit­tel sind dann beson­ders inter­es­sant, wenn sie der Musik etwas Span­nen­des hin­zu­fü­gen und damit ver­bun­de­ne Emo­tio­nen unter­strei­chen. Ein ein­drück­li­ches Bei­spiel hier­für lie­fer­te das Ensem­ble amici musi­cae beim Deut­schen Chor­fest in Leip­zig bei einer sze­ni­schen Auf­füh­rung von Bachs Johan­nes-Pas­si­on: Das Chor­stück „Ruht wohl“ am Ende der Pas­si­on wur­de unter­malt, indem die Chorsänger:innen nach und nach paar­wei­se zu einem sti­li­sier­ten Grab schrit­ten und den im Stück besun­ge­nen „hei­li­gen Gebei­nen“ die letz­te Ehre erwie­sen – ein inten­si­ves Bild zu einem wohl­be­kann­ten Stück.

Schritt für Schritt gemeinsam Bilder finden und entwickeln

Gera­de wenn sich ein Chor neu mit dem The­ma Sze­ne beschäf­tig, ist Aus­pro­bie­ren Trumpf! Trau­en Sie sich, zu expe­ri­men­tie­ren, fan­gen Sie mit klei­nen Ideen an und schau­en Sie, was sich dar­aus ent­wi­ckelt, zum Chor passt und beim Publi­kum ankommt. Auch Chor­mit­glie­der, die viel­leicht zunächst skep­tisch und wenig expe­ri­men­tier­freu­dig sind, wer­den bes­ser moti­viert, wenn sie nicht von Beginn an mit all­zu spek­ta­ku­lä­ren Ideen kon­fron­tiert sind, son­dern die Chan­ce bekom­men, sich lang­sam an sze­ni­sche Ele­men­te her­an­zu­tas­ten. Wenn ein Ver­än­de­rungs­mo­dus in lang­sa­men Schrit­ten auf­ge­baut wird, fällt wei­te­re Ver­än­de­rung und Ent­wick­lung in der Regel leich­ter. Wenn etwas nicht passt, dann ver­wer­fen Sie es wie­der, wenn Ideen gut ankom­men, dann ent­wi­ckeln Sie die­se wei­ter – alles ist erlaubt und der Krea­ti­vi­tät sind grund­sätz­lich kaum Gren­zen gesetzt.

Portrait von Fabienne Schwarz-Loy

Autor:in

Fabienne Schwarz-Loy

Fabienne Schwarz-Loy ist als Dirigentin, Sängerin, Dozentin und Coach tätig. Sie leitet unter anderem den Konstanzer Kammerchor und das chor:werk baden-württemberg. Für sie spielen seit jeher interdisziplinäre Konzertformate und das Schaffen grenzübergreifender Kulturerlebnissen eine zentrale Rolle.

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