Gefühl und Leidenschaft: der Johann-Strauss-Chor Leipzig
Am 15. November 2009 trat ein Großteil der Mitglieder des Leipziger Operettenball-Chors erstmals in Eigenregie und unter neuem Namen auf: Der Johann-Strauss-Chor Leipzig war geboren. Von den Gründungsmitgliedern sind noch vier dabei, darunter die Sopranistin Katharina Göbel und Klaus-Dieter Klitzing, ein Bariton, der auch als Tenor zum Einsatz kommt. Seit 2011 gehört Heidrun Baecke dazu, die zwischen 2. Sopran und 1. Alt wechselt. Das muntere Trio gibt bei Kaffee, Kuchen und bester Laune Auskunft. Göbel und Baecke lernten sich schon im Gesangsstudium an der Leipziger Musikhochschule kennen, das sie aus verschiedenen Gründen beide nicht beenden konnten beziehungsweise durften. Jahrzehnte später trafen sie sich hier im Chor wieder. Studierte Sänger:innen sind nur diese beiden, weshalb sie sich auch um die Stimmbildung kümmern. Versierte Chorsänger:innen mit reichlich Erfahrung sind aber alle im Ensemble. Eine Chorleitung gibt es mittlerweile nicht mehr, was insofern kein Problem ist, als die Begleitmusik auf der Bühne vom Band kommt und das Kernrepertoire allen bestens bekannt ist. Zum Einstudieren neuer Nummern, deren passgenauer Bearbeitung für seine Besetzung und für die Choreografie engagiert der Chor bei Bedarf Profis. Die Auftritte liegen dann ganz in den Händen der Sängerinnen und Sänger.
«Die Nachbarn fragen schon, wann singt ihr denn wieder, und sitzen dann lauschend hinter der Hecke.»
Der Austausch mit dem Publikum, die fröhliche Atmosphäre und die heitere Leichtigkeit der Musik begeistern alle. «Auf der Bühne zu agieren und die Leute damit direkt zu erreichen, macht so viel Spaß», betont Heidrun Baecke, die sich in ihren früheren Chören, «wo alle mit Noten in der Hand dastehen und keiner zum Dirigenten schaut», nie am richtigen Platz fühlte. Für Katharina Göbel sind es immer die schönsten Erlebnisse, wenn der Chor ab und zu bei ihr zu Hause probt. «Die Nachbarn fragen schon, wann singt ihr denn wieder, und sitzen dann lauschend hinter der Hecke.» Klaus-Dieter Klitzing sieht es als «Schuld meiner Mutter», dass er heute in einem Operettenensemble mitwirkt: «Sie wollte eigentlich gerne zum Theater und hat den ganzen Tag vor sich hin geträllert. Und irgendwann habe ich halt mitgesungen …»
Die acht Damen und drei Herren im Alter zwischen Anfang Fünfzig bis Ende Siebzig treten bei ihrem Standardprogramm in Abendrobe auf, also mit Ballkleid und Smoking, aber auch in Dirndl und Lederhose, wenn es zum Anlass passt. Sie werden zu privaten Feiern wie runden Geburtstagen gebucht, sind darüber hinaus immer gerne gesehen und gehört – in etlichen Altenheimen oder bei Stadtfesten, aber auch auf der Seebühne am Biedermeierstrand Hayna («die größte überdachte Seebühne in ganz Deutschland», betont Baecke) oder auf der «Bäder-Tour», also bei Freiluft-Kurkonzerten von Bad Dürrenberg über Bad Lausick bis Bad Liebenwerda. Bis zu 22 Auftritte im Jahr absolviert der Chor; das Repertoire enthält neben Strauss’ Tritsch-Tratsch-Polka oder Radetzky-Marsch Auszüge aus der «Fledermaus» wie aus Carl Zellers «Vogelhändler» oder Emmerich Kálmáns «Csárdásfürstin». In die Oper geht es mit Mozarts «Zauberflöte», Verdis Trinklied aus «La Traviata» oder dem Gefangenenchor aus «Nabucco». Filmmusiken und Evergreens der Dreißiger- bis Sechzigerjahre ergänzen das Angebot. Um die 70 Nummern müssen alle draufhaben – auswendig natürlich, denn es wird ja auch gespielt und getanzt.
«Wenn die Leute hinterher sagen: ‹Das war so schön, kommen Sie bald wieder!› – das ist einfach wunderbar.»
In den Berufen der Sänger:innen spiegelt sich eine breite Palette von der Bibliothekarin und der Versicherungsangestellten über die Erzieherin und den Sozialarbeiter bis zum Ingenieur und zur Verkäuferin wider. Die Zeit für das aufwändige Hobby nehmen sich alle gerne. «Wenn die Leute hinterher zu uns kommen und strahlend sagen: ‹Das war so schön, kommen Sie bald wieder!› – das ist einfach wunderbar», sagt Heidrun Baecke und fügt an, sie investiere hier «Gefühl und Leidenschaft». Katharina Göbel stimmt ihr begeistert zu: «Das hast du perfekt ausgedrückt!»
Weitere Informationen
Chorname: Johann-Strauss-Chor
Ort/Landkreis: Leipzig
Chorleitung: keine
Gesungene Sprache: Deutsch und Englisch
Mitglieder: 8 Sängerinnen, 3 Sänger
Proben: Mittwoch, 18 Uhr, Begegnungszentrum Delitzscher Landstraße 38, 04158 Leipzig
Nächste Aufführungen: 26.09. Apoldaer Zwiebelmarkt; 09.12. Weihnachtskonzert, ASB Probstheida «Am Silbersee»; 13.12. Weihnachtskonzert im SAH «Goldener Herbst»
Website: www. johann-strauss-chor.de
Der besondere Chor
Zahllose Chöre machen die Welt der Vokalmusik zu einem facettenreichen Ort. Die Chorzeit berichtet regelmäßig über besondere Chöre aus Deutschland und der ganzen Welt.
Haben Sie auch ein außergewöhnliches Projekt auf die Beine gestellt oder sollte Ihr Chor aus einem anderen Grund hier auftauchen? Dann schreiben Sie an: redaktion[at]chorzeit.de