Volkslieder neu entdecken: Die chor.com, die der Deutsche Chorverband vom 1. bis 4. Oktober erstmals in Leipzig ausrichtet, bietet frische Perspektiven auf das Thema. Wir geben fünf Tipps für Workshops, Reading Sessions und Konzerte, in denen sich Wissenswertes und Unerwartetes rum um das Volkslied und seine Traditionen erfahren lässt.
Baltische Volkslieder in neuen Farben – Konzert mit den Latvian Voices
Die sechs Sänger:innen der Latvian Voices sind durch ihre modernen A‑cappella-Arrangements von baltischen Volksliedern und von traditionellen Klängen inspirierten Eigenkompositionen bekannt geworden. Bei der chor.com sind sie unter anderem im Konzert «From the Past to the Future» am 2. Oktober im Kupfersaal zu erleben. Hier zeichnen sie die Gemeinsamkeiten der deutschen und baltischen Folklore nach und zeigen – passend zum Fokusthema der chor.com «Building Bridges» –, wie das Singen über Grenzen hinweg Verbindungen stiften kann. Alle Zuhörer:innen sind auch dazu eingeladen, durch Flüstern, Mitsummen bekannter Melodien oder anderer Klanggesten selbst Teil des Konzerterlebnisses zu werden.
Einen kleinen Vorgeschmack auf das chor.com-Konzert gibt das litauische Volkslied «Titity Tatatoj», das von der Latvian Voices-Sopranistin Laura Jēkabsone arrangiert wurde und im Programm erklingen wird.
Türkische Chormusik und ihre internationalen Verbindungen
Überraschende Verflechtungen von unterschiedlichen Chormusik-Traditionen lassen sich auch im chor.com-Workshop «100 Jahre türkische Chormusik» (2. Oktober) mit Chorleiter und Musikwissenschaftler Tuna Dağdelen erkunden: Wo und wie haben deutsche Musiker wie Walter Strauss und Eduard Zuckmeyer Einfluss auf die türkische Chormusik genommen und sogar türkische Volksweisen arrangiert? Welche Zusammenhänge bestehen zwischen der polyphonen Musiktradition der Türkei und Komponisten wie Béla Bartók oder Paul Hindemith? Der Workshop gibt nicht nur darüber Aufschluss, sondern stellt auch türkische Chormusik aus vier Generationen vor. Live vor Ort singt der Leipziger Madrigalchor. Und es wird auch gemeinsam gesungen: Die Teilnehmer:innen können das Volkslied «Divane Aşık Gibi» in einer Bearbeitung von Walter Strauss erlernen.
Vom Volkslied zu K‑Pop – eine Reading Session zum Mitsingen
Dass Volkslieder im Chorrepertoire auch mit aktuellen Songs gut harmonieren können, zeigt die Reading Session «K‑Pop, Musicals und internationale Klänge für moderne Chöre» (3. Oktober) von Carsten Gerlitz. Der Arrangeur, Autor und Dozent gibt hier Inspirationen dafür, wie sich durch eine geschickte Repertoireauswahl nicht nur unterschiedliche Musikgenres, sondern auch Generationen und Kulturen miteinander verbinden lassen. Gerlitzs Ansatz: Stücke singen, die einen Bezug zur Lebensrealität der Sänger:innen und der Welt, in der sie leben, herstellen. Deshalb werden in der Reading Session nicht nur Volkslieder aus verschiedenen Kulturen gemeinsam musiziert, sondern auch neueste Hits – zum Beispiel Songs aus «Wicked» oder «KPop Demon Hunters».
Eine Begegnung zwischen Georgien und Deutschland
Warum ist Aneignung manchmal leichter als die Auseinandersetzung mit der eigenen Tradition? Das ist die Kernfrage, der Tamar Buadze und Karina Samuel im Workshop «Kulturaustausch Georgien-Deutschland – im Fremden sich selbst begegnen» (2. Oktober) nachgehen. Im Gespräch reflektieren die beiden georgischen Sängerinnen, warum manche Sänger:innen bisweilen mit deutschem Volksliedgut fremdeln, während traditionelle polyphone Musik aus Georgien einen großen Reiz auf sie ausübt. Außerdem teilen sie ihre Erfahrungen über die Begegnung zweier Kulturen. Einfache georgische Lieder werden gemeinsam mit den Teilnehmer:innen gelernt und gesungen. Musikalisch begleitet wird der Workshop von Nugzar Arveladze und Sänger:innen des grenzübergreifenden Mravalo Netzwerkchores.
Wer noch mehr über den grenzübergreifenden Netzwerkchor erfahren möchte, dem sei auch der weiterführende Vortrag «Mravalo Netzwerkchor – Weltkulturerbe online singen» von Tamar Buadze und Karina Samuel im chor.com-Programm empfohlen.
Schwedische Chormusik im spannungsvollen Wechselspiel
Ein besonderes Kleinod der europäischen Volksliedtradition lässt sich im chor.com-Konzert «The Sanctuary Mass – a Celebration of Swedish Choral Music» am 3. Oktober mit dem Gustaf Sjökvists Kammarkör und dem MDR-Sinfonieorchester entdecken: Das schwedische Volkslied «Kristallen den fina» erklingt dort gleich zwei Mal in Arrangements von Gunnar Eriksson und Arne Lundmark und umrahmt damit den ersten Konzertteil in der Thomaskirche. Dazwischen entfaltet sich mit schwedischer A‑cappella-Chormusik vom späten 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart ein spannendes Wechselspiel zwischen Tradition und Moderne. Im zweiten Teil des Konzerts eröffnet «The Sanctuary Mass» des amerikanisch-schwedischen Komponisten Matthew Peterson ein großes klangliches Panorama. Das Werk ist in dieser Fassung in der Übersetzung von Florian Benfer erstmals in Deutschland zu hören.
Weitere Informationen
Die chor.com findet vom 1. bis 4. Oktober 2026 in Leipzig statt. Anmeldungen und Reservierungen für Workshops sind noch bis zum 31. August möglich.
Das Workshop-Programm und das Konzert-Programm der chor.com 2026 sind online abrufbar.
Informationen zur Anmeldung und zu Tickets finden sich ebenfalls auf der Website der chor.com 2026.