Ihre erste Saison als Kapellmeisterin am Badischen Staatstheater Karlsruhe geht gerade zu Ende, auch bei der Nordwestdeutschen Philharmonie Herford und beim Orquesta de Córdoba hat Katharina Morin debütiert. Die Dirigentin gehört zu einer jungen Generation von Ensembleleiterinnen, die derzeit in die Öffentlichkeit treten. Nun wird ihr der Förderpreis Deutschlandfunk beim Musikfest Bremen verliehen. Für die aus Bayern stammende Chor- und Orchesterleiterin ist es nicht die erste Auszeichnung, bei Wettbewerben war sie schon mehrfach erfolgreich.
Herzlichen Glückwunsch zum Förderpreis Deutschlandfunk. Diese Auszeichnung wird verkündet, einen Wettbewerb vorab gibt es nicht. Wie haben Sie davon erfahren?
Das hat mich ganz unverhofft ereilt. Ich wurde per E‑Mail informiert, dass jemand vom Deutschlandfunk mit mir telefonieren möchte und habe so erfahren, dass mir dieser Preis verliehen werden soll. Die Vorgeschichte ist, dass Mitglieder der Kommission mich bei vorherigen Wettbewerben erlebt hatten und mir auf diesem Weg ihre Wertschätzung ausdrücken wollten. Mit dem Preis ist auch ein Konzert beim Musikfest Bremen 2027 verbunden. Wir haben uns ausgetauscht, wie und mit wem das realisiert werden kann und jetzt wird es ein Konzert a cappella mit dem RIAS Kammerchor.
«Wenn ich bei meiner Arbeit, bei den Menschen und bei der Musik bleibe, funktioniert das am besten.»
Mit dem RIAS Kammerchor verbindet Sie seit 2024 eine Zusammenarbeit. Damals haben Sie den Deutschen Preis für Chordirigieren des Deutschen Musikrats gewonnen, nachdem Sie mit dem Ensemble geprobt und dann das Finalkonzert dirigiert haben. Wie haben Sie diesen ersten Kontakt in Erinnerung?
Der RIAS Kammerchor ist ein großartiger Chor und ein wundervoller Klangkörper, aber auch hier muss man das Repertoire einstudieren, bevor es dann in hoher Qualität im Konzert gesungen wird. Es geht also auch dort darum, ein Stück kennenzulernen, den Text durchzuarbeiten und die Harmonien auszustimmen. Von daher war es 2024 gar nicht so stressig – ich dachte: «Aha, diese Situation kenne ich, der bin ich gewachsen und wir gehen jetzt zusammen an diese Aufgabe heran.» Bei Wettbewerben geht es mir nicht darum, etwas zu zeigen, was die Jury möglicherweise sehen möchte. Wenn ich bei meiner Arbeit, bei den Menschen und bei der Musik bleibe, funktioniert das am besten.
Vor wenigen Wochen sind Sie nach fast genau zwei Jahren für Einstudierungen zum RIAS Kammerchor zurückgekehrt. Konnten Sie an die erste Begegnung anknüpfen?
Ja, als ich jetzt erneut beim RIAS Kammerchor zu Gast war, habe ich wieder gemerkt, dass die Chemie einfach stimmt. Die erste Probe ist immer spannend. Man weiß, dass man jetzt eine gemeinsame Woche vor sich hat. Man muss erst einmal wieder ankommen, die Menschen spüren, auch, wie es ihnen geht, um dann sinnvoll die Zeit einzuteilen und alle gemeinsam ans Ziel zu bringen. Aber spätestens am zweiten Tag war mir klar, dass das eine gute Woche wird. Beim RIAS Kammerchor kann ich auch mal einen Witz machen, das mag ich sehr.
Der Deutsche Preis für Chordirigieren ist der Höhepunkt des Förderprogramms Forum Dirigieren des Deutschen Musikrats. Als Stipendiatin dort haben Sie parallel auch Chorleitung studiert – was haben Sie im Forum Dirigieren zusätzlich gelernt?
Das war für mich als Chordirigentin unglaublich wertvoll. In meinem Studium in München gab es zu dem Zeitpunkt leider keine Angebote, um den professionellen Bereich kennenzulernen. Das Forum Dirigieren bot zum ersten Mal eine Möglichkeit, mit Profis zu arbeiten. Ein Kurs beim Chorwerk Ruhr oder an der Stuttgarter Oper, das waren tolle Erfahrungen. Ich weiß noch: Vor dem ersten Kurs beim WDR Rundfunkchor in Köln hatten wir zum Glück eine Besprechung mit Chefdirigent Nicolas Fink, der dann gefragt hat: «Wie starten wir denn in die Probe im Rundfunkchor?» Und ich war noch grün hinter den Ohren und drauf und dran zu sagen: «Mit einsingen!» – aber das findet in Profichören tatsächlich nicht statt. Man kann also in den Betrieb einmal reinschauen. Wenn man dann am Deutschen Preis für Chordirigieren teilnimmt und mit dem RIAS Kammerchor arbeitet, kennt man den Umgang schon. Was kann ich stimmlich und klanglich verlangen und erwarten? Eine große Frage ist auch immer das Tempo. Was ist ein gutes Probentempo? Wo ist der Punkt, an dem ich das Tempo anziehen kann?
Wie haben Sie die Zeit nach dem Deutschen Preis für Chordirigieren erlebt? Was hat sich durch die Auszeichnung verändert?
Teil des Deutschen Preises für Chordirigieren ist ein Engagement beim MDR-Rundfunkchor und beim RIAS Kammerchor, die ich beide dieses Jahr wahrnehmen konnte. Und ich bin sehr froh, dass beide Chöre mich anschließend wieder zu sich eingeladen haben. Es ist ein Schritt, den Preis zu gewinnen und dann die Möglichkeit zu haben, sich bei professionellen Ensembles vorzustellen. Aber manchmal denke ich, die größere Herausforderung ist, was danach kommt. Ich wollte beweisen, dass es nicht nur eine Momentaufnahme war und man im richtigen Moment gut dirigiert hat, sondern dass das, was die Jury gesehen hat, sich auch langfristig durchsetzt.
«Letztlich ist es immer eine Frage der Erfahrung.»
Es gab ja Anzeichen, dass es nicht nur eine Momentaufnahme war: 2024 haben Sie auch den Dritten Preis und den «Génération Opéra»-Preis beim Wettbewerb La Maestra gewonnen, einem Wettbewerb für Orchesterdirigentinnen. Chor und Orchester – eine gute Kombination?
Für mich ist es eine große Bereicherung, dass ich auch Orchester dirigiere. Am Badischen Staatstheater in Karlsruhe bin ich als Kapellmeisterin in einem Kontext unterwegs, in dem ich – vor allem in der Oper – mit Chor und Orchester arbeiten kann. Auch Chorsinfonik möchte ich unbedingt dirigieren – Haydns «Die Schöpfung» oder Mahlers Zweite. Es geht darum, sich immer weiterzubilden, immer tiefer einzutauchen, sich selbst auch besser kennenzulernen und neue Strategien zu finden. Sich auch zu fragen: «Welchen Klang möchte ich bei einzelnen Stücken?» Durch diese Erfahrungen wird man im Laufe der Zeit besser und sicherer. Ich merke, dass ich mit meiner festen Stelle als Kapellmeisterin am Theater eigentlich im Orchester zuhause bin. Im sinfonischen Bereich kommen in nächster Zeit auch spannende Engagements. Wenn ich dann aber zum RIAS Kammerchor oder zum MDR-Rundfunkchor gehe und ein A‑cappella-Programm vorbereite, ist das ein anderer Klangkörper, auf den ich mich anders vorbereite. Aber letztlich ist es immer eine Frage der Erfahrung.
(21.08.2026)
Weitere Informationen
Alle Konzerttermine von Katharina Morin können auf der Website der Dirigentin abgerufen werden.
Der Deutsche Preis für Chordirigieren 2026 wird vom 5. bis 10. Oktober in Berlin ausgetragen. Der Livestream des Finalkonzerts am 10. Oktober um 19 Uhr wird unter anderem auf dem YouTube-Kanal des RIAS Kammerchors übertragen.