Licht, Nacht und Auferstehung: Alben mit überweltlicher Chormusik
Abschluss eines Kapitels – Anna Lapwood musiziert mit dem Chapel Choir of Pembroke College, Cambridge

ARISE, SHINE
The Chapel Choir of Pembroke College, Cambridge
(Anna Lapwood)
Sony Classical • Spieldauer 01:01:52
Was für eine rasante Zeitreise: Die junge Anna Lapwood, höchst virtuos an den Orgeln dieser Welt, höchst erfolgreich in den sozialen Medien, hinterlässt einem der ältesten Colleges der Universität Cambridge eine klingende Erinnerung. Die Organistin, Komponistin und Chorleiterin, Jahrgang 1995, kam als frischgebackene Absolventin der Universität Oxford 2016 zum Pembroke College nach Cambridge und wurde dort jüngste Musikdirektorin des Chapel Choir aller Zeiten. Im Zuge ihres Aufstiegs – inzwischen ist sie die erste offizielle Organistin der Royal Albert Hall – hat sie Cambridge verlassen. Sie fand es extrem wichtig, die neun dynamischen Jahre, in denen der Chor zahlenmäßig und künstlerisch wuchs und aus denen Lapwood selbst viel Erfahrung und Bereicherung ziehen durfte, mit einem Album zu würdigen.
«Arise, Shine» sind die berühmten Anfangsworte des 60. Kapitels im Buch Jesaja, übersetzbar mit «Mache dich auf, werde Licht». CD-Titel und Lapwoods Credo scheinen zusammenzufallen. Sie schrieb das titelgebende Stück, stellte es an den Anfang, bringt Dynamik und Ambitus des Chors effektvoll zur Geltung, grundiert von einer Kirchenorgel. Es folgen Sätze von Komponistinnen, die Lapwood persönlich kennt, teils aus dem Chor, darunter Maryam Giraud, Cassidy McKinlay oder die aus Sambia stammende Maggie Kaposamweo. Oder Lucy Walker, deren Vertonung der Antiphon «O Sacrum convivium» einen schlichten Kontrast zu Olivier Messiaens Klangwelt bildet. Schönheiten wie Maurice Duruflés «Ubi Caritas», Gregori Allegris «Miserere» oder eine Bearbeitung der «Stillen Nacht» fügen sich in dieses Album, das weniger durch einen roten Faden überzeugt als durch die Vitalität und Leuchtkraft der jungen Stimmen.
Karsten Blüthgen studierte Akustik und Musikwissenschaft. Er lebt in der Lausitz und schreibt Geschichten, Porträts und Musikkritiken für verschiedene Tageszeitungen und Fachzeitschriften, seit ihrer Gründung auch für die Chorzeit.
Romantische Lieder, für den Chor gesetzt: Transkriptionen von Clytus Gottwald

NACHT UND TRÄUME
Werke von Franz Schubert, Clara Schumann, Edvard Grieg, Peter Cornelius und Johannes Brahms in Transkriptionen von Clytus Gottwald
Kammerchor Stuttgart
(Frieder Bernius)
Carus• Spieldauer 51:18
Die Transkriptionen von Clytus Gottwald (1925–2023) sind in der Tat etwas Besonderes, da sie die vorliegenden Klavierlieder und Griegs Lied aus «Peer Gynt» in einer orchestralen Gestalt präsentieren und dies stets bei größter Kantabilität. Insgesamt 16 Bearbeitungen für 5- bis 6‑stimmigen gemischten Chor vereint die vorliegende Einspielung als Ergebnis der jahrelangen Zusammenarbeit zwischen Gottwald und dem künstlerischen Leiter des Kammerchors Stuttgart Frieder Bernius: von Franz Schuberts «Ständchen», über «Liebst du um Schönheit» von Clara Schumann, bis hin zu Edvard Griegs «Solvejgs Lied» und die Volksliedbearbeitung «Guten Abend, gut’ Nacht» von Johannes Brahms.
Der sehr schlanke, weiche, homogene, ausgesprochen obertonreiche Klang des Ensembles vermittelt eine natürliche und orchestral anmutende Gestalt der Lieder, sodass man erst beim zweiten Hinhören auf das jeweilige originale Lied aufmerksam wird. Dies liegt an Gottwalds Weiterentwicklung der Stücke zu einem «romantisch-impressionistischem Satz für Stimmen», indem er sich polyfoner Gestaltungsmittel und neu textierter Vokalstimmen bedient.
Die Aufnahme macht auf Gottwalds Transkriptionen aufmerksam , können diese doch aufgrund der überschaubaren Anzahl an Stimmen auch leichter von Laienchören gesungen werden. Im informativen Booklet schildert Frieder Bernius seine Erfahrungen als Chorleiter, Ideen zu Chorklangästhetik und seine besondere Freundschaft zu Gottwald. Das rundet diese gelungene Einspielung ab.
Christina Schnauß ist Musikwissenschaftlerin und Musikvermittlerin. Neben einer Lehrtätigkeit schreibt sie für mehrere Fachmagazine und ist als Autorin von Booklet- und Programmhefttexten für verschiedene Orchester tätig.
Eine Entdeckung: zwei Messen von Jan Dismas Zelenka

JAN DISMAS ZELENKA. MISSA CIRCUMCISIONIS. MISSA CORPORIS DOMINI
Tereza Zimková, Sopran
Aneta Petrasová, Alt
Rodrigo Carreto, Tenor
Tomáš Šelc, Bass
Tadeáš Hoza, Bass
Martin Vacula, Bass
Josef Kovačič, Bass
Collegium Vocale 1704
Collegium 1704
(Václav Luks)
Accent • Spieldauer 1:01:00
Die Musik des 1679 südöstlich von Prag geborenen Jan Dismas Zelenka wird erst seit wenigen Jahrzehnten wiederentdeckt. Auch die von Václav Luks und seinen in Prag beheimateten Ensembles Collegium Vocale 1704 und Collegium 1704 aufgenommenen beiden Messen mit den Werkverzeichnisnummern 11 und 3 sind im Plattenhandel bisher Raritäten. Die Einspielung ist ein starkes Plädoyer dafür, dem geistlichen Werk Zelenkas mehr Aufmerksamkeit zu widmen.
Zelenka war ab etwa 1710 Teil der zu dieser Zeit über Europa hinaus bewunderten Dresdner Hofkapelle. Angestellt war er dort als Kontrabassist, seine bereits in Prag mit Erfolg begonnene Laufbahn als Komponist scheint in Dresden lange Zeit weniger eine Rolle gespielt zu haben. Erst 1721 wurde er – gemeinsam mit Johann David Heinichen – für die Hofkirchenmusik abgestellt, 1735 wurde ihm schließlich der Titel des «Kirchen-Compositeurs» verliehen. Für einen gläubigen Katholiken wie Jan Dismas Zelenka – Dismas ist der mit Jesus gekreuzigte «gute» Verbrecher – sicherlich eine glückliche Entwicklung.
Das ausdrucksstarke Kyrie am Beginn der farbig instrumentierten Missa Circumcisionis nimmt bereits zwei Ebenen der etwa halbstündigen Messe vorweg: die Pracht einer repräsentativen Hofmusik und den Ausdruckswillen eines dem Drama zugeneigten Komponisten. Wenn im «Et resurrexit» plötzlich die Instrumente verstummen und das Collegium Vocale 1704 über dem Wort «mortuorum» das Totenreich als schmerz- wie lustvolle Gegenwelt besingt, ist das nur einer von vielen Momenten fantastisch musizierter lebendiger Textausdeutung. Auch in der 1719, und damit etwa zehn Jahre vor dem größer besetzten Schwesterwerk, entstandenen Missa Corporis Domini erscheint Zelenka als lebendig erzählender Kirchenmusiker. Die Sänger:innen und Instrumentalist:innen des Collegium 1704 musizieren beide Messen kunstvoll und durchscheinend, aber nie steril. Alle Schattierungen von fahl bis krachend stehen zu Gebote und werden voll ausgekostet.
Daniel Frosch ist Redakteur der Chorzeit.