Einen inklusiven Kinder­chor gründen? ChorYOUgend Vol. 2 hilft dabei

Autor:in

Sabine Näher

Ausgabe

N° 131 | Juli 2026

Seit August 2024 för­dert die Deut­sche Chor­ju­gend e. V. mit einem eige­nen Pro­jekt Inklu­si­on im Kin­der- und Jugend­chor. Dank Cho­rY­OUgend Vol. 2 sol­len bis Ende 2027 in allen Bun­des­län­dern neue Chö­re für jun­ge Men­schen ent­ste­hen. «Aktu­ell suchen wir bun­des­weit nach Chor­lei­ten­den, die im Rah­men von ‹Cho­rY­OUgend Vol. 2› einen bedarfs­ori­en­tier­ten Chor grün­den möch­ten», erklärt Projektmanager:in Andi Rich­ter. «Es geht dar­um, das Chor­le­ben stär­ker nach den Bedürf­nis­sen der Kin­der und Jugend­li­chen aus­zu­rich­ten. Inklu­si­on defi­nie­ren wir dabei ganz­heit­lich: Psy­chi­sche, sozia­le und kogni­ti­ve Bar­rie­ren im Chorall­tag sol­len abge­baut wer­den, sodass Kin­der mit den unter­schied­lichs­ten Hin­ter­grün­den, Iden­ti­tä­ten und Fähig­kei­ten zusam­men sin­gen kön­nen.» Elf Chö­re sind der­zeit am Pro­jekt betei­ligt.

Alle dabei? Inklusive Kinder­chöre in Schweich, Weißenau und Gunningen

Den Chor YouTH-Rock it!!! aus Schweich in Rhein­land-Pfalz beschreibt Rich­ter als «inklu­si­ven Chor auf allen Ebe­nen». Hier kom­men Kin­der und Jugend­li­che mit und ohne Behin­de­run­gen zusam­men. Geprobt wird in einer För­der­schu­le unter der Lei­tung von Danie­la Konz. Die per­sön­li­chen Bezugs­per­so­nen der Kin­der wie Ver­wand­te oder Freund:innen der Fami­lie wer­den mit­ein­be­zo­gen – nach dem Mot­to «Wer im Raum ist, singt auch mit». So sind nun 65 Men­schen aller Alters­grup­pen betei­ligt. «Da ent­steht ganz viel neu­er Aus­tausch, neue Ver­bin­dun­gen und Freund­schaf­ten», erzählt Rich­ter. «Zu dem Chor gehört eine Com­bo aus drei Instrumentalist:innen, die das Sin­gen beglei­ten. Außer­dem gibt es pro­jekt­be­zo­gen ein Schat­ten­thea­ter, eine Band und ein Orches­ter. Alle gemein­sam gestal­ten ein­mal im Jahr ein gro­ßes Kon­zert, bei dem dar­auf geach­tet wird, dass sich alle, Agie­ren­de wie Zuhö­ren­de, wohl­füh­len. Das Licht muss pas­sen, man darf sich auch hin­le­gen und es gibt genü­gend Pau­sen.»

Seit einem Jahr besteht außer­dem der Kin­der­chor Wei­ßen­au bei Ravens­burg in Baden-Würt­tem­berg. Er steht allen Kin­dern im Alter zwi­schen vier und acht Jah­ren offen. Im Kin­der­chor sin­gen aktu­ell Kin­der mit Seh­einschrän­kung oder Kin­der mit her­aus­ge­for­der­ter Auf­merk­sam­keit mit. «Die Chor­lei­te­rin Ste­pha­nie Probst legt viel Wert auf den Aus­tausch mit den Fami­li­en», berich­tet Andi Rich­ter. «Die Eltern sind oft besorgt, dass die Zeit im Chor ihr Kind über­las­ten könn­te. Die Chor­lei­te­rin sucht mit ihnen dann eine Lösung.» Im April hat der Kin­der­chor Wei­ßen­au sei­ne ers­te Auf­füh­rung prä­sen­tiert: Im Sing­stück «Die Vogel­hoch­zeit» kamen Kos­tü­me, Cho­reo­gra­fien und wei­te­re Musiker:innen zum Ein­satz.

Chor mit Gitar­ren­be­glei­tung: das Karp­fen-Chör­le aus Gun­nin­gen © Andi Rich­ter

Ähn­li­che Struk­tu­ren wie der Kin­der­chor Wei­ßen­au hat das Karp­fen-Chör­le aus Gun­nin­gen in Baden-Würt­tem­berg. Es gibt eine Grup­pe für Kin­der ab drei Jah­ren und eine zwei­te für die Acht- bis Zwölf­jäh­ri­gen. «Sie pro­ben im Gemein­de­saal, die Gemein­de unter­stützt das Pro­jekt», erklärt Andi Rich­ter. «Das Karp­fen-Chör­le hat ver­schie­de­ne Ritua­le eta­bliert, zum Bei­spiel sin­gen sie jedes Mal das ermu­ti­gen­de Lied ‹Ich bin ich›, das von einer Cho­reo­gra­fie beglei­tet wird.» Das Lie­der­ler­nen und Sin­gen hilft beson­ders Kin­dern mit Sprach­schwie­rig­kei­ten bei der Sprech­ent­wick­lung. Im Chor kön­nen sie Freund­schaf­ten schlie­ßen und ihre Stim­me fin­den. Rich­ter schwärmt von dem «sehr enga­gier­ten jun­gen Team» um Chor­lei­te­rin Sophia Schee­rer, das sich um die vie­len ver­schie­de­nen Bedürf­nis­se küm­me­re, die alle gese­hen wer­den wol­len. «Ein Jugend­li­cher beglei­tet den Chor auf der Gitar­re und es sind immer meh­re­re Erwach­se­ne da, etwa um ein Kind zur Toi­let­te zu beglei­ten. In die­sem Som­mer wol­len sie zum ers­ten Mal gemein­sam ins Feri­en­la­ger fah­ren. Und cam­pen!»

Selbst­geschriebene Songs, selbst­verwalteter Chor – Angebote aus Heidelberg, Koblenz, Karlsruhe und Brohl-Lützing

Beim Pop­Chor Work­shop in Hei­del­berg sin­gen etwa ein­mal im Monat Jugend­li­che mit und ohne Assis­tenz­be­darf. In meh­re­ren Stun­den wer­den Pop­li­e­der und selbst erdach­te Cho­reo­gra­fien erar­bei­tet. Gemein­sam mit der Chor­lei­te­rin Lisa Big­gel hören die Kin­der und Jugend­li­chen zunächst ein Lied an und über­le­gen dann, wel­che Tanz­be­we­gun­gen dazu pas­sen könn­ten. «Die Pop­li­e­der schaf­fen einen ein­fa­chen Zugang, weil die Jugend­li­chen die Melo­dien meist schon ken­nen und mögen. Bewe­gung hilft auch dabei, das Lied zu ler­nen und eine Ver­bin­dung zum eige­nen Kör­per auf­zu­bau­en», erzählt Rich­ter. «Über den Tag ent­steht so ein Kol­lek­tiv mit einem selbst gewähl­ten Namen, das zum Abschluss ein Kon­zert gibt.» Ende Juni wur­de das Musi­cal «Eule fin­det den Beat» gemein­sam mit ande­ren Chö­ren in Hei­del­berg auf­ge­führt.

Die Bene­fiz Kids aus Koblenz sind ein Kin­der- und Jugend­chor für Acht- bis Sech­zehn­jäh­ri­ge. Sie sin­gen Lie­der über Demo­kra­tie, Zusam­men­le­ben und Inklu­si­on. Vie­le davon schreibt Chor­lei­ter Michel Brill selbst, dar­un­ter auch das Lied «All Tog­e­ther Hand in Hand», das zum Mot­to der Bene­fiz Kids gewor­den ist. «Die Kin­der haben über­all Mit­spra­che­recht, etwa was die Aus­wahl der Lie­der oder der Auf­füh­rungs­or­te angeht», erzählt Rich­ter.

Zehn bis sech­zehn Jah­re alt sind die Sänger:innen von Voca­lUp in Karls­ru­he. Chor­lei­te­rin Sarah Kup­pin­g­er legt beson­de­ren Wert dar­auf, dass alles par­ti­zi­pa­tiv abläuft, hat Andi Rich­ter bemerkt. «Es gibt Arbeits­grup­pen für bestimm­te Auf­ga­ben, bei­spiels­wei­se die Betreu­ung des Social-Media-Kanals. All die ver­schie­de­nen Erfah­run­gen, Hin­ter­grün­de und Fähig­kei­ten tra­gen zu dem diver­sen Reper­toire bei, das der Chor regel­mä­ßig auf­führt, so wie das The­men­kon­zert ‹You’ve Got a Fri­end› über men­ta­le Gesund­heit». Ein zwei­ter Chor mit jun­gen Erwach­se­nen ste­he bereit, um die Jün­ge­ren bei Bedarf zu unter­stüt­zen und bei Bedarf bei den Pro­ben zu beglei­ten. Zwei­mal im Jahr gibt Vocal Up ein Kon­zert zu einem selbst­ge­wähl­ten The­ma. «Die haben einen total guten Zusam­men­halt: Dass sich alle wohl­füh­len, ist das Wich­tigs­te! Jede:r erfährt: Hier kann ich aktiv sein und mich ein­brin­gen.»

Qua­dra­ti­sche Rück­zugs­in­seln: Beim Lüt­zin­ger Lich­ter­chor hat jedes Chor-Kind ein eige­nes Kis­sen © Andi Rich­ter

Der Lüt­zin­ger Lich­ter­chor aus Brohl-Lüt­zing in Rhein­land-Pfalz besteht aus 24 Kin­dern im Alter von fünf bis fünf­zehn Jah­ren. Geprobt wird bei der Chor­lei­te­rin und För­der­schul­leh­re­rin Doris Lem­ji­mer zuhau­se im Wohn­zim­mer, beglei­tet von zusätz­li­chen Betreu­en­den und Gitar­re oder Cajon. «Das ist für das Wohl­be­fin­den inner­halb der Grup­pe ein wich­ti­ger Aspekt», weiß Andi Rich­ter. «Alle im Ort ken­nen das Haus der Chor­lei­te­rin mit dem Kla­vier im gro­ßen Wohn­zim­mer und dem Blick auf die Wäl­der. Gemüt­lich ist es da und das hilft dabei, sich etwas zuzu­trau­en. Je woh­ler man sich fühlt, des­to bes­ser funk­tio­niert das. Ein Wohn­zim­mer ist ande­rer­seits kein neu­tra­ler Ort wie ein Gemein­de­saal oder eine Schu­le. Des­halb ist es wich­tig, dass auch ande­re Bezugs­per­so­nen die Pro­be beglei­ten. Jedes Chor-Kind hat außer­dem ein Kis­sen mit dem eige­nen Namen als Rück­zugs­in­sel in der Pro­ben­si­tua­ti­on.»

ChorYOUgend Vol. 2: ein Netz­werk mit starken Partner:innen

Die Neu­grün­dung von bar­rie­re­ar­men Chö­ren für Kin­der und Jugend­li­che unter­stützt Cho­rY­OUgend Vol. 2 auch im orga­ni­sa­to­ri­schen Bereich und hilft zum Bei­spiel bei Akqui­se oder Pres­se- und Öffent­lich­keits­ar­beit. Außer­dem gibt es ein­mal im Monat ein Wis­sens­ca­fé. «Das ist ein Online-For­mat, bei dem alle betei­lig­ten Chor­lei­ten­den und Betreu­en­den teil­neh­men», erläu­tert Andi Rich­ter. «Mit je einem neu­en the­ma­ti­schen Schwer­punkt erar­bei­ten die Teil­neh­men­den zusam­men inklu­si­ons­för­dern­de und chor­päd­ago­gi­sche Metho­den. Die Wis­sens­ca­fés geben Raum für Aus­tausch über die eige­nen Erfah­run­gen im Chorall­tag und schaf­fen ein bun­des­wei­tes Netz­werk aus inklu­siv arbei­ten­den Chor­en­ga­gier­ten.» Beim Fach­tag «Kin­der­schutz inklu­si­ve!» in Frank­furt am Main gab es im April auch die Gele­gen­heit, sich ein­mal per­sön­lich zu tref­fen und aus­zu­tau­schen.

Cho­rY­OUgend Vol. 2 wur­de zunächst durch den Ver­ein «Her­zens­sa­che» von SWR und SR unter­stützt, daher waren die ers­ten Chö­re im Süd­wes­ten Deutsch­lands zuhau­se. Seit Juli 2025 gehört außer­dem die Deut­sche Fern­seh­lot­te­rie zu den Förder:innen, nun soll in jedem Bun­des­land min­des­tens ein beglei­te­ter Chor sei­nen Sitz haben. Und wirk­lich haben sich in den letz­ten Mona­ten wei­te­re Chö­re gegrün­det, ande­re ste­hen gera­de in den Start­lö­chern: in Nord­rhein-West­fa­len das Kin­der­chör­chen Wür­se­len, in Ber­lin Quoir, in Bre­men Sing! und in Sach­sen der Cha­os Chor. In Mün­chen wird sich dem­nächst ein Chor in einer Logo­pä­die­pra­xis grün­den. «Sol­che zunächst ein­mal chor­un­ty­pi­schen Orte zu errei­chen und ein­zu­be­zie­hen, ist unser Ziel. Sin­gen, beson­ders in der Grup­pe, för­dert nicht nur Musi­ka­li­tät, Selbst­aus­druck und Teil­ha­be, son­dern auch die Gesund­heit», erklärt Rich­ter. Durch die Kol­la­bo­ra­tio­nen kön­nen auch Kin­der und Jugend­li­che im Chor sin­gen, denen bis­her Bar­rie­ren im Weg stan­den.

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen

Auf der Web­site des Pro­jekts Cho­rY­OUgend Vol. 2 hat die Deut­sche Chor­ju­gend alle Infor­ma­tio­nen zusam­men­ge­tra­gen.

Fokus: all incl.

Mit «Fokus: all incl.» möch­ten wir zei­gen, wie Musik Men­schen mit unter­schied­li­chen Mög­lich­kei­ten und Fähig­kei­ten zusam­men­bringt. Wir berich­ten von Pro­jek­ten, in denen Men­schen gemein­sam musi­zie­ren, von­ein­an­der ler­nen und neue Wege aus­pro­bie­ren, um Teil­ha­be erleb­bar zu machen. Wir ver­ste­hen Gesell­schaft als Gan­zes aus vie­len und sehr diver­sen Tei­len. Die Bei­trä­ge sol­len Lust machen, neue Ideen aus­zu­pro­bie­ren und Viel­falt in der eige­nen musi­ka­li­schen Pra­xis zu leben.

Portrait von Sabine Näher

Autor:in

Sabine Näher

Sabine Näher lebt und arbeitet als freie Kulturjournalistin für Hörfunk und Print in Leipzig und Oberbayern. Sie hat Bücher zum Schubert- und Schumann-Lied sowie zum 800. Geburtstag des Thomanerchors veröffentlicht.

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