Keine Eintagsfliege: Drei «Traum und Sehnsucht»-Projekte wirken nachhaltig
«Unser Anliegen ist mehr als eine Eintagsfliege. Wir wollen nachhaltig etwas bewegen», sagt Martin Lüssenhop, Chorleiter des Norddeutschen Synagogalchors. Deshalb möchte er die jüdischen und deutschen Lieder aus dem Notenband «Traum und Sehnsucht» mit seinem Chor auch Jugendlichen näherbringen, zum Beispiel durch Aufführungen im Rahmen des Schulunterrichts. Außerdem wird der Synagogalchor bei mehreren öffentlichen Konzerten in den nächsten Wochen und Monaten Stücke aus der Sammlung singen.
Die Aktion «Traum und Sehnsucht»
Lüssenhops Chor gehört zu den rund 60 Ensembles, die bei der Aktion «Traum und Sehnsucht: Neue Noten für euren Chor!» des Deutschen Chorverbands und der Volkswagen Group mitgemacht und einen Chorsatz von «Traum und Sehnsucht» erhalten haben. Darin zu finden sind neun neue Arrangements zum «Deutsch-Jüdischen Liederbuch» von 1912, die zuvor im Rahmen eines Wettbewerbs prämiert wurden. Vierzehn Chöre haben bei der Aktion zusätzlich eine besonders spannende Projektidee zur Aufführung der Werke eingereicht und wurden deshalb mit 500 Euro unterstützt – darunter auch der Norddeutsche Synagogalchor. Wie viele und welche der Arrangements die Chöre in ihren Konzerten aufführen, bleibt ihnen dabei selbst überlassen.

Musikalischer Glücksfall
Der Norddeutsche Synagogalchor hat sich für seine «Traum- und Sehnsucht»-Konzerte, die unter anderem in der Villa Seligmann in Hannover und in der ehemaligen Synagoge Mühlhausen in Thüringen stattfinden, ein hebräisches und ein deutschsprachiges Werk ausgesucht: Ohad Stolarz‘ Arrangement zum «Psalm 122» und seine «Abendgrüße». «Der Stil von Ohad Stolarz hat uns besonders berührt. Viele klangliche Elemente erinnern uns an die Kompositionen, die wir seit vielen Jahren pflegen und aufführen. Besonders der ‹Psalm 122› war von der ersten Akkolade an ein Volltreffer», so Chorleiter Lüssenhop. Und auch bei der hebräischen Sprache kommt dem Chor seine Erfahrung zugute, denn er singt seit seiner Gründung 2009 synagogale und weltliche Werke auf Hebräisch.
Generationenübergreifendes Projekt
Beim Konzertprojekt des Oratorienvereins Plochingen steht Stolarz‘ eingängiger «Psalm 122» ebenfalls auf dem Programm. Chorleiterin Heidrun Speck hat aber noch einen anderen «Traum und Sehnsucht»-Favoriten: «Am Ende von Henning Wölks ‹Heimweh› gibt es für mich eine besonders berührende Stelle, wenn Text und Musik langsam aus dem Raum wehen, Singen in Summen übergeht und verklingt.» Zu erleben ist dieser Moment am 8. und 9. Mai, wenn der Chor und das Kleine Ensemble des Oratorienvereins in Plochingen zwei Konzerte unter dem Motto «Traum und Sehnsucht – Stimmen für Würde, Mut und Menschlichkeit» geben. Neben Liedern aus der Edition werden dort Popsongs und zeitgenössische Kompositionen unter verschiedenen Aspekten wie Natur, Liebe, Heimat oder Gemeinschaft gesungen. Auch der Oratorienverein kooperiert für sein Projekt mit einer örtlichen Schule: «Das Motto ‹Traum und Sehnsucht› spricht alle Generationen an – und wir haben das Glück, dass ein Philosophiekurs und eine Schreibwerkstatt des Plochinger Gymnasiums diese Idee mit uns gemeinsam in Form von Texten und Gedichten gestalten», erzählt Finanzvorständin Iren Steiner. Die selbstgeschriebenen Texte der Schüler:innen werden in den Konzerten zwischen den Gesangsstücken zu hören sein.

Herausfordernde Proben
Für die Auftritte im Mai hat der Oratorienverein seit Januar geprobt. Die Erarbeitung der Stücke sei nicht immer leicht gewesen, da vor allem die Hebräische Sprache für den Chor unbekannt und neu sei, berichtet Chorleiterin Heidrun Speck – die Musik spreche aber alle an. Das bestätigt auch Christof Kress, Vorstandsmitglied und seit fast 20 Jahren Sänger im Chor: «Zuerst dachte ich: das sind aber sehr romantische Lieder, so etwas haben wir schon lange nicht mehr gesungen, ob das unserem Publikum gefällt? Aber die Kompositionen sind sehr gut und anspruchsvoll, das passt wieder zu uns. Das Singen der Lieder macht inzwischen eigentlich allen Spaß!» Bei den Konzertplanungen sorgte zudem die aktuelle Situation im Nahen Osten für Gesprächsstoff – letztlich habe man sich gemeinsam dafür entschieden, auf das Thema im Programm einzugehen.
Interreligiöses Friedenskonzert
Auch das Projekt von Saxonia Cantat nimmt Stellung zum politischen Weltgeschehen: Im interreligiösen Friedenskonzert mit vier Schulchören am 11. Oktober in der Kreuzkirche Dresden werden neben Titeln aus «Traum und Sehnsucht» unter anderem auch islamische Lieder gesungen. Jüdische, christliche, islamische und atheistische Mitglieder des Ensembles musizieren dann mit- und füreinander. Erarbeitet wird das Programm von Saxonia Cantat bei einem Probenwochenende im September mit dem Chor des Gymnasiums Coswig, dem Chor des Lessing-Gymnasiums Hoyerswerda, dem Jugendchor des Lößnitzgymnasiums Radebeul und Vitzthum Vocale Dresden. «Mit dem Projekt ‹Traum und Sehnsucht› verwirklichen wir die Idee, das ‹Deutsch-Jüdische Liederbuch› von 1912 für den aktuellen Musikunterricht und die Schulchorszene zu erschließen. Dafür ist das Format Saxonia Cantat ideal geeignet, da es seit 2015 jährlich Chöre aus Mittelschulen und Gymnasien vereint», so André Schmidt, Künstlerischer Leiter von Saxonia Cantat.

Fokus auf Realisierbarkeit
Welche Werke aus der Sammlung «Traum und Sehnsucht» haben es André Schmidt besonders angetan? «Ich mag das Buch in seiner Gesamtheit. Die Jury des Arrangement-Wettbewerbs hat die Stücke für die Edition sehr sensibel herausgesucht, die in ihrer Vielseitigkeit den Gedanken der chormusikalischen Erinnerungskultur repräsentieren.» Deshalb habe er bei der Auswahl vor allem auch auf die technische Realisierbarkeit in Schulchören geachtet, so Schmidt. Schließlich hat er sich für die Stücke «Heimweh», «Träume der Nacht» und «Ha-dagim» entschieden.
Nachhaltige Auseinandersetzung
Ein abschließender Blick auf die drei vorgestellten Projekte zeigt, dass sie alle – trotz ihrer Unterschiedlichkeit – auf Nachhaltigkeit setzen. Sie beschränken sich nicht auf eine einmalige Aufführung der Lieder aus «Traum und Sehnsucht», sondern verankern das Thema im Schulunterricht und in Schulchören und regen so auch junge Menschen langfristig zur Auseinandersetzung mit jüdischem und deutschem Liedgut an. «Wir sorgen dafür, dass diese musikalischen Schätze nicht in Vergessenheit geraten», betont Martin Lüssenhop, Chorleiter des Norddeutschen Synagogalchors.
Über die Ensembles
Norddeutscher Synagogalchor
Der Norddeutsche Synagogalchor entstand aus dem Europäischen Synagogalchor, einem Hannover ansässigen semiprofessionellen Chor, der 2009 gegründet wurde. Hauptanliegen des Chors war und ist es, synagogale Musik wieder zum Klingen zu bringen, zu seinem Repertoire gehören aber auch ältere sowie zeitgenössische Kompositionen. Seit 2017 wird der Chor von Martin Lüssenhop geleitet.
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Oratorienverein Plochingen
Der Oratorienverein Plochingen besteht seit 1922, seine primäre Zielsetzung ist die Aufführung von Oratorien. Sein Repertoire umfasst jedoch nicht nur die geistliche Chormusik, sondern auch weltliche Chorliteratur von der Klassik über Musicals bis hin zu zeitgenössischen Komponist:innen. Derzeit singen unter der Leitung von Heidrun Speck etwa 40 Sänger:innen im Chor.
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Saxonia Cantat
Saxonia Cantat ist ein Kooperationsformat, das seit 2015 einmal im Jahr Chöre von mindestens drei Mittelschulen und Gymnasien zusammenbringt. An einem Probenwochenende im September erarbeiten die Chöre gemeinsam ein Programm, das dann gemeinsam aufgeführt wird. Die künstlerische Gesamtleitung des Projektes liegt in den Händen von André Schmidt.
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Weitere Informationen
Noch mehr über die Aktion und den Notenband «Traum und Sehnsucht» ist auf der Projektwebsite des Deutschen Chorverbands zu erfahren.
Einen Einblick in alle 14 prämierten Projekte erhält man auf der Website des Deutschen Chorverbands.