Chöre im Film: Von Hollywood bis Netflix
Nicht nur Konzerte, Flashmobs oder Internetauftritte prägen das öffentliche Bild von Chören und Chorgesang. Auch in erzählerischen Kinofilmen, Netflix-Serien oder Fernsehproduktionen spielt Chormusik eine wichtige Rolle.
Dabei nutzen und prägen diese Filme auf eigene Weise bestimmte Motive und Stereotype von Probenarbeit und Chormusik. Sie entwickeln gar eine Eigendynamik: So haben Filme mit Chorgesang unsere Chorlandschaft in den letzten dreißig Jahren spürbar verändert, indem sie zum Beispiel Gospelchören enormen Zulauf brachten. Zeit für einen Blick in die Wirkmechanismen von Chorfilmdramaturgie und die Annahmen, die dahinterstecken.
Chormusik im Film: Fantasy und Feelgoodmovies
Spätestens mit monumentalen Chören in Fantasyfilmen erfuhr Chormusik im Film eine Renaissance. Dabei bilden Chöre in Filmen nicht nur den klanglichen Hintergrund, sondern spielen immer wieder, zuletzt gehäuft, eine zentrale Rolle. Was bringt das dem Film? Was sagt das über Chöre und Chorgesang aus? Und vielleicht sogar über unsere Gesellschaft? Um es vorwegzunehmen: Die Musik selbst bleibt oft Nebensache.
Was macht Chöre und Chorsingen so interessant für Filme? Ist es die besondere Gemeinschaftsdynamik? Die Abgabe der eigenen Stimme und Hingabe an eine charismatische Leitung? Gar ein gewisses Etwas, das nur in Chormusik klingt? Oder dient Chorgesang vielleicht als Parabel für die Utopie einer besseren Gesellschaft, eines reineren Tones zwischen den Menschen? Hier der Versuch einer Annäherung.
Chormusik im Film: Ein Chor ist ein dynamischer Ort
Auf diese hochzielenden Fragen finden sich in der Praxis zunächst banalere Antworten. Filme, in denen Chöre zentral auftauchen, gibt es schließlich viele. Das allein macht einen Film noch nicht zu einem «Chorfilm».
Chöre dienen gerne als dramaturgischer Kniff, eine komplexe Geschichte zu erzählen, die sich nicht im Kern um das Chorsingen dreht. Vielmehr bieten sie – mit dynamischen Beziehungen, Abhängigkeiten, Machtstrukturen und Interessenskonflikten – den Figuren Handlungspotenzial. Einige wollen sich gegen andere durchsetzen (Wer singt das riskante Solo?), manche gehen in der Teamplayerrolle auf, andere fordern Autoritäten heraus.
Solche Filme – die einen Chor als Handlungsrahmen nutzen – widmen sich gerne «musiknahen» Themen wie Selbstfindung und Romantik. So jüngst der Film «Little Trouble Girls», der vom Erkunden der eigenen Vorlieben erzählt. Hier ist der Chor eher Setting, Geschehensort denn dramaturgisches, handelndes Element mit eigenen, unersetzbaren Qualitäten. Ähnliches gilt für Krimis, für die ein Chor ein komplexes Beziehungsnetz anbietet, das es für die Aufklärung zu entflechten gilt. Könnte halt auch eine Volleyballmannschaft sein.
Wenn der Chor im Film tatsächlich singt, führt das die Handlung vielleicht nicht voran, aber mit den gesungenen Stücken wird gerne ein Zentralmotiv des Films überhaupt – Verlust, Kampf, Liebe et cetera – illustriert, wenn auch nicht musikalisch auserzählt.
Chorfilme: Sinnbilder für gemeinsames Erleben
So sind Chorfilme erzählerisch vielen Sportfilmen verwandt. Ein Individuum oder ein ganzes Team in Krise findet in einer Gemeinschaft mit Zweck – Chorauftritt, Turnier – neuen Sinn. Die besondere Stärke des Teams kann sich nach zwischenzeitlichem Tief im dritten Akt oft erst durch das Charisma einer Führungspersönlichkeit voll entfalten. Mit anderen an einem Strang zu ziehen, stärkt Perspektive und Halt. Darum drehen sich solche Chorfilme auch selten um Profichöre. Wer mit allen Wassern gewaschen ist, lässt Krisen nicht aufkommen oder bewältigt sie abgebrüht. Wer aber als Laie noch Potenzial für Persönlichkeitsstärkung hat, kann diese im Chorkollektiv erfahren. Ein Haken an der Sache: Mit Charisma geht mitunter der Missbrauch desselben einher.
Dies wird interessanterweise eher in Orchester- oder Big-Band-Filmen porträtiert, zum Beispiel in «Whiplash» (2014). Ein Chorfilm hingegen erzählt vom Mittel dagegen: Im Fernsehfilm «Die Spätzünder» (2010) wehren sich Senior:innen gegen eine resolute Heimleitung und finden die Kraft dazu im Chor. Chorsingen ist hier gleichbedeutend mit «in der Gruppe aktiv sein» und damit ein Mittel gegen passive Vereinzelung. Der Dokumentarfilm «Young@Heart» (2007) über einen Senior:innenchor aus Northampton in Massachusetts belegt dies am quicklebendigen Beispiel. Nicht nur bei den Dokumentationen stehen Senior:innenchöre hoch im Kurs, vermitteln Hoffnung auf einen rockig-goldenen Herbst, sondern auch in Spielfilmen wie dem herzerwärmenden «Song for Marion» von 2012.
Chormusik im Film: Balsam für die Seele
Filmemacher:innen scheinen dabei gerne auf den Gemeinplatz zurückzugreifen, dass – wenn man mal ehrlich ist – Bachkantaten ja eigentlich voll öde sind und authentische Freude an der Musik erst mit schmissigen Popsong-Arrangements – oder gar mit Punk! – zu erreichen sei. Man müsse nur aus seiner Verklemmung herausfinden. Ein verständlicher Irrtum, gewiss. In diesem Fall wird Musik auf ein dramaturgisches Werkzeug zur Charakterbefreiung beschränkt.
Spätestens seit «Sister Act» schwenkte der Fokus von der Wirkung der Chormusik für die Hörenden auf das Singerlebnis der Ausführenden. Denn beim Chorsingen zählen Nebenwirkungen. Chorgesang hat Einfluss auf die Gesellschaft um den Chor herum, vermittelt Bindungen weit über die Proben- und Konzertarbeit hinaus. Chorsingen tut Körper, Seele und Gemeinschaft gut, berührt, verändert zum Besseren.
Entsprechend großen Anklang fanden im Jahr 2004 gleich zwei Chorfilme. Der eine, «Oh Happy Day», beleuchtet diese Kraft der Veränderung für eine einzelne Person, hier die Chorleiterin; der andere, «Wie im Himmel» («Så som i himmelen»), zeigt an einem schwedischen Dorfchor jenes besondere Etwas, womit Leitungspersönlichkeiten Menschen nachhaltig prägen können. In seine Heimat zurückgekehrt, bringt der neue Chorleiter den eingefahrenen Alltag in kathartische Unordnung und lässt die Mitsingenden erkennen, was ihnen wirklich wichtig ist. Dass so etwas besonders nachhaltig gelingen kann, wenn es pädagogisch früh geschieht, betonte ebenfalls 2004 der französische Spielfilm «Die Kinder des Monsieur Mathieu» ( «Les Choristes»).

Der Chor als utopischer Ort, an dem Menschen in all ihrer Unterschiedlichkeit besser zusammenfinden können? Das vielleicht nicht, aber immerhin als Ort, an dem Lösungsmechanismen erprobt werden. Wer lernt, wie man einen Klang gut aufbaut, wie man den richtigen Einsatz findet, wie man unterschiedliche Stimmen integriert und die Kraft bis zum Schlusscrescendo einteilt, kann das auch im echten Leben nutzen.
Chorfilme haben noch viel Luft nach oben
Auch wenn die Zahl der Chorfilme schon weit im dreistelligen Bereich liegt, bleibt vieles, was Chorarbeit und ‑gesang ausmacht, unterrepräsentiert. Chöre mit «schwieriger» Musik (Avantgarde, Zwölf- oder anderweitige Neutöner) sucht man vergebens. Laien-Konzertchöre mit oratorischen oder anspruchsvollen A‑cappella-Programmen bleiben verhältnismäßig rar. Für Chorfilme, die auch musikalisch in die Tiefe gehen, steht das Feld also noch offen – zum Beispiel für solche, die sich mit den Wundern guten Dirigats beschäftigen. Filme über wahre oder fiktive Orchesterdirigent:innen gibt es im Vergleich ja bereits in Fülle.
Die Chormusik selbst ist im Film zu oft auf eine Würzzutat im Drehbuch-Rezept beschränkt. So bleiben in Chorfilmen viele Fragen noch unerforscht, zum Beispiel: «Wieso trifft derselbe Chor mit demselben Programm und gleicher Begeisterung bei verschiedenem Publikum auf unterschiedliche Resonanz?»
So könnte es mit Chören im Film weitergehen — ein Ausblick
Vermitteln Chorfilme häufig zwischen unterschiedlichen Menschen und Gruppen, so tun sie es kaum über Epochen hinweg: Chorfilme sind nur selten Historienfilme. Und wenn, dann geht es um eine historische Figur, wie zuletzt im Fernsehfilm «Bach – ein Weihnachtswunder», in dem den alten Kantor mehr Haushalts- denn Stimmführungsprobleme plagten.
Hier ein paar Ideen: Wie wäre es mit einem Chorfilm, der die enorme Befriedigung in der konzentrierten, gerne sogar zähen Detailarbeit zeigt? Oder mal ein Chorfilm aus Publikumsperspektive! Oder aus der jener Mitreisenden bei einer Konzerttournee, die nicht mitsingen können – und es dann im Abschlusskonzert natürlich doch dürfen? Von der Bühnentechnikerin, die sich mit immer wieder neuen Wünschen für den Podestaufbau plagen muss? Vom Notenwart, der in der Krise als heimliche graue Eminenz die Geheimnisse der Musik und ihrer bestmöglichen Vermittlung preisgibt?
Wer meint, dass für diese Filme das Publikum fehle und man mit «leichteren» Genres viel mehr Menschen erreicht, hat vielleicht recht – aber so klein ist die Nische nicht. Das Publikum für klassische Konzerte und Bundesligaspiele ist überraschenderweise gleich groß; die Menge an jährlich verkauften Tickets hält sich die Waage.
Zur Vertiefung über Chormusik im Film
Alle, die sich eingehender mit diesem Thema beschäftigen möchten, kommen nicht an der 2014 erschienenen Promotionsschrift «Chöre im Spielfilm» von Susanne Maas vorbei, die auf 541 Seiten gesellschaftlich weite Bögen durch das Thema schlägt, analytisch in die Tiefe geht und dabei auch für Fachfremde immer erfreulich lesbar bleibt. Hier findet sich nicht nur eine umfassende Liste aller Chorfilme (bis 2014), sondern auch so manche anregende Erkenntnis. Zum Beispiel auf Seite 463: «Bildung durch Chorsingen im Spielfilm ist nicht in erster Linie musikalische Bildung, sondern Menschenbildung und Persönlichkeitsfindung, häufig mit therapeutischer Wirkung.»