Die chor.com 2026 baut Brücken – Stephan Doormann im Gespräch

Autor:in

Friedrich Sprondel

Ausgabe

N° 130 | Mai 2026

Das Pro­gramm der Fach­mes­se chor.com 2026 setzt gezielt auf Schnitt­stel­len: zwi­schen Gen­res, zwi­schen pro­fes­sio­nel­len For­ma­tio­nen und Ama­teur­ensem­bles, zwi­schen unter­schied­li­chen kul­tu­rel­len und reli­giö­sen Tra­di­tio­nen. In Work­shops, Mas­ter­clas­ses und Kon­zert­for­ma­ten kommt das dies­jäh­ri­ge Mot­to «Buil­ding Bridges» in unter­schied­li­chen Facet­ten zum Vor­schein. Wie es im Detail umge­setzt wird, weiß Ste­phan Door­mann, der als künst­le­ri­scher Lei­ter in die­sem Jahr zum drit­ten Mal die chor.com gestal­tet.

Herr Door­mann, das gro­ße Fach­tref­fen der deut­schen Chor­sze­ne steht in Leip­zig unter der Über­schrift «Buil­ding Bridges». Wann im Pla­nungs­pro­zess kamen Sie auf die­ses Mot­to?

Die chor.com ist grund­sätz­lich eine Ver­an­stal­tung, die sich an alle wen­det, die in der Chor­sze­ne aktiv sind. Des­we­gen berück­sich­ti­gen wir im Pro­gramm mög­lichst vie­le ver­schie­de­ne Aspek­te und bie­ten sozu­sa­gen den gesam­ten Apo­the­ker­schrank an. Hin­ter dem Fokus steht dar­über hin­aus die Idee, dass man anhand eines aus­ge­wähl­ten Aspekts bei ver­schie­de­nen The­men noch stär­ker in die Tie­fe gehen kann. Ent­spre­chend stellt sich die Fra­ge nach dem Fokus rela­tiv früh im Pla­nungs­pro­zess.

Stephan Doormann lächelt, leicht seitlich eingedreht, der betrachtenden Person entgegen. Er hat kurze braune Haare, eine rechteckige Brille und trägt dunkelblaues Sakko über hellblauem Hemd.
© Ole Spa­ta
«Etwas zu initi­ie­ren und zu inspi­rie­ren, das ist in mei­nen Augen das Kern­an­lie­gen der chor.com.»

Inwie­fern kann die Chor­sze­ne Brü­cken bau­en?

Heu­te wird oft beklagt, dass Gesell­schaf­ten in Grup­pie­run­gen zer­fal­len, die immer wei­ter aus­ein­an­der­drif­te­ten. Das Mit­ein­an­der-Spre­chen wer­de schwie­ri­ger, man fin­de kei­ne gemein­sa­me Basis mehr. An die­ser Stel­le kann die Musik, gera­de die Vokal­mu­sik, ihre Kraft als uni­ver­sel­le Spra­che ent­fal­ten. In einem Chor kom­men ganz unter­schied­li­che Men­schen zuein­an­der, um gemein­sam zu sin­gen. Sie erle­ben eine gemein­schaft­li­che Wirk­sam­keit. So kann die­se Distanz über­wun­den und die Sprach­lo­sig­keit auf­ge­bro­chen wer­den. Das funk­tio­niert auch nicht nur im eige­nen Chor, son­dern sogar bei Begeg­nun­gen mit ande­ren Chorsänger:innen. Der Fokus «Buil­ding Bridges» kann dar­über hin­aus auch dazu anre­gen, dass sich Men­schen, Gen­res und ande­re Aspek­te begeg­nen, die sich sonst nicht berüh­ren. Er birgt die Chan­ce, etwas Unbe­kann­tes ken­nen­zu­ler­nen, einer ande­ren Kul­tur inten­siv neu zu begeg­nen, sich mit neu­en Metho­den und Blick­win­keln zu beschäf­ti­gen. Inso­fern bie­tet die­ses Mot­to uns in der Viel­falt des Pro­gramms Tief­gang an aus­ge­such­ten Stel­len.

Menschen verbinden, Perspektiven erweitern: die chor.com 2026

Das Work­shop-Pro­gramm in Leip­zig umfasst ins­ge­samt 150 Ange­bo­te. Wie ist es auf den Fokus hin aus­ge­rich­tet?

Die Mehr­zahl der Work­shops ist für den Fokus von Bedeu­tung. In einem der Work­shops geht es bei­spiels­wei­se um die Begeg­nung ver­schie­de­ner Reli­gio­nen, in die­sem Fall Chris­ten­tum, Islam und Hin­du­is­mus. Wie gehen sie mit der Fra­ge nach Leben und Tod um? Wo gibt es Gemein­sam­kei­ten, wo Unter­schie­de? Wie spie­gelt sich das musi­ka­lisch wider? Das Cal­mus-Ensem­ble schlägt in beson­de­rer Wei­se eine Brü­cke von der Instru­men­tal­mu­sik zur Vokal­mu­sik, indem es Tei­le aus Bachs «Wohl­tem­pe­rier­tem Cla­vier» mit Text unter­legt und in Chor- bezie­hungs­wei­se Ensem­ble-Arran­ge­ments vor­trägt. In vie­len Work­shops geht es metho­disch dar­um, Leu­te zusam­men­zu­brin­gen, die sich im All­tag eher nicht begeg­nen – wenn es zum Bei­spiel dar­um geht, einen Gebär­den­chor auf­zu­bau­en. Auch die Musik­ver­mitt­lung stellt sich immer die Fra­ge, wie es gelingt, die Brü­cke zu einer neu­en Ziel­grup­pe zu schla­gen, die mit Chor­mu­sik wenig am Hut hat. Wir gehen der Fra­ge auf den Grund, was ein ermu­ti­gen­der Weg sein kann für Men­schen, die wenig gesun­gen haben in ihrem Leben:  Was gibt es für neue Metho­den in der Sing-Ermu­ti­gung, in der Stimm­bil­dung? Wie gelingt es, die Per­spek­ti­ve von Kin­dern und Jugend­li­chen, älte­ren oder ein­sa­men Men­schen ein­zu­neh­men, um dann mit die­sem neu­en Blick pas­sen­de For­ma­te für sie zu ent­wi­ckeln?

Begegnung von Profis und Amateuren: die Masterclasses

Wie gehen die Mas­ter­clas­ses auf das Motiv Brü­cken­bau­en ein? Oder steht dort der pro­fes­sio­nel­le Umgang mit dem Chor im Vor­der­grund?

Das schließt sich aus mei­ner Sicht gar nicht aus. Natür­lich ist die Fort­bil­dung Kern der Mas­ter­clas­ses. Mit dem SWR Vokal­ensem­ble und Juval Wein­berg oder mit Pop-Up Det­mold und dem Team aus Anne Koh­ler und Tine Fris-Ronsfeld ste­hen zwei aus­ge­zeich­ne­te Ensem­bles zur prak­ti­schen Erpro­bung zur Ver­fü­gung, dazu her­aus­ra­gen­de Kolleg:innen für den fach­li­chen Dia­log. Dadurch ent­ste­hen Erfah­rungs­mög­lich­kei­ten, die man sonst sel­ten hat. Nun hat man hoch­pro­fes­sio­nel­le Sänger:innen vor sich, und es stellt sich die Fra­ge: Wie rufe ich die­ses umfas­sen­de Kön­nen am bes­ten ab? Wie löse ich die­ses Poten­zi­al aus, wie ent­fes­se­le ich ihre Musi­ka­li­tät? Dabei kann ein Dia­log mit den Chor­mit­glie­dern ent­ste­hen: «So tust du mei­ner Stim­me gut – so hilfst du uns als Ensem­ble, das Ergeb­nis zu ermög­li­chen, das dir vor­schwebt.» Man lernt, auf Augen­hö­he zu arbei­ten und trotz­dem die lei­ten­de Rol­le ein­zu­neh­men.

Gibt es in den Mas­ter­clas­ses Feed­back-Run­den mit den Chö­ren direkt oder nur mit den Leiter:innen?

Das liegt bei den Lei­ten­den. Ich habe es immer so erlebt, dass bei­des wich­tig ist. Oft bekommt man schon in der Pro­be Feed­back.

Wie Konzerte Brücken bauen

Bei den chor.com-Konzerten fällt auf, dass es auch Dop­pel­aben­de gibt.

Gera­de im Kon­zert­pro­gramm spie­gelt sich der Fokus «Buil­ding Bridges» wider. Im Zusam­men­hang mit dem inter­re­li­giö­sen Work­shop, den ich am Anfang beschrie­ben habe, wird es ein Kon­zert geben, wo wir die «Musi­ka­li­schen Exe­qui­en» von Hein­rich Schütz mit Imam­ge­sang und Tem­pel­mu­sik aus dem Bud­dhis­mus kom­bi­nie­ren. In einem ande­ren Kon­zert kom­men das SWR Vokal­ensem­ble und ein Jugend­chor zusam­men. Wir wol­len unbe­dingt die­se Brü­cke auch zwi­schen eta­blier­tem Chor und sän­ge­ri­schem Nach­wuchs stär­ken. Wir haben einen span­nen­den Abend mit dem Magni­fi­cat von Bach, zu dem Mår­ten Jans­son neue Ein­la­ge­sät­ze kom­po­niert hat, wie es auch zu Bachs Zeit üblich war. Das wird ein Gesprächs­kon­zert wer­den zusam­men mit Micha­el Maul und Bern­hard Schram­mek, deren Pod­cast «Bach-Kanal» regel­mä­ßig im MDR gesen­det wird. Eine Neue­rung ist, dass wir im Kon­zert am ers­ten Abend die gesam­te chor.com-Familie zusam­men­zu­brin­gen wol­len. Dafür ste­hen das klas­si­sche Ensem­ble Nobi­les und die Vocal-Pop-Grup­pe Quin­ten­se gemein­sam auf der Büh­ne.

Das wird ja eine schwie­ri­ge Wahl, wel­ches Kon­zert man dann abends noch mit­nimmt.

(lacht) Wenn das nicht so wäre, hät­te ich etwas falsch gemacht.

Öffnung zu allen Seiten – Chorszene in Bewegung

Mit der drit­ten chor.com vor Augen, die Sie als künst­le­ri­scher Lei­ter ver­ant­wor­ten: Lässt sich aus Ihrer Sicht eine Rich­tung erken­nen, in die sich die Chor­sze­ne ent­wi­ckelt?

Man sieht eine gro­ße Inno­va­ti­ons­kraft im Kin­der- und Jugend­chor­be­reich, ein gro­ßes Inter­es­se, neue Wege zu gehen, neue Metho­den aus­zu­pro­bie­ren. Auch in der kul­tur­über­grei­fen­den Arbeit tre­ten immer mehr Akti­vi­tä­ten zuta­ge. Die­se ent­ste­hen oft zunächst als ein­zel­ne Inno­va­tio­nen, strah­len dann aber in die gan­ze Sze­ne aus. Und genau dafür ist die chor.com ja da, dass wir uns gegen­sei­tig inspi­rie­ren und inspi­rie­ren las­sen. Das Glei­che gilt für die Begeg­nung mit neu kom­po­nier­ter Chor­mu­sik, etwa im Rah­men von Kom­po­si­ti­ons- und Arran­ge­ment­wett­be­wer­ben, und auch durch Rea­ding Ses­si­ons auf der chor.com. Gewohn­te Pfa­de auch ein­mal zu ver­las­sen oder neu zu ergän­zen, spielt eine gro­ße Rol­le.

Die Kongresshalle am Zoo in Leipzig ist ein stattlicher Bau mit weißer Fassade und rotem Ziegeldach, das einer Kreuzung zugewandte Eck ist ein breiter Turm.
Die Kon­gress­hal­le am Zoo in Leip­zig © Mes­se Leip­zig

Ein wei­te­res wich­ti­ges Feld ist für uns die chor­mu­si­ka­li­sche Erin­ne­rungs­kul­tur. Die­sen Anstoß haben wir vor drei Jah­ren auf­ge­nom­men und in vie­le Rich­tun­gen wei­ter­ge­spielt – sei es in der Aus­ein­an­der­set­zung mit der eige­nen Geschich­te als Chor, sei es bei ver­ges­se­nem Reper­toire. Die Musik­for­sche­rin Dr. Anna Schae­fer von der Uni­ver­si­tät Hal­le ist dazu auf der chor.com mit meh­re­ren Work­shops und einer Aus­stel­lung prä­sent. Aus dem Arran­ge­ment­wett­be­werb «Chor­mu­si­ka­li­sche Erin­ne­rungs­kul­tur» ist ein eige­ner Noten­band her­vor­ge­gan­gen, und auch dazu gibt es Work­shops und Rea­ding Ses­si­ons.

Das Pro­gramm der chor.com ist sehr breit ange­legt. Gibt es etwas, wor­auf Sie sich beson­ders freu­en?

Das sind vor allem zwei Sachen: zuerst ein­mal all das, wo ich mich selbst nicht aus­ken­ne. Im Gespräch mit Kolleg:innen las­se ich mir ger­ne Din­ge erläu­tern, die für mich neu sind. Ich habe selbst eini­ge Ideen, die mir wich­tig sind und über die ich mich aus­tau­schen möch­te. Aber am span­nends­ten ist für mich immer: Was pas­siert danach? Bei wel­chen For­ma­ten, bei wel­chen Inhal­ten erzie­len wir nach­hal­ti­ge Wir­kung? Im Lau­fe der chor.com habe ich nur begrenzt Mög­lich­kei­ten, Work­shops zu besu­chen und mei­ne eige­ne Neu­gier zu stil­len. Des­we­gen ist die­ser über­ge­ord­ne­te Blick für mich eigent­lich der span­nends­te. Etwas zu initi­ie­ren und zu inspi­rie­ren, das ist in mei­nen Augen das Kern­an­lie­gen der chor.com.

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen

Das voll­stän­di­ge Pro­gramm der chor.com wird am 11. Mai ver­öf­fent­licht.

Zur Per­son

Ste­phan Door­mann stu­dier­te in Stock­holm Chor­di­ri­gie­ren, arbei­tet als Musik­päd­ago­ge am Kai­se­rin-Augus­te-Vik­to­ria-Gym­na­si­um Cel­le und lei­tet dort eine umfang­rei­che Jugend­chor­ar­beit. 2007 grün­de­te er den Kam­mer­chor Han­no­ver, den er bis zum Herbst 2019 lei­te­te, und 2014 den Juven­tis Jugend­chor am KAV-Gym­na­si­um Cel­le, den er bis heu­te lei­tet. Als Kan­tor an der Cel­ler Stadt­kir­che St. Mari­en lei­te­te er außer­dem von 2017 bis Ende 2025 die Cel­ler Stadt­kan­to­rei. Für die Ein­spie­lung zwei­er Kan­ta­ten mit dem Kam­mer­chor Han­no­ver für die Gemein­schafts-Pro­duk­ti­on «Glau­bens­lie­der» erhielt Ste­phan Door­mann den Echo Klas­sik 2010. Als künst­le­ri­scher Lei­ter der chor.com, des euro­pa­weit größ­ten Fach­tref­fens rund um die Chor­mu­sik, trägt er seit 2020 die inhalt­li­che Ver­ant­wor­tung für die­se Groß­ver­an­stal­tung des Deut­schen Chor­ver­bands. Auch des­sen Arbeit rund um die chor­mu­si­ka­li­sche Erin­ne­rungs­kul­tur ver­ant­wor­tet er inhalt­lich mit.

Portrait von Friedrich Sprondel

Autor:in

Friedrich Sprondel

Friedrich Sprondel wurde im Norden geboren, studierte im Süden und ist Redakteur der Chorzeit. Er schreibt für verschiedene Medien, ist Jurymitglied beim Preis der deutschen Schallplattenkritik und lebt in Berlin.

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