Calmus Ensemble bezaubert mit «Liebesleid»

Autor:in

Jens Berger

Ausgabe

N° 122 | Januar 2025

Schon das Cover zeigt es: Das Cal­mus Ensem­ble hat Freu­de am Durch­leuch­ten. Und wie es hier strahlt, in die­sem Lie­bes­leid-Rund­um­schlag!

Das Cal­mus Ensem­ble muss man nicht mehr vor­stel­len, oder? Nun, immer mal wie­der gibt es ja Wech­sel in der Beset­zung. Der klang­li­che Mas­sen­schwer­punkt liegt mitt­ler­wei­le noch ein­mal etwas höher und war es bereits vor­her gegen­über ver­gleich­ba­ren Ensem­bles, auch wegen der hel­len Män­ner­stim­men. Der Gesamt­ein­druck blieb der­sel­be  –  mit Mut zum eige­nen Ton und auch mal pop­pig nah am Mikro gehauch­ten Tönen, so gleich im ers­ten Stück, einem wie maß­ge­schnei­dert sit­zen­den Arran­ge­ment von Leo­nard Cohens Hal­le­lu­jah.

Cal­mus stellt die Klang­lich­keit der Stü­cke in den Vor­der­grund, badet nicht in den Wor­ten. Und kos­tet das weid­lich aus; «ein­fach flie­ßen las­sen» wäre zu ein­fach. Ihr Anspruch, die Freu­de am eige­nen Kön­nen und all ihren Mög­lich­kei­ten führt zu einem sehr instru­men­ta­len Ergeb­nis, das mit­un­ter nicht mehr an cho­ri­sches Sin­gen erin­nert, son­dern gar den Ein­druck einer nur syn­the­tisch erzeug­ba­ren Fas­sung streift.

Bezaubernd schön gesetzte Klänge

Das ist ver­dammt gekonnt, berü­ckend vor allem im Zusam­men­spiel der drei Ober­stim­men, doch durch die­sen Inter­pre­ta­ti­ons­an­satz wird das Ohr der Hörer:innen immer aufs Wie gerich­tet – und das Was kann etwas aus dem Blick gera­ten. Das Maß der Inter­pre­ta­ti­ons­ein­grif­fe ist mit­un­ter so hoch, dass man von eige­ner Fas­sung spre­chen darf. Wer sich dar­auf ein­lässt und wem es nichts aus­macht, volks­lied­haft-natür­li­che Schlicht­heit oder alpen­län­di­sche Ago­gik in Brahms Volks­lied­sät­zen zu ver­mis­sen, der wird auf ande­re Wei­se belohnt, erfährt bezau­bernd schön gesetz­te Klän­ge, etwa in John Rut­ters Tra­di­tio­nal Songs, und hört die Stü­cke mit ganz neu­en Ohren. Gera­de bei den ita­lie­ni­schen Madri­ga­len von Grab­be, der sich nur wegen sei­nes groß­teils nicht über­lie­fer­ten Œuvres lei­der hin­ter Zeit­ge­nos­sen ver­steckt, passt das aus­ge­zeich­net, erweckt es doch bei heu­ti­gen Hörer:innen viel­leicht genau jenen Ein­druck, den das dama­li­ge Publi­kum gehabt haben mag: «Oh, was ist denn da los?!» (Auf die Spit­ze trieb die­se Idee einst Hans Zen­der mit sei­ner «kom­po­nier­ten Inter­pre­ta­ti­on» von Schu­berts «Win­ter­rei­se» – dies nur zum Ver­gleich; auf die­ser CD fin­det sich das Werk nicht.)

Bei Distler und Kreis­ler wird so aus «kunst­voll» manch­mal «arti­fi­zi­ell», und der Text nimmt ein hin­te­res Pult ein. Bei die­sem Ergeb­nis: egal!

Portrait von Jens Berger

Autor:in

Jens Berger

Der Autor ist Verfasser des Buchs «111 Gründe, Klassische Musik zu lieben». Er arbeitete als Musikdramaturg für Festivals, Orchester und Chöre und lebt als Redakteur und Autor in München. Dort schreibt er über Klassische Musik und Wissenschaftsthemen und singt Tenor im Chor.

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