Chorgesang ist eine flüchtige Kunst, aber mithilfe von Gegenständen kommt man seiner Geschichte auf die Spur. Das ist die Idee hinter dem Podcast «Chorgeschichte(n)» des Deutschen Chorverbands. Seit November 2025 kann man Dr. Anna Schaefer von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und Rundfunkjournalistin Cornelia de Reese dabei zuhören, wie sie Postkarten, Zeitungen oder auch eine Schellackplatte zum Anlass nehmen, über das Chorleben in der Zeit von 1900 bis 1950 zu sprechen.
Jetzt, nach einem halben Jahr, ist die letzte der «Chorgeschichte(n)» produziert. Sechs Folgen sind es geworden, Hörstoff für mehr als zwei spannende, informative und unterhaltsame Stunden. Sie lassen den Chor-Alltag vor hundert Jahren genauso lebendig werden wie die großen politischen Umwälzungen dieser Zeit. Am Tag, als die sechste und letzte Folge online geht, sprechen Anna Schaefer und Cornelia de Reese noch einmal über ihre Arbeit am Podcast.
Der Podcast hat eine Vorgeschichte: «Ab ins Archiv!» hieß die Aktion, mit der der Deutsche Chorverband Chöre ermuntert hat, Gegenstände aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von Dachböden oder aus Vitrinen zu holen und sie im Rahmen des Projekts «Chormusikalische Erinnerungskultur» dem Deutschen Chorverband zu schicken. Wie waren die Reaktionen?
Anna Schaefer: Es gab ziemlich viele Rückmeldungen und dabei eine große Bandbreite. Viele Chöre wollen sich mit ihrer Geschichte auseinandersetzen, auch wenn sie vorher keine Berührungspunkte damit hatten. Und im Austausch, der dann folgte, konnten wir auch noch einmal gezielter nachfragen, etwa wenn es besonders große Forschungslücken gab; also zum Beispiel im Bereich der Frauenchöre, im Bereich des Repertoires. Da gab es dann Leute, die ihre Familiengeschichte mit uns geteilt haben – das kann man schön in der sechsten Folge «Zu klein fürs Volk?» hören –, aber auch Vereine, die Interesse an ihrer Geschichte hatten. Der Schwäbische Chorverband hat sich zum Beispiel gemeldet, und dort durften wir ins Archiv.
War es ein weiter Weg, bis aus einem interessanten Objekt eine spannende Folge der «Chorgeschichte(n)» wurde?
Cornelia de Reese: Bei so einem Podcast muss ich wissen, wohin ich erzählerisch gehen will. Deshalb habe ich mich im Vorfeld mit Anna sehr viel ausgetauscht. Während der Aufzeichnung haben wir dann auch viel länger miteinander gesprochen, als letzten Endes in eine Folge gepasst hat. Ich habe aber auch versucht, den Podcast zusätzlich lebendig zu machen: mit Musik, mit eingesprochenen Zeitungsartikeln und Zitaten. Und durch unsere unterschiedlichen Quellen gab es auch eine große Bandbreite, die wir darstellen konnten: Das war mal eine Sängerzeitschrift, durch die wir geblättert haben, oder wir haben Schellackplatten gehört oder persönliche Berichte gelesen. Zudem habe ich immer wieder auch einen historischen Kurzüberblick eingefügt. Ganz zu Beginn habe ich Annas Promotionsschrift studiert und für mich war zum Beispiel sofort klar: Wir müssen über das Lazarettsingen sprechen – das wir dann ja in der vierten Folge beleuchten –, weil mich das als Musikjournalistin so angesprungen hat. Da sind Bilder vor meinem inneren Auge entstanden und darüber wollte ich unbedingt etwas machen.
Wo waren die Objekte? Waren sie bei der Produktion des Podcasts bei Ihnen?
Anna Schaefer: Genau, das meiste liegt gerade hier hinter mir überall in den Regalen verteilt. Durch «Ab ins Archiv» haben wir ja viele Einsendungen bekommen. Zusätzlich ist unsere wissenschaftliche Hilfskraft auch an einige Orte gefahren. Für die sechste Folge, die sich dem Quartettsingen widmet, hat sie Herrn Euler in Jüchen besucht, der uns Material aus seiner Familiengeschichte gezeigt hat, die sehr gut dokumentiert war.
Cornelia de Reese: Wir haben uns regelrecht über diese Objekte gebeugt und sind darüber auch ganz intensiv ins Gespräch gekommen. In der ersten Folge sprechen wir über Postkarten, die Teilnehmer:innen von Sängerfesten verschickt haben; das waren sehr dankbare Objekte, weil wir da auch diese ganz persönlichen Geschichten auf den Postkarten lesen konnten. Oder durch die Sängerzeitschriften zu blättern: Die Anzeigen fand ich besonders spannend, weil dort sichtbar wurde, was diese Generation von Chorsänger:innen gebraucht hat. Zum Beispiel ein Set zum Reparieren von Noten. Das erzählt von dem besonderen Umgang, mit dem man das Material damals behandelt hat. Oder auch Devotionalien, die zu großen Chorereignissen produziert wurden, die in den Anzeigen angepriesen wurden.
Obwohl die Objekte teilweise sehr persönlich sind, schlagen Sie doch immer einen Bogen zu größeren Zusammenhängen; zu Institutionen oder zu politischen oder gesellschaftlichen Entwicklungen.
Anna Schaefer: Also ich finde den Podcast – und damit will ich uns gar nicht selbst loben – im Kontext des Deutschen Chorverbands mutig und selbstkritisch. Man schaut nicht nur nostalgisch auf die gute alte Zeit, als man damals noch soundso viele Mitglieder hatte, sondern setzt sich ausdrücklich mit der NS-Zeit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kritisch auseinander, auch mit der Rolle der Chorverbände. Und ich glaube, das macht das Projekt auch so glaubwürdig im Kontext der Erinnerungskultur. Und das funktioniert ohne erhobenen Zeigefinger und Vorwürfe, sondern einfach mit einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung, die man sehr gut in so einem Podcast transportieren kann.
Gibt es etwas, was Sie besonders beeindruckt hat? Ein Objekt oder eine Information, bei der Sie noch heute sagen: «Das wusste ich nicht, das ist besonders schön, besonders eindrucksvoll»?

Cornelia de Reese: Ich habe nicht geahnt, wie schnell ich mich für diese Geschichte begeistern kann. Weil Anna eben so viele Objekte dabei hatte, die Geschichten erzählen. Ich fand diese Postkarten aus der ersten Folge faszinierend. Auch die Schellackplatten anzuhören; zu hören, wie die Rillen knistern – ich komme vom Rundfunk, das waren für mich nicht nur haptische, sondern auch akustisch spannende Momente.
Anna Schaefer: Für mich war es sehr interessant, wirklich mal ins Detail zu gehen. Diesen mikrohistorischen Ansatz kann man als Wissenschaftlerin nicht sehr häufig anwenden. Dass man einmal eine kleine Geschichte sucht und die richtig durcharbeitet. Und mir ging es wie Cornelia: Diese Postkarten sind ein riesiger Schatz. Es macht so Spaß, Geschichte durch persönliche Beschreibungen zu erleben. Und das macht es ja auch emotional, wenn man den Gruß des Vaters an die Kinder und an die Frau liest, die daheimgeblieben ist, und seine Eindrücke dort wahrnimmt auf dieser Karte, das macht schon auch etwas mit einem. Und das ist etwas Besonderes, dass wir wirklich im Detail versuchen zu verstehen, wie die Menschen das damals wahrgenommen haben und was sie erlebt haben.
Cornelia de Reese: Für mich war es außerdem eine besonders schöne Erfahrung, dass wir uns als professionelle Personen getroffen haben – hier die Forscherin, da die Musikjournalistin – und jetzt merke ich, dass ich das richtig vermisse, dass wir uns nicht mehr regelmäßig sehen …
Anna Schaefer: Ich auch! (lacht)
Cornelia de Reese: … weil es einfach auch so spannend war. Also die persönliche Begegnung ist auch ein wichtiger Aspekt. Ich hoffe, dass das auch rüberkommt und man merkt, dass wir uns wirklich gerne unterhalten haben und das auch gern teilen.
Anna Schaefer: Mir ist sehr wichtig, dass die Wissenschaft in die Gesellschaft tritt – dass das, was ich hier in meinem natürlichen akademischen Habitat mache, auch nach außen dringt, und zwar nicht nur zu einer ausgewählten Gruppe von Wissenschaftler:innen, sondern auch in die Gesellschaft. Ich war so dankbar dafür, dass ich von einer Musikjournalistin Fragen gestellt bekommen habe, über die ich dann immer noch einmal nachdenken musste. Als Wissenschaftlerin fällt es mir manchmal schwer, andere Fragen als wissenschaftliche zu stellen und ich hoffe, dass das im Podcast gut rüberkommt, dass da zwei unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen, aber aus der gleichen Motivation heraus: Begeisterung fürs Thema. Und es macht eben besonderen Spaß, wenn man mit unterschiedlichen Blickwinkeln auf ein Thema guckt, das beide fasziniert.
Zum Thema
Alle Folgen des Podcasts «Chorgeschichte(n)» können über die Website des Deutschen Chorverbands gehört werden.
Die Website zum Projekt «Chormusikalische Einnerungskultur» informiert über Hintergründe und weitere Projekte.