«Chor­geschichte(n)» – ein Gespräch zum Abschluss des DCV-­Podcasts

Autor:in

Daniel Frosch

Ausgabe

Chorzeit Online

Chor­ge­sang ist eine flüch­ti­ge Kunst, aber mit­hil­fe von Gegen­stän­den kommt man sei­ner Geschich­te auf die Spur. Das ist die Idee hin­ter dem Pod­cast «Chorgeschichte(n)» des Deut­schen Chor­ver­bands. Seit Novem­ber 2025 kann man Dr. Anna Schae­fer von der Mar­tin-Luther-Uni­ver­si­tät Hal­le-Wit­ten­berg und Rund­funk­jour­na­lis­tin Cor­ne­lia de Ree­se dabei zuhö­ren, wie sie Post­kar­ten, Zei­tun­gen oder auch eine Schel­lack­plat­te zum Anlass neh­men, über das Chor­le­ben in der Zeit von 1900 bis 1950 zu spre­chen.

Jetzt, nach einem hal­ben Jahr, ist die letz­te der «Chorgeschichte(n)» pro­du­ziert. Sechs Fol­gen sind es gewor­den, Hör­stoff für mehr als zwei span­nen­de, infor­ma­ti­ve und unter­halt­sa­me Stun­den. Sie las­sen den Chor-All­tag vor hun­dert Jah­ren genau­so leben­dig wer­den wie die gro­ßen poli­ti­schen Umwäl­zun­gen die­ser Zeit. Am Tag, als die sechs­te und letz­te Fol­ge online geht, spre­chen Anna Schae­fer und Cor­ne­lia de Ree­se noch ein­mal über ihre Arbeit am Pod­cast.

Der Pod­cast hat eine Vor­ge­schich­te: «Ab ins Archiv!» hieß die Akti­on, mit der der Deut­sche Chor­ver­band Chö­re ermun­tert hat, Gegen­stän­de aus der ers­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts von Dach­bö­den oder aus Vitri­nen zu holen und sie im Rah­men des Pro­jekts «Chor­mu­si­ka­li­sche Erin­ne­rungs­kul­tur» dem Deut­schen Chor­ver­band zu schi­cken. Wie waren die Reak­tio­nen?

Anna Schae­fer: Es gab ziem­lich vie­le Rück­mel­dun­gen und dabei eine gro­ße Band­brei­te. Vie­le Chö­re wol­len sich mit ihrer Geschich­te aus­ein­an­der­set­zen, auch wenn sie vor­her kei­ne Berüh­rungs­punk­te damit hat­ten. Und im Aus­tausch, der dann folg­te, konn­ten wir auch noch ein­mal geziel­ter nach­fra­gen, etwa wenn es beson­ders gro­ße For­schungs­lü­cken gab; also zum Bei­spiel im Bereich der Frau­en­chö­re, im Bereich des Reper­toires. Da gab es dann Leu­te, die ihre Fami­li­en­ge­schich­te mit uns geteilt haben – das kann man schön in der sechs­ten Fol­ge «Zu klein fürs Volk?» hören –, aber auch Ver­ei­ne, die Inter­es­se an ihrer Geschich­te hat­ten. Der Schwä­bi­sche Chor­ver­band hat sich zum Bei­spiel gemel­det, und dort durf­ten wir ins Archiv.

War es ein wei­ter Weg, bis aus einem inter­es­san­ten Objekt eine span­nen­de Fol­ge der «Chorgeschichte(n)» wur­de?

Cor­ne­lia de Ree­se: Bei so einem Pod­cast muss ich wis­sen, wohin ich erzäh­le­risch gehen will. Des­halb habe ich mich im Vor­feld mit Anna sehr viel aus­ge­tauscht. Wäh­rend der Auf­zeich­nung haben wir dann auch viel län­ger mit­ein­an­der gespro­chen, als letz­ten Endes in eine Fol­ge gepasst hat. Ich habe aber auch ver­sucht, den Pod­cast zusätz­lich leben­dig zu machen: mit Musik, mit ein­ge­spro­che­nen Zei­tungs­ar­ti­keln und Zita­ten. Und durch unse­re unter­schied­li­chen Quel­len gab es auch eine gro­ße Band­brei­te, die wir dar­stel­len konn­ten: Das war mal eine Sän­ger­zeit­schrift, durch die wir geblät­tert haben, oder wir haben Schel­lack­plat­ten gehört oder per­sön­li­che Berich­te gele­sen. Zudem habe ich immer wie­der auch einen his­to­ri­schen Kurz­über­blick ein­ge­fügt. Ganz zu Beginn habe ich Annas Pro­mo­ti­ons­schrift stu­diert und für mich war zum Bei­spiel sofort klar: Wir müs­sen über das Laza­rett­sin­gen spre­chen – das wir dann ja in der vier­ten Fol­ge beleuch­ten –, weil mich das als Musik­jour­na­lis­tin so ange­sprun­gen hat. Da sind Bil­der vor mei­nem inne­ren Auge ent­stan­den und dar­über woll­te ich unbe­dingt etwas machen.

Wo waren die Objek­te? Waren sie bei der Pro­duk­ti­on des Pod­casts bei Ihnen?

Anna Schae­fer: Genau, das meis­te liegt gera­de hier hin­ter mir über­all in den Rega­len ver­teilt. Durch «Ab ins Archiv» haben wir ja vie­le Ein­sen­dun­gen bekom­men. Zusätz­lich ist unse­re wis­sen­schaft­li­che Hilfs­kraft auch an eini­ge Orte gefah­ren. Für die sechs­te Fol­ge, die sich dem Quar­tett­sin­gen wid­met, hat sie Herrn Euler in Jüchen besucht, der uns Mate­ri­al aus sei­ner Fami­li­en­ge­schich­te gezeigt hat, die sehr gut doku­men­tiert war.

Cor­ne­lia de Ree­se: Wir haben uns regel­recht über die­se Objek­te gebeugt und sind dar­über auch ganz inten­siv ins Gespräch gekom­men. In der ers­ten Fol­ge spre­chen wir über Post­kar­ten, die Teilnehmer:innen von Sän­ger­fes­ten ver­schickt haben; das waren sehr dank­ba­re Objek­te, weil wir da auch die­se ganz per­sön­li­chen Geschich­ten auf den Post­kar­ten lesen konn­ten. Oder durch die Sän­ger­zeit­schrif­ten zu blät­tern: Die Anzei­gen fand ich beson­ders span­nend, weil dort sicht­bar wur­de, was die­se Gene­ra­ti­on von Chorsänger:innen gebraucht hat. Zum Bei­spiel ein Set zum Repa­rie­ren von Noten. Das erzählt von dem beson­de­ren Umgang, mit dem man das Mate­ri­al damals behan­delt hat. Oder auch Devo­tio­na­li­en, die zu gro­ßen Chor­ereig­nis­sen pro­du­ziert wur­den, die in den Anzei­gen ange­prie­sen wur­den.

Obwohl die Objek­te teil­wei­se sehr per­sön­lich sind, schla­gen Sie doch immer einen Bogen zu grö­ße­ren Zusam­men­hän­gen; zu Insti­tu­tio­nen oder zu poli­ti­schen oder gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen.

Anna Schae­fer: Also ich fin­de den Pod­cast – und damit will ich uns gar nicht selbst loben – im Kon­text des Deut­schen Chor­ver­bands mutig und selbst­kri­tisch. Man schaut nicht nur nost­al­gisch auf die gute alte Zeit, als man damals noch sound­so vie­le Mit­glie­der hat­te, son­dern setzt sich aus­drück­lich mit der NS-Zeit in der ers­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts kri­tisch aus­ein­an­der, auch mit der Rol­le der Chor­ver­bän­de. Und ich glau­be, das macht das Pro­jekt auch so glaub­wür­dig im Kon­text der Erin­ne­rungs­kul­tur. Und das funk­tio­niert ohne erho­be­nen Zei­ge­fin­ger und Vor­wür­fe, son­dern ein­fach mit einer wis­sen­schaft­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung, die man sehr gut in so einem Pod­cast trans­por­tie­ren kann.

Gibt es etwas, was Sie beson­ders beein­druckt hat? Ein Objekt oder eine Infor­ma­ti­on, bei der Sie noch heu­te sagen: «Das wuss­te ich nicht, das ist beson­ders schön, beson­ders ein­drucks­voll»?

Begeis­te­rung fürs The­ma: Anna Schae­fer und Cor­ne­lia de Ree­se vor Zei­tun­gen und Post­kar­ten © David Buch­holz

Cor­ne­lia de Ree­se: Ich habe nicht geahnt, wie schnell ich mich für die­se Geschich­te begeis­tern kann. Weil Anna eben so vie­le Objek­te dabei hat­te, die Geschich­ten erzäh­len. Ich fand die­se Post­kar­ten aus der ers­ten Fol­ge fas­zi­nie­rend. Auch die Schel­lack­plat­ten anzu­hö­ren; zu hören, wie die Ril­len knis­tern – ich kom­me vom Rund­funk, das waren für mich nicht nur hap­ti­sche, son­dern auch akus­tisch span­nen­de Momen­te.

Anna Schae­fer: Für mich war es sehr inter­es­sant, wirk­lich mal ins Detail zu gehen. Die­sen mikro­his­to­ri­schen Ansatz kann man als Wis­sen­schaft­le­rin nicht sehr häu­fig anwen­den. Dass man ein­mal eine klei­ne Geschich­te sucht und die rich­tig durch­ar­bei­tet. Und mir ging es wie Cor­ne­lia: Die­se Post­kar­ten sind ein rie­si­ger Schatz. Es macht so Spaß, Geschich­te durch per­sön­li­che Beschrei­bun­gen zu erle­ben. Und das macht es ja auch emo­tio­nal, wenn man den Gruß des Vaters an die Kin­der und an die Frau liest, die daheim­ge­blie­ben ist, und sei­ne Ein­drü­cke dort wahr­nimmt auf die­ser Kar­te, das macht schon auch etwas mit einem. Und das ist etwas Beson­de­res, dass wir wirk­lich im Detail ver­su­chen zu ver­ste­hen, wie die Men­schen das damals wahr­ge­nom­men haben und was sie erlebt haben.

Cor­ne­lia de Ree­se: Für mich war es außer­dem eine beson­ders schö­ne Erfah­rung, dass wir uns als pro­fes­sio­nel­le Per­so­nen getrof­fen haben – hier die For­sche­rin, da die Musik­jour­na­lis­tin – und jetzt mer­ke ich, dass ich das rich­tig ver­mis­se, dass wir uns nicht mehr regel­mä­ßig sehen …

Anna Schae­fer: Ich auch! (lacht)

Cor­ne­lia de Ree­se: … weil es ein­fach auch so span­nend war. Also die per­sön­li­che Begeg­nung ist auch ein wich­ti­ger Aspekt. Ich hof­fe, dass das auch rüber­kommt und man merkt, dass wir uns wirk­lich ger­ne unter­hal­ten haben und das auch gern tei­len.

Anna Schae­fer: Mir ist sehr wich­tig, dass die Wis­sen­schaft in die Gesell­schaft tritt – dass das, was ich hier in mei­nem natür­li­chen aka­de­mi­schen Habi­tat mache, auch nach außen dringt, und zwar nicht nur zu einer aus­ge­wähl­ten Grup­pe von Wissenschaftler:innen, son­dern auch in die Gesell­schaft. Ich war so dank­bar dafür, dass ich von einer Musik­jour­na­lis­tin Fra­gen gestellt bekom­men habe, über die ich dann immer noch ein­mal nach­den­ken muss­te. Als Wis­sen­schaft­le­rin fällt es mir manch­mal schwer, ande­re Fra­gen als wis­sen­schaft­li­che zu stel­len und ich hof­fe, dass das im Pod­cast gut rüber­kommt, dass da zwei unter­schied­li­che Per­spek­ti­ven auf­ein­an­der­tref­fen, aber aus der glei­chen Moti­va­ti­on her­aus: Begeis­te­rung fürs The­ma. Und es macht eben beson­de­ren Spaß, wenn man mit unter­schied­li­chen Blick­win­keln auf ein The­ma guckt, das bei­de fas­zi­niert.

Zum The­ma

Alle Fol­gen des Pod­casts «Chorgeschichte(n)» kön­nen über die Web­site des Deut­schen Chor­ver­bands gehört wer­den.

Die Web­site zum Pro­jekt «Chor­mu­si­ka­li­sche Ein­ne­rungs­kul­tur» infor­miert über Hin­ter­grün­de und wei­te­re Pro­jek­te.

Portrait von Daniel Frosch

Autor:in

Daniel Frosch

Daniel Frosch ist Redakteur der Chorzeit.

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