Spontane Gemeinschaft – der ritual Chor in Köln
Der Kölner Stadtgarten liegt geografisch vielversprechend, ragt als Beule des Inneren Grüngürtels noch ein bisschen ins Stadtzentrum und verlängert so die entspannte Atmosphäre des Kölner Naherholungsraums in die Stadt hinein. «Der Stadtgarten liegt sehr zentral in Köln», betont dann auch die Musikjournalistin, Kuratorin und Veranstalterin Sophie Emilie Beha, «und er verbindet auch viele verschiedene Konzertorte.»

Am südlichen Ende des Stadtgartens findet sich beispielsweise die gleichnamige Spielstätte mit Konzertsaal, Klub und Open-Air-Spielfläche. Dort hat im vergangenen Jahr die von Beha konzipierte Konzertreihe ritual begonnen. Ein Konzert der Saxophonistin und Komponistin Luise Volkmann machte den Anfang, noch fünf weitere Konzerte mit Größen aus Jazz, experimenteller und Neuer Musik im Stadtgarten und in der benachbarten Christuskirche machten das erste ritual-Jahr zum Erfolg. Der Stadtgarten, diese städtische Oase, hat für ritual seit dem ersten Tag eine wichtige Funktion. Vor jedem Konzert leitet Beha dort sogenannte Hör-Spaziergänge. Klänge gibt es im Stadtgarten genug, wobei der 29 Jahre alten Veranstalterin etwas anderes wichtiger ist: «Wenn viele Menschen sich gleichzeitig sensibilisieren und konzentrieren, dann passiert ja etwas mit so einer Gruppe, auch ohne dass ich wie im Kindertheater sage: ‹Lauscht mal, ob ihr dieses oder jenes hören könnt.›»
Aus vereinzelten Besucher:innen neue Gemeinschaften bilden – der Erfolg der Hör-Spaziergänge hat Beha zu denken gegeben: «Im vergangenen Jahr haben viele Dinge gut funktioniert, aber ich habe gemerkt, dass noch eine andere Form von Gemeinschaft möglich ist und auch eine andere Einbindung des Publikums. Und so ist die Idee für einen Chor entstanden, der extrem niedrigschwellig ist.» Mit Beginn der zweiten Saison ist der ritual Chor am 1. Mai 2026 zum ersten Mal zusammengekommen. Dem Aufruf über Social Media folgten mehr Menschen, als Beha angenommen hatte: «Es haben etwas mehr als 30 Menschen geschrieben, 20 haben zusätzlich zugesagt. Wir haben von 10 Uhr morgens bis 18 Uhr abends geprobt. Jede:r hätte an diesem Tag auch etwas anderes machen können, der 1. Mai war ja auch ein sonniger Feiertag. Das war wirklich berührend.»
Geleitet wird der ritual Chor von Klara Hens, die unter anderem in Dänemark «Innovative Choir Leading » studiert hat und an der Hochschule für Musik und Tanz Köln unterrichtet. «Mich interessiert sehr, wer eigentlich bestimmt, wann etwas ein fertiges, bühnenreifes Kunstwerk ist, und was im stillen Kämmerlein bleiben muss», sagt Hens über den ritual Chor, der das Ergebnis eines Probentages anschließend beim abendlichen Konzert präsentiert. «Der ritual Chor knüpft für mich schön an diese Fragen an, weil hier das Publikum – also Menschen, die keine akademische Ausbildung haben – trotzdem kulturschaffend sein kann und kulturrelevant ist.»

Ein Chor, der Teil einer Konzertreihe mit experimenteller Musik ist, ist vorgeprägt. Die in St. Petersburg geborene, inzwischen in Köln lebende Komponistin Dariya Maminova schreibt für den ritual Chor eigene Musik. Sie klingt eingängig und urwüchsig, dabei aber sperrig genug, um die Neugier von ritual zu unterstreichen. «Ich mag Meredith Monk», sagt Maminova, «neben dem Gesang spielt auch das Performative bei ihr eine Rolle. Für sie ist Musik nicht nur Klang, auch Bewegung und der Raum sind ihr wichtig. Monk verwendet oft einfache Motive, die sich wiederholen und intuitiv zu singen sind, und ich dachte, das passt doch gut zu unserem Projekt.»
Für den zweiten Termin am 1. Juni hat Dariya Maminova ihr Werk erweitert. Und auch ritual tastet sich voran, zum ersten Mal war die Kirche Neu St. Alban Spielstätte, die im Norden an den Stadtgarten angrenzt. Zum zweiten Treffen des ritual Chors kamen etwa 20 Menschen – viele von ihnen waren schon beim ersten Termin dabei. Der Plan, durch den ritual Chor neue Gemeinschaften zu bilden, scheint aufzugehen.
Weitere Informationen
Chorname: ritual Chor
Ort/Landkreis: Köln
Chorleitung: Klara Hens
Mitglieder: keine feste Mitgliedschaft
Proben und Aufführungen: Jeweils am Monatsersten
Nächste Aufführungen: Multiple Voices & Spem in Alium, 01.08.2026, 13–22 Uhr, Christuskirche, Köln
Website: www.ritual-music.de/chor
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