Volkslied – ein Begriff bleibt in Bewegung

Autor:in

Ulrich Morgenstern

Ausgabe

N° 131 | Juli 2026

Volks­mu­sik­for­schung beschäf­tigt sich haupt­säch­lich mit his­to­risch gewach­se­ner und regio­nal ver­or­te­ter Musik und mit jenen klei­ne­ren sozia­len Grup­pen und den Per­sön­lich­kei­ten, die sie pfle­gen und tei­len. Volks­mu­sik in die­sem Sinn, ob münd­lich oder schrift­lich ver­mit­telt, grün­det sich weni­ger auf orga­ni­sier­tes päd­ago­gi­sches oder kul­tur­po­li­ti­sches Han­deln. Der Begriff bie­tet heu­te eine unge­fäh­re Ori­en­tie­rung über For­men und Gat­tun­gen, die his­to­risch auf die Musik­pra­xis des «gemei­nen Vol­kes» der euro­päi­schen Stän­de­ge­sell­schaft bezo­gen wer­den kön­nen oder an die­se Pra­xis anschlie­ßen. Das heißt nicht, dass sich die Arbeits­fel­der der Volks­mu­sik­for­schung hier­auf beschrän­ken – Über­schnei­dun­gen zur Popu­lar­mu­sik­for­schung zum Bei­spiel, zu Rock, Pop und ande­res, sind eben­so inter­es­sant.

Regional und universell – das Volkslied als Brauchtum

Der deutsch-rus­si­sche Uni­ver­sal­ge­lehr­te Jacob von Stäh­lin ver­wen­de­te 1770 «Volks-Musik» syn­onym zur «Lands-Musik des gemei­nen Volks in Dör­fern, Fle­cken und Städ­ten». Damit war also weder die für eine Nati­on als typisch ange­nom­me­ne Musik gemeint – wie Johann Gott­fried Her­der (1744–1803) es vom Volks­lied mein­te – noch eine «Bau­ern­mu­sik» im Sin­ne der Natio­nal­ro­man­tik. Bis Mit­te des 19. Jahr­hun­derts war im deutsch- und im eng­lisch­spra­chi­gen Raum der Begriff Volkslied/Volksmusik bedeu­tungs­gleich mit Nationallied/Nationalmusik. Man sprach von «Tiro­ler Natio­nal­lie­dern», was im Sinn regio­na­ler Prä­gung gemeint war, nicht im Sinn des Natio­nal­staats. Matthew Gel­bart, einer der bes­ten Ken­ner der Ideen­ge­schich­te der Volks­mu­sik, hat gezeigt, dass die Begriff­lich­kei­ten erst spä­ter auf das Feld der natio­na­len Kom­po­si­ti­ons­schu­len über­tra­gen wor­den sind. Er sprach auch einen merk­wür­di­gen Wider­spruch im Volks­mu­sik­dis­kurs zur Zeit Her­ders an: wenn ein Stil oder Reper­toire gleich­zei­tig als natür­lich, also uni­ver­sell, und gleich­zei­tig als natio­nal spe­zi­fisch dekla­riert wur­de.

Abkehr von der Moderne: Projektionsfläche Volkslied

Im 19. Jahr­hun­dert arbei­te­te die deut­sche Volks­lied­for­schung immer noch vor­wie­gend mit schrift­li­chen Quel­len, weni­ger auf Grund­la­ge von Feld­for­schun­gen. Gleich­zei­tig rück­te, wie anders­wo in Euro­pa, das Bau­ern­tum als ver­meint­lich letz­ter Trä­ger und Hüter des natio­na­len Ele­ments in den Vor­der­grund. Ein mäch­ti­ges Kor­rek­tiv leg­te 1868 der Musik­schrift­stel­ler Wil­helm Tap­pert mit sei­ner Stu­die «Wan­dern­de Melo­dien» vor. Dar­in zeig­te er, wie Lie­der in einer Gesell­schaft (ver­ti­kal) und zwi­schen Kul­tu­ren (hori­zon­tal) wei­ter­ge­ge­ben wer­den und wie sol­che Trans­fer­pro­zes­se das gebräuch­li­che Lied­re­per­toire for­men; eine Posi­ti­on, die der Ger­ma­nist John Mei­er 40 Jah­re spä­ter mit sei­ner Unter­su­chung «Kunst­lie­der im Volks­mun­de» wei­ter fes­tig­te.

All­ge­gen­wär­tig war zu die­ser Zeit die Unter­schei­dung zwi­schen «ech­ten Volks­lie­dern» – im «Volk» ent­stan­den – und «volks­tüm­li­chen Lie­dern» – also «unech­ten», aus den gebil­de­ten Milieus ent­lehn­ten Lie­dern. Der «Volks­mensch» wur­de beson­ders von Josef Pom­mer (1845–1918) in Öster­reich idea­li­siert als jemand, der mög­lichst wenig schu­li­sche Bil­dung genos­sen hat. Die­se im Wort­sinn reak­tio­nä­ren, anti­mo­der­nen, anti­ur­ba­nen und oft genug anti­se­mi­ti­schen Hal­tun­gen vie­ler Volks­lied­be­geis­ter­ter – jedoch weit weni­ger der inter­na­tio­nal pro­fi­lier­ten Fach­ver­tre­ter – spie­geln sich oft schon in die­sem unre­flek­tier­ten Sprach­ge­brauch. Pom­mers Bestehen auf das schöp­fe­ri­sche Poten­ti­al tra­di­tio­nel­ler schrift­fer­ner Milieus wird oft «Pro­duk­ti­ons­theo­rie» genannt – nicht ganz kor­rekt, da dem Rechts­au­ßen­po­li­ti­ker und Volks­lied­samm­ler Pom­mer wis­sen­schaft­li­ches Den­ken voll­kom­men fremd war. Der wah­re Kern von Pom­mers feld­for­schungs­ge­stütz­ten Über­le­gun­gen besteht dar­in, dass die Ent­ste­hung reich­hal­ti­ger Lied­be­stän­de ohne schrift­li­che Grund­la­ge schon des­halb mög­lich sein muss, da zahl­rei­che Sprach­grup­pen, etwa Fin­nen und Let­ten, bis ins 19. Jahr­hun­dert über kei­ne eige­ne und auch kei­ne lin­gu­is­tisch nah ver­wand­te schrift­li­che Lite­ra­tur ver­füg­ten.

In hügeliger Landschaft steht ein Brunnen, dessen Schindeldach von vier groben Steinsäulen getragen wird.
«Am Brun­nen vor dem Tore, da steht ein Lin­den­baum …», hier im öster­rei­chi­schen St. Johann, 1958 © Wil­ly Prag­her / Lan­des­ar­chiv Baden-Würt­tem­berg

In der deut­schen For­schungs­tra­di­ti­on wird seit Curt Sachs (1881–1959) nur dann von Volks­mu­sik gespro­chen, wenn die­se von einer Musik der sozia­len Eli­ten unter­schie­den wer­den kann – mit der sie sich laut Wal­ter Wio­ra (1906–1997) in einem ste­ti­gen Aus­tausch befin­det. Damit sah auch ein Für­spre­cher des «ech­ten Volks­lieds» die­ses nicht als sta­tisch oder gegen äuße­re Ein­flüs­se immun an.

Ein überladener Begriff? Dem Volkslied neu zuhören

Zol­tán Kodá­ly zeig­te sich 1935 der Debat­ten um den Begriff des Volks­lieds müde: Man sol­le bes­ser unter­su­chen, was die Men­schen auf dem Dorf alles sän­gen. Die­se Aus­wei­tung des Fokus auf die All­tags­kul­tur der Gegen­wart wur­de gleich­zei­tig um eine stär­ke­re Ein­be­zie­hung des städ­ti­schen Raums ergänzt. Es war der Ansatz der theo­re­ti­schen Folk­lo­ris­tik, künst­le­ri­sche Aus­drucks­for­men in Face-to-face-Grup­pen ohne vor­ge­fass­te ästhe­ti­sche oder sons­ti­ge Wert­maß­stä­be zu unter­su­chen. Im Zuge die­ser Neu­ori­en­tie­run­gen geriet auch der Volks­lied­be­griff selbst in die Kri­tik. Gegen Wal­ter Wio­ra ver­warf Ernst Klu­sen (1909–1988) das Volks­lied als Erfin­dung Her­ders und brach­te – nicht son­der­lich erfolg­reich – den sozio­lo­gisch begrün­de­ten Begriff des Grup­pen­lie­des ins Spiel. Nach Ger­lin­de Haid (1943–2012) ist das Volks­lied «nicht viel mehr ist als ein his­to­risch ererb­ter Begriff, den man aus prak­ti­schen Grün­den sein lässt». Er wird also ver­stan­den, hat aber weder kon­zep­tu­ell noch emo­tio­nal son­der­lich viel zu bie­ten. Die Volks­mu­sik­for­schung kann mit dem Para­dox, dass uns das «Volk» als Schlüs­sel­be­griff abhan­den­ge­kom­men ist, ganz gut leben.

Und außerdem? Blasmusik und Gesangsvereine

In der Pra­xis des deutsch­spra­chi­gen Raums fir­miert Volks­mu­sik, zumal wenn es sich um his­to­risch ori­en­tier­te Auf­füh­rungs­pra­xis han­delt, sehr häu­fig als tra­di­tio­nel­le Musik. Typisch für die­se Sze­nen sind die Ori­en­tie­rung an bestimm­ten Regio­nen, Quel­len (Hand­schrif­ten) oder his­to­ri­schen Instru­men­ten und eine inter­na­tio­na­le Ver­net­zung.

In Öster­reich expli­zit kei­ne Volks­mu­sik: eine unga­ri­sche Blas­ka­pel­le, 1977 © Urbán Tamás

In Bay­ern ist mit Volks­mu­sik oft instru­men­ta­le Musik in tra­di­tio­nel­len, klei­ne­ren Beset­zun­gen gemeint. In Öster­reich wird der Begriff der Volks­mu­sik all­tags­sprach­lich manch­mal von dem der Blas­mu­sik unter­schie­den, beson­ders wenn es sich um grö­ße­re Musik­ka­pel­len mit moder­ne­rem, hete­ro­ge­nem Reper­toire han­delt. Ganz ähn­lich wird das Gesang­ver­eins­we­sen oft weni­ger mit dem Begriff der Volks­mu­sik asso­zi­iert. Ein Grund mag sein, dass tra­di­tio­nel­le, schrift­los ver­mit­tel­te Mehr­stim­mig­keit nicht auf Chor­ge­sang beruht, son­dern die Stim­men solis­tisch her­vor­tre­ten und mög­li­che Stimm­grup­pen hete­ro­phon orga­ni­siert sind – man singt neben­ein­an­der her statt im koor­di­nier­ten Ensem­ble, etwa beim Jod­ler der Ost­al­pen, aber auch in zahl­rei­chen Regio­nal­sti­len Süd­eu­ro­pas, des Bal­kans, Ost­eu­ro­pas und des Kau­ka­sus.

Spät, aber wirkungsvoll: das nationale Volkslied

Was die Volks­mu­sik­be­we­gun­gen seit der Früh­ro­man­tik mit dem Chor­ver­eins­we­sen ver­bin­det, ist häu­fig das Ziel, über eine Erneue­rung des Musik­le­bens in die Gesell­schaft hin­ein­zu­wir­ken. Die Stra­te­gien poli­ti­scher oder reli­giö­ser Lied­pu­bli­zis­tik sind bereits aus der Anti­ke bekannt. Die Idee, sich durch die Kul­ti­vie­rung eines beson­de­ren Musik­stils gesell­schafts­po­li­tisch zu posi­tio­nie­ren, ist dage­gen ein neue­res Phä­no­men. Am Anfang dürf­te das ers­te Har­fen­fes­ti­val der iri­schen Natio­nal­be­we­gung in Gran­ard (1781) ste­hen, auf dem Kon­ti­nent folg­te 1805 das Unspun­nen­fest in der Schweiz. Cha­rak­te­ris­tisch ist hier einer­seits eine «abweh­ren­de Bewah­rungs­hal­tung» (Die­ter Ring­li), ander­seits die Nei­gung, Stil und Reper­toire zu stan­dar­di­sie­ren und zu moder­ni­sie­ren. Im deutsch­spra­chi­gen Raum ste­hen die Lie­der­ta­feln, Lie­der­krän­ze und Gesang­ver­ei­ne seit dem frü­hen 19. Jahr­hun­dert für die Eman­zi­pa­ti­on und zuneh­mend auch für die gesamt­ge­sell­schaft­li­che Ver­ant­wor­tung des natio­nal­li­be­ra­len Bür­ger­tums. Kom­po­nis­ten wie Fried­rich Sil­cher (1789–1860) und Anton Rit­ter von Spaun (1790–1849) hat­ten hier­bei poli­tisch auch die euro­päi­sche Per­spek­ti­ve im Blick. In Öster­reich schuf Spaun mit den «Oes­ter­rei­chi­schen Volks­wei­sen» (1845) die ers­te Lied­samm­lung in musik­prak­ti­scher und kul­tur­po­li­ti­scher Absicht. Das «allen Deut­schen» gewid­me­te Werk soll­te im Sin­ne der soge­nann­ten Groß­deut­schen Lösung «alle deut­schen Stäm­me» dazu bewe­gen, «sich inni­ger zu befreun­den».

Ein schillernder Begriff: das Volkslied heute

Im Gegen­satz zu den reak­tio­nä­ren Volks­lie­dideo­lo­gen des spä­ten 19. und des 20. Jahr­hun­derts waren Hans Georg Näge­li (1773–1836) und Sil­cher wie auch tra­di­ti­ons­ori­en­tier­te For­scher in wei­ten Tei­len Euro­pas ent­schie­de­ne Für­spre­cher der Volks­bil­dung und des sozia­len Fort­schritts. Die Idee, den Ver­lust der «guten alten Zeit» rück­gän­gig zu machen, konn­te erst ent­ste­hen, als das Bür­ger­tum die Früch­te des Fort­schritts, die gesamt­ge­sell­schaft­li­che Ver­bes­se­rung der Lebens­ver­hält­nis­se, als gesi­chert ansah. Die Anti­mo­der­ne der Lebens­re­form fand spä­ter ihre Fort­set­zung in den Alter­na­tiv­be­we­gun­gen der alten Bun­des­re­pu­blik mit ihren engen Ver­flech­tun­gen zum «Deutsch-Folk». Die heu­ti­ge his­to­risch ori­en­tier­te Sze­ne, für die etwa das seit 20 Jah­ren bestehen­de Klang­rausch­tref­fen oder das Windros-Fes­ti­val ste­hen, zeich­net sich durch einen unideo­lo­gi­schen Umgang mit der Geschich­te, dafür aber durch eine aus­ge­spro­chen genaue Kennt­nis und krea­ti­ve Umset­zung der Quel­len aus. Und je selbst­ver­ständ­li­cher und inten­si­ver die sozi­al ein­ge­bun­de­ne künst­le­ri­sche Pra­xis funk­tio­niert, des­to weni­ger dring­lich erscheint die Fra­ge, was nun ein Volks­lied ist.

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Ulrich Morgenstern

Prof. Dr. Ulrich Morgenstern lehrt und forscht an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien über Geschichte und Theorie der Volksmusik.

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