Die Welt singt Bach: der BACH – We-are-FAMILY-Chor
Etwa 1200 Zuhörer:innen feiern in der voll besetzten Thomaskirche in Leipzig mit lautem Jubel einen Chor, der sich drei Tage zuvor erstmals zusammengefunden hat, für die gelungene Darbietung einer Bach-Kantate. Das klingt zu schön, um wahr zu sein, ist jedoch genauso am vorletzten Tag des Bachfestes 2026 eingetreten. Der Musikwissenschaftler Michael Maul, seit 2018 Intendant in Leipzig, hat sich zum Ziel gesetzt, das Bachfest einem breiteren Publikum zu öffnen. Eine seiner innovativen Ideen ist der BACH – We-Are-FAMILY-Chor. Eine folgenreiche Erkenntnis markierte 2022 den Start des Projekts. «Es gibt weltweit über 300 Bachchöre. Die habe ich alle nach Leipzig eingeladen – und von 55 eine Zusage erhalten», erinnert sich Maul.
Nach 2022 und 2024 hat sich auch in diesem Jahr ein BACH – We-Are-FAMILY-Chor zusammengefunden, bestehend aus 33 Sopranistinnen, 35 Altistinnen, 18 Tenören und 32 Bässen. Bewerben konnte sich, wer ausreichend Chorerfahrung mitbringt – vorzugsweise mit den Werken Johann Sebastian Bachs. Viele Sänger:innen kommen aus Deutschland, aber auch aus der Schweiz und aus den USA, aus den Niederlanden und Österreich sowie aus Italien und Japan sind Teilnehmer:innen angereist. Bach-Enthusiast:innen aus Argentinien, Australien, Belgien, Kolumbien, Monaco, Südkorea und Frankreich sind ebenfalls dabei. Die Proben und Aufführung werden von einem renommierten und profilierten Dirigenten geleitet, auch die Gesangssolist:innen sind Profis. Für fast alle Teilnehmer:innen ist das Reizvollste aber der Aufführungsort: die Thomaskirche, wo Bach von 1723 bis zu seinem Tod 1750 als Kantor wirkte und zudem wohl seine letzte Ruhestätte gefunden hat.

Die erste Probe ist nicht nur für die 118 Bach-Begeisterten, sondern auch für den Dirigenten Rudolf Lutz ein spannender Termin. Lutz ist für ein zunächst größenwahnsinnig klingendes, mittlerweile aber weltweit bewundertes Projekt in diesem Jahr mit der Bach-Medaille der Stadt Leipzig ausgezeichnet worden: In einer kleinen Schweizer Dorfkirche führt er mit eigenen Ensembles in monatlichen Konzerten das gesamte Vokalwerk Bachs auf. «Ich hatte zuvor eine Wette abgeschlossen, dass sicher viele nicht ausreichend vorbereitet sind», erzählt er schmunzelnd. «Die habe ich verloren! Ich war sehr positiv überrascht!» Am zweiten Probentag ist der Dirigent weit vor der angesetzten Zeit schon da, um für etwaige Fragen seiner Sänger:innen zur Verfügung zu stehen. Das wird gerne genutzt. Auch die Teilnehmer:innen sind untereinander in Gespräche vertieft. «Ich bin sehr beglückt über unsere Probe gestern», hebt Rudolf Lutz an. «Wir auch!», schallt es ihm vielfach aus dem Chor entgegen. Schon beim Einsingen zeigt sich, dass Lutz erfahrene Chorist:innen vor sich hat: Seine Anweisungen werden umgehend umgesetzt. Er redet Deutsch und Englisch in stetem Wechsel, singt vieles vor, stimmt zur Auflockerung auch mal «I could have danced tonight» an, in das der Chor sofort beschwingt einfällt. Obwohl die Kantate «Ich hatte viel Bekümmernis» durchaus ihre Tücken hat, ist die Arbeitsatmosphäre entspannt, gleichwohl voll konzentriert. Lutz flicht immer wieder Lob ein, um dann gezielt weiter am Detail zu feilen. Niemand Außenstehendes würde vermuten, dass es sich hier um ein Ad-hoc-Ensemble handelt, das sich aus 118 Individuen eben erst zusammensetzt.
Um genau diesen Austausch ist es Intendant Maul zu tun: «Erstmals in der Geschichte des Bachfestes hat die globale Bach-Community ein Herzstück des Programms mitgestaltet und in einer Online-Abstimmung die beliebtesten Bach-Kantaten gewählt. In zwölf Konzerten werden die Top 50 nun präsentiert», erzählt er. «Solche partizipativen Aufführungselemente stärken die emotionale Bindung zu allem, was wir beim Leipziger Bachfest machen, und verdeutlichen die Aktualität und Lebendigkeit, die Barockmusik haben kann. Und die Wiederauflage des We-Are-FAMILY-Chores bietet begeisterten Laienchorsänger:innen aus aller Welt die Chance, einmal selbst in der Thomaskirche aufzutreten.» An seiner Seite hat der Chor das ebenfalls aus Laien zusammengesetzte Lufthansa-Orchester, erklärt Michael Maul: «Da spielen dann die Damen und Herren, die sonst dafür zuständig sind, dass die Bach-Fans von überall her zu uns nach Leipzig kommen!» Auf das Orchester kommt auch Lutz in der Chorprobe zu sprechen und erklärt, es spiele sonst Sinfonien von Beethoven oder Bruckner, aber keinen Bach. «Sie arbeiten rein instrumental, das vokale Musizieren müssen sie noch lernen.» Dafür hat Lutz noch genau eine Probe Zeit. Nach dem ergreifend dargebotenen Schlusschoral lobt er: «Eine schöne Arbeit mit einem tollen Chor! We’ve gotten to a next level!»

Samstagnachmittag, 15 Uhr: Zeit für die Motette, die traditionell der Thomanerchor gestaltet, in Schulferien oder beim Bachfest dürfen auch andere Chöre auf die Empore der Thomaskirche. Dort herrscht große Enge, aber allerbeste Stimmung. Lutz nutzt die Zeit, um aufmunternde Blicke in den Chor zu schicken und dem Orchester letzte Tipps zu geben. Dann kommt Michael Maul auf die Empore: «Ich drücke alle Daumen!», ruft er. Mit der Sinfonia eröffnet das Orchester die Kantate mit warmem Ton und schöner Phrasierung. Ausdrucksvoll setzt der Chor ein: «Ich hatte viel Bekümmernis…» Auch im Folgenden überzeugt der hellwache und engagierte Chor bis hin zum Schlusschoral mit überwältigendem Einsatz und einem voller Emphase dargebotenen »Alleluja». Der Lohn nach drei Tagen Arbeit ist: lauter Jubel.
Zum Thema
Die Filmemacherin Anna Schmidt hat den Weg zum ersten BACH – We-are-FAMILY-Chor begleitet. Für ihren Film «Living Bach» (Deutschland 2023, 114 Minuten, Vertrieb: Weltkino / EuroArts) hat sie Menschen auf der ganzen Welt besucht, in deren Leben die Musik Johann Sebastian Bachs eine wichtige Rolle spielt.
Mehr Informationen zum Film und einen Trailer auf Englisch findet man auf der Website der Filmproduktion schmidtFilm.