Es leben wohl manche schon seit Jahrzehnten unter uns, die in anderen Ländern bekannter sind als hierzulande. Wie es die ungarische Chorleiterin – und nun auch Komponistin – Agnes Královszki-Kauer über dramatische Umwege letztlich in die Braunschweiger Gegend verschlug, welche Spuren sie wo hinterließ und warum sie in Kuba als Großmeisterin der Chorleitungsausbildung gefeiert wird, soll hier anlässlich ihres 80. Geburtstags skizziert werden.
Schon bevor sie in eine ungarische Musikerfamilie hineingeboren wurde, erfuhr sie einen schweren Schlag: Eine Bombe traf das Elternhaus und löste bei ihrer Mutter die Wehen aus. Harte Schicksalsschläge sollten ihr Leben bis ins Alter prägen. Das musikalische Talent wurde indes früh erkannt und gefördert. Ab ihrem zehnten Lebensjahr bedeutete das Schulaufenthalte fern der Heimat und später die Versetzung in ein Musikinternat, lange Zeit mit dem Ziel, Konzertpianistin zu werden. Nach dem Konservatorium und mehreren ersten Preisen bei Wettbewerben wechselte sie jedoch an der Budapester Musikhochschule zur Chorleitung. Musikalisch fühlt sich Agnes Královszki-Kauer stark von Bartók und Kodály beeinflusst, deren Musik in Ungarn seinerzeit noch stärker im Alltag präsent war, als dies hierzulande Komponist: innen ähnlicher Jahrgänge gelang.
Musikalisch, menschlich, neugierig
Nach ihrem ausgezeichneten Abschluss brachte eine erste Ehe sie nach Kuba; elf Jahre später sollte sie eine gescheiterte Beziehung wieder auf abenteuerlichen Wegen zurück nach Ungarn führen. Mit gleichem Ehrgeiz wie in der Musik eignete sie sich in Kuba das Spanische so weit an, dass sie später für die kubanische Botschaft in Budapest als geprüfte Simultandolmetscherin tätig war, aber das nur nebenbei. Nachzulesen sind die Details in ihrer vor fast zehn Jahren erschienenen Autobiografie «Musik – Sehnsucht und Erfüllung», in der – wie so oft bei Künstlern – das Berufliche immer als private Erfahrung ins Licht tritt und kaum vom Familiären zu trennen ist.
Mehr noch als das perfekte Ergebnis im Konzert lag Agnes Královszki-Kauer die Entwicklung eines Chors auf dem Weg dorthin am Herzen. Was kann man aus diesen Menschen machen? Wie weit können wir zusammenkommen?
Mit Castro verhandelte sie über Chorleiterausbildung
Geprägt von der Armut im Nachkriegsungarn verschlug es sie also Ende der Sechzigerjahre auf ein Kuba, das mit noch viel größerem Mangel zu kämpfen hatte. Dort wirkte sie als Dozentin für Chorleitung, Gesang und Kammermusik, leitete zu Staatsfeiertagen Massenchöre und besprach mit Castro, was ihr noch so alles fehlte, um die Chorleitungsausbildung im Land aufzubauen.
Anlässlich des 50. Jubiläums ihrer ersten Dozentur an der Escuela Nacional de Arte (ENA) in Havanna, dem heutigen Instituto Superior de Arte (ISA), lud das kubanische Ministerio de Cultura sie im Jahr 2018 zu einem Festkonzert mit Chören ihrer ehemaligen Student:innen ein, darunter zahlreiche Preisträger:innen internationaler Wettbewerbe wie Zenaida Castro Romeu, eine der bekanntesten Orchesterdirigentinnen Lateinamerikas. Und man bewarb sie auf dem Konzertplakat ganz ungeniert als «Maestra de Maestros».
Auf dem Konzertplakat bewarb man sie ganz ungeniert als «Maestra de Maestros».
Ihr Brennen für die Chormusik
Eine auf Kuba «weltberühmte» Ungarin vermutet man eher nicht in Ostfalen. Nach der fluchtähnlichen Rückkehr nach Ungarn war es nun wieder die Liebe, die sie abermals das Land wechseln ließ. 1985 ging es nach Braunschweig, von wo aus sie weiterhin weltweit in spanischsprachige Länder zu Dozenturen eingeladen wurde, an einem Privatgymnasium Musik unterrichtete und – natürlich – Chöre gründete.
Sie werden es geahnt haben: Ich kann dieses Porträt nicht ganz distanziert schreiben, denn ich bin einer dieser Schüler und Chorsänger und habe sie in all diesen Situationen erlebt – in Probe, Konzert, Musik- und Dirigierunterricht. Und seitdem konnte ich dreißig Jahre lang Absolvent:innen wie auch stilbildende Größen ganz anderer, unterschiedlichster Chorleitungsschulen erleben und Vergleiche anstellen. Manche davon mögen Agnes Královszki-Kauers Methoden unter «Alte Schule» einsortieren, doch greifen sie damit zu kurz. Zum einen ist sie in ihrem Anspruch im besten Sinne altmodisch, zum anderen erreicht sie auf ihre Weise – und vor allem auf Grundlage von Kodálys Solmisationstechnik – mit Laienensembles in einer Geschwindigkeit Intonationsfortschritte, bei der andere kapitulieren würden.
So taucht ihr Name zwar nicht gehäuft in den Tonträgerkatalogen auf. Doch hat sie tiefe Spuren bei all jenen hinterlassen, die das Feuer fühlen konnten, mit dem sie für Musik brennt, und die unter ihrer Leitung erleben durften, wie sie in nur wenigen Wochen und Monaten aus Menschen, die sich als völlig unmusikalisch bezeichnen, sauber mehrstimmig vom Blatt singende Gruppen entstehen ließ.
Sie hinterließ tiefe Spuren bei all jenen, die das Feuer fühlen konnten, mit dem sie für Musik brennt.
«Nicht schwankend, nicht zerbrechend, geh, geh, geh!»
Kurz vor dem schulischen Ruhestand dann ein weiterer Schlag: Beim ältesten Sohn wird Magenkrebs diagnostiziert. Gleichzeitig erkrankt sie selbst schwer und muss sich nach wochenlangem künstlichem Koma, nach Lähmung und langer Reha mühsam ins Leben zurückkämpfen. Der Sohn verliert währenddessen den Kampf gegen den Krebs; ans Chorleiten ist vorerst nicht zu denken.
Während der Coronazeit fand Agnes Královszki-Kauer schließlich zum Komponieren. Zwar hat sie Komposition nicht explizit studiert, profitiert aber von ihrem enormen Erfahrungsschatz, was sich wie singen und gut einstudieren lässt. So entstanden zunächst kürzere Stücke für wenige Stimmen, vor allem für Frauenchor.
So deutliche Worte sie beim Proben findet, so sehr belässt sie es in ihren Kompositionen oft beim Andeuten. Stilistisch knüpft sie an das an, was sie in ihren prägenden Jahren in Ungarn umgab, wo sie Zoltán Kodály noch persönlich erlebte: Impressionismus, authentische Folklore, Spätromantik.
Anspruchsvoll, aber immer singbar
Die von ihr in Musik gesetzten deutschen Texte spannen den Bogen von Goethe-Gedichten, den Romantikern und Wilhelm Busch bis zu lebenden Autoren, zum Beispiel zu gesellschaftskritischen Texten von Thorsten Stelzner. Englisches findet sich von E. E. Cummings. Auf Latein hat sie eine sehr zugängliche Magnificat-Vertonung vorgelegt. Wie beredt ein Chorstück allerdings auch ohne Text gelingen kann, zeigen ihre «Vocalisen». Der Ausdruck ergibt sich ganz durch Bögen und Schichtungen. Die Wege, die dabei die Stimmen nehmen, und die Klänge, zu denen sie zusammenfinden, mögen auf nicht so blattsingfeste Stimmen erstmal einen herausfordernden Eindruck machen, ist doch harmonisch keineswegs alles immer klar, selbst wenn man spätromantische Maßstäbe anlegt. Reizend eigentümliche Skalen, unentschiedene oder unaufgelöste Spannungen – vieles will in der Schwebe bleiben, was wiederum bei den Stücken mit Text dessen Auslegung erfreulich wenig festklopft.
Diese so anspruchsvoll wirkende Musik richtet sich zwar tatsächlich erstmal an Ensembles, die sich das ohnehin zutrauen. Doch spielt Agnes Královszki-Kauer hier ihre Erfahrung im Anleiten von Laienensembles voll aus, stellt keinerlei Fallen oder Hindernisse, richtet alle Linien so ein, dass sich in den Proben schnell Erfolgserlebnisse erzielen lassen. Mit etwas Zuwendung seitens der Chorleitung können auch solche Chöre ihre Stücke meistern, die sich dies erstmal nicht zutrauen würden. Umfängliche Einspielungen liegen allerdings noch nicht vor. In der Edition Ferrimontana sind die Werke verlegt.