Chöre im Film: Von Hollywood bis Netflix

Autor:in

Jens Berger

Ausgabe

N° 125 | Juli 2025

Nicht nur Kon­zer­te, Flash­mobs oder Inter­net­auf­trit­te prä­gen das öffent­li­che Bild von Chö­ren und Chor­ge­sang. Auch in erzäh­le­ri­schen Kino­fil­men, Net­flix-Seri­en oder Fern­seh­pro­duk­tio­nen spielt Chor­mu­sik eine wich­ti­ge Rol­le. 

Dabei nut­zen und prä­gen die­se Fil­me auf eige­ne Wei­se bestimm­te Moti­ve und Ste­reo­ty­pe von Pro­ben­ar­beit und Chor­mu­sik. Sie ent­wi­ckeln gar eine Eigen­dy­na­mik: So haben Fil­me mit Chor­ge­sang unse­re Chor­land­schaft in den letz­ten drei­ßig Jah­ren spür­bar ver­än­dert, indem sie zum Bei­spiel Gos­pel­chö­ren enor­men Zulauf brach­ten. Zeit für einen Blick in die Wirk­me­cha­nis­men von Chor­film­dra­ma­tur­gie und die Annah­men, die dahin­ter­ste­cken. 

Chormusik im Film: Fantasy und Feelgoodmovies

Spä­tes­tens mit monu­men­ta­len Chö­ren in Fan­ta­sy­fil­men erfuhr Chor­mu­sik im Film eine Renais­sance. Dabei bil­den Chö­re in Fil­men nicht nur den klang­li­chen Hin­ter­grund, son­dern spie­len immer wie­der, zuletzt gehäuft, eine zen­tra­le Rol­le. Was bringt das dem Film? Was sagt das über Chö­re und Chor­ge­sang aus? Und viel­leicht sogar über unse­re Gesell­schaft? Um es vor­weg­zu­neh­men: Die Musik selbst bleibt oft Neben­sa­che. 

Was macht Chö­re und Chor­sin­gen so inter­es­sant für Fil­me? Ist es die beson­de­re Gemein­schafts­dy­na­mik? Die Abga­be der eige­nen Stim­me und Hin­ga­be an eine cha­ris­ma­ti­sche Lei­tung? Gar ein gewis­ses Etwas, das nur in Chor­mu­sik klingt? Oder dient Chor­ge­sang viel­leicht als Para­bel für die Uto­pie einer bes­se­ren Gesell­schaft, eines rei­ne­ren Tones zwi­schen den Men­schen? Hier der Ver­such einer Annä­he­rung. 

Chormusik im Film: Ein Chor ist ein dynamischer Ort

Auf die­se hoch­zie­len­den Fra­gen fin­den sich in der Pra­xis zunächst bana­le­re Ant­wor­ten. Fil­me, in denen Chö­re zen­tral auf­tau­chen, gibt es schließ­lich vie­le. Das allein macht einen Film noch nicht zu einem «Chor­film». 

Chö­re die­nen ger­ne als dra­ma­tur­gi­scher Kniff, eine kom­ple­xe Geschich­te zu erzäh­len, die sich nicht im Kern um das Chor­sin­gen dreht. Viel­mehr bie­ten sie – mit dyna­mi­schen Bezie­hun­gen, Abhän­gig­kei­ten, Macht­struk­tu­ren und Inter­es­sens­kon­flik­ten – den Figu­ren Hand­lungs­po­ten­zi­al. Eini­ge wol­len sich gegen ande­re durch­set­zen (Wer singt das ris­kan­te Solo?), man­che gehen in der Team­play­er­rol­le auf, ande­re for­dern Auto­ri­tä­ten her­aus. 

Sol­che Fil­me – die einen Chor als Hand­lungs­rah­men nut­zen – wid­men sich ger­ne  «musik­na­hen» The­men wie Selbst­fin­dung und Roman­tik. So jüngst der Film «Litt­le Trou­ble Girls», der vom Erkun­den der eige­nen Vor­lie­ben erzählt. Hier ist der Chor eher Set­ting, Gesche­hens­ort denn dra­ma­tur­gi­sches, han­deln­des Ele­ment mit eige­nen, uner­setz­ba­ren Qua­li­tä­ten. Ähn­li­ches gilt für Kri­mis, für die ein Chor ein kom­ple­xes Bezie­hungs­netz anbie­tet, das es für die Auf­klä­rung zu ent­flech­ten gilt. Könn­te halt auch eine Vol­ley­ball­mann­schaft sein. 

Wenn der Chor im Film tat­säch­lich singt, führt das die Hand­lung viel­leicht nicht vor­an, aber mit den gesun­ge­nen Stü­cken wird ger­ne ein Zen­tral­mo­tiv des Films über­haupt – Ver­lust, Kampf, Lie­be et cete­ra – illus­triert, wenn auch nicht musi­ka­lisch aus­er­zählt. 

Chorfilme: Sinnbilder für gemeinsames Erleben

So sind Chor­fil­me erzäh­le­risch vie­len Sport­fil­men ver­wandt. Ein Indi­vi­du­um oder ein gan­zes Team in Kri­se fin­det in einer Gemein­schaft mit Zweck – Chor­auf­tritt, Tur­nier – neu­en Sinn. Die beson­de­re Stär­ke des Teams kann sich nach zwi­schen­zeit­li­chem Tief im drit­ten Akt oft erst durch das Cha­ris­ma einer Füh­rungs­per­sön­lich­keit voll ent­fal­ten. Mit ande­ren an einem Strang zu zie­hen, stärkt Per­spek­ti­ve und Halt. Dar­um dre­hen sich sol­che Chor­fil­me auch sel­ten um Pro­fi­ch­ö­re. Wer mit allen Was­sern gewa­schen ist, lässt Kri­sen nicht auf­kom­men oder bewäl­tigt sie abge­brüht. Wer aber als Laie noch Poten­zi­al für Per­sön­lich­keits­stär­kung hat, kann die­se im Chor­kol­lek­tiv erfah­ren. Ein Haken an der Sache: Mit Cha­ris­ma geht mit­un­ter der Miss­brauch des­sel­ben ein­her. 

Dies wird inter­es­san­ter­wei­se eher in Orches­ter- oder Big-Band-Fil­men por­trä­tiert, zum Bei­spiel in «Whip­lash» (2014). Ein Chor­film hin­ge­gen erzählt vom Mit­tel dage­gen: Im Fern­seh­film «Die Spät­zün­der» (2010) weh­ren sich Senior:innen gegen eine reso­lu­te Heim­lei­tung und fin­den die Kraft dazu im Chor. Chor­sin­gen ist hier gleich­be­deu­tend mit «in der Grup­pe aktiv sein» und damit ein Mit­tel gegen pas­si­ve Ver­ein­ze­lung. Der Doku­men­tar­film «Young@Heart» (2007) über einen Senior:innenchor aus Nort­hamp­ton in Mas­sa­chu­setts belegt dies am quick­le­ben­di­gen Bei­spiel. Nicht nur bei den Doku­men­ta­tio­nen ste­hen Senior:innenchöre hoch im Kurs, ver­mit­teln Hoff­nung auf einen rockig-gol­de­nen Herbst, son­dern auch in Spiel­fil­men wie dem herz­er­wär­men­den «Song for Mari­on» von 2012. 

Chormusik im Film: Balsam für die Seele

Filmemacher:innen schei­nen dabei ger­ne auf den Gemein­platz zurück­zu­grei­fen, dass – wenn man mal ehr­lich ist – Bach­kan­ta­ten ja eigent­lich voll öde sind und authen­ti­sche Freu­de an der Musik erst mit schmis­si­gen Pop­song-Arran­ge­ments – oder gar mit Punk! – zu errei­chen sei. Man müs­se nur aus sei­ner Ver­klem­mung her­aus­fin­den. Ein ver­ständ­li­cher Irr­tum, gewiss. In die­sem Fall wird Musik auf ein dra­ma­tur­gi­sches Werk­zeug zur Cha­rak­ter­be­frei­ung beschränkt. 

Spä­tes­tens seit «Sis­ter Act» schwenk­te der Fokus von der Wir­kung der Chor­mu­sik für die Hören­den auf das Sin­g­er­leb­nis der Aus­füh­ren­den. Denn beim Chor­sin­gen zäh­len Neben­wir­kun­gen. Chor­ge­sang hat Ein­fluss auf die Gesell­schaft um den Chor her­um, ver­mit­telt Bin­dun­gen weit über die Pro­ben- und Kon­zert­ar­beit hin­aus. Chor­sin­gen tut Kör­per, See­le und Gemein­schaft gut, berührt, ver­än­dert zum Bes­se­ren. 

Ent­spre­chend gro­ßen Anklang fan­den im Jahr 2004 gleich zwei Chor­fil­me. Der eine, «Oh Hap­py Day», beleuch­tet die­se Kraft der Ver­än­de­rung für eine ein­zel­ne Per­son, hier die Chor­lei­te­rin; der ande­re, «Wie im Him­mel» («Så som i him­melen»), zeigt an einem schwe­di­schen Dorf­chor jenes beson­de­re Etwas, womit Lei­tungs­per­sön­lich­kei­ten Men­schen nach­hal­tig prä­gen kön­nen. In sei­ne Hei­mat zurück­ge­kehrt, bringt der neue Chor­lei­ter den ein­ge­fah­re­nen All­tag in kathar­ti­sche Unord­nung und lässt die Mit­sin­gen­den erken­nen, was ihnen wirk­lich wich­tig ist. Dass so etwas beson­ders nach­hal­tig gelin­gen kann, wenn es päd­ago­gisch früh geschieht, beton­te eben­falls 2004 der fran­zö­si­sche Spiel­film «Die Kin­der des Mon­sieur Mathieu» ( «Les Cho­ris­tes»). 

Eine Gruppe von Menschen sitzt in einem gemütlich eingerichteten Raum auf Stühlen in einer Reihe. Ein Mann steht vor ihnen und spricht gestikulierend zu der Gruppe. Im Hintergrund sind eine Küche, ein Fenster mit Vorhängen, Kerzen und ein Bild an der Wand zu sehen. Die Atmosphäre wirkt warm und familiär.
Sze­ne aus «Wie im Him­mel» ©Vega Film — STUDIOCANAL 2004

Der Chor als uto­pi­scher Ort, an dem Men­schen in all ihrer Unter­schied­lich­keit bes­ser zusam­men­fin­den kön­nen? Das viel­leicht nicht, aber immer­hin als Ort, an dem Lösungs­me­cha­nis­men erprobt wer­den. Wer lernt, wie man einen Klang gut auf­baut, wie man den rich­ti­gen Ein­satz fin­det, wie man unter­schied­li­che Stim­men inte­griert und die Kraft bis zum Schluss­cre­scen­do ein­teilt, kann das auch im ech­ten Leben nut­zen. 

Chorfilme haben noch viel Luft nach oben

Auch wenn die Zahl der Chor­fil­me schon weit im drei­stel­li­gen Bereich liegt, bleibt vie­les, was Chor­ar­beit und ‑gesang aus­macht, unter­re­prä­sen­tiert. Chö­re mit «schwie­ri­ger» Musik (Avant­gar­de, Zwölf- oder ander­wei­ti­ge Neu­tö­ner) sucht man ver­ge­bens. Lai­en-Kon­zert­chö­re mit ora­to­ri­schen oder anspruchs­vol­len A‑cap­pel­la-Pro­gram­men blei­ben ver­hält­nis­mä­ßig rar. Für Chor­fil­me, die auch musi­ka­lisch in die Tie­fe gehen, steht das Feld also noch offen – zum Bei­spiel für sol­che, die sich mit den Wun­dern guten Diri­gats beschäf­ti­gen. Fil­me über wah­re oder fik­ti­ve Orchesterdirigent:innen gibt es im Ver­gleich ja bereits in Fül­le. 

Die Chor­mu­sik selbst ist im Film zu oft auf eine Würz­zu­tat im Dreh­buch-Rezept beschränkt. So blei­ben in Chor­fil­men vie­le Fra­gen noch uner­forscht, zum Bei­spiel: «Wie­so trifft der­sel­be Chor mit dem­sel­ben Pro­gramm und glei­cher Begeis­te­rung bei ver­schie­de­nem Publi­kum auf unter­schied­li­che Reso­nanz?» 

So könnte es mit Chören im Film weitergehen — ein Ausblick

Ver­mit­teln Chor­fil­me häu­fig zwi­schen unter­schied­li­chen Men­schen und Grup­pen, so tun sie es kaum über Epo­chen hin­weg: Chor­fil­me sind nur sel­ten His­to­ri­en­fil­me. Und wenn, dann geht es um eine his­to­ri­sche Figur, wie zuletzt im Fern­seh­film «Bach – ein Weih­nachts­wun­der», in dem den alten Kan­tor mehr Haus­halts- denn Stimm­füh­rungs­pro­ble­me plag­ten. 

Hier ein paar Ideen: Wie wäre es mit einem Chor­film, der die enor­me Befrie­di­gung in der kon­zen­trier­ten, ger­ne sogar zähen Detail­ar­beit zeigt? Oder mal ein Chor­film aus Publi­kums­per­spek­ti­ve! Oder aus der jener Mit­rei­sen­den bei einer Kon­zert­tour­nee, die nicht mit­sin­gen kön­nen – und es dann im Abschluss­kon­zert natür­lich doch dür­fen? Von der Büh­nen­tech­ni­ke­rin, die sich mit immer wie­der neu­en Wün­schen für den Podest­auf­bau pla­gen muss? Vom Noten­wart, der in der Kri­se als heim­li­che graue Emi­nenz die Geheim­nis­se der Musik und ihrer best­mög­li­chen Ver­mitt­lung preis­gibt? 

Wer meint, dass für die­se Fil­me das Publi­kum feh­le und man mit «leich­te­ren» Gen­res viel mehr Men­schen erreicht, hat viel­leicht recht – aber so klein ist die Nische nicht. Das Publi­kum für klas­si­sche Kon­zer­te und Bun­des­li­ga­spie­le ist über­ra­schen­der­wei­se gleich groß; die Men­ge an jähr­lich ver­kauf­ten Tickets hält sich die Waa­ge. 

Zur Ver­tie­fung über Chor­mu­sik im Film

Alle, die sich ein­ge­hen­der mit die­sem The­ma beschäf­ti­gen möch­ten, kom­men nicht an der 2014 erschie­ne­nen Pro­mo­ti­ons­schrift «Chö­re im Spiel­film» von Susan­ne Maas vor­bei, die auf 541 Sei­ten gesell­schaft­lich wei­te Bögen durch das The­ma schlägt, ana­ly­tisch in die Tie­fe geht und dabei auch für Fach­frem­de immer erfreu­lich les­bar bleibt. Hier fin­det sich nicht nur eine umfas­sen­de Lis­te aller Chor­fil­me (bis 2014), son­dern auch so man­che anre­gen­de Erkennt­nis. Zum Bei­spiel auf Sei­te 463: «Bil­dung durch Chor­sin­gen im Spiel­film ist nicht in ers­ter Linie musi­ka­li­sche Bil­dung, son­dern Men­schen­bil­dung und Per­sön­lich­keits­fin­dung, häu­fig mit the­ra­peu­ti­scher Wir­kung.» 

Portrait von Jens Berger

Autor:in

Jens Berger

Der Autor ist Verfasser des Buchs «111 Gründe, Klassische Musik zu lieben». Er arbeitete als Musikdramaturg für Festivals, Orchester und Chöre und lebt als Redakteur und Autor in München. Dort schreibt er über Klassische Musik und Wissenschaftsthemen und singt Tenor im Chor.

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