Wenig, versteckt und kurz: Diese Alben zeigen Größe im Kleinen

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Chorzeit Online

Händel minimal – ein «Messiah» für die kleine Kammer

HÄNDEL. MESSIAH

Georg Fried­rich Hän­del: Mes­siah

Hila­ry Cro­nin, Sopran

Helen Charls­ton, Alt

Alex­an­der Chan­ce, Alt

Nathan Mer­cie­ca, Alt

Guy Cut­ting, Tenor

Fre­de­rick Long, Bass

Edward Grint, Bass

Irish Baro­que Orches­tra

Irish Baro­que Choir

(Peter Whel­an)

Linn/Outhere (2 CD) • Spiel­dau­er 2:08:26

100, 200, 500 Mit­wir­ken­de: Wer bie­tet mehr? Auf­füh­run­gen von Georg Fried­rich Hän­dels Ora­to­ri­um «Mes­siah» sind seit des Meis­ters Tod mehr und mehr zu pom­pö­sen Groß­ereig­nis­sen auf der Insel und rund um den Glo­bus gewor­den. Doch waren die ers­ten Auf­füh­run­gen viel klei­ner besetzt. Sech­zehn Kna­ben­stim­men und sech­zehn Män­ner­stim­men bestrit­ten zusam­men mit einem klei­nen Orches­ter die legen­dä­re Urauf­füh­rung am 13. April 1742 in Dub­lin.

Und hier setzt die­se Ein­spie­lung an, die sich als die ers­te iri­sche mit his­to­ri­schen Instru­men­ten bezeich­net. Gan­ze drei­zehn Sänger:innen sind tätig – die Vokalsolist:innen ein­ge­schlos­sen, die auch die cho­ri­schen Par­tien mit­sin­gen! Das Orches­ter besteht aus nur sieb­zehn Musiker:innen. Georg Bern­hard Shaw jeden­falls wäre glück­lich, frag­te er doch, war­um nie­mand eine wohl ein­stu­dier­te Auf­füh­rung des «Mes­siah» mit nur zwan­zig Stim­men anset­ze: «Most of us would be glad to hear the work serious­ly per­for­med once befo­re we die.»

In der Tat ist die­se Inter­pre­ta­ti­on «serious­ly per­for­med», manch­mal aller­dings «too serious­ly». Viel­leicht hat man zu vie­le star­ke Kan­to­rei­en oder gro­ße Pro­fi­ch­ö­re in Erin­ne­rung, jeden­falls klingt das Gan­ze zu durch­sich­tig, auch wenn die drei­zehn alles geben, um Volu­men zu erzeu­gen. Die brei­ten Flä­chen, das angel­säch­si­sche Pathos, die üppi­gen Stei­ge­run­gen feh­len doch arg. Auch ist, was die Solist:innen bie­ten, nicht immer opti­mal. Man kann das natür­lich auch anders sehen: Der Rezen­sent plä­diert bei Hän­dels Welt­hit jeden­falls für «unhis­to­ri­sche Auf­füh­rungs­pra­xis»!

Johan­nes Mundry ist seit mehr als 30 Jah­ren für die Pres­se­ar­beit im Bären­rei­ter-Ver­lag ver­ant­wort­lich. Er singt in einem katho­li­schen Kam­mer­chor und schreibt seit Jahr­zehn­ten Musik­kri­ti­ken und Rezen­sio­nen für die Regio­nal­zei­tung und diver­se Musik­zeit­schrif­ten.

Kleine und große Meisterwerke mit Chor und Orchester der Opéra Royal aus Versailles

GABRIEL FAURÉ. REQUIEM

Gabri­el Fau­ré: Requi­em & Wer­ke von Ros­si­ni, Brahms, Schu­bert und Rhein­ber­ger

Isau­re Brun­ner, Sopran

Jean-Gabri­el Saint-Mar­tin, Bari­ton

Chœur de l’Opera Roy­al

Orchest­re de l’Opera Roy­al

(Vic­tor Jacob)

Châ­teau de Ver­sailles Spec­ta­cles (Naxos) • Spiel­dau­er 1:08:15

Zu den ergrei­fends­ten Ver­to­nun­gen der latei­ni­schen Toten­mes­se zählt Gabri­el Fau­rés Meis­ter­werk op. 48. Dar­auf setzt Châ­teau de Ver­sailles Spec­ta­cles, das haus­ei­ge­ne Label des Ver­sailler Schlos­ses, bei der Mit­te Janu­ar erschie­ne­nen CD «Gabri­el Fau­ré. Requi­em». Den­noch bleibt schwer nach­voll­zieh­bar, war­um die ande­ren Wer­ke auf die­sem Album, die mehr als die Hälf­te der Spiel­zeit aus­ma­chen, erst auf der Rück­sei­te im Klein­ge­druck­ten zu fin­den sind.

Den Pro­gram­mein­stieg lie­fert eines der «Morceaux réser­vés» von Gioa­chi­no Ros­si­ni: der von fah­lem Trom­mel­schlag geführ­te Trau­er­ge­sang auf den Tod eines Kol­le­gen: «Quel­ques mesu­res de chant funèb­re à mon pau­vre ami Mey­er­beer». Es fol­gen Franz Schu­berts fili­gra­ner «Gesang der Geis­ter über den Was­sern» D 714, Brahms’ «Vier Gesän­ge» für Frau­en­chor, zwei Hör­ner und Har­fe op. 17, zudem Josef Gabri­el Rhein­ber­gers spät­ro­man­tisch aus­la­den­des «Abend­lied» op. 69/3. Die CD schließt mit dem schlich­ten «Can­tique de Jean Raci­ne», Fau­rés Opus 11 – eine abso­lut hörens­wer­te Kom­bi­na­ti­on bekann­te­rer und kaum bekann­ter Stü­cke, wobei welt­li­che neben geist­li­chen Inhal­ten ste­hen.

Fau­ré begann 1887 an sei­nem Requi­em zu kom­po­nie­ren. Vic­tor Jacob diri­giert die ers­te voll­stän­di­ge, 1893 erschie­ne­ne Aus­ga­be und erzeugt hohe Inten­si­tät. Alle Inter­pre­ta­tio­nen die­ser CD ver­bin­det eine war­me, getra­ge­ne, wei­he­vol­le Atmo­sphä­re. Vokal- und Instru­men­tal­stim­men ver­mit­teln sich direkt. Oft aber wirkt das Klang­bild zu auf­ge­raut. Män­ner­stim­men las­sen hier und da Prä­zi­si­on ver­mis­sen – dage­gen bril­lie­ren die Chor­damen der König­li­chen Oper.

Kars­ten Blüth­gen stu­dier­te Akus­tik und Musik­wis­sen­schaft. Er lebt in der Lau­sitz und schreibt Geschich­ten, Por­träts und Musik­kri­ti­ken für ver­schie­de­ne Tages­zei­tun­gen und Fach­zeit­schrif­ten, seit ihrer Grün­dung auch für die Chor­zeit.

Bach: Zwei Kantaten und eine Suite mit dem Violoncello piccolo

BACH. MEIN GEIST

Johann Sebas­ti­an Bach: Kan­ta­te «Mache dich, mein Geist, bereit» BWV 115, Suite für Vio­lon­cel­lo solo BWV 1012, Kan­ta­te «Ich bin ein guter Hirt» BWV 85

Le Ban­quet Céles­te

Alpha • Spiel­dau­er 1:10:30

Die­se Ein­spie­lung prä­sen­tiert Wer­ke Johann Sebas­ti­an Bachs unter einem ganz beson­de­ren Blick­win­kel. Hier geht es – zunächst jeden­falls – weni­ger um voka­le denn viel­mehr um instru­men­ta­le Fra­gen. Im Zen­trum steht das Vio­lon­cel­lo pic­co­lo, ein fünf­sai­ti­ges Cel­lo mit Extra-Sai­te im Dis­kant, das nicht zuletzt Bach sehr geschätzt hat. Des­halb hat das Ensem­ble Le Ban­quet Céles­te auch zwei sei­ner Kan­ta­ten aus­ge­sucht, in denen die­ser instru­men­ta­le Son­der­fall ver­wen­det wird. Dazwi­schen gibt es mit der sechs­ten Solo-Suite für Cel­lo BWV 1012 ein Werk zu hören, das expli­zit für das Vio­lon­cel­lo pic­co­lo mit sei­nen beson­de­ren klang­li­chen Mög­lich­kei­ten gedacht ist. Die wer­den von Juli­en Bar­re auch ful­mi­nant aus­ge­schöpft. Mit gro­ßer, aber nicht über­di­men­sio­nier­ter Ges­te etwa spielt er das ein­lei­ten­de Pré­lude, mit groß­ar­ti­gem Schwung die flin­ke Cou­ran­te und mit pas­to­sem Brio die tän­ze­ri­sche Gavot­te.

Auch die Bach-Kan­ta­ten klin­gen exqui­sit. «Mache dich, mein Geist, bereit» BWV 115 und «Ich bin ein guter Hirt» BWV 85 wer­den auf his­to­ri­schen Instru­men­ten und in solis­ti­scher Beset­zung musi­ziert: leben­dig, ent­spannt, flüs­sig, ohne irgend­wel­che Manie­ris­men. Das Ergeb­nis ist sehr soli­de und über­zeugt zumeist. Allen­falls könn­te es gewöh­nungs­be­dürf­tig sein, dass die voka­len Solo­par­tien auf­nah­me­tech­nisch extrem in den Vor­der­grund tre­ten und die voka­le Per­fek­ti­on zuwei­len klei­ne­re Ein­trü­bun­gen auf­weist. Den­noch: eine hörens­wer­te Ein­spie­lung.

Gui­do Kra­win­kel ist begeis­ter­ter Chor­sän­ger, frei­er Musik­jour­na­list und Autor unter ande­rem für die Bre­mer Phil­har­mo­ni­ker, Jena­er Phil­har­mo­nie, Back­stage Clas­si­cal, Würt­tem­ber­gi­sche Phil­har­mo­nie, Rhein­gau Musik­fes­ti­val sowie Oper! und Die Deut­sche Büh­ne. Er hält es mit Lori­ot: Ein Leben ohne Chor ist mög­lich, aber sinn­los.

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