Die chor.com 2026 baut Brücken – Stephan Doormann im Gespräch
Das Programm der Fachmesse chor.com 2026 setzt gezielt auf Schnittstellen: zwischen Genres, zwischen professionellen Formationen und Amateurensembles, zwischen unterschiedlichen kulturellen und religiösen Traditionen. In Workshops, Masterclasses und Konzertformaten kommt das diesjährige Motto «Building Bridges» in unterschiedlichen Facetten zum Vorschein. Wie es im Detail umgesetzt wird, weiß Stephan Doormann, der als künstlerischer Leiter in diesem Jahr zum dritten Mal die chor.com gestaltet.
Herr Doormann, das große Fachtreffen der deutschen Chorszene steht in Leipzig unter der Überschrift «Building Bridges». Wann im Planungsprozess kamen Sie auf dieses Motto?
Die chor.com ist grundsätzlich eine Veranstaltung, die sich an alle wendet, die in der Chorszene aktiv sind. Deswegen berücksichtigen wir im Programm möglichst viele verschiedene Aspekte und bieten sozusagen den gesamten Apothekerschrank an. Hinter dem Fokus steht darüber hinaus die Idee, dass man anhand eines ausgewählten Aspekts bei verschiedenen Themen noch stärker in die Tiefe gehen kann. Entsprechend stellt sich die Frage nach dem Fokus relativ früh im Planungsprozess.

«Etwas zu initiieren und zu inspirieren, das ist in meinen Augen das Kernanliegen der chor.com.»
Inwiefern kann die Chorszene Brücken bauen?
Heute wird oft beklagt, dass Gesellschaften in Gruppierungen zerfallen, die immer weiter auseinanderdrifteten. Das Miteinander-Sprechen werde schwieriger, man finde keine gemeinsame Basis mehr. An dieser Stelle kann die Musik, gerade die Vokalmusik, ihre Kraft als universelle Sprache entfalten. In einem Chor kommen ganz unterschiedliche Menschen zueinander, um gemeinsam zu singen. Sie erleben eine gemeinschaftliche Wirksamkeit. So kann diese Distanz überwunden und die Sprachlosigkeit aufgebrochen werden. Das funktioniert auch nicht nur im eigenen Chor, sondern sogar bei Begegnungen mit anderen Chorsänger:innen. Der Fokus «Building Bridges» kann darüber hinaus auch dazu anregen, dass sich Menschen, Genres und andere Aspekte begegnen, die sich sonst nicht berühren. Er birgt die Chance, etwas Unbekanntes kennenzulernen, einer anderen Kultur intensiv neu zu begegnen, sich mit neuen Methoden und Blickwinkeln zu beschäftigen. Insofern bietet dieses Motto uns in der Vielfalt des Programms Tiefgang an ausgesuchten Stellen.
Menschen verbinden, Perspektiven erweitern: die chor.com 2026
Das Workshop-Programm in Leipzig umfasst insgesamt 150 Angebote. Wie ist es auf den Fokus hin ausgerichtet?
Die Mehrzahl der Workshops ist für den Fokus von Bedeutung. In einem der Workshops geht es beispielsweise um die Begegnung verschiedener Religionen, in diesem Fall Christentum, Islam und Hinduismus. Wie gehen sie mit der Frage nach Leben und Tod um? Wo gibt es Gemeinsamkeiten, wo Unterschiede? Wie spiegelt sich das musikalisch wider? Das Calmus-Ensemble schlägt in besonderer Weise eine Brücke von der Instrumentalmusik zur Vokalmusik, indem es Teile aus Bachs «Wohltemperiertem Clavier» mit Text unterlegt und in Chor- beziehungsweise Ensemble-Arrangements vorträgt. In vielen Workshops geht es methodisch darum, Leute zusammenzubringen, die sich im Alltag eher nicht begegnen – wenn es zum Beispiel darum geht, einen Gebärdenchor aufzubauen. Auch die Musikvermittlung stellt sich immer die Frage, wie es gelingt, die Brücke zu einer neuen Zielgruppe zu schlagen, die mit Chormusik wenig am Hut hat. Wir gehen der Frage auf den Grund, was ein ermutigender Weg sein kann für Menschen, die wenig gesungen haben in ihrem Leben: Was gibt es für neue Methoden in der Sing-Ermutigung, in der Stimmbildung? Wie gelingt es, die Perspektive von Kindern und Jugendlichen, älteren oder einsamen Menschen einzunehmen, um dann mit diesem neuen Blick passende Formate für sie zu entwickeln?
Begegnung von Profis und Amateuren: die Masterclasses
Wie gehen die Masterclasses auf das Motiv Brückenbauen ein? Oder steht dort der professionelle Umgang mit dem Chor im Vordergrund?
Das schließt sich aus meiner Sicht gar nicht aus. Natürlich ist die Fortbildung Kern der Masterclasses. Mit dem SWR Vokalensemble und Juval Weinberg oder mit Pop-Up Detmold und dem Team aus Anne Kohler und Tine Fris-Ronsfeld stehen zwei ausgezeichnete Ensembles zur praktischen Erprobung zur Verfügung, dazu herausragende Kolleg:innen für den fachlichen Dialog. Dadurch entstehen Erfahrungsmöglichkeiten, die man sonst selten hat. Nun hat man hochprofessionelle Sänger:innen vor sich, und es stellt sich die Frage: Wie rufe ich dieses umfassende Können am besten ab? Wie löse ich dieses Potenzial aus, wie entfessele ich ihre Musikalität? Dabei kann ein Dialog mit den Chormitgliedern entstehen: «So tust du meiner Stimme gut – so hilfst du uns als Ensemble, das Ergebnis zu ermöglichen, das dir vorschwebt.» Man lernt, auf Augenhöhe zu arbeiten und trotzdem die leitende Rolle einzunehmen.
Gibt es in den Masterclasses Feedback-Runden mit den Chören direkt oder nur mit den Leiter:innen?
Das liegt bei den Leitenden. Ich habe es immer so erlebt, dass beides wichtig ist. Oft bekommt man schon in der Probe Feedback.
Wie Konzerte Brücken bauen
Bei den chor.com-Konzerten fällt auf, dass es auch Doppelabende gibt.
Gerade im Konzertprogramm spiegelt sich der Fokus «Building Bridges» wider. Im Zusammenhang mit dem interreligiösen Workshop, den ich am Anfang beschrieben habe, wird es ein Konzert geben, wo wir die «Musikalischen Exequien» von Heinrich Schütz mit Imamgesang und Tempelmusik aus dem Buddhismus kombinieren. In einem anderen Konzert kommen das SWR Vokalensemble und ein Jugendchor zusammen. Wir wollen unbedingt diese Brücke auch zwischen etabliertem Chor und sängerischem Nachwuchs stärken. Wir haben einen spannenden Abend mit dem Magnificat von Bach, zu dem Mårten Jansson neue Einlagesätze komponiert hat, wie es auch zu Bachs Zeit üblich war. Das wird ein Gesprächskonzert werden zusammen mit Michael Maul und Bernhard Schrammek, deren Podcast «Bach-Kanal» regelmäßig im MDR gesendet wird. Eine Neuerung ist, dass wir im Konzert am ersten Abend die gesamte chor.com-Familie zusammenzubringen wollen. Dafür stehen das klassische Ensemble Nobiles und die Vocal-Pop-Gruppe Quintense gemeinsam auf der Bühne.
Das wird ja eine schwierige Wahl, welches Konzert man dann abends noch mitnimmt.
(lacht) Wenn das nicht so wäre, hätte ich etwas falsch gemacht.
Öffnung zu allen Seiten – Chorszene in Bewegung
Mit der dritten chor.com vor Augen, die Sie als künstlerischer Leiter verantworten: Lässt sich aus Ihrer Sicht eine Richtung erkennen, in die sich die Chorszene entwickelt?
Man sieht eine große Innovationskraft im Kinder- und Jugendchorbereich, ein großes Interesse, neue Wege zu gehen, neue Methoden auszuprobieren. Auch in der kulturübergreifenden Arbeit treten immer mehr Aktivitäten zutage. Diese entstehen oft zunächst als einzelne Innovationen, strahlen dann aber in die ganze Szene aus. Und genau dafür ist die chor.com ja da, dass wir uns gegenseitig inspirieren und inspirieren lassen. Das Gleiche gilt für die Begegnung mit neu komponierter Chormusik, etwa im Rahmen von Kompositions- und Arrangementwettbewerben, und auch durch Reading Sessions auf der chor.com. Gewohnte Pfade auch einmal zu verlassen oder neu zu ergänzen, spielt eine große Rolle.

Ein weiteres wichtiges Feld ist für uns die chormusikalische Erinnerungskultur. Diesen Anstoß haben wir vor drei Jahren aufgenommen und in viele Richtungen weitergespielt – sei es in der Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte als Chor, sei es bei vergessenem Repertoire. Die Musikforscherin Dr. Anna Schaefer von der Universität Halle ist dazu auf der chor.com mit mehreren Workshops und einer Ausstellung präsent. Aus dem Arrangementwettbewerb «Chormusikalische Erinnerungskultur» ist ein eigener Notenband hervorgegangen, und auch dazu gibt es Workshops und Reading Sessions.
Das Programm der chor.com ist sehr breit angelegt. Gibt es etwas, worauf Sie sich besonders freuen?
Das sind vor allem zwei Sachen: zuerst einmal all das, wo ich mich selbst nicht auskenne. Im Gespräch mit Kolleg:innen lasse ich mir gerne Dinge erläutern, die für mich neu sind. Ich habe selbst einige Ideen, die mir wichtig sind und über die ich mich austauschen möchte. Aber am spannendsten ist für mich immer: Was passiert danach? Bei welchen Formaten, bei welchen Inhalten erzielen wir nachhaltige Wirkung? Im Laufe der chor.com habe ich nur begrenzt Möglichkeiten, Workshops zu besuchen und meine eigene Neugier zu stillen. Deswegen ist dieser übergeordnete Blick für mich eigentlich der spannendste. Etwas zu initiieren und zu inspirieren, das ist in meinen Augen das Kernanliegen der chor.com.
Weitere Informationen
Das vollständige Programm der chor.com wird am 11. Mai veröffentlicht.
Zur Person
Stephan Doormann studierte in Stockholm Chordirigieren, arbeitet als Musikpädagoge am Kaiserin-Auguste-Viktoria-Gymnasium Celle und leitet dort eine umfangreiche Jugendchorarbeit. 2007 gründete er den Kammerchor Hannover, den er bis zum Herbst 2019 leitete, und 2014 den Juventis Jugendchor am KAV-Gymnasium Celle, den er bis heute leitet. Als Kantor an der Celler Stadtkirche St. Marien leitete er außerdem von 2017 bis Ende 2025 die Celler Stadtkantorei. Für die Einspielung zweier Kantaten mit dem Kammerchor Hannover für die Gemeinschafts-Produktion «Glaubenslieder» erhielt Stephan Doormann den Echo Klassik 2010. Als künstlerischer Leiter der chor.com, des europaweit größten Fachtreffens rund um die Chormusik, trägt er seit 2020 die inhaltliche Verantwortung für diese Großveranstaltung des Deutschen Chorverbands. Auch dessen Arbeit rund um die chormusikalische Erinnerungskultur verantwortet er inhaltlich mit.