Keine Eintagsfliege: Drei «Traum und Sehnsucht»-Projekte wirken nachhaltig

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Henriette Schwarz

«Unser Anlie­gen ist mehr als eine Ein­tags­flie­ge. Wir wol­len nach­hal­tig etwas bewe­gen», sagt Mar­tin Lüs­sen­hop, Chor­lei­ter des Nord­deut­schen Syn­ago­gal­chors. Des­halb möch­te er die jüdi­schen und deut­schen Lie­der aus dem Noten­band «Traum und Sehn­sucht» mit sei­nem Chor auch Jugend­li­chen näher­brin­gen, zum Bei­spiel durch Auf­füh­run­gen im Rah­men des Schul­un­ter­richts. Außer­dem wird der Syn­ago­gal­chor bei meh­re­ren öffent­li­chen Kon­zer­ten in den nächs­ten Wochen und Mona­ten Stü­cke aus der Samm­lung sin­gen.

Die Aktion «Traum und Sehnsucht»

Lüs­sen­hops Chor gehört zu den rund 60 Ensem­bles, die bei der Akti­on «Traum und Sehn­sucht: Neue Noten für euren Chor!» des Deut­schen Chor­ver­bands und der Volks­wa­gen Group mit­ge­macht und einen Chor­satz von «Traum und Sehn­sucht» erhal­ten haben. Dar­in zu fin­den sind neun neue Arran­ge­ments zum «Deutsch-Jüdi­schen Lie­der­buch» von 1912, die zuvor im Rah­men eines Wett­be­werbs prä­miert wur­den. Vier­zehn Chö­re haben bei der Akti­on zusätz­lich eine beson­ders span­nen­de Pro­jekt­idee zur Auf­füh­rung der Wer­ke ein­ge­reicht und wur­den des­halb mit 500 Euro unter­stützt – dar­un­ter auch der Nord­deut­sche Syn­ago­gal­chor. Wie vie­le und wel­che der Arran­ge­ments die Chö­re in ihren Kon­zer­ten auf­füh­ren, bleibt ihnen dabei selbst über­las­sen.

Nord­deut­scher Syn­ago­gal­chor © Hei­ner Schlo­te

Musikalischer Glücksfall

Der Nord­deut­sche Syn­ago­gal­chor hat sich für sei­ne «Traum- und Sehnsucht»-Konzerte, die unter ande­rem in der Vil­la Selig­mann in Han­no­ver und in der ehe­ma­li­gen Syn­ago­ge Mühl­hau­sen in Thü­rin­gen statt­fin­den, ein hebräi­sches und ein deutsch­spra­chi­ges Werk aus­ge­sucht: Ohad Sto­larz‘ Arran­ge­ment zum «Psalm 122» und sei­ne «Abend­grü­ße». «Der Stil von Ohad Sto­larz hat uns beson­ders berührt. Vie­le klang­li­che Ele­men­te erin­nern uns an die Kom­po­si­tio­nen, die wir seit vie­len Jah­ren pfle­gen und auf­füh­ren. Beson­ders der ‹Psalm 122› war von der ers­ten Akko­la­de an ein Voll­tref­fer», so Chor­lei­ter Lüs­sen­hop. Und auch bei der hebräi­schen Spra­che kommt dem Chor sei­ne Erfah­rung zugu­te, denn er singt seit sei­ner Grün­dung 2009 syn­ago­ga­le und welt­li­che Wer­ke auf Hebrä­isch.

Generationenübergreifendes Projekt

Beim Kon­zert­pro­jekt des Ora­to­rien­ver­eins Plochin­gen steht Sto­larz‘ ein­gän­gi­ger «Psalm 122» eben­falls auf dem Pro­gramm. Chor­lei­te­rin Heid­run Speck hat aber noch einen ande­ren «Traum und Sehnsucht»-Favoriten: «Am Ende von Hen­ning Wölks ‹Heim­weh› gibt es für mich eine beson­ders berüh­ren­de Stel­le, wenn Text und Musik lang­sam aus dem Raum wehen, Sin­gen in Sum­men über­geht und ver­klingt.» Zu erle­ben ist die­ser Moment am 8. und 9. Mai, wenn der Chor und das Klei­ne Ensem­ble des Ora­to­rien­ver­eins in Plochin­gen zwei Kon­zer­te unter dem Mot­to «Traum und Sehn­sucht – Stim­men für Wür­de, Mut und Mensch­lich­keit» geben. Neben Lie­dern aus der Edi­ti­on wer­den dort Pop­songs und zeit­ge­nös­si­sche Kom­po­si­tio­nen unter ver­schie­de­nen Aspek­ten wie Natur, Lie­be, Hei­mat oder Gemein­schaft gesun­gen. Auch der Ora­to­rien­ver­ein koope­riert für sein Pro­jekt mit einer ört­li­chen Schu­le: «Das Mot­to ‹Traum und Sehn­sucht› spricht alle Gene­ra­tio­nen an – und wir haben das Glück, dass ein Phi­lo­so­phie­kurs und eine Schreib­werk­statt des Plochin­ger Gym­na­si­ums die­se Idee mit uns gemein­sam in Form von Tex­ten und Gedich­ten gestal­ten», erzählt Finanz­vor­stän­din Iren Stei­ner. Die selbst­ge­schrie­be­nen Tex­te der Schüler:innen wer­den in den Kon­zer­ten zwi­schen den Gesangs­stü­cken zu hören sein.

36 Menschen unterschiedlichen Alters stehen vor einer grünen Wand, auf der Offen und Offenheit steht. Vorne im Bild steht ein Poste mit der Aufschrift Traum und Sehnsucht
Ora­to­rien­ver­ein Plochin­gen © Ora­to­rien­ver­ein Plochin­gen

Herausfordernde Proben

Für die Auf­trit­te im Mai hat der Ora­to­rien­ver­ein seit Janu­ar geprobt. Die Erar­bei­tung der Stü­cke sei nicht immer leicht gewe­sen, da vor allem die Hebräi­sche Spra­che für den Chor unbe­kannt und neu sei, berich­tet Chor­lei­te­rin Heid­run Speck – die Musik spre­che aber alle an. Das bestä­tigt auch Chris­tof Kress, Vor­stands­mit­glied und seit fast 20 Jah­ren Sän­ger im Chor: «Zuerst dach­te ich: das sind aber sehr roman­ti­sche Lie­der, so etwas haben wir schon lan­ge nicht mehr gesun­gen, ob das unse­rem Publi­kum gefällt? Aber die Kom­po­si­tio­nen sind sehr gut und anspruchs­voll, das passt wie­der zu uns. Das Sin­gen der Lie­der macht inzwi­schen eigent­lich allen Spaß!» Bei den Kon­zert­pla­nun­gen sorg­te zudem die aktu­el­le Situa­ti­on im Nahen Osten für Gesprächs­stoff – letzt­lich habe man sich gemein­sam dafür ent­schie­den, auf das The­ma im Pro­gramm ein­zu­ge­hen.

Interreligiöses Friedenskonzert

Auch das Pro­jekt von Saxo­nia Can­tat nimmt Stel­lung zum poli­ti­schen Welt­ge­sche­hen: Im inter­re­li­giö­sen Frie­dens­kon­zert mit vier Schul­chö­ren am 11. Okto­ber in der Kreuz­kir­che Dres­den wer­den neben Titeln aus «Traum und Sehn­sucht» unter ande­rem auch isla­mi­sche Lie­der gesun­gen. Jüdi­sche, christ­li­che, isla­mi­sche und athe­is­ti­sche Mit­glie­der des Ensem­bles musi­zie­ren dann mit- und für­ein­an­der. Erar­bei­tet wird das Pro­gramm von Saxo­nia Can­tat bei einem Pro­ben­wo­chen­en­de im Sep­tem­ber mit dem Chor des Gym­na­si­ums Cos­wig, dem Chor des Les­sing-Gym­na­si­ums Hoyers­wer­da, dem Jugend­chor des Löß­nitz­gym­na­si­ums Rade­beul und Vitzt­hum Voca­le Dres­den. «Mit dem Pro­jekt ‹Traum und Sehn­sucht› ver­wirk­li­chen wir die Idee, das ‹Deutsch-Jüdi­sche Lie­der­buch› von 1912 für den aktu­el­len Musik­un­ter­richt und die Schul­chor­sze­ne zu erschlie­ßen. Dafür ist das For­mat Saxo­nia Can­tat ide­al geeig­net, da es seit 2015 jähr­lich Chö­re aus Mit­tel­schu­len und Gym­na­si­en ver­eint», so André Schmidt, Künst­le­ri­scher Lei­ter von Saxo­nia Can­tat.

Etwa 80 Menschen stehen auf einer Bühne und singen. Sie tragen schwarze Kleidung mit roten, grünen und gelben Schals. Im Vordergrund sitzen etwa 20 Musikerinnen und Musiker, die im Orchester Instrumente spielen. Davor steht ein Dirigent. Im Hintergrund ist eine große Orgel mit vielen Orgelpfeifen zu sehen.
Saxo­nia Can­tat © Falk Wen­zel

Fokus auf Realisierbarkeit

Wel­che Wer­ke aus der Samm­lung «Traum und Sehn­sucht» haben es André Schmidt beson­ders ange­tan? «Ich mag das Buch in sei­ner Gesamt­heit. Die Jury des Arran­ge­ment-Wett­be­werbs hat die Stü­cke für die Edi­ti­on sehr sen­si­bel her­aus­ge­sucht, die in ihrer Viel­sei­tig­keit den Gedan­ken der chor­mu­si­ka­li­schen Erin­ne­rungs­kul­tur reprä­sen­tie­ren.» Des­halb habe er bei der Aus­wahl vor allem auch auf die tech­ni­sche Rea­li­sier­bar­keit in Schul­chö­ren geach­tet, so Schmidt. Schließ­lich hat er sich für die Stü­cke «Heim­weh», «Träu­me der Nacht» und «Ha-dag­im» ent­schie­den.

Nachhaltige Auseinandersetzung

Ein abschlie­ßen­der Blick auf die drei vor­ge­stell­ten Pro­jek­te zeigt, dass sie alle – trotz ihrer Unter­schied­lich­keit – auf Nach­hal­tig­keit set­zen. Sie beschrän­ken sich nicht auf eine ein­ma­li­ge Auf­füh­rung der Lie­der aus «Traum und Sehn­sucht», son­dern ver­an­kern das The­ma im Schul­un­ter­richt und in Schul­chö­ren und regen so auch jun­ge Men­schen lang­fris­tig zur Aus­ein­an­der­set­zung mit jüdi­schem und deut­schem Lied­gut an. «Wir sor­gen dafür, dass die­se musi­ka­li­schen Schät­ze nicht in Ver­ges­sen­heit gera­ten», betont Mar­tin Lüs­sen­hop, Chor­lei­ter des Nord­deut­schen Syn­ago­gal­chors.

Über die Ensem­bles

Nord­deut­scher Syn­ago­gal­chor
Der Nord­deut­sche Syn­ago­gal­chor ent­stand aus dem Euro­päi­schen Syn­ago­gal­chor, einem Han­no­ver ansäs­si­gen semi­pro­fes­sio­nel­len Chor, der 2009 gegrün­det wur­de. Haupt­an­lie­gen des Chors war und ist es, syn­ago­ga­le Musik wie­der zum Klin­gen zu brin­gen, zu sei­nem Reper­toire gehö­ren aber auch älte­re sowie zeit­ge­nös­si­sche Kom­po­si­tio­nen. Seit 2017 wird der Chor von Mar­tin Lüs­sen­hop gelei­tet.
Zur Web­site des Nord­deut­schen Syn­ago­gal­chors

Ora­to­rien­ver­ein Plochin­gen
Der Ora­to­rien­ver­ein Plochin­gen besteht seit 1922, sei­ne pri­mä­re Ziel­set­zung ist die Auf­füh­rung von Ora­to­ri­en. Sein Reper­toire umfasst jedoch nicht nur die geist­li­che Chor­mu­sik, son­dern auch welt­li­che Chor­li­te­ra­tur von der Klas­sik über Musi­cals bis hin zu zeit­ge­nös­si­schen Komponist:innen. Der­zeit sin­gen unter der Lei­tung von Heid­run Speck etwa 40 Sänger:innen im Chor.
Zur Web­site des Ora­to­rien­ver­eins Plochin­gen

Saxo­nia Can­tat
Saxo­nia Can­tat ist ein Koope­ra­ti­ons­for­mat, das seit 2015 ein­mal im Jahr Chö­re von min­des­tens drei Mit­tel­schu­len und Gym­na­si­en zusam­men­bringt. An einem Pro­ben­wo­chen­en­de im Sep­tem­ber erar­bei­ten die Chö­re gemein­sam ein Pro­gramm, das dann gemein­sam auf­ge­führt wird. Die künst­le­ri­sche Gesamt­lei­tung des Pro­jek­tes liegt in den Hän­den von André Schmidt.
Zur Web­site von Saxo­nia Can­tat

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen

Noch mehr über die Akti­on und den Noten­band «Traum und Sehn­sucht» ist auf der Pro­jekt­web­site des Deut­schen Chor­ver­bands zu erfah­ren.

Einen Ein­blick in alle 14 prä­mier­ten Pro­jek­te erhält man auf der Web­site des Deut­schen Chor­ver­bands.

Portrait von Henriette Schwarz

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Henriette Schwarz

Henriette Schwarz ist Musikwissenschaftlerin und arbeitet beim DCV in der Öffentlichkeitsarbeit. Sie schreibt – oft humorvoll – über die facettenreichen Seiten des Chorsingens.

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