Erste Schritte auf der Bühne mit der Sarré Musikakademie
Mozarts «Zauberflöte» ausschließlich mit Kindern und Jugendlichen zu besetzen? Mit Kindern, die die halsbrecherischen Spitzentöne der Königin der Nacht ebenso beherrschen wie die ultratiefen Basstöne Sarastros, die todtraurige Klage der vermeintlich von ihrem geliebten Tamino verschmähten Pamina ebenso wie die burschikose Unbedarftheit des Papageno glaubhaft darstellen können – wer das für ein Hirngespinst hält, sollte die Sarré Musikakademie in München besuchen. Im Herbst 2024 hat diese eine «Zauberflöte» auf die Bühne gebracht, die manches etablierte Theater vor Neid erblassen machen könnte. Nicht nur, dass die Partitur vollgültig ausgeführt wurde – die leidenschaftliche Hingabe, mit der sich die jungen Darsteller:innen in ihre Rollen warfen, hat Jung und Alt im Publikum fasziniert und begeistert. Im Herbst 2025 stand etwas völlig anderes auf dem Programm: das Musical «Peter Pan» des britischen Komponisten Georges Stiles. Anders, aber nicht weniger herausfordernd. Wie kann so etwas gelingen?
Idealismus hoch zwei: vom Traum zur Musikakademie
Diese Frage stellt man am besten Verena Sarré, Pianistin, Chorleiterin und Gründerin der nach ihr benannten Akademie. «Ich hatte lange den Wunschtraum, junge Menschen von Grund auf und vielseitig für die Bühne auszubilden, also in Gesang, Tanz und Schauspiel», erzählt die Musikerin, die in München und Berlin Klavier und Gesang sowie Musikpädagogik studierte und seit 2004 den Kinderchor des Münchner Gärtnerplatztheaters leitet. Am Theater lernte sie die Regisseurin Julia Riegel kennen – und fand in ihr eine Gleichgesinnte für dieses wagemutige Projekt. Riegel hatte nach dem Abitur eigentlich geplant, Medizin zu studieren. Da kam sie auf die Idee, in der Wartezeit ein Praktikum am Saarländischen Staatstheater zu machen. «Und das war wie eine Virusinfektion! Man spricht nicht umsonst vom Theatervirus», stellt sie lachend fest. So studierte sie Theater- und Musikwissenschaft in Köln und arbeitete dann von 1998 bis 2007 als Spielleiterin und Regieassistentin am Gärtnerplatztheater. 2012 starteten Sarré und Riegel den ersten Versuch, der so erfolgreich war, dass er zur Gründung der gemeinnützigen Sarré Musikakademie führte. Natürlich stemmen die beiden diese Mammutaufgabe nicht allein, sie haben ein vielköpfiges Team an ihrer Seite, von Pianist:innen über Sänger:innen und Regieassistent:innen bis zu Choreograph:innen.

Die Akademie versteht sich als Raum zum Wachsen
Obwohl sich jährlich zwischen fünfzehn und zwanzig Kinder und Jugendliche bewerben, werden nur wenige neu aufgenommen. Beim letzten Mal genau vier. «Der Grund dafür ist, dass wir über einen langen Zeitraum ausbilden und eine hohe Fluktuation gerade vermeiden wollen», erläutert Sarré. Was sind die Voraussetzungen, die Bewerber:innen mitbringen müssen? «Es gibt ein Vorsingen, bei dem wir zunächst einmal auf die stimmliche Begabung achten. Wir testen Intonation, Rhythmusgefühl, aber auch die Konzentrationsfähigkeit.» Neben Sarré sitzen immer noch ein bis zwei Kolleg:innen der Akademie in der Auswahljury. Bewerben können sich Interessierte zwischen acht und zwanzig Jahren. Ganz bewusst sind für das Vorsingen keine Stücke vorgegeben: «Die Kinder sollen das singen, was sie am liebsten mögen und am besten können. Denn nur dann sind die Stimmen frei und unbelastet.» Über 90 Mitglieder hat die Akademie derzeit. Bei «Peter Pan» stehen sie in den zwei Besetzungen, die es grundsätzlich immer gibt, alle auf der Bühne. Bei den Kindern kommen zwei Drittel Mädchen auf ein Drittel Jungen, bei den Jugendlichen ist das Verhältnis nahezu ausgeglichen. Eine Situation, von der die meisten Laienchöre nur träumen können.
Frei sein von Routinen hilft in der Ausbildung
Wer die Hürde der Aufnahme gemeistert hat, wird nun mit Ausnahme der Schulferien an allen Wochenenden proben. Stimmbildung wird zusätzlich unter der Woche angeboten. Aber der große Chor soll sich unabhängig von schulischen Verpflichtungen treffen können, sodass dafür nur Samstag und Sonntag bleiben. Dass junge Menschen eine professionelle Gesangsausbildung erhalten, ist so ungewöhnlich nicht. Man denke nur an die jahrhundertealten großen Knabenchöre in Regensburg, Leipzig oder Dresden und an die zunehmend in den Blickpunkt rückenden Mädchenchöre, die ihre noch junge Tradition mit Qualität wettmachen. Auch Tanzschulen haben Angebote für junge Menschen. Anders sieht es mit der Schauspielausbildung aus. Wie geht Julia Riegel da ans Werk? «Grundsätzlich ist die Arbeit gar nicht so anders als mit erwachsenen, ausgebildeten Sängern», erklärt die Regisseurin. «Zwar ist es schwieriger, bei den jungen Leuten erst einmal die Hemmungen abzubauen, sich auf der Bühne für Gefühle zu öffnen. Aber dann entsteht eine Unmittelbarkeit, eine Direktheit, eine geradezu berührende Authentizität.» Die Sänger:innen eines Theaterensembles kämen ja immer aus vielen verschiedenen Schauspielschulen, da sei so viel «Drumherum», das Regisseur:innen erst einmal beseitigen müssten, um ihre Ideen verwirklichen zu können. Und zu guter Letzt sei es hilfreich, dass die Kinder und Jugendlichen noch kein Bild von der Rolle im Kopf haben, die sie verkörpern.

Zwei bis drei große Bühnenprojekte stemmt die Akademie jedes Jahr, hinzu kommen reine Chorkonzerte in kirchlichem wie in weltlichem Rahmen. So ergeben sich rund 15 Auftritte im Jahr. Fester Aufführungsort in München ist die Alte Kongresshalle, es gibt aber auch Gastspiele. Pro Kind und Monat müssen die Eltern 140 Euro bezahlen. «Dank Sponsor:innen können aber einige Kinder gefördert werden», erklärt Verena Sarré. «Wir bilden grundsätzlich klassisch aus, denn die dort erlernte Stimmführung ist die Grundlage für alles Weitere. Von da können wir dann zum Musical gehen, das ja ein ganz anderes Klangideal als die Oper hat.»
Rückkehr nach Nimmerland im Musical «Peter Pan»
Und damit sind wir mitten in der Probenarbeit an «Peter Pan». Der 1961 in Sussex geborene Komponist Georges Stiles hat dieses «Musikalische Abenteuer» auf den Text von Anthony Drewe geschrieben. Erfunden hat die Figur, die zu unzähligen Bühnenadaptionen wie Verfilmungen inspirierte, der schottische Schriftsteller James M. Barrie bereits 1904. Peter Pan ist ein Junge, der nicht erwachsen werden will, und mit den drei Geschwistern Wendy, Michael und John per Feenstaub, den die kleine Fee Tinkerbell spendet, auf seine Insel Nimmerland fliegt. Dort leben die «verlorenen Jungs», die von einer Piratenhorde unter Captain Hook mit der Hakenhand bedroht werden. In der Münchner Akademie wird eben die Szene geprobt, in der Wendy Peter erklärt, dass sie trotz aller hier erlebten Abenteuer mit den Brüdern nach London zurückkehren möchte. Ringsum liegen viele schlafende Kinder auf bunten Luftsäcken. Was zuerst auffällt: Die jungen Akteur:innen treffen den Sprechton ebenso passgenau souverän wie den Gesangston – man spürt, dass sie in beiden Disziplinen ausgebildet sind. Als alle gemeinsam einen Chorsatz anstimmen, kann man nur staunen über den ebenso vollen wie schönen, perfekt austarierten Klang. Und wenn sich dann nahtlos eine Tanzszene anschließt, in der wirklich alle wissen, was zu tun ist und man ihnen zudem die Freude an ihrem Tun anmerkt, kann man nur noch staunen, was hier geleistet wird. Die Regisseurin muss sich nur noch selten einschalten, um auf ein Detail hinzuweisen. Ansonsten läuft alles reibungslos und mit verblüffender künstlerischer Ausstrahlung ab, die den kargen Probenraum komplett vergessen lässt.

Nach eineinhalb Stunden konzentrierter Arbeit sagt Julia Riegel eine kurze Pause an. Gelegenheit, um mit zwei Darsteller:innen ein Gespräch zu führen. Felix Nyncke, 26, ist seit neun Jahren dabei. Hauptrollen hat er schon etliche gespielt, darunter den Sarastro in der «Zauberflöte» oder Graf von Krolock in «Der Tanz der Vampire». Wie gefällt ihm die jetzige Rolle? «Peter Pan zu verkörpern, gefällt mir sehr gut, weil man als junger Mensch, der eben in neue Verantwortungen hineinfinden muss, noch einmal in die Kindheit zurückkehren, sich darin ausleben und diese Leichtigkeit spüren kann.» Seine Fee Tinkerbell, die zwölfjährige Malin Hall, ist erst seit eineinhalb Jahren bei der Akademie, konnte aber ebenfalls schon einige Erfahrungen sammeln: «Ich war die kleine Pamina in der ‹Zauberflöte›, aber das ist meine erste größere Rolle. Ich werde bestimmt sehr aufgeregt sein. Aber wenn man dann auf der Bühne steht, ist alles gut!» Felix nickt und ergänzt: «Lampenfieber am Anfang gehört unbedingt dazu, damit es dann richtig läuft.»