Erste Schritte auf der Bühne mit der Sarré Musikakademie

Autor:in

Sabine Näher

Ausgabe

N° 129 | März 2026

Mozarts «Zau­ber­flö­te» aus­schließ­lich mit Kin­dern und Jugend­li­chen zu beset­zen? Mit Kin­dern, die die hals­bre­che­ri­schen Spit­zen­tö­ne der Köni­gin der Nacht eben­so beherr­schen wie die ultra­tie­fen Bass­tö­ne Saras­tros, die tod­trau­ri­ge Kla­ge der ver­meint­lich von ihrem gelieb­ten Tami­no ver­schmäh­ten Pami­na eben­so wie die bur­schi­ko­se Unbe­darft­heit des Papa­ge­no glaub­haft dar­stel­len kön­nen – wer das für ein Hirn­ge­spinst hält, soll­te die Sar­ré Musik­aka­de­mie in Mün­chen besu­chen. Im Herbst 2024 hat die­se eine «Zau­ber­flö­te» auf die Büh­ne gebracht, die man­ches eta­blier­te Thea­ter vor Neid erblas­sen machen könn­te. Nicht nur, dass die Par­ti­tur voll­gül­tig aus­ge­führt wur­de – die lei­den­schaft­li­che Hin­ga­be, mit der sich die jun­gen Darsteller:innen in ihre Rol­len war­fen, hat Jung und Alt im Publi­kum fas­zi­niert und begeis­tert. Im Herbst 2025 stand etwas völ­lig ande­res auf dem Pro­gramm: das Musi­cal «Peter Pan» des bri­ti­schen Kom­po­nis­ten Geor­ges Sti­les. Anders, aber nicht weni­ger her­aus­for­dernd. Wie kann so etwas gelin­gen?

Idealismus hoch zwei: vom Traum zur Musikakademie

Die­se Fra­ge stellt man am bes­ten Vere­na Sar­ré, Pia­nis­tin, Chor­lei­te­rin und Grün­de­rin der nach ihr benann­ten Aka­de­mie. «Ich hat­te lan­ge den Wunsch­traum, jun­ge Men­schen von Grund auf und viel­sei­tig für die Büh­ne aus­zu­bil­den, also in Gesang, Tanz und Schau­spiel», erzählt die Musi­ke­rin, die in Mün­chen und Ber­lin Kla­vier und Gesang sowie Musik­päd­ago­gik stu­dier­te und seit 2004 den Kin­der­chor des Münch­ner Gärt­ner­platz­thea­ters lei­tet. Am Thea­ter lern­te sie die Regis­seu­rin Julia Rie­gel ken­nen – und fand in ihr eine Gleich­ge­sinn­te für die­ses wage­mu­ti­ge Pro­jekt. Rie­gel hat­te nach dem Abitur eigent­lich geplant, Medi­zin zu stu­die­ren. Da kam sie auf die Idee, in der War­te­zeit ein Prak­ti­kum am Saar­län­di­schen Staats­thea­ter zu machen. «Und das war wie eine Virus­in­fek­ti­on! Man spricht nicht umsonst vom Thea­ter­vi­rus», stellt sie lachend fest. So stu­dier­te sie Thea­ter- und Musik­wis­sen­schaft in Köln und arbei­te­te dann von 1998 bis 2007 als Spiel­lei­te­rin und Regie­as­sis­ten­tin am Gärt­ner­platz­thea­ter. 2012 star­te­ten Sar­ré und Rie­gel den ers­ten Ver­such, der so erfolg­reich war, dass er zur Grün­dung der gemein­nüt­zi­gen Sar­ré Musik­aka­de­mie führ­te. Natür­lich stem­men die bei­den die­se Mam­mut­auf­ga­be nicht allein, sie haben ein viel­köp­fi­ges Team an ihrer Sei­te, von Pianist:innen über Sänger:innen und Regieassistent:innen bis zu Choreograph:innen.

Eine junge Frau in weißem Pullover und mit Brille im angeregten Gespräch mit zwei älteren Frauen, die in Sakko beziehungsweise Mantel formeller gekleidet sind. Zwei der Frauen benutzen ihre Hände zum Gestikulieren.
Arbeits­at­mo­sphä­re: Vere­na Sar­ré und Julia Rie­gel (von rechts) im Gespräch © Con­nie Ger­harz / Sar­ré Musik­pro­jek­te

Die Akademie versteht sich als Raum zum Wachsen

Obwohl sich jähr­lich zwi­schen fünf­zehn und zwan­zig Kin­der und Jugend­li­che bewer­ben, wer­den nur weni­ge neu auf­ge­nom­men. Beim letz­ten Mal genau vier. «Der Grund dafür ist, dass wir über einen lan­gen Zeit­raum aus­bil­den und eine hohe Fluk­tua­ti­on gera­de ver­mei­den wol­len», erläu­tert Sar­ré. Was sind die Vor­aus­set­zun­gen, die Bewerber:innen mit­brin­gen müs­sen? «Es gibt ein Vor­sin­gen, bei dem wir zunächst ein­mal auf die stimm­li­che Bega­bung ach­ten. Wir tes­ten Into­na­ti­on, Rhyth­mus­ge­fühl, aber auch die Kon­zen­tra­ti­ons­fä­hig­keit.» Neben Sar­ré sit­zen immer noch ein bis zwei Kolleg:innen der Aka­de­mie in der Aus­wahl­ju­ry. Bewer­ben kön­nen sich Inter­es­sier­te zwi­schen acht und zwan­zig Jah­ren. Ganz bewusst sind für das Vor­sin­gen kei­ne Stü­cke vor­ge­ge­ben: «Die Kin­der sol­len das sin­gen, was sie am liebs­ten mögen und am bes­ten kön­nen. Denn nur dann sind die Stim­men frei und unbe­las­tet.» Über 90 Mit­glie­der hat die Aka­de­mie der­zeit. Bei «Peter Pan» ste­hen sie in den zwei Beset­zun­gen, die es grund­sätz­lich immer gibt, alle auf der Büh­ne. Bei den Kin­dern kom­men zwei Drit­tel Mäd­chen auf ein Drit­tel Jun­gen, bei den Jugend­li­chen ist das Ver­hält­nis nahe­zu aus­ge­gli­chen. Eine Situa­ti­on, von der die meis­ten Lai­en­chö­re nur träu­men kön­nen.

Frei sein von Routinen hilft in der Ausbildung

Wer die Hür­de der Auf­nah­me gemeis­tert hat, wird nun mit Aus­nah­me der Schul­fe­ri­en an allen Wochen­en­den pro­ben. Stimm­bil­dung wird zusätz­lich unter der Woche ange­bo­ten. Aber der gro­ße Chor soll sich unab­hän­gig von schu­li­schen Ver­pflich­tun­gen tref­fen kön­nen, sodass dafür nur Sams­tag und Sonn­tag blei­ben. Dass jun­ge Men­schen eine pro­fes­sio­nel­le Gesangs­aus­bil­dung erhal­ten, ist so unge­wöhn­lich nicht. Man den­ke nur an die jahr­hun­der­te­al­ten gro­ßen Kna­ben­chö­re in Regens­burg, Leip­zig oder Dres­den und an die zuneh­mend in den Blick­punkt rücken­den Mäd­chen­chö­re, die ihre noch jun­ge Tra­di­ti­on mit Qua­li­tät wett­ma­chen. Auch Tanz­schu­len haben Ange­bo­te für jun­ge Men­schen. Anders sieht es mit der Schau­spiel­aus­bil­dung aus. Wie geht Julia Rie­gel da ans Werk? «Grund­sätz­lich ist die Arbeit gar nicht so anders als mit erwach­se­nen, aus­ge­bil­de­ten Sän­gern», erklärt die Regis­seu­rin. «Zwar ist es schwie­ri­ger, bei den jun­gen Leu­ten erst ein­mal die Hem­mun­gen abzu­bau­en, sich auf der Büh­ne für Gefüh­le zu öff­nen. Aber dann ent­steht eine Unmit­tel­bar­keit, eine Direkt­heit, eine gera­de­zu berüh­ren­de Authen­ti­zi­tät.» Die Sänger:innen eines Thea­ter­en­sem­bles kämen ja immer aus vie­len ver­schie­de­nen Schau­spiel­schu­len, da sei so viel «Drum­her­um», das Regisseur:innen erst ein­mal besei­ti­gen müss­ten, um ihre Ideen ver­wirk­li­chen zu kön­nen. Und zu guter Letzt sei es hilf­reich, dass die Kin­der und Jugend­li­chen noch kein Bild von der Rol­le im Kopf haben, die sie ver­kör­pern.

Bunt gekleidete Kinder auf einer Bühne haben die Arme in kraftvoller Pose erhoben, als würden sie Pfeil und Bogen in den Himmel richten.
Vol­ler Ein­satz: Jun­ge Darsteller:innen der Sar­ré Musik­aka­de­mie © Con­nie Ger­harz / Sar­ré Musik­pro­jek­te

Zwei bis drei gro­ße Büh­nen­pro­jek­te stemmt die Aka­de­mie jedes Jahr, hin­zu kom­men rei­ne Chor­kon­zer­te in kirch­li­chem wie in welt­li­chem Rah­men. So erge­ben sich rund 15 Auf­trit­te im Jahr. Fes­ter Auf­füh­rungs­ort in Mün­chen ist die Alte Kon­gress­hal­le, es gibt aber auch Gast­spie­le. Pro Kind und Monat müs­sen die Eltern 140 Euro bezah­len. «Dank Sponsor:innen kön­nen aber eini­ge Kin­der geför­dert wer­den», erklärt Vere­na Sar­ré. «Wir bil­den grund­sätz­lich klas­sisch aus, denn die dort erlern­te Stimm­füh­rung ist die Grund­la­ge für alles Wei­te­re. Von da kön­nen wir dann zum Musi­cal gehen, das ja ein ganz ande­res Klang­ide­al als die Oper hat.»

Rückkehr nach Nimmerland im Musical «Peter Pan»

Und damit sind wir mit­ten in der Pro­ben­ar­beit an «Peter Pan». Der 1961 in Sus­sex gebo­re­ne Kom­po­nist Geor­ges Sti­les hat die­ses «Musi­ka­li­sche Aben­teu­er» auf den Text von Antho­ny Dre­we geschrie­ben. Erfun­den hat die Figur, die zu unzäh­li­gen Büh­nen­ad­ap­tio­nen wie Ver­fil­mun­gen inspi­rier­te, der schot­ti­sche Schrift­stel­ler James M. Bar­rie bereits 1904. Peter Pan ist ein Jun­ge, der nicht erwach­sen wer­den will, und mit den drei Geschwis­tern Wen­dy, Micha­el und John per Feen­staub, den die klei­ne Fee Tin­ker­bell spen­det, auf sei­ne Insel Nim­mer­land fliegt. Dort leben die «ver­lo­re­nen Jungs», die von einer Pira­ten­hor­de unter Cap­tain Hook mit der Haken­hand bedroht wer­den. In der Münch­ner Aka­de­mie wird eben die Sze­ne geprobt, in der Wen­dy Peter erklärt, dass sie trotz aller hier erleb­ten Aben­teu­er mit den Brü­dern nach Lon­don zurück­keh­ren möch­te. Rings­um lie­gen vie­le schla­fen­de Kin­der auf bun­ten Luft­sä­cken. Was zuerst auf­fällt: Die jun­gen Akteur:innen tref­fen den Sprech­ton eben­so pass­ge­nau sou­ve­rän wie den Gesangs­ton – man spürt, dass sie in bei­den Dis­zi­pli­nen aus­ge­bil­det sind. Als alle gemein­sam einen Chor­satz anstim­men, kann man nur stau­nen über den eben­so vol­len wie schö­nen, per­fekt aus­ta­rier­ten Klang. Und wenn sich dann naht­los eine Tanz­sze­ne anschließt, in der wirk­lich alle wis­sen, was zu tun ist und man ihnen zudem die Freu­de an ihrem Tun anmerkt, kann man nur noch stau­nen, was hier geleis­tet wird. Die Regis­seu­rin muss sich nur noch sel­ten ein­schal­ten, um auf ein Detail hin­zu­wei­sen. Ansons­ten läuft alles rei­bungs­los und mit ver­blüf­fen­der künst­le­ri­scher Aus­strah­lung ab, die den kar­gen Pro­ben­raum kom­plett ver­ges­sen lässt.

Tin­ker­bell (Malin Hall) und Peter Pan (Felix Nyn­cke) freu­en sich im Okto­ber 2025 auf die Pre­mie­re von «Peter Pan» © Sabi­ne Näher

Nach ein­ein­halb Stun­den kon­zen­trier­ter Arbeit sagt Julia Rie­gel eine kur­ze Pau­se an. Gele­gen­heit, um mit zwei Darsteller:innen ein Gespräch zu füh­ren. Felix Nyn­cke, 26, ist seit neun Jah­ren dabei. Haupt­rol­len hat er schon etli­che gespielt, dar­un­ter den Saras­tro in der «Zau­ber­flö­te» oder Graf von Kro­lock in «Der Tanz der Vam­pi­re». Wie gefällt ihm die jet­zi­ge Rol­le? «Peter Pan zu ver­kör­pern, gefällt mir sehr gut, weil man als jun­ger Mensch, der eben in neue Ver­ant­wor­tun­gen hin­ein­fin­den muss, noch ein­mal in die Kind­heit zurück­keh­ren, sich dar­in aus­le­ben und die­se Leich­tig­keit spü­ren kann.» Sei­ne Fee Tin­ker­bell, die zwölf­jäh­ri­ge Malin Hall, ist erst seit ein­ein­halb Jah­ren bei der Aka­de­mie, konn­te aber eben­falls schon eini­ge Erfah­run­gen sam­meln: «Ich war die klei­ne Pami­na in der ‹Zau­ber­flö­te›, aber das ist mei­ne ers­te grö­ße­re Rol­le. Ich wer­de bestimmt sehr auf­ge­regt sein. Aber wenn man dann auf der Büh­ne steht, ist alles gut!» Felix nickt und ergänzt: «Lam­pen­fie­ber am Anfang gehört unbe­dingt dazu, damit es dann rich­tig läuft.»

Portrait von Sabine Näher

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Sabine Näher

Sabine Näher lebt und arbeitet als freie Kulturjournalistin für Hörfunk und Print in Leipzig und Oberbayern. Sie hat Bücher zum Schubert- und Schumann-Lied sowie zum 800. Geburtstag des Thomanerchors veröffentlicht.

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