Stimmbildung neu denken – Benno Schachtner im Gespräch
Herr Schachtner, Sie haben von 2000 bis 2004 in Detmold und Basel Kirchenmusik, Gesang und Chorleitung studiert. Wie wurde da Stimmbildung praktiziert und gelehrt?
Die Gesangsprofessoren haben da ihren Hauptfächlern gesagt: «Ja nicht Chorsingen, das ist schädlich, da verliert ihr die die gute Technik wieder.» Das war meine erste Begegnung mit dieser Haltung. Ich dachte, Ziel meines Gesangsstudiums wäre ein Profichor wie der RIAS Kammerchor. Was mir im Kirchenmusikstudium beim Chorleitungsunterricht nicht so zugesagt hat, war der sehr handwerkliche Zugang – man arbeitet das und das ab und dann ist es gut. Für jede Übung gab es gute Gründe, aber die musste man erst erfragen. Als ich an die Schola Cantorum in Basel gekommen bin, war es ähnlich, auch wenn dort das Singen im Ensemble wichtig genommen wurde.
War Ihnen das Einsingen zu technisch gedacht?
Ich möchte das nicht so stark bewerten. Aber ich mache es anders. Wenn ich eine Probe beginne, muss ich auf das reagieren, was vor mir ist. Jeder Mensch ist anders, auch in der Chorprobe. Um das einzuschätzen, braucht man das Know-how, wie eigentlich Singen funktioniert. Das Aufwärmen des Körpers wie beim Sport ist ein schöner Vergleich. Ich würde wahrscheinlich auch mit Dehnungsübungen anfangen – aber vor allem mit der Atmung. Die Atmung verbindet alles miteinander. Vielleicht gehe ich noch weiter: Das Singen, also der Ton, ist nicht so wichtig wie das Atmen. Technische Aufwärmübungen finde ich nicht falsch, aber sie können im Kontext der Komposition stattfinden, um Natürlichkeit und Freiheit im Ausdruck und schließlich in und mit der Musik zu finden.
Sie singen den Chor also ein, indem Sieihmzuhören und danach entscheiden, wie Sie auf die bestimmte Herausforderung, die jetzt bevorsteht, reagieren?
Ja, genau. Grundlage ist die große Palette an Möglichkeiten, die ich kenne – weil ich mich als Sänger und Hochschullehrer tagtäglich mit meiner Stimme und mit den Stimmen meiner Studierenden beschäftige. Meine Gesangstechnik bietet mir die Möglichkeit, genau in die Richtung zu arbeiten, die wir gerade brauchen. Ich weiß, wo ich hinwill, und der Chor spielt mit. Das hat auch viel mit Intuition zu tun – aber überhaupt nicht mit irgendwelchen mechanistischen Dingen.
Wie kommt bei dieser Art des Arbeitens Wolfgang Steinmüller ins Spiel?
Wolfgang Steinmüllers Hintergrund ist in der Musikermedizin, er arbeitet viel mit Profis und Amateurmusiker:innen, zu seinem Herangehen gehören Feldenkrais-Methode und Ideokinese. In der Chorakademie arbeitet er in Gruppen und einzeln mit den Teilnehmer:innen. Er beobachtet in meinen Chorproben, wie ich arbeite. Wenn ich spüre, dass es durch körperliche Einschränkungen – Bauch fest, Kiefer fest oder Ähnliches – manchmal nicht weitergeht, wende ich mich an ihn. Er kann dann in seiner Arbeit mit den Teilnehmer:innen darauf reagieren. Und er sagt, das Besondere an meiner Arbeitweise sei in seinen Augen, dass ich beim Wachsen betreue und nicht ziehe – wie im Garten: Man hat da einen fruchtbaren Boden und lässt die Pflanze wachsen, führt sie, lässt sie aber aus sich wachsen.

Wie haben Sie Ihre eigene Methode entwickelt? Ist es schon eine Methode?
Ich denke schon. Entwickelt hat sie sich auch aus einer persönlichen Krise, einer sängerischen. Einmal musste ich die Hauptrolle in einer Oper von Jonathan Dove singen, «Flight», eine sehr fordernde Partie. Ich hatte aber parallel Konzerte mit Bach. Und da bin ich an meine Grenzen gekommen. Ich habe keine kleine Stimme, und bei der Produktion mit großem Sinfonieorchester habe ich sie ziemlich frei geführt – zu Bach passte das dann aber nicht. Das machte mich damals etwas ratlos. Da wurde die Arbeit mit Wolfgang Steinmüller sehr wichtig. Ich konnte so über einen anderen Weg wieder zurückkommen auf eine Spur, die aber viel reicher, viel blumiger, viel bunter war. Hinzu kam meine Lehrtätigkeit an der Hochschule in Bremen. In der Alte-Musik-Abteilung gibt es innerhalb der künstlerischen Gesangsausbildung das Hauptfach Ensemblegesang im Vokalensemble, die Studierenden kennen sich exzellent mit Stimmungen, mit Intonation, mit Sprache aus. Mein Gesangsunterricht wurde aber zur Herausforderung. Da habe ich verstanden, was die Gesangsprofessoren meinen, wenn sie sagen: «Chorsingen ist schädlich». Aber woran lag das? Mein Eindruck war: Die konventionelle Art der Chorleitung, der chorischen Stimmbildung passt mit einer gesunden Gesangstechnik nicht zusammen. Wie Singen richtig funktioniert, das ist vielen Chorleiter:innen, glaube ich, nicht bewusst – viele haben es auch nie gelernt. Da bin ich als ausgebildeter Sänger im Vorteil. Ich habe mich in dieses Grenzgebiet begeben und es von beiden Seiten analysiert.
Sie meinen das Grenzgebiet zwischen Ensemblesingen und Sologesang?
Genau. Ich muss richtig gut singen, richtig frei, mit Vibrato selbstverständlich – eine Opernstimme im Sinn der Belcanto-Technik, wie sie sich von Monteverdi aus entwickelte. Aber ich muss auch wieder zurück zu Bach finden, zu einem homogenen Ensembleklang. Ich sage: Ja, das geht beides. Das ist auch mein Anspruch in Bremen: dass die Leute sich frei in diesem Grenzgebiet bewegen können, als Solist:innen und als Chorsänger:innen.
Wie lässt sich das auf ein Amateur-Ensemble übertragen, zum Beispiel bei der Chorakademie? Wann standen Sie vor dem Chor und dachten: «Heute Abend mache ich das anders»?
Letztes Jahr hatten wir Händels «Messiah»auf dem Programm und ich musste kurzfristig die Leitung der Chorakademie von Justin Doyle übernehmen, dem Chef des RIAS Kammerchors. Nun stand ich vor dem Chor, alles gute Chorsänger:innen, und da hieß es einfach: Keine Angst vorm Singen! Statt «Ich muss das richtig machen» erstmal diese Freiheit geben, auch im Kopf. Ob ich jetzt vor meiner Hochschulklasse stehe oder vor den Amateursänger:innen: Die Grundlage, die Körpereinstellung, die Freiheit des Körpers, das ist dasselbe. Mit dieser Freiheit kann der Chor dann auch einen vielfarbigen Klang entwickeln.
Wie haben die Sänger:innen darauf reagiert?
Stephanie Watin, meine Assistentin beim Diademus-Festival und meine rechte und linke Hand in der Organisation, ist selbst begeisterte Chorsängerin und sagte: «Benno, du musst uns doch auch einsingen!», andere waren wohl auch auf sie zugekommen. Eine andere gut geschulte Sängerin kam zu mir: «Ich brauche ein paar Übungen, sonst fühle ich mich nicht wohl.» Ich wollte das nicht einfach ablehnen, etwas musste also anders werden. Ich kam dann darauf: Okay, lass die Leute weniger singen, damit sie weniger Anspruch haben, eingesungen zu werden. Ich habe zum Beispiel erst einmal über das Stück gesprochen, es eingeordnet, erzählt, worum es geht. Dann habe ich den Chor-Anfang «For unto us a child is born» vorgesprochen und wieder und wieder sprechen lassen. Da ergibt sich eine natürliche Sprechmelodie mit dem akzentuierten «For» und einer Linie auf das «born» hin. Irgendwann sind wir dann vom Sprechen zum Singen übergegangen – und das klang ganz mühelos und frei. Wenn der Chor dann einmal in diesem fröhlichen Affekt ist, machen auch die anschließenden Koloraturen keine Mühe mehr. Über das Sprechen vergaßen sie die Angst vorm Singen.
Bei der Diademus-Chorakademie lassen Sie sich in der Stimmbildung unterstützen von den Sopranistinnen Marianne Altstetter und Sibylla Ruben, der Altistin Ingeborg Danz und der Chorleiterein Karin Freist-Wissing. Wie haben Sie sich mit denen verständigt?
Die chorische Stimmbildung liegt bei mir. Aber wir bieten auch Einzelstimmbildung an, und die Sängerinnen sind renommierte Sängerpersönlichkeiten und erfahrene Gesangslehrerinnen. Bei Karin Freist-Wissing habe ich in Detmold schon studiert. Als sie gehört hat, dass ich etwas Neues ausprobiere, wurde sie neugierig und wollte unbedingt dabei sein. Sie unterstützt die Chorarbeit, zum Beispiel durch Stimmgruppenproben, damit der gemeinsam gefundene Ansatz nicht wieder vergessen wird. Das Ziel ist, dass die Schwächsten in der Stimme sich frei fühlen.
Bei Ihrem Ansatz spielt Intuition eine große Rolle: Sie als Leiter führen und reagieren intuitiv, sie möchten die Sänger:innen zu einer intuitiven Antwort bringen. Nun unterrichten Sie auch. Ist das, was Sie hier ausprobieren, lehrbar?
Ja. Wenn ich das in Leitsätze fassen sollte: Erstmal weg vom Singen, hin zur Freiheit der Stimme. Dafür muss man als Leiter auch ein gewisses Instrumentarium haben. Ich muss erstens wissen: Da will ich hin, und zweitens: Das sind die Möglichkeiten, wie ich dahin komme. Als Sänger habe ich dieses Instrumentarium entwickelt und als Chorleiter kann ich es für die Sänger:innen fruchtbar machen.
Zur Person
Benno Schachtner ist ausgebildeter Kirchenmusiker und tritt als Countertenor auf internationalen Bühnen auf. 2018 gründete er das Festival Diademus und die Diademus-Chorakademie in Roggenburg. Neben einem Team hochqualifizerter Musiker:innen unterstützt ihn dabei der Musikermedizin-Spezialist Wolfgang Steinmüller.