«Singing Into Space» – Mehrchörigkeit von Gabrieli und Bonato
Hört man das Album «Singing into Space» des Estonian National Male Choir unter seinem Dirigenten Mikk Üleoja, so wird einem gleich klar: Es gibt zweifellos eine Wechselbeziehung zwischen Musik und den Räumen, in denen und für die sie entstanden ist. Die Lautstärke und Bauart von Instrumenten korreliert historisch gesehen zum Beispiel mit der Größe der Räume, in denen sie erklingen. Bei der Chormusik ist das nicht anders, wiewohl sich das Instrument selbst nicht verändert hat. Doch die Gesangstechnik und andere Parameter unterliegen zeittypischen Varianzen.
Brandbeschleuniger für Mehrchörigkeit
Das betrifft auch die Mehrchörigkeit, die eng mit der Kirche San Marco in Venedig verbunden ist. Die hier anzutreffenden baulichen und akustischen Gegebenheiten waren so etwas wie ein Brandbeschleuniger für die Mehrchörigkeit, wie etwa in der Chormusik von Giovanni Gabrieli. Die ist in dieser Einspielung mit neuer Mehrchörigkeit von Giovanni Bonato gekoppelt worden. Die Ausführung für reinen Männerchor (also ohne Counter oder Alti) bedingt, dass die bearbeiteten Gabrieli-Motetten selbst für Renaissance-Verhältnisse recht tief klingen. Das ist zunächst mal gewöhnungsbedürftig. An den gesanglichen Qualitäten des Estonian National Male Choir gibt es aber keinen Zweifel, die sind absolut erstklassig.
Klangfarbe, Klangatmosphäre
Während das Ensemble Gabrielis kontrapunktische Verstrickungen sehr transparent aufdröselt, stehen bei Bonatos Musik eher Klangfarbe und ‑atmosphäre im Vordergrund. Auch das gelingt dem Chor unter der Leitung von Mikk Üleoja ausgezeichnet. Die Aufnahme an sich ist tadellos, wiewohl man bei dem für einen Konzertsaal recht halligen Klangbild etwas nachgeholfen zu haben scheint.