Sängerbünde und Drittes Reich: Eine Aufgabe für künftige Erinnerungskultur

Frau Schae­fer, wie sind Sie auf das The­ma Män­ner­chor­we­sen im «Drit­ten Reich» gekom­men?

Wäh­rend mei­nes Stu­di­ums in Hal­le bin ich auf die Figur Bru­no Heyd­rich gesto­ßen. Der hat­te 1899 das Ers­te Hal­le­sche Kon­ser­va­to­ri­um gegrün­det. Sei­ne Geschich­te war aber noch über­haupt nicht auf­ge­ar­bei­tet. Das liegt nach mei­nen Erkennt­nis­sen dar­an, dass er der Vater von Rein­hard Heyd­rich war, einem der Haupt­or­ga­ni­sa­to­ren des Holo­caust. Heyd­rich selbst war kai­ser­treu, er wur­de nie Mit­glied der NSDAP, 1938 starb er. Er war Lie­der­meis­ter der Hal­le­schen Lie­der­ta­fel, diri­gier­te den Män­ner­chor und kom­po­nier­te für ihn. Auf einer Jubi­lä­ums­fest­schrift der Lie­der­ta­fel war das Signet des Deut­schen Sän­ger­bun­des (DSB) drauf. Da wur­de mir klar, dass der DSB bei der Ver­brei­tung und Steue­rung von Musik eine star­ke Rol­le spiel­te. Dann stieß ich auf die mit­tel­deut­schen Sän­ger­fes­te des DSB 1935 in Hal­le, Leip­zig und Gera. Mich hat inter­es­siert: Wie poli­tisch waren die­se Fes­te? Gab es schon eine künst­le­ri­sche Gleich­schal­tung, wur­den die­sel­ben Lie­der gesun­gen, waren die Abläu­fe ähn­lich? Ich merk­te: Da ist ein rie­si­ger For­schungs­be­darf.

Wel­che Rol­le spiel­te das Sän­ger­fest 1937 in Bres­lau?

Das Sän­ger­fest in Bres­lau war die Kul­mi­na­ti­on der Ideo­lo­gi­sie­rung und Instru­men­ta­li­sie­rung des Män­ner­chor­we­sens. Es war das ein­zi­ge Bun­des­fest zur Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus. Schirm­herr war Joseph Goeb­bels, Hit­ler reis­te eigens an – das bewies auch eine Wert­schät­zung des DSB. Ich konn­te dar­an erken­nen, dass Sän­ger­fest und Chor­kul­tur nicht nur einen ver­bands­in­ter­nen, son­dern einen gesell­schaft­li­chen Wert hat­ten. Bei sol­chen Fes­ten ist auch das Rausch­erleb­nis nicht weit. Das Schmü­cken der Stadt mit Fah­nen und Blu­men, die Men­schen­mas­sen – über 100 000 reis­ten an –, die Insze­nie­rung von Hit­lers Rede in der Däm­me­rung mit anschlie­ßen­dem Feu­er­werk – das ist hoch emo­tio­na­li­sie­rend. Goeb­bels schreibt in sei­nem Tage­buch, was er für einen Ein­druck von den Men­schen hat­te, wie berauscht sie waren. Das zeigt, wel­chen Ein­fluss Kunst, Kul­tur, Fest, Rausch auf die Gesell­schaft haben kön­nen.

Warum die Sängerbünde so anschlussfähig waren

Ist das der Haupt­grund, war­um die Nazis sich für den DSB und die Sän­ger­schaft inter­es­sier­ten?

Gera­de der DSB brach­te mit sei­ner patrio­ti­schen Tra­di­ti­on vie­les mit, was die Natio­nal­so­zia­lis­ten ein­fach nutz­ten. Man brauch­te inner­halb der Reichs­mu­sik­kam­mer kei­nen Ver­band für die Män­ner­chö­re zu grün­den, der DSB wur­de ein­fach ein­ge­glie­dert. Dadurch, dass vie­le Lei­tungs­mit­glie­der schon vor 1933 Mit­glie­der der NSDAP waren wie Albert Meis­ter, der zu den «alten Kämp­fern» gehör­te, voll­zog sich rasch eine Selbst­gleich­schal­tung. Der DSB hat­te schon eine straf­fe Ver­wal­tungs­struk­tur, die nach 1933 durch die Zwangs­mit­glied­schaft aller Män­ner­chö­re noch gestärkt wur­de. Die Deut­sche Sän­ger­bun­des­zei­tung als amt­li­ches Organ muss­ten ab 1934 alle Mit­glieds­ver­ei­ne bezie­hen. Die Zei­tung dien­te zum einen dazu, die Chö­re mit Arti­keln und Lied­blät­tern zu ideo­lo­gi­sie­ren, zum ande­ren, sie zu bin­den, etwa durch Bespre­chun­gen über gelun­ge­ne Kon­zer­te.

Was wur­de denn gesun­gen?

Das Män­ner­chor­re­per­toire der Zeit ist sehr span­nend. Das bür­ger­li­che Milieu im DSB neig­te zu eher spät­ro­man­ti­schen Kom­po­si­tio­nen – wuch­tig, star­ke Har­mo­nien, anspruchs­voll zu sin­gen –, die den Natio­nal­so­zia­lis­ten in Mehr­heit nicht pass­ten. Man sprach von «seich­ten Sen­ti­men­ta­li­tä­ten». Auf der ande­ren Sei­te gab es das Lager, das aus der Jugend­mu­sik­be­we­gung kam. Ein bekann­ter Name ist da Walt­her Hen­sel mit sei­nem Lie­der­buch «Das auf­recht Fähn­lein». Sol­che Lie­der waren gering­stim­mig und wur­den mit den Instru­men­ten beglei­tet, die gera­de da waren, sodass mög­lichst vie­le Men­schen Zugang hat­ten. Den Streit zwi­schen die­sen Lagern gab es schon vor 1933. Danach gewann der «neue Stil», die Linie der Jugend­mu­sik­be­we­gung. Ande­rer­seits kom­po­nier­te zum Bei­spiel der belieb­te Män­ner­chor­kom­po­nist Richard Trunk bereits 1932 vier Lie­der auf Tex­te von Bal­dur von Schi­rach unter dem Titel «Fei­er der neu­en Front» in sei­nem spät­ro­man­ti­schen Stil und wid­me­te sie Hit­ler.

Und die­se Musik wur­de ange­nom­men?

Ich habe mir Kon­zert­pro­gram­me her­aus­ge­sucht und geschaut, was tat­säch­lich 1933 bis 1944 – für 1945 gab es kei­ne Quel­len mehr – auf­ge­führt wur­de. Da war «Fei­er der neu­en Front» von Trunk der gro­ße Hit. Die Bespre­chun­gen des Stücks waren nicht gut, der Stil galt als schwüls­tig, es war kei­ne Vor­ga­be des DSB. Aber die Chö­re san­gen es trotz­dem. Das zeigt, dass sie sich frei­wil­lig auf die Suche nach natio­nal­so­zia­lis­ti­schem Reper­toire gemacht haben. Das war eine wich­ti­ge Erkennt­nis für mich. Um das Pro­gramm gleich­zu­schal­ten, gab es aber auch Pflicht­chö­re von jun­gen Kom­po­nis­ten wie Her­mann Erd­len, Her­mann Simon oder Karl Schü­ler.

Ein Thema, kaum Aufarbeitung

Ein Anreiz für Sie war, dass Sie zum The­ma wenig gefun­den haben. Inwie­weit ist es über­haupt schon auf­ge­ar­bei­tet?

Da ist vor allem Fried­helm Brusni­ak, mehr für die Zeit vor 1933; und Helm­ke Jan Keden, der 2003 in sei­ner Dis­ser­ta­ti­on den Blick auf die NS-Zeit im DSB warf. Sebas­ti­an Nickel hat sich 2013 mit Thü­rin­gen im 19. Jahr­hun­dert befasst. Dar­über hin­aus ist wenig pas­siert – für den ost­deut­schen Raum eigent­lich gar nichts. In West­deutsch­land hat der DSB, nach­dem er 1945 zunächst ver­bo­ten war, wei­ter­ge­macht – auch Lei­tungs­mit­glie­der, zum Bei­spiel Franz Josef Ewens –, nach der Tei­lung aller­dings nicht mehr in Ost­deutsch­land. Die Quel­len­la­ge ist schwie­rig. Ich war zwei­mal im Doku­men­ta­ti­ons- und For­schungs­zen­trum des Deut­schen Chor­we­sens in Feucht­wan­gen und habe mir das weni­ge ange­se­hen, das es gibt. Mitt­ler­wei­le besit­ze ich pri­vat wahr­schein­lich mehr Quel­len aus der Zeit. Vie­les sind Hef­te, Zet­tel, Din­ge, die schnell kaputt­ge­hen und weg­ge­wor­fen wer­den. Da haben lei­der auch Ver­ei­ne gründ­lich in ihren Archi­ven auf­ge­räumt, weg­ge­packt oder weg­ge­wor­fen, weil das eine Zeit ist, an die man sich nicht so gern erin­nert.

Buchumschlag «Singen unterm Hakenkreuz»
©Böhlau Ver­lag

Wel­che Rol­le spielt das Pro­jekt «Chor­mu­si­ka­li­sche Erin­ne­rungs­kul­tur»?

Das Pro­jekt kann da viel auf­ar­bei­ten. Indem die Chö­re im Deut­schen Chor­ver­band in ihre Archi­ve gucken, in den Schuh­kar­ton, um zu sehen: Was liegt da noch? So gibt es Lie­der, die auf den Pro­gram­men der Zeit ste­hen, aber nicht zu fin­den sind. Kom­po­nis­ten oder Titel las­sen anneh­men, dass es ten­den­ziö­se Lie­der sind, viel­leicht auch natio­nal­so­zia­lis­ti­sche. Aber sie sind ein­fach nicht da. Das ist eine Lücke, die ich schlie­ßen möch­te. Und dann sind da die jüdi­schen Akteu­re. Über die wis­sen wir so gut wie nichts. Aber natür­lich gehör­ten auch jüdi­sche Men­schen die­sen Chö­ren an. Das wird schon dadurch deut­lich, dass der DSB 1934 einen soge­nann­ten Arier­pa­ra­gra­fen in sei­ne Sat­zung auf­nahm. Er ori­en­tier­te sich an dem «Gesetz zur Wie­der­her­stel­lung des Berufs­be­am­ten­tums» und bestimm­te, dass jüdi­sche Mit­glie­der aus­ge­schlos­sen wer­den. Das glei­che gilt für Chor­lei­ter, für Kom­po­nis­ten, für alle Akteu­re im Chor­we­sen. Wir fra­gen uns: Wie war unser Chor­we­sen vor 1933? Wel­che Rol­le spiel­ten jüdi­sche Kom­po­nis­ten, jüdi­sche Mit­glie­der? Da das Chor­sin­gen aber auch ein pri­va­ter Raum ist, ist das schwer her­aus­zu­fin­den.

Wie geht es jetzt mit dem Pro­jekt wei­ter?

Wir arbei­ten mit der Abtei­lung Musik­wis­sen­schaft der Uni Hal­le zusam­men, Abschluss­ar­bei­ten wer­den ver­ge­ben, The­men des Pro­jekts wer­den in Semi­na­ren behan­delt. Der DCV unter­stützt uns mit zwei Mit­ar­bei­tern, dar­über hin­aus ste­hen die bei­den Prä­si­di­ums­mit­glie­der Kat­ja Mit­tel­dorf und Jörg Schmidt an unse­rer Sei­te. Wir ver­su­chen gemein­sam, die Geschich­te der Chor­ver­ei­ni­gun­gen zur Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus zu rekon­stru­ie­ren. Dabei liegt unser Fokus gar nicht nur auf dem DSB oder auf den Män­ner­chö­ren. Wir fra­gen: Wel­che Ver­ei­ni­gun­gen gab es, wie haben die sich ver­hal­ten? Da spie­len die Arbei­ter­chö­re eine Rol­le, die christ­li­chen Ver­bän­de, die gemisch­ten Chö­re, die Frau­en­chö­re. Und natür­lich unser ers­tes The­ma: die jüdi­schen Akteu­re. Es geht dar­um, sich mit der eige­nen Geschich­te ver­traut zu machen. Wir sind heu­te an einem Punkt, wo die­se Zeit weit genug weg von uns ist, als dass wir noch per­sön­li­che Ver­flech­tun­gen hät­ten, aber noch nah genug, dass noch Mate­ri­al zu fin­den sein könn­te. Ich bin über­zeugt, dass unse­re Geschich­te uns hilft, Feh­ler nicht erneut zu bege­hen. Aber dazu müs­sen wir sie uns ver­ge­gen­wär­ti­gen. Wir müs­sen fra­gen, wel­che Bedeu­tung Chor­mu­sik in einem Sys­tem wie dem Natio­nal­so­zia­lis­mus hat­te. Das wird nicht immer nur bequem sein. Da fin­de ich’s toll, dass Wis­sen­schaft und Ver­band an einem Strang zie­hen.

Anna Schae­fer
Ver­öf­fent­li­chung: Sin­gen unterm Haken­kreuz. Der Deut­sche Sän­ger­bund in Mit­tel­deutsch­land zur Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus, Köln: Böhlau, 2024

Dr. Anna Schae­fer ist wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­te­rin in der Abtei­lung Musik­wis­sen­schaft am Insti­tut für Musik, Medi­en- und Sprech­wis­sen­schaf­ten der Mar­tin-Luther-Uni­ver­si­tät Hal­le-Wit­ten­berg. Ihr Buch über die Sän­ger­bün­de im Drit­ten Reich ist 2025 erschie­nen.

Portrait von Friedrich Sprondel

Autor:in

Friedrich Sprondel

Friedrich Sprondel wurde im Norden geboren, studierte im Süden und ist Redakteur der Chorzeit. Er schreibt für verschiedene Medien, ist Jurymitglied beim Preis der deutschen Schallplattenkritik und lebt in Berlin.

Verwandte Artikel

Weitere spannende Themen aus der Chorwelt

Tausende von Menschen stehen auf und vor einer sehr großen überdachten Open-Air-Bühne.

Singend auf dem Weg: das estnische Sänger- und Tanzfest

Wirbelnde Trachten und ein Meer aus Stimmen: Das Sänger- und Tanzfest in Tallinn mobilisiert die Menschen in Estland.

Helmuth Rilling sitzt im Profil auf einem Stuhl, im Hintergrund ein festlicher Theaterraum

Zum Tod von Helmuth Rilling

Der Kirchenmusiker und Dirigent Helmuth Rilling ist im Alter von 92 Jahren gestorben – ein Nachruf.

Der Präsident des Deutschen Chorverbands Christian Wulff steht vor den jungen Mitgliedern des Juventis Jugendchores Celle und hält eine Rede.

Gemeinsames Holocaust-Gedenken

Das Präsidium des DCV und Präsident Christian Wulff waren im Januar 2026 zu einer Gedenkveranstaltung der Volkswagen Group in Wolfsburg eingeladen.