Kreative Ansätze: Atem­technik für Sänger:innen mit Behinderung

Autor:in

Nadine Kube

Ausgabe

N° 125 | Juli 2025

Schon Aris­to­te­les wuss­te: Die Stim­me ist Spie­gel der See­le. Atem, Stim­me, Spra­che und See­le hän­gen wesent­lich zusam­men, diri­gie­ren unser Selbst­be­wusst­sein wie unse­re Prä­senz – und umge­kehrt. Sprech­stim­me und Sing­stim­me fun­gie­ren zum einen als Aus­drucks­mit­tel zum Zweck der Kom­mu­ni­ka­ti­on sowie der künst­le­ri­schen Äuße­rung. Zum ande­ren ist die Stim­me ein Instru­ment, das wesent­lich Durch­set­zungs­kraft und Selbst­be­haup­tung beein­flusst. Zwei Chor­sän­ge­rin­nen berich­ten aus eige­ner Erfah­rung, was Stimm­bil­dung für Men­schen mit phy­si­scher Behin­de­rung leis­ten kann.

Singen im Chor mit Hindernissen

Wieb­ke Rich­ter ist Diplom-Psy­cho­lo­gin, Fami­li­en­the­ra­peu­tin und Bera­te­rin für Behin­der­te bei PHÖNIX in Regens­burg nach dem Prin­zip des Peer Coun­seling, das bedeu­tet: Bera­tung für Men­schen mit Behin­de­rung, von Men­schen mit Behin­de­rung. Seit 2020 ist sie für die Par­tei Die Grü­nen im Regens­bur­ger Stadt­rat aktiv, seit 2023 im Ober­pfäl­zer Bezirks­tag sowie im Sozi­al- und im Kul­tur­aus­schuss tätig. Außer­dem enga­giert sie sich in zahl­rei­chen Initia­ti­ven, Netz­wer­ken und Pro­jek­ten für Bar­rie­re­frei­heit und Inklu­si­on. Auf Lan­des- und Bun­des­ebe­ne setzt sie sich für eine star­ke Behin­der­ten­po­li­tik ein. Sie ist lei­den­schaft­li­che Chor­sän­ge­rin.

Ihr Leben lang hat sie in klei­nen und gro­ßen Chö­ren gesun­gen, das Chor­sin­gen ist ihr Freu­de und Not­wen­dig­keit glei­cher­ma­ßen. Sie hat ein Fai­ble für klas­si­sche Musik – das Pro­blem: In einer Stadt wie Regens­burg ist die Aus­wahl all­ge­mein nicht so groß, und dann pro­ben vie­le im Turm! Was sich für die einen char­mant liest, ist für die ande­ren eine nicht zu bewäl­ti­gen­de Hür­de. Wieb­ke hat eine ange­bo­re­ne Mus­kel­er­kran­kung und ist daher auf einen Roll­stuhl ange­wie­sen, um mobil sein zu kön­nen. Damit geht ein­her, dass sie mehr als lau­fen­de Zwei­bei­ner Span­nung auf­brin­gen muss. Sie singt im zwei­ten Sopran, in die Höhe gibt es Gren­zen. Es erfor­dert sehr viel Atem­übung, um Töne hal­ten zu kön­nen. Durch ver­gleichs­wei­se ein­ge­schränk­tes Lun­gen­vo­lu­men ist sie auf gute Stimm­bil­dung ange­wie­sen. Jah­re­lang nahm sie pri­va­ten Gesangs­un­ter­richt, um ihre Stim­me fit zu hal­ten. Dies in Kom­bi­na­ti­on mit regel­mä­ßi­ger und viel­sei­ti­ger Chor­tä­tig­keit ist das bes­te Trai­ning.

«Im Chor ist man klang­lich ein­ge­bet­tet. Das ist ein sehr sanf­ter Zugang zur eige­nen Wirk­sam­keit.»

Singen ist gesund und macht Spaß

Als Kind hat­te Wieb­ke auf­grund ihrer Erkran­kung gro­ße Atem­pro­ble­me. Die Eltern erkann­ten jedoch früh ihr musi­ka­li­sches Talent und för­der­ten ihren Gesang. Sie­he da, das Atmen wur­de merk­lich bes­ser. Und nicht nur das: Gemein­schaft­li­ches Sin­gen im Chor bringt bekannt­lich posi­ti­ve sozia­le Erfah­run­gen mit sich. Dabei geht es auch um Selbst­er­fah­rung – sich arti­ku­lie­ren, der eige­nen Stim­me Aus­druck ver­lei­hen und dadurch Selbst­be­wusst­sein ent­wi­ckeln. «Im Chor ist man klang­lich ein­ge­bet­tet. Das ist ein sehr sanf­ter Zugang zur eige­nen Wirk­sam­keit», meint Wieb­ke, die durch ihre eige­ne Lebens­er­fah­rung und ihre Exper­ti­se in Psy­cho­lo­gie hier ein wirk­sa­mes the­ra­peu­ti­sches Mit­tel benennt – eines, das Spaß macht. Intro­ver­tier­te Men­schen ler­nen so, aus sich her­aus­zu­ge­hen und die eige­ne Stim­me zu ent­de­cken.

Stimmtraining, Atemtraining und Haltung

Mus­keln ver­ler­nen ganz schnell, wenn man sie nicht trai­niert – das weiß jede:r von uns. Wie ande­re ihre Atmung durch Jog­gen rou­ti­nie­ren, macht Wieb­ke Rich­ter mehr­fach täg­lich Zwerch­fell­übun­gen, meist noch vor dem Auf­ste­hen und zwi­schen­durch immer wie­der, vor allem wenn sie kurz­at­mig wird. Das ver­hin­dert, dass die Stim­me ‹brü­chig› wird. Durch den Unter­richt hat sie gelernt, trotz ein­ge­schränk­ter Mus­kel­funk­ti­on den Ton zu hal­ten. «Wenn man mit Stüt­ze arbei­tet, wird man lau­ter, ohne viel Kraft und Luft rein­zu­ge­ben. Der Atem fließt, obwohl kein Atem da ist. Die Stim­me muss ja den gan­zen Raum erfül­len, ohne Mikro­fon. Vie­le Rollstuhlfahrer:innen sind sehr lei­se, das kommt von der Hal­tung her. Die Mus­ku­la­tur ent­wi­ckelt sich anders. Abge­se­hen davon sitzt man ein­fach eine Ebe­ne tie­fer – sich da stimm­lich durch­zu­set­zen, kann hel­fen, sicht­bar zu wer­den. Man muss sich im Sit­zen den Raum erobern.» Es geht also um Hal­tung, inne­re wie äuße­re. Stimm­bil­dung ist wich­tig, um mög­lichst viel aus sich selbst her­aus­zu­ho­len.

Inklusiver Chor Thonkunst

Jana Hel­lem lei­tet den inklu­si­ven Chor Thon­kunst in Leip­zig. Das bekann­te A‑cap­pel­la-Ensem­ble – benannt nach dem Leip­zi­ger Stadt­teil Thon­berg – ist in der Öffent­lich­keit durch Kon­zer­te sehr prä­sent und hat schon eini­ge Prei­se ein­ge­heimst. Das Reper­toire reicht von klas­si­schen Madri­ga­len über moder­ne Pop­songs bis hin zu Stü­cken mit Jazz- und Soul-Ein­flüs­sen. Der Chor ver­bin­det Men­schen mit und ohne Behin­de­run­gen; letz­te­re sind sehr divers.

Atemtechnik vom Kung-Fu-Großmeister

Jana berich­tet, dass die Schwie­rig­kei­ten bei einem Ensem­ble mit ver­schie­de­nen kör­per­li­chen Vor­aus­set­zun­gen sich nicht so sehr unter­schei­den – zumin­dest, was die Pro­ben­ar­beit anbe­langt. Volu­men ist nicht das Pro­blem, eher die Atmung. Vor eini­gen Jah­ren haben sie sich Unter­stüt­zung geholt: von dem viet­na­me­si­schen Kung-Fu-Groß­meis­ter Chu Tan Cuong aus Hal­le, der selbst auch musi­ka­lisch aus­ge­bil­det ist und eine spe­zi­el­le Atem­tech­nik ent­wi­ckel­te. Er hat beacht­li­che the­ra­peu­ti­sche Ergeb­nis­se bei Men­schen erzielt, die durch einen Unfall quer­schnitts­ge­lähmt sind. Das habe sie mei­len­weit nach vor­ne gebracht, erzählt Jana, vor allem die Kör­per­be­herr­schung. So lern­ten die Chorsänger:innen auch Tech­ni­ken, um der eige­nen Auf­re­gung zu begeg­nen.

Singen und mehr im inklusiven Chor

«Stim­me ist das eine, aber der Trans­port der Musik geht viel über Optik», ver­rät Jana Hel­lem noch. Da der Chor vie­le öffent­li­che Auf­trit­te hat, misst sie der Prä­senz eine beson­de­re Bedeu­tung bei: «Das fängt bei der Klei­dung an, geht über Hal­tung, Mimik, Ges­tik.» Daher machen sie Video­auf­nah­men, um die Wir­kung zu sehen. Die Chor­mit­glie­der ler­nen die Tex­te aus­wen­dig – das schafft sowohl mehr Aus­druck auf der Büh­ne als auch mehr Stimm­vo­lu­men. Fer­ner kön­nen sich die Sänger:innen so eher auf den Rhyth­mus kon­zen­trie­ren. Das ist beson­ders bei Poly­pho­nie wich­tig. Man­che Teil­neh­men­de wür­den lan­ge brau­chen, um mehr­stim­mig sin­gen zu kön­nen. Sie haben auf­grund ihrer Vita wenig Erfah­rung in der Kör­per­lich­keit, haben bestimm­te Ent­wick­lungs­stu­fen nicht durch­lau­fen, moto­ri­sche Ein­schrän­kun­gen. Die Musik schafft Zugang, baut Hem­mun­gen und Span­nun­gen ab.

Fokus: Stimm­bild
In der The­men­stre­cke «Fokus: Stimm­bild» beschäf­ti­gen wir uns mit den viel­fäl­ti­gen Gege­ben­hei­ten, Funk­tio­nen und Eigen­ar­ten der Stim­me. Wir schau­en uns ana­to­mi­sche, phy­sio­lo­gi­sche und psy­cho­lo­gi­sche Zusam­men­hän­ge an, ver­fol­gen Metho­den der Stimm­bil­dung und Stimm­pfle­ge für ver­schie­de­ne Anwen­dungs­be­rei­che, fra­gen nach beson­de­ren Gesangs­tech­ni­ken in unge­wöhn­li­chen oder extre­men Musik­sti­len und beschäf­ti­gen uns mit der Stim­me als Instru­men­ta­ri­um unse­rer Inten­tio­nen.

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Nadine Kube

Nadine Kube ist als freischaffende Marketing-Managerin, Content-Strategin und Redakteurin tätig. Ihr Motto: «Identität braucht eine Sprache.»

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