Alle singen mit: das Projekt «Hier klingt’s mir gut»

Autor:in

Matthias Slunitschek

Ausgabe

N° 129 | März 2026

Mei­ne Mut­ter hat mich mit Tönen gefüt­tert», sagt eine Chor­sän­ge­rin vom Inklu­si­ons­chor aus Enni­ger im Müns­ter­land. Die Frau, die das sagt, lebt mit star­ken spas­ti­schen Bewe­gungs­stö­run­gen, mit Krämp­fen, die den Kör­per nahe­zu dau­er­haft blo­ckie­ren. Doch beim Sin­gen ent­spannt ihr gan­zer Kör­per und mit die­ser Ent­span­nung wird etwas mög­lich, das im All­tag oft müh­sam ist: Sie kann sich leich­ter und bes­ser arti­ku­lie­ren.

Sol­che Geschich­ten zäh­len zu den Grün­den, war­um es «Hier klingt’s mir gut» gibt. Die Initia­ti­ve ermu­tigt und unter­stützt Chö­re, sich für häu­fig über­se­he­ne oder mar­gi­na­li­sier­te Per­so­nen­grup­pen zu öff­nen. Zugleich sind sie der Punkt, an dem vie­le Chorleiter:innen völ­lig zu Recht inne­hal­ten. Denn so bewe­gend das ist: Ein Chor ist kei­ne the­ra­peu­ti­sche Ein­rich­tung. Chor­pro­be ist kei­ne The­ra­pie. Ein Chor trifft sich, um gute Musik zu machen, um Stü­cke zu erar­bei­ten, um Stim­men zu for­men, nicht in ers­ter Linie, um Men­schen zu «behan­deln». Gera­de weil die­se Unter­schei­dung so wich­tig ist, lohnt es sich genau­er hin­zu­se­hen, was inklu­si­ve Musik­pra­xis im Kern über­haupt meint und war­um sie nicht gegen die musi­ka­li­sche Arbeit steht.

«Hier klingt’s mir gut» ist ein Pro­jekt, das genau die­se Brü­cke schla­gen will: zwi­schen dem Wunsch nach Teil­ha­be und dem ganz nor­ma­len Pro­ben­all­tag in Chö­ren und Ensem­bles. Trä­ger des Pro­jekts ist der All­ge­mei­ne Cäci­li­en­ver­band für Deutsch­land, der Kopf­ver­band der katho­li­schen Kir­chen­mu­sik in Deutsch­land. Beglei­tet wird es von Förderer:innen und Pat:innen wie Chris­ti­an Wulff, Bun­des­prä­si­dent a. D. und Prä­si­dent des Deut­schen Chor­ver­bands. Wäh­rend der letz­ten drei Jah­re wur­de immer wie­der deut­lich, dass Inklu­si­on in der Musik ein Anlie­gen ist, das bereits heu­te Rück­halt in der Gesell­schaft fin­det.

In den hintersten Reihen eines Kirchenraums sitzt in den Bänken ein gemischter Chor und probt, angeleitet von einer Chorleiterin, die wie alle ein blaues T-Shirt trägt. Etwas abseits sitzt ein junger Mann, der weg vom Chor blickt.
Der Inklu­si­ons­chor «Wir sind’s» aus Enni­ger im Müns­ter­land erhielt 2024 das Prä­di­kat des Pro­jekts «Hier klingt’s mir gut» © Hier klingt’s mir gut

Chorsingen ist Inklusion

Für vie­le Chö­re ist Inklu­si­ons­ar­beit heu­te selbst­ver­ständ­lich: im Pro­ben­saal, im Gemein­de­saal, im Ver­eins­heim. Vie­le Chö­re sind, ohne es so zu nen­nen, bereits inklu­si­ver, als sie glau­ben. Nicht weil alles auto­ma­tisch bar­rie­re­frei wäre, son­dern weil Chor­ar­beit ein Prin­zip kennt, das in sich schon Gemein­schaft trägt. Es ist ein Fakt: Nie­mand kann für sich allein chor­sin­gen. Der Chor ist eine der ältes­ten For­men geleb­ter Teil­ha­be. Gleich­zei­tig schei­tert Inklu­si­on in der Pra­xis sel­ten am guten Wil­len. Sie schei­tert an Unsi­cher­heit in der Kom­mu­ni­ka­ti­on, an Rah­men­be­din­gun­gen, die nicht mit­ge­dacht oder gege­ben sind.

Hier setzt «Hier klingt’s mir gut» an: als prak­ti­sche Umset­zungs­stüt­ze. Das Pro­jekt sam­melt Bei­spie­le aus der Chor­ar­beit, macht gelin­gen­de Pra­xis sicht­bar und bringt Men­schen zusam­men, die ähn­li­che Fra­gen haben. Es schafft eine Platt­form, auf der Chö­re von­ein­an­der ler­nen kön­nen, wie Pro­ben struk­tu­riert wer­den, wie Kom­mu­ni­ka­ti­on gelingt, wie Ver­läss­lich­keit ent­steht, wie man Mit­wir­ken­de beglei­tet, ohne sie aus­zu­stel­len. Es geht um Ori­en­tie­rung, um Aus­tausch, um Netz­werk und um Sicht­bar­keit für jene Chö­re, die zei­gen möch­ten, dass sich Inklu­si­on in vie­len klei­nen, aber wir­kungs­vol­len Ent­schei­dun­gen aus­drückt.

Dabei ist die größ­te Fal­le, in die inklu­si­ve Pro­jek­te in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung schnell gera­ten, die The­ra­peu­ti­sie­rung. Sobald von einer the­ra­peu­ti­schen Wir­kung berich­tet wird – etwa von der Sän­ge­rin mit spas­ti­schen Krämp­fen –, ent­steht auch die Ver­su­chung, Sin­gen als Medi­zin zu beschrei­ben, als etwas, das «gut­tut». Doch genau damit redet man am Chorall­tag vor­bei. Der Chor schafft einen Raum, in dem Men­schen mit unter­schied­li­chen Vor­aus­set­zun­gen auf eine Wei­se mit­ein­an­der sein kön­nen, die im All­tag oft nicht vor­ge­se­hen ist. Das geschieht aber meist nach Leis­tung gestaf­felt, mit einer kla­ren Rol­le und einer kla­ren Auf­ga­be.

Hoher Anspruch und inklu­si­ve Chor­ar­beit im Ein­klang: das Leip­zi­ger Vokal­ensem­ble Thon­kunst © Chris­ti­na Groß

Kein Widerspruch: Inklusion und Anspruch

Weil Chor­lei­tun­gen zurecht sagen, «Wir wol­len Musik machen», darf die zwei­te gro­ße Sor­ge nicht aus­ge­spart wer­den. Dabei geht es um die Qua­li­tät. Kaum fällt das Wort Inklu­si­on, taucht in man­chen Köp­fen der Gedan­ke auf, dass mehr­stim­mi­ges Sin­gen schwie­ri­ger wer­de und anspruchs­vol­le Lite­ra­tur nicht mehr mög­lich sei, dass man am Ende «nur noch» ein­fa­che Lie­der sin­gen kön­ne. Die­se Sor­ge muss man bei einer gezielt inklu­si­ven Öff­nung ernst neh­men.

In unse­rem Pro­jekt haben wir aber ech­te Gegen­bei­spie­le erlebt, etwa beim inklu­si­ven Chor Thon­kunst aus Leip­zig. Des­sen Lei­te­rin Jana Hel­lem hat­te den Anspruch, mit sehr guten Musiker:innen auch vier­stim­mig im Ensem­ble zu sin­gen. Das hat sie rea­li­siert und zeigt: Inklu­si­on und musi­ka­li­scher Anspruch schlie­ßen sich nicht aus.

Austausch hilft: «Hier klingt’s mir gut» als Plattform

«Hier klingt’s mir gut» will genau die­se Erfah­rung tei­len und ver­stär­ken, und zwar so, dass sie für Chö­re unter­schied­li­cher Grö­ße und Aus­rich­tung anschluss­fä­hig bleibt. Geeig­net ist das Pro­jekt nicht nur für bereits bestehen­de inklu­si­ve Ensem­bles, son­dern eben­so für den Män­ner­chor, den Kir­chen­chor oder den gemisch­ten Chor, der sagt: Wir wür­den uns gern öff­nen, wis­sen aber noch nicht genau, wie. Für Chö­re, die ers­te Kon­tak­te zu Ein­rich­tun­gen haben oder sie knüp­fen möch­ten. Für Chor­lei­tun­gen, die unsi­cher sind, wie man mit sehr unter­schied­li­chen Vor­aus­set­zun­gen umgeht. Und genau­so für Chö­re, die längst inklu­siv arbei­ten, das aber bis­her nir­gends erzäh­len. Mel­den Sie sich, wenn Sie mit Ihrem Chor Teil die­ser wach­sen­den Pra­xis wer­den möch­ten! Ob als Chor, der schon mit­ten­drin steckt, oder als Chor, der einen ers­ten Schritt sucht.

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen

«Hier klingt’s mir gut» unter­stützt Chö­re, Orches­ter und Musik­ver­ei­ne dabei, Men­schen mit unter­schied­li­chen Fähig­kei­ten zusam­men­zu­brin­gen. Wer Lust hat, musi­ka­li­sche Gemein­schaft neu zu erle­ben und inklu­siv zu gestal­ten, fin­det hier Unter­stüt­zung, Aus­tausch und Sicht­bar­keit für sein Enga­ge­ment.

Fokus: all incl.

Mit der The­men­stre­cke «Fokus: all incl.» möch­ten wir ganz­heit­li­ches Den­ken, Tun und Sein zur Maxi­me erhe­ben und einen Bei­trag zur Sen­si­bi­li­sie­rung beim The­ma Diver­si­ty leis­ten. Wir ste­hen nicht in der Mit­te einer nor­ma­ti­ven Gesell­schaft und inklu­die­ren Anders­ar­tig­keit. Wir sind ein Gan­zes, das aus vie­len und sehr diver­sen Tei­len besteht. Wir spre­chen von gemein­sa­mer Gestal­tung und geben bewähr­te Tipps aus dem geleb­ten All­tag.

Portrait von Matthias Slunitschek

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Matthias Slunitschek

Matthias Slunitschek ist bei der Initiative «Hier klingt’s mir gut» verantwortlich für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.

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