200 Jahre Braille: Wie ein Teenager die Blindenschrift entwickelte

Autor:in

Nadine Kube

Ausgabe

N° 126 | September 2025

Im Jahr 2025 fei­ern wir 200 Jah­re Braille­schrift, die sich welt­weit zu einem bedeu­ten­den Stan­dard bar­rie­re­frei­er Kom­mu­ni­ka­ti­on ent­wi­ckelt hat. Die Blin­den­schrift, wie wir sie heu­te ken­nen, ver­dankt ihre Ent­ste­hung einer beein­dru­cken­den Geschich­te vie­ler zufäl­li­ger Begeg­nun­gen krea­ti­ver, enga­gier­ter und unver­zag­ter Men­schen.

Bahn­bre­chen­de Erfin­dun­gen fal­len nicht vom Him­mel. Sie ent­ste­hen in einer Fol­ge von Impul­sen und Ideen, durch Erfor­der­nis­se und Begeg­nun­gen initi­iert, durch Lei­den­schaft, for­schen­den Geist und tech­ni­sches Know-how rea­li­siert. Oft­mals sind es Lei­dens­ge­schich­ten, die dahin­ter­ste­hen. Die tech­ni­schen, wis­sen­schaft­li­chen und gesell­schaft­li­chen Errun­gen­schaf­ten, derer wir uns heu­te erfreu­en, sind kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten.

Paris, Geburtsort der Blindenschrift

Die His­to­rie der heu­ti­gen Blin­den­schrift setzt im 18. Jahr­hun­dert an. Valen­tin Haüy (1745–1822), Lin­gu­ist und Leh­rer, gilt als Vater der Blin­den­er­zie­hung. Durch Erleb­nis­se ver­stört, die ihm Blin­de als Aus­ge­sto­ße­ne vor­führ­ten, fühl­te er sich beru­fen, blin­de Jugend­li­che aus­zu­bil­den. Er ent­wi­ckel­te eine tast­ba­re Schrift mit erha­be­nen Zei­chen. 1784 eta­blier­te er durch Unter­stüt­zung einer Grup­pe Wohl­tä­ter die welt­weit ers­te Erzie­hungs- und Unter­richts­an­stalt für Blin­de in Paris und konn­te Lou­is XVI. als För­de­rer gewin­nen.

«L’Institution Roya­le des Jeu­nes Aveugles», das König­li­che Insti­tut für jun­ge Blin­de, dien­te als Vor­bild für zahl­rei­che nach­fol­gen­de Bil­dungs­ein­rich­tun­gen. Nach der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on wur­de ‹Roya­le› durch ‹Natio­na­le› ersetzt und die Ein­rich­tung besteht bis heu­te. Die Schu­le leg­te Wert auf eine Musik­erzie­hung – kein Zufall, denn vie­le der Zög­lin­ge brach­ten ein aus­ge­präg­tes musi­ka­li­sches Talent mit.

Zur glei­chen Zeit schloss Haüy Bekannt­schaft mit der gefei­er­ten blin­den Kom­po­nis­tin, Pia­nis­tin, Sän­ge­rin und Musik­päd­ago­gin Maria The­re­sia Para­dis (1759–1824) aus Wien, die euro­pa­weit vor Adels­häu­sern kon­zer­tier­te – so auch 1784 am fran­zö­si­schen Hofe. Als Kind hat­te sie ihr Augen­licht ver­lo­ren und zunächst nach Gehör gespielt. Fin­di­ge Men­schen in ihrer Umge­bung ersan­nen indes prak­ti­sche Hilfs­mit­tel, durch die sie sich eigen­stän­dig schrift­lich aus­zu­drü­cken ver­moch­te: Lesen und Schrei­ben erlern­te sie mit einem tast­ba­ren Let­tern­satz; für ihre Kom­po­si­tio­nen ver­wen­de­te sie ein Noten­setz­brett und für den Druck ihrer Noten und Schrif­ten einen Setz­kas­ten, eine Vor­form der Blin­den­schreib­ma­schi­ne. Beein­druckt und inspi­riert durch die­se Begeg­nung, konn­te Haüy nun sei­ne Ideen zu einer Blin­den­schrift aus Reli­ef­zei­chen wei­ter­ent­wi­ckeln. 1786 erschien sein «Essai sur l’é­du­ca­ti­on des aveugles» (Über die Erzie­hung der Blin­den) als ers­tes Buch im Hoch­druck. 1802 ver­ließ Haüy das Insti­tut und reis­te durch Euro­pa, unter ande­rem nach Ber­lin, wo er Wil­helm III. zur Ein­rich­tung der ers­ten «Preu­ßisch-König­li­chen Blin­den­an­stalt» moti­vier­te.

eine Nachbildung vom Gesicht und Oberkörper Louis Brailles aus Marmor
Die Mar­mor­büs­te Lou­is Brailles im Pari­ser Pan­thé­on nach einer Büs­te von Fran­çois Jouffroy ©wiki­me­dia com­mons

Der berühm­tes­te Schü­ler des Pari­ser Blin­den­in­sti­tuts war Lou­is Braille (1809–1852), der 1819 im zar­ten Alter von zehn Jah­ren an die Bil­dungs­stät­te kam und fort­an dort leben, ler­nen und spä­ter auch leh­ren soll­te. Braille wur­de 1809 in Coupv­ray in der Regi­on Île-de-France gebo­ren. Als Drei­jäh­ri­ger ver­lor er durch einen Unfall in der Satt­ler­werk­statt sei­nes Vaters das Augen­licht. Doch er hat­te Glück: Sei­ne Eltern waren wohl­ha­bend, so erhielt Petit Lou­is zunächst Pri­vat­un­ter­richt beim Dorf­pfar­rer und durf­te bald die ört­li­che Schu­le besu­chen. Sei­ne Bega­bung ver­half ihm zu einem Sti­pen­di­um, das die Aus­bil­dung in Paris ermög­lich­te. Dort wur­de er in Grie­chisch, Latein, Alge­bra und Gram­ma­tik unter­rich­tet, erlern­te hand­werk­li­che Fer­tig­kei­ten und bril­lier­te im Cel­lo- und Kla­vier­spiel. Der Schul­di­rek­tor för­der­te den Jun­gen, wo er konn­te. 1826 erhielt Braille einen ers­ten Lehr­auf­trag für Gram­ma­tik, Alge­bra und Geo­gra­fie, begann mit dem Orgel­stu­di­um und unter­rich­te­te Kla­vier­spiel. 1833 been­de­te er sei­ne Stu­di­en, wur­de zum Leh­rer ernannt und fand auch eine Anstel­lung als Orga­nist an Saint-Nico­las-de-Champs.

Sechs Punkte und die ganze Welt

Ein paar Jah­re nach sei­ner Ankunft kam Braille mit einem Schreib­sys­tem in Berüh­rung, das die Grund­la­ge für unse­re heu­ti­ge Blin­den­schrift wer­den soll­te. Der Kryp­to­graph und Artil­le­rie­of­fi­zier Charles Bar­bier de la Ser­re (1767–1841) beschäf­tig­te sich mit Schnell­schrif­ten zur Nach­rich­ten­über­mitt­lung. Her­kömm­li­ches Schrei­ben sah er als Hin­der­nis für die all­ge­mei­ne Alpha­be­ti­sie­rung. Sein Ziel war es, auch ein­fa­chen Leu­ten ohne Grund­bil­dung, Blin­den und Gehör­lo­sen schrift­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on zu ermög­li­chen. 1821 stell­te Bar­bier am Pari­ser Blin­den­in­sti­tut sein Schrift­sys­tem vor: eine Dop­pel­rei­he Punk­te, die in ihrer jewei­li­gen Anord­nung als Code für die ein­zel­nen Buch­sta­ben des Alpha­bets stan­den. Die Kodie­rung ent­sprach dem Prin­zip der Schach­no­ta­ti­on. Eine zwei­te, pho­ne­ti­sche Vari­an­te ent­hielt die Lau­te der fran­zö­si­schen Spra­che. Die­ses Punk­te­sys­tem wur­de mit einem Stem­pel in Papier geprägt, das ent­stan­de­ne Reli­ef konn­te mit den Fin­gern gele­sen wer­den.

«Sein Ziel war es, auch ein­fa­chen Leu­ten ohne Grund­bil­dung, Blin­den und Gehör­lo­sen schrift­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on zu ermög­li­chen.»

Bis dato hat­ten Schü­ler lesen gelernt, indem sie gepräg­te Buch­sta­ben mit den Fin­gern nach­fuh­ren. Der Text war so aller­dings sper­rig und schwer zu ent­zif­fern. Wer Schrei­ben lern­te, konn­te nur für Sehen­de schrei­ben; weni­gen gelang es, sich eine les­ba­re Hand­schrift anzu­eig­nen. Die­se neue Metho­de ermög­lich­te es Blin­den nun, Noti­zen zu machen, die sie selbst lesen und dank der sie mit ande­ren Blin­den kom­mu­ni­zie­ren konn­ten. Allein, die Bar­bier-Schrift war nicht zu Ende gedacht; es fehl­ten Sym­bo­le für Inter­punk­ti­on und Zah­len, Groß- und Klein­buch­sta­ben wur­den nicht unter­schie­den und Musik konn­te damit nicht abge­bil­det wer­den. Das Zäh­len der ver­ti­kal ange­ord­ne­ten Punk­te war müh­sam. Braille, damals drei­zehn­jäh­rig, setz­te sich also dran und per­fek­tio­nier­te das Sys­tem. In den fol­gen­den Jah­ren ent­wi­ckel­te er eine kom­pak­te­re und fle­xi­ble­re Schreib­me­tho­de, die das tak­ti­le Lesen erheb­lich erleich­ter­te und gleich­zei­tig den Auf­wand für die Repro­duk­ti­on ver­rin­ger­te. Die Grund­form bil­den zwei par­al­le­le, senk­rech­te Rei­hen mit je drei Punk­ten, die 64 Kom­bi­na­tio­nen ermög­li­chen. Die erha­ben gedruck­ten sechs Punk­te konn­ten mit einem Fin­ger erfühlt wer­den, was den Lese­fluss deut­lich beschleu­nig­te. Die Schüler:innen über­nah­men Brailles Schrift­sys­tem mit Erfolg; 1825 gilt als offi­zi­el­les Ent­ste­hungs­jahr. 1829 wur­de sein Grund­la­gen­werk zur Schreib­schrift und Musik­schrift im Prä­ge­druck ver­öf­fent­licht. Durch poli­ti­sches Hin und Her am Insti­tut wur­de der Braille-Code jedoch erst im Jah­re 1844 aner­kannt. 1849 ging in Paris die ers­te Druck­ma­schi­ne für Punkt­schrift in Betrieb. 1850 wur­de die Braille­schrift offi­zi­ell für den Unter­richt an fran­zö­si­schen Blin­den­schu­len ein­ge­führt, 1878 als inter­na­tio­na­ler Stan­dard.

Ein Bild von Noten, die in Blindenschrift gedruckt sind, also mit Kombinationen aus 6 Punkten, die man ertasten kann
Das Volks­lied «Bunt sind schon die Wäl­der», in Braillen­o­ta­ti­on ©dzb lesen
Ein Bild von Noten in einer Schrift, die sehende Menschen nutzen mit 5 Linien und schwarzen Noten.
Das Volks­lied «Bunt sind schon die Wäl­der», Noten­satz in Schwarz­schrift ©dzb lesen

Und Lou­is Braille selbst? Die wah­re Wür­di­gung sei­ner bedeu­ten­den Leis­tun­gen erfuhr er erst hun­dert Jah­re nach sei­nem Tod. 1952 wur­de sein Leich­nam in einem Staats­akt in das Pan­thé­on nach Paris über­führt, sei­ne Über­res­te ruhen nun neben jenen ande­rer berühm­ter fran­zö­si­scher Per­sön­lich­kei­ten wie Rous­se­au, Vol­taire, Zola und Curie. Doch Brailles Hän­de ver­blie­ben in einer Urne auf dem Dorf­fried­hof von Coupv­ray, sei­nem Hei­mat­ort. Eben­da wur­de 1956 in sei­nem heu­te noch gut erhal­te­nen Eltern­haus das «Musée Lou­is Braille» ein­ge­rich­tet. Brailles Geburts­tag am vier­ten Janu­ar wur­de 2018 durch die Ver­ein­ten Natio­nen zum Inter­na­tio­na­len Welt-Braille-Tag erklärt.

«Brailles Schrift konn­te sich nach­hal­tig durch­set­zen, da sie von einem blin­den Tüft­ler erdacht wor­den war, der Jah­re sei­nes Lebens an der Per­fek­ti­on des Sys­tems gebas­telt hat­te.»

Mit der Blindenschrift kam die Emanzipation

Im Lau­fe des 19. Jahr­hun­derts eta­blier­te sich die Blin­den­päd­ago­gik. Mit der Ein­rich­tung von Blin­den­schu­len 1804 in Wien, 1806 in Ber­lin und 1810 in Zürich wur­den im deutsch­spra­chi­gen Raum die Rah­men­be­din­gun­gen für eine insti­tu­tio­na­li­sier­te Blin­den­bil­dung geschaf­fen. Das ers­te Jahr­hun­dert der Blin­den­er­zie­hung war durch den Streit um ein ein­heit­li­ches Schrift­sys­tem geprägt. Neben der Braille­schrift ent­stan­den etli­che ande­re Zei­chen­sys­te­me, die teils immer noch Anwen­dung fin­den. Vie­le die­ser Blin­den­schrif­ten haben den Nach­teil, dass sie von Sehen­den für Erblin­den­de ent­wor­fen wur­den. Brailles Schrift konn­te sich nach­hal­tig durch­set­zen, da sie von einem blin­den Tüft­ler erdacht wor­den war, der Jah­re sei­nes Lebens an der Per­fek­ti­on des Sys­tems gebas­telt hat­te.

Guten­bergs Erfin­dung des Buch­drucks hat­te bekannt­lich eine media­le Revo­lu­ti­on aus­ge­löst: Die Ver­brei­tung von Wis­sen und der Zugang zu schrift­li­cher Infor­ma­ti­on war nun nicht mehr nur der Eli­te vor­be­hal­ten. Den glei­chen eman­zi­pa­to­ri­schen Effekt brach­te Lou­is Brailles bahn­bre­chen­de Erfin­dung der Blin­den­schrift mit sich – nur knapp 400 Jah­re spä­ter. Vor­her waren Blin­de und Seh­be­hin­der­te auf das Wohl­wol­len ihrer Umge­bung ange­wie­sen und in der Regel an den Rand der Gesell­schaft gedrängt. Nun hat­ten alle die Mög­lich­keit, selbst­stän­dig zu kom­mu­ni­zie­ren und Schrift­wer­ke zu kon­su­mie­ren. Es ent­stan­den Dru­cke­rei­en und Biblio­the­ken für Braille­schrift. Das Jubi­lä­um mar­kiert somit die Geburts­stun­de der Blin­den- und Seh­be­hin­der­ten­selbst­hil­fe. Braille wird heu­te uni­ver­sal ver­wen­det und bil­det eine wich­ti­ge Grund­la­ge für Bil­dung und gesell­schaft­li­che Teil­ha­be.

Die Blin­den­schrift wur­de 2020 von der Deut­schen UNESCO-Kom­mis­si­on zum «Imma­te­ri­el­len Kul­tur­er­be» erklärt.

Im 20. Jahr­hun­dert wur­den welt­weit Codes der Braille­schrift für wei­te­re Alpha­be­te geschaf­fen, auch für nicht alpha­be­ti­sche Schrif­ten wie Chi­ne­sisch.

Außer­dem gibt es Punkt­schrift­sys­te­me für Ste­no­gra­fie, Mathe­ma­tik, Che­mie und Schach sowie einen Code für Strick­mus­ter. Mit der Ent­wick­lung von Com­pu­ter­braille 1980 wur­de auch der Weg ins digi­ta­le Zeit­al­ter geeb­net. Auf Initia­ti­ve des Deut­schen Blin­den- und Seh­be­hin­der­ten­ver­ban­des (DBSV) wur­de die Blin­den­schrift 2020 von der Deut­schen UNESCO-Kom­mis­si­on zum «Imma­te­ri­el­len Kul­tur­er­be» erklärt. Das Bar­rie­re­frei­heits­ge­setz, im Braille-Jubi­lä­ums­jahr 2025 end­lich ver­pflich­tend ver­an­kert, ver­spricht Bes­se­rung für Blin­de und Seh­be­ein­träch­ti­ge im digi­ta­len Sek­tor und för­dert Inklu­si­on zuneh­mend.

Den­noch sind wir von Gleich­be­rech­ti­gung mei­len­weit ent­fernt, denn nur ein gerin­ger Anteil an Büchern und Fern­seh­sen­dun­gen sind für Blin­de nutz­bar, von Noten­wer­ken ganz zu schwei­gen. Das dzb lesen in Leip­zig gibt an, dass nur etwa zwei Pro­zent der neu erschei­nen­den Bücher und Noten­wer­ke in Braille oder als Hör­buch über­tra­gen wer­den – erstaun­lich ange­sichts der ste­tig altern­den Popu­la­ti­on mit zuneh­mend auf­tre­ten­den Augen­er­kran­kun­gen. Und bedenk­lich, denn letzt­lich sind Sehen­de, die Seh­hil­fen benö­ti­gen, nur Mil­li­me­ter geschlif­fe­nen Kunst­stoffs, Gla­ses oder Sili­kon-Hydro­gels von der Situa­ti­on ent­fernt, die Braille­schrift nut­zen zu müs­sen.

Vom Handwerk zum Computercode

Seit Mit­te des 19. Jahr­hun­derts nut­zen Blin­de die Punkt­schrift­ta­fel zum Schrei­ben. Ers­te Model­le von Punkt­schrift­ma­schi­nen wur­den in den Acht­zi­ger­jah­ren des 19. Jahr­hun­derts kon­stru­iert. 1901 kam die ers­te paten­tier­te Schreib­ma­schi­ne für Punkt­schrift auf den Markt. 1888 wur­de die ers­te Punkt­schrift­dru­cke­rei in Ste­glitz bei Ber­lin ein­ge­rich­tet.

Die Schrift braucht rund drei­mal so viel Platz wie regu­lä­re Druck­schrift, daher sind Punkt­schrift­bü­cher meist grö­ßer und dicker als ande­re. Blin­den­post kann daher welt­weit bis zu einem Gewicht von sie­ben Kilo­gramm por­to­frei ver­schickt wer­den. 1904 wur­de in Deutsch­land die Blin­den­kurz­schrift ein­ge­führt, durch die der Text gegen­über der Voll­schrift um cir­ca ein Drit­tel kom­pri­miert wer­den kann. Die Beherr­schung der Kurz­schrift ist unbe­dingt erfor­der­lich, da sie fast aus­schließ­lich bei Büchern und Zeit­schrif­ten zum Ein­satz kommt. Sie wird heut­zu­ta­ge an Blin­den­schu­len stan­dard­mä­ßig ab der vier­ten Klas­se gelehrt, setzt aber die siche­re Beherr­schung und Anwen­dung der Voll­schrift vor­aus. Geüb­te blin­de Leser:innen nut­zen die Kurz­schrift fast im glei­chen Tem­po wie Sehen­de Schwarz­schrift.

Die Arbeit am Com­pu­ter wird erleich­tert durch die soge­nann­te Braille­zei­le, ein Aus­ga­be­ge­rät, das in den Sieb­zi­ger­jah­ren auf den Markt gebracht wur­de. Die Braille­zei­le, auch Braille-Dis­play genannt, macht digi­ta­le Tex­te in Punkt­schrift tak­til wahr­nehm­bar. Der Bild­schirm­in­halt wird über einen Screen­rea­der zei­len­wei­se über­tra­gen und als Braille­zei­chen durch höhen­ver­än­der­ba­re Stif­te für die User ertast­bar. Com­pu­ter­braille hat aller­dings acht statt sechs Punk­te und 256 Zei­chen, da viel mehr Infor­ma­tio­nen unter­ge­bracht wer­den müs­sen. Nutzer:innen arbei­ten zumeist mit Sprach­aus­ga­be und Braille­zei­le gleich­zei­tig. Für die Text­aus­ga­be auf Papier gibt es Braille­dru­cker. Auch Vor­la­gen in Schwarz­schrift kön­nen mit­hil­fe spe­zi­el­ler Soft­ware in Braille­schrift umge­wan­delt wer­den.

Klingende Punkte – Brailles Notenschrift

1828 ent­wi­ckel­te Braille auch ein musi­ka­li­sches Noten­sys­tem, das auf dem glei­chen Prin­zip basiert wie sein Schrift­sys­tem. Die Braille-Noten­schrift ist bis heu­te ein­zig­ar­tig und ermög­licht Blin­den, eigen­stän­dig Noten lesen und schrei­ben zu ler­nen. Die Musik­schrift ist im Ver­gleich zur Buch­sta­ben­schrift wesent­lich kom­ple­xer: Die Punkt­no­ten­schrift ist ein aus­ge­klü­gel­tes Sys­tem, das die ver­ti­ka­len Abläu­fe mehr­stim­mi­ger Musik in eine für Blin­de les­ba­re linea­re, hori­zon­ta­le Zei­chen­fol­ge bringt. Sämt­li­che musi­ka­li­schen Infor­ma­tio­nen wer­den in einer Rei­he fest­ge­hal­ten, es gibt Punkt­kom­bi­na­tio­nen für ein­zel­ne Noten oder Akkor­de sowie für jedes wei­te­re benö­tig­te Zei­chen – Satz­be­zeich­nung, Tem­po, Ton­hö­he, Takt­art, Rhyth­mus, Dyna­mik, Vor­trags­be­zeich­nung et cete­ra; das gilt auch für mehr­stim­mi­ge Struk­tu­ren. Eine Men­ge Infor­ma­tio­nen, die man sich durch Ertas­ten aneig­nen muss. Blin­de Musiker:innen brau­chen ein aus­ge­präg­tes Gedächt­nis und Akku­ra­tes­se beim Ein­stu­die­ren der Stü­cke, denn sie müs­sen die­se anhand der Braille-Nota­ti­on peu à peu aus­wen­dig ler­nen – vor allem, wenn sie ein Instru­ment spie­len. Sänger:innen sind da im Vor­teil: Sie haben die Hän­de frei und kön­nen somit vom Blatt sin­gen. Für seh­be­hin­der­te und blin­de Chorsänger:innen, die ein mitt­le­res bis anspruchs­vol­le­res Niveau anstre­ben, lohnt es sich, die Blin­den­no­ten­schrift zu erler­nen; gera­de bei län­ge­ren Stü­cken wie einer Kan­ta­te oder einem Ora­to­ri­um ist es sinn­voll, sich die Par­ti­tur im Detail zu erar­bei­ten. Text und Noten sind ohne­hin von­ein­an­der getrennt notiert, somit muss das Ver­hält­nis von Wort zu Ton eines Stü­ckes in der Regel aus­wen­dig gelernt wer­den. Sehr fort­ge­schrit­te­ne Sänger:innen schaf­fen es, Noten und Text mit bei­den Hän­den gleich­zei­tig zu lesen.

Das Beherr­schen der Voll­schrift ist Vor­aus­set­zung zum Ein­üben der Musik­schrift, sie erfor­dert eine hohe Lese­ge­schwin­dig­keit und gute Ori­en­tie­rungs­fä­hig­keit auf dem Papier. Auf­grund der Kom­ple­xi­tät beherr­schen sie nur weni­ge, vor­nehm­lich Berufsmusiker:innen; in der Ama­teur­mu­sik ist sie lei­der wenig geläu­fig. Es ist aller­dings rat­sam, denn audi­tives Hören gewährt zwar einen schnel­le­ren Zugang, musi­ka­li­sche Infor­ma­tio­nen wer­den jedoch weni­ger detail­liert erfasst und man ist auf die dar­ge­bo­te­ne Inter­pre­ta­ti­on ange­wie­sen. Für Kom­po­si­ti­on ist die Noten­schrift uner­läss­lich, um prä­zi­se Anga­ben machen und über­prü­fen zu kön­nen. Der­weil gibt es vie­le Noten­satz­pro­gram­me, die es blin­den Musiker:innen erlau­ben, Braillen­o­ten selbst­stän­dig schrei­ben, spie­len und abspie­len zu kön­nen. Solch ein Edi­tor kann auch auto­ma­tisch Blin­den­no­ten in Schwarz­schrift­no­ten kon­ver­tie­ren und umge­kehrt – beson­ders inter­es­sant für den Unter­richt oder für Chorleiter:innen, die Tex­te aus­ge­ben möch­ten.

«Brailles Erfin­dung war ein Wun­der wie im Mär­chen. Nur sechs Punk­te! Doch als er ein lee­res Blatt Papier berühr­te, sie­he!, da wur­de es leben­dig mit Wor­ten, die in der Blin­den Dun­kel­heit fun­kel­ten!»

«Braille’s inven­ti­on was as mar­vell­ous as any fairy tale. Only six dots! Yet when he touch­ed a blank sheet of paper, lo! it beca­me ali­ve with words that sparkled in the dark­ness of the blind! Only six dots! Yet he made them vibra­te with har­mo­nies that char­med away their lonely hours! Only six dots! Yet the magic of his geni­us gave them the power of migh­ty vehic­les of thought! With them he cap­tu­red words that sing and dance with the joy of life—words that sigh and moan […]»

Aus­zug aus dem 1929 geschrie­be­nen Essay «Braille, the Magic Wand of the Blind» von Helen Kel­ler (1880–1968), der bedeu­ten­den US-ame­ri­ka­ni­schen Schrift­stel­le­rin und Dozen­tin, Behin­der­ten- und Frau­en­recht­le­rin, Sozia­lis­tin und poli­ti­schen Akti­vis­tin – von Kin­des­bei­nen an taub­blind.

Über­set­zung: Brailles Erfin­dung war ein Wun­der wie im Mär­chen. Nur sechs Punk­te! Doch als er ein lee­res Blatt Papier berühr­te, sie­he!, da wur­de es leben­dig mit Wor­ten, die in der Blin­den Dun­kel­heit fun­kel­ten! Nur sechs Punk­te! Doch er ließ sie in Har­mo­nien schwin­gen, die deren ein­sa­me Stun­den ver­trie­ben! Nur sechs Punk­te! Doch die Magie sei­nes Genies ver­lieh ihnen die Macht, der Gedan­ken Kraft wei­ter­zu­tra­gen! Mit ihnen fing er Wor­te ein, die vor Lebens­freu­de sin­gen und tan­zen – Wor­te, die seuf­zen und kla­gen […]

Da capo, Team DaCapo!

Die ers­ten deut­schen Blin­den­bi­blio­the­ken waren rei­ne Buch­samm­lun­gen, die durch pri­va­te Initia­ti­ve, huma­nis­tisch geson­ne­ner Bür­ger ange­legt wur­den. 1894 ent­stand in Leip­zig die «Deut­sche Zen­tral­bü­che­rei für Blin­de», die 2019 in «Deut­sches Zen­trum für bar­rie­re­frei­es Lesen» (dzb lesen) umge­tauft wur­de. Es ist die ältes­te deut­sche Spe­zi­al­bi­blio­thek die­ser Art. Kom­mer­zi­el­le Blin­den­schrift­ver­la­ge hat es im 20. Jahr­hun­dert nur spo­ra­disch gege­ben. Kein Wun­der, denn die hand­werk­li­che Her­stel­lung bedeu­te­te bis zur Digi­ta­li­sie­rung immensen Auf­wand. Bis in die Acht­zi­ger­jah­re erfolg­te die Über­tra­gung von Musik­stü­cken in Braillen­o­ten per Hand. Das dzb lesen hat gemein­sam mit der Blin­den­selbst­hil­fe 2003 das Pro­jekt DaCa­po begrün­det – eine ein­zig­ar­ti­ge Initia­ti­ve, die Noten­ti­tel für blin­de und seh­be­hin­der­te Musiker:innen zugäng­lich macht. Das DaCa­po-Team über­trägt für Lai­en und Pro­fis Schwarz­druck­no­ten in Braillen­o­ten und umge­kehrt, blin­de und sehen­de Fach­leu­te füh­ren gemein­sam das Musik­lek­to­rat durch. Pri­vat­leu­te und Insti­tu­tio­nen kön­nen die Über­tra­gung von Noten­wer­ken direkt beauf­tra­gen, auch Arran­ge­ments und eige­ne Wer­ke, Solo­par­tien oder ein­zel­ne Chor­stim­men. Die Ein­rich­tung hat ein eige­nes Ton­stu­dio, eine Dru­cke­rei und eine Buch­bin­de­rei, pro­du­ziert Bücher, Zeit­schrif­ten und Noten­wer­ke sowie Groß­dru­cke, Reli­efs und Hör­bü­cher. Ein Team gewährt auch tech­ni­sche Bera­tung zum Gebrauch von Hilfs­mit­teln. In der Musik­bi­blio­thek des dzb lesen befin­den sich aktu­ell über 7.400 Noten­ti­tel und Musik­schrif­ten im Bestand, der ste­tig erwei­tert wird. Blin­de, seh- und lese­be­hin­der­te Nutzer:innen kön­nen hier kos­ten­los Noten und Musik­wer­ke aus­lei­hen. Das dzb lesen bemüht sich, dem Man­gel an Stan­dard­wer­ken für blin­de Musiker:innen Abhil­fe zu leis­ten, auch um die Ver­bes­se­rung der Berufs­chan­cen vor­an­zu­trei­ben. Die­se Exper­ti­se finan­ziert sich nicht von selbst. Über den För­der­ver­ein «Freun­de des bar­rie­re­frei­en Lesens» kön­nen Buch- und Noten-Paten­schaf­ten über­nom­men wer­den.

Die His­to­rie hat die Eigen­art, geschicht­li­che Pro­zes­se fol­ge­rich­tig erschei­nen zu las­sen. Die Protagonist:innen selbst agie­ren meist aus Not­wen­dig­keit. Die Geschich­te der Braille­schrift schreibt sich durch enga­gier­te Men­schen, die ent­we­der selbst blind sind oder gesell­schaft­li­chem Miss­stand Abhil­fe schaf­fen woll­ten. Sie hat gera­de erst begon­nen.

Tipps

Musi­ka­li­en-Kata­log des dzb lesen in der Kate­go­rie Chor­ge­sang: www.dzblesen.de/library/music/category/cat/B

Ser­vice-Ange­bot des Teams «DaCa­po» bei dzb lesen: www.dzblesen.de/auftraege/noten

Noten-Paten­schaft für das dzb lesen: www.buch-patenschaft.de

Noten-Spe­cial: «Thank You For The Music» 
Im Jubi­lä­ums­jahr der Braille­schrift bie­tet das dzb lesen kos­ten­lo­se Braillen­o­ten des ABBA-Songs in gedruck­ter oder digi­ta­ler Form: www.buch-patenschaft.de/noten-special

Infor­ma­ti­ons­platt­form der Arbeits­ge­mein­schaft Infor­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie des Ver­ban­des für Blin­den- und Seh­be­hin­der­ten­päd­ago­gik (VBS): www.augenbit.de

Fokus: all incl.
Mit der The­men­stre­cke «Fokus: all incl.» möch­ten wir ganz­heit­li­ches Den­ken, Tun und Sein zur Maxi­me erhe­ben und einen Bei­trag zur Sen­si­bi­li­sie­rung beim The­ma Diver­si­ty leis­ten. Wir ste­hen nicht in der Mit­te einer nor­ma­ti­ven Gesell­schaft und inklu­die­ren Anders­ar­tig­keit. Wir sind ein Gan­zes, das aus vie­len und sehr diver­sen Tei­len besteht. Wir spre­chen von gemein­sa­mer Gestal­tung und geben bewähr­te Tipps aus dem geleb­ten All­tag.

Portrait von Nadine Kube

Autor:in

Nadine Kube

Nadine Kube ist als freischaffende Marketing-Managerin, Content-Strategin und Redakteurin tätig. Ihr Motto: «Identität braucht eine Sprache.»

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