Wo Sehen kein Muss ist: der Conrad-Paumann-Chor aus Nürnberg
Eigentlich sind wir ein ganz normaler Chor», sagt Gabriele Firsching, Chorleiterin des Conrad-Paumann-Chors. «Wir verstehen uns auch nicht als Inklusionschor, denn das klingt so, als ob es im Programm immer um Inklusionsthemen ginge. Wir singen aber ganz normales Chorrepertoire.» Gegründet wurde der Chor ganz spontan: Bei einem Ehemaligentreffen des Bildungszentrums für Blinde und Sehbehinderte in Nürnberg 2004 hatte die ehemalige Lehrerin Firsching angeboten, dass sich Musikbegeisterte zu einer spontanen Chorprobe im Musiksaal treffen könnten, um bekannte Lieder des Schuljugendchors aufzufrischen und dann spontan ein Konzert zu geben. Es fanden sich 63 Personen zusammen und traten noch am selben Abend auf. Ein Teil der Gruppe war von der Idee so begeistert, dass er regelmäßig weitersingen wollte. So fand im November mit etwa 20 Sänger:innen die erste Probe statt. Inzwischen hat der Chor knapp 30 regelmäßige Mitsänger:innen. Das Repertoire umfasst weltliche und geistliche Stücke verschiedener Stile – von Barock bis Musical und Spirituals. Konzerte gibt der Chor im Großraum Nürnberg und in ganz Bayern. Regelmäßig wird er auch zur musikalischen Gestaltung von Weihnachtsfeiern eingeladen. Besonders schöne Gelegenheiten sind die gemeinsamen Konzerte mit anderen Chören, die durch den Fränkischen Sängerbund zustande kommen. Und die soziale Ebene des Chorlebens ist den Mitgliedern ebenfalls wichtig. So veranstalten sie einmal im Monat einen «langen Dienstag», an dem sie nach der Probe bei mitgebrachten Leckereien zusammensitzen.
Große Schrift auf dem Tablet oder Braillenoten aus dem Drucker
So weit, so typisch. Einiges ist aber doch anders als im Durchschnittschor, vor allem, was Firschings Vorbereitung betrifft: Hier singen Blinde, Sehbehinderte und Sehende gemeinsam. Es gibt keine standardisierten Arten von Material, denn auch in der Gruppe der Sehbehinderten gibt es große Unterschiede. Für die Probenarbeit ist es also wichtig, das Material gut vorzubereiten, sodass alle Mitglieder gut damit arbeiten und es nach ihren individuellen Bedürfnissen nutzen können. Den Text stellt die Chorleiterin darum in Großdruck und Brailleschrift zur Verfügung. Dafür hat sie zu Hause einen eigenen Drucker. Manche Chormitglieder nutzen auch Tablets, um den Text in geeigneter Größe einstellen und ablesen zu können. Bei musikalisch besonders komplizierten Stücken lässt Firsching auch die Noten in Braille drucken. Im deutschsprachigen Raum ist dies allerdings nur bei zwei Verlagen möglich, einem in Leipzig und einem in Zürich, und darum nicht ganz billig.
Louis Braille, der bereits mit 16 Jahren das nach ihm benannte Schriftsystem entwickelte, erfand mit 20 Jahren auch eine Musiknotation, die nach demselben Prinzip funktioniert. «Sie hat nichts mit dem erhaben gedruckten fünflinigen Notensystem zu tun, das Sehende sich oft darunter vorstellen», so Firsching. «Dieses funktioniert für blinde Leser überhaupt nicht, oft kann man dabei nicht mal Bass- und Violinschlüssel auseinanderhalten.» Die Braille-Notenschrift ist eine serielle Schrift, bei der alle musikalischen Informationen durch dieselben sechs Punkte dargestellt werden, die Braille auch in seiner Alphabetschrift verwendete. Jeweils die oberen vier Punkte geben die Tonhöhe an, die unteren beiden Punkte bestimmen die Zeitdauer einer Note. Mit sechs Punkten ergeben sich dabei 64 Kombinationsmöglichkeiten– in Brailles ausgeklügeltem System von Noten‑, Oktav‑, Harmonie- und Zusatzsymbolen ist es darum möglich, auch die vertikalen Abläufe mehrstimmiger Musik in eine für Blinde lesbare lineare Zeichenfolge zu bringen. Leider ist diese Schrift auch im digitalen Bereich noch nicht allgemein mitgedacht, aber immerhin gibt es eine Software, die MusicXML-Dateien in Braille-Notenschrift übersetzen kann. Auch dieses Dateiformat kann Firsching also nutzen.
Bei den Proben wird genau hingehört
In der Probe arbeitet die Chorleiterin viel über das Hören. Zu Beginn der Einstudierung eines neuen Stückes nutzt sie das Klavier, um die Melodien vorzuspielen, die musikalische Struktur und Stimmzusammenhänge aufzuzeigen und den Sänger:innen einzuprägen, wie die Einsätze aufeinander folgen. Während der Chor singt, setzt sie das Instrument hingegen nur sparsam ein, denn es ist wichtig, dass alle gut aufeinander hören können. Die Probenarbeit geht vielleicht ein wenig langsamer voran als in einem Chor, der nur aus Sehenden besteht, denn alle müssen das Stück sehr gut kennenlernen. Das genaue Zuhören von der ersten Probe an lohnt sich aber: Wenn es sein muss, kann der Chor auch ohne Leitung auftreten. Auch ihr Dirigat gestaltet sie so, dass sich alle, unabhängig von ihrer Sehkraft, gut orientieren können: Sie zählt vor dem ersten Einsatz leise vor und atmet dann gemeinsam mit dem Chor ein – alle Einsätze innerhalb des Stückes und die Melodieführung müssen die Sänger und Sängerinnen jedoch selbst kennen. Ein weiteres technisches Hilfsmittel, das der Chor nutzt, wäre sicherlich auch für andere Chöre interessant: Jede Chorprobe wird aufgezeichnet und ist für die Mitglieder eine Woche lang in der Cloud verfügbar. So lassen sich verpasste Proben nachhören oder schwierige Stellen zu Hause wiederholen.
Namensgeber als Stadtgeschichte: der Conrad-Paumann-Chor und seine Wurzeln
Mit dem Namen ehrt der Chor den blinden Organisten und Komponisten Conrad Paumann (um 1410–1473), einen der berühmtesten deutschsprachigen Musiker der Frührenaissance. Er wurde in Nürnberg geboren und war an der Sebalduskirche als Organist und Lautenist tätig. Später wurde er Hofmusiker bei Herzog Albrecht in München, wo er bis zu seinem Tod lebte. Es sind nur wenige Originalstücke von Paumann erhalten, darunter jedoch die erste Orgelschule in Europa sowie eine Lautentabulatur für Sehende. Nachdem Conrad Paumann größtenteils in Vergessenheit geraten war, wollte der Chor mit der Namensgebung an ihn erinnern und die Verbundenheit des Chors mit der Geschichte und dem Vermächtnis Paumanns widerspiegeln.
In der zwanzigjährigen Geschichte des Conrad-Paumann-Chors hat sich die Zusammensetzung der Sänger:innen natürlich verändert. Er besteht inzwischen nicht mehr nur aus dem Kreis der ehemaligen Jugendchormitglieder, sondern ist für alle offen. Dennoch ist die Gruppe der Sehenden zurzeit sehr klein, obwohl das nicht so bleiben muss. Diese seien für die Gruppe sogar wichtig, zum Beispiel um sich bei Konzerten an ungewohnten Orten schnell orientieren zu können. In der gewohnten Umgebung am Probenort ist dies natürlich kein Problem, denn die Räumlichkeiten des Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbunds, die sie kostenlos nutzen dürfen, liegen ganz zentral am Hauptbahnhof in Nürnberg. Ein echter Glücksfall, der es auch neuen Chormitgliedern leichter macht, die keine Verbindung zum Gründungsort haben, dem Bildungszentrum. «Wir würden uns freuen, wenn noch ein paar Sänger:innen hinzukommen», sagt Firsching. «Blindheit ist dabei keine Voraussetzung!»