Franz Schmidt, Arnold Schönberg, Gustav Holst: Drei Jubilare und ihre Chormusik

Der ers­te Jubi­lar ist auch 150 Jah­re nach sei­ner Geburt in Preß­burg (Bra­tis­la­va) eher eine Rand­er­schei­nung im Kon­zert­le­ben, trotz des Anse­hens, das er zu Leb­zei­ten genoss. Der Kauf­manns­sohn Franz Schmidt (1874–1939) lern­te in Wien Cel­lo und Kla­vier und nahm Kom­po­si­ti­ons­un­ter­richt bei Robert Fuchs. 1896 wur­de er Cel­list im Orches­ter der Hof­oper und bei den Phil­har­mo­ni­kern, er musi­zier­te unter Gus­tav Mahler und Felix Wein­gart­ner. 1911 gab er sein Phil­har­mo­ni­ker­pult auf und wur­de Pro­fes­sor für Cel­lo, Kla­vier, Kon­tra­punkt und Kom­po­si­ti­on. Sein enzy­klo­pä­di­sches Gedächt­nis für Musik war legen­där. 1914 wur­de sei­ne Oper «Not­re Dame» nach Vic­tor Hugo auf­ge­führt, 1922 «Fre­di­gun­dis», ein Miss­erfolg. Schmidt schrieb vier Sin­fo­nien, Kammer‑, Kla­vier- und Orgel­mu­sik. Sein Ton­fall: in der klas­si­schen Tra­di­ti­on wur­zelnd, mit inten­si­ver moti­visch-the­ma­ti­scher Arbeit und soli­dem tona­len Rah­men. Dabei inter­es­sier­te er sich für die musi­ka­li­sche Moder­ne und führ­te mit sei­nen Stu­den­ten 1929 unter ande­rem Schön­bergs «Pier­rot lun­aire» auf.

Die «Hitlerkantate» schadete Franz Schmidt sehr

Für Sing­stim­men schrieb Schmidt aller­dings nur zwei grö­ße­re Wer­ke, bei­de gegen Ende sei­nes Lebens. Nicht mehr voll­enden konn­te er das umstrit­te­ne­re: die Kan­ta­te «Deut­sche Auf­er­ste­hung» auf einen Text von Oskar Diet­rich, gedacht als Dank der «Ost­mark» an den «Füh­rer». Diet­rich hat­te bei Schmidt Kom­po­si­ti­on stu­diert. Der Auf­trag ging 1938 vom Wie­ner Gau­lei­ter Odi­lo Glo­boc­nik aus, der angeb­lich den schon sehr geschwäch­ten Kom­po­nis­ten mit Auf­füh­rungs­ver­bot bedroht hat­te. Schmidt wur­de als poli­tisch naiv geschil­dert, er war mit dem soge­nann­ten Anschluss Öster­reichs wohl ein­ver­stan­den, kom­po­nier­te aber auch in sei­nem letz­ten Lebens­jahr wei­ter Kla­vier­mu­sik für den jüdi­schen Pia­nis­ten Paul Witt­gen­stein. Die «Hit­ler­kan­ta­te» war in rudi­men­tä­rer Nie­der­schrift fer­tig, als Schmidt im Febru­ar 1939 starb; sein Schü­ler Robert Wag­ner ver­voll­stän­dig­te die Par­ti­tur. Den Nazis soll das Werk, das Schmidts Ruf schwer belas­tet, nicht beson­ders gefal­len haben.

Zwei­fel­los bedeu­ten­der ist sein Apo­ka­lyp­se-Ora­to­ri­um «Das Buch mit sie­ben Sie­geln», das Schmidt 1937/38 schrieb und das zum Jubi­lä­um der Gesell­schaft der Musik­freun­de 1938 urauf­ge­führt wur­de. Schmidts knapp zwei­stün­di­ge Ver­to­nung des letz­ten Buchs der Bibel in Luthers Über­set­zung ent­wirft ein Bild des Welt­ge­richts, ein­drück­lich auch durch die Beset­zung mit gro­ßem Orches­ter, fünf Solis­ten, Orgel und einem mög­lichst gro­ßen Chor. Das Gesche­hen wird am Bericht des Zeu­gen Johan­nes ent­lang dras­tisch geschil­dert, Gut und Böse in Dia­to­nik und Chro­ma­tik gegen­ein­an­der in Stel­lung gebracht. Schmidts tie­fe Kennt­nis des Orches­ter­klangs und des klas­si­schen Ora­to­ri­ums ver­bin­den sich zu einem brei­ten Tableau, in dem vie­le auch eine Vor­ah­nung der Kriegs­gräu­el erken­nen wol­len. Das empha­tisch auf­fah­ren­de «Hal­le­lu­ja» kurz vor dem Schluss ver­ar­bei­te­te Schmidt in einem Orgel­prä­lu­di­um, das heu­te viel­leicht sein bekann­tes­tes Stück ist.

Arnold Schönberg: die berühmtesten Chorwerke sind spätromantisch

Weit­aus berühm­ter wur­de der zwei­te Jubi­lar: Arnold Schön­berg, einer der ein­fluss­reichs­ten Kom­po­nis­ten und vor allem Kom­po­si­ti­ons­leh­rer des 20. Jahr­hun­derts. Sein Name ist bis heu­te mit sei­ner in den 1920er-Jah­ren ent­wi­ckel­ten Metho­de der Kom­po­si­ti­on mit zwölf nur auf­ein­an­der bezo­ge­nen Tönen ver­bun­den. Da hat­te er aber schon über drei Jahr­zehn­te Musik geschaf­fen und dabei den wei­ten Raum zwi­schen üppig-spät­ro­man­ti­scher Tona­li­tät und frei­er Ato­na­li­tät aus­ge­schrit­ten – ein Raum, in dem er sich bis zu sei­nem Lebens­en­de beweg­te. In sei­ne spät­ro­man­ti­sche Zeit fal­len sei­ne bei­den berühm­tes­ten Chor­wer­ke: die «Gur­re­lie­der», ent­stan­den zwi­schen 1900 und 1911, in denen zu den Solist:innen und dem gewal­ti­gen Orches­ter drei bis vier Män­ner­chö­re tre­ten; und die Motet­te «Frie­de auf Erden» op. 13 von 1907/11 für acht­stim­mi­gen gemisch­ten Chor auf einen Text Fried­rich Heb­bels.

Die Motet­te ist zwar tonal kom­po­niert, braucht aber einen höchst erfah­re­nen Chor, denn ohne geüb­tes Hören und Aus­dau­er ist sie kaum zu bewäl­ti­gen. Schön­bergs musi­ka­li­sches Den­ken war immer anspruchs­voll, gleich­gül­tig, wel­cher Mit­tel er sich bedien­te. Bekannt wur­den auch sei­ne zwölf­tö­nig kom­po­nier­ten Drei Sati­ren für gemisch­ten Chor op. 28 von 1925/26. Schön­bergs eige­ner Text zielt kaba­ret­tis­tisch auf den damals noch jun­gen Neo­klas­si­zis­mus und des­sen Haupt­ver­tre­ter Igor Stra­win­sky – «der klei­ne Modern­sky» wird er gif­tig genannt.

Ein farbiges Gemälde eines Mannes, der frontal geradeaus blickt. Er hat eine sehr hohe Stirn und rechts und links kurze schwarze, glatte Haare.
©Wiki­me­dia Com­mons — Arnold Schon­berg, wie er sich selbst sah

Der Chor ist bei Schön­berg auch wei­ter­hin die Stim­me des Pro­gram­ma­ti­schen, Bekennt­nis­haf­ten: sei es im «Kol nid­re» op. 39, das Schön­berg im ame­ri­ka­ni­schen Exil schrieb, oder in den Män­ner­chor­ab­schnit­ten in «Ein Über­le­ben­der aus War­schau» op. 47. Sei­ne letz­ten voll­ende­ten Kom­po­si­tio­nen, zusam­men­ge­fasst im Opus 50, sind eben­falls Chor­stü­cke, in denen sich der Kom­po­nist mit dem eige­nen Juden­tum aus­ein­an­der­setz­te: «Drei­mal tau­send Jah­re» und «De pro­fun­dis» (Psalm130) für Chor a cap­pel­la sowie der «Moder­ne Psalm» für Chor und Ensem­ble auf einen eige­nen Text.

Ein neuer kirchlicher Chorstil von Gustav Holst

Der drit­te Jubi­lar, gleich­alt­rig mit den bei­den genann­ten, ist Gus­tav Holst. Und von die­sen drei­en ist er der ein­zi­ge wirk­li­che Chor­kom­po­nist. Mögen auch die Frau­en­chor-Seuf­zer am Ende der «Planeten»-Suite hier­zu­lan­de sei­ne bekann­tes­ten Gesangs­par­tien sein, so sind sie kei­nes­wegs die ein­zi­gen. Holst war 29 Jah­re lang Musik­leh­rer und Chor­lei­ter an der St. Paul’s Girls’ School in Ham­mer­s­mith, Lon­don. Er war über­zeugt davon, dass sei­ne Schü­le­rin­nen am bes­ten aus der Pra­xis lern­ten, und schrieb ihnen schon des­halb zahl­rei­che Stü­cke für Chor und für Instru­men­tal­ensem­bles.

Sein Inter­es­se an Chor­mu­sik kam nicht von unge­fähr. Holst stamm­te aus einer Musi­ker­fa­mi­lie, muss­te sich die Aus­bil­dung zum Musi­ker­beruf aber erkämp­fen. Prä­gend für ihn waren sowohl das Eng­lish Folk­song Revi­val, die begin­nen­de Erfor­schung eng­li­scher Volks­lie­der, als auch die Zusam­men­ar­beit mit sei­nem Stu­di­en­freund Ralph Vaug­han Wil­liams für das neue «Eng­lish Hym­nal», eine Samm­lung geist­li­cher Melo­dien. Bei­des beein­fluss­te die bei­den Kom­po­nis­ten in der Ent­wick­lung ihrer eige­nen Ton­spra­che, unter ande­rem durch das Auf­grei­fen von Kir­chen­ton­ar­ten und cha­rak­te­ris­ti­schen moda­len Wen­dun­gen in der Har­mo­nik. Holst und Vaug­han Wil­liams, bei­de Schü­ler des kon­ser­va­ti­ven Charles Vil­liers Stan­ford, ent­wi­ckel­ten einen neu­en kirch­li­chen Chor­stil, der bis heu­te prä­gend für die Gebrauchs­mu­sik des angli­ka­ni­schen Got­tes­diens­tes ist.

Für Chöre ist noch viel zu entdecken

Doch die Inter­es­sen des Kom­po­nis­ten gin­gen noch wei­ter. Als jun­ger Mann war er fas­zi­niert von der vedi­schen Lite­ra­tur, dem mys­ti­schen alt­in­di­schen Schrift­tum. Er brach­te sich sel­ber Grund­la­gen des Sans­krit bei, um die Tex­te sel­ber lesen und für sei­ne Kom­po­si­tio­nen über­set­zen zu kön­nen. Sei­ne ers­ten bei­den Ver­su­che auf dem Gebiet der Oper, «Sita» (1900/06) und «Savi­tri» (1908/09), gehen auf die­ses Inter­es­se zurück, eben­so die sehr reiz­vol­len «Cho­ral Hymns from the Rig Veda» (1908/12) für Chor und Orches­ter und sei­ne Ode «The Cloud Mes­sen­ger» (1909/12). Von sei­nen A‑cap­pel­la-Kom­po­si­tio­nen wur­de beson­ders das Ave Maria für Frau­en­dop­pel­chor bekannt, aber auch die spä­te Motet­te «The Evening Watch» für acht­stim­mi­gen gemisch­ten Chor von 1925. Dazu kom­men zahl­rei­che Sät­ze und Part-Songs (Chor­lie­der) für Frau­en­stim­men oder gemisch­ten Chor auf geist­li­che und welt­li­che Tex­te.

Auch in die gro­ßen Beset­zun­gen stieß Holst vor – nicht nur in sei­nem «Short Fes­ti­val Te Deum», son­dern auch in der «First Cho­ral Sym­pho­ny» op. 41 von 1923 und der »Cho­ral Fan­ta­sia» op. 51 von 1930. Als Höhe­punkt sei­nes Chor­schaf­fens gilt «The Hymn of Jesus» op. 37 von 1917 auf einen apo­kry­phen Text, urauf­ge­führt 1920, im sel­ben Jahr wie die Orches­ter­suite «The Pla­nets» op. 32. Bei­de Stü­cke zusam­men mach­ten ihn im Eng­land der Zeit nach dem «Gre­at War», dem Ers­ten Welt­krieg, weit­hin bekannt und ver­schaff­ten ihm Beach­tung über sei­nen bis­he­ri­gen engen Wir­kungs­kreis hin­aus. Die Pla­ne­ten-Suite ist heu­te oft im Kon­zert zu erle­ben, denn es gibt zahl­rei­che Stü­cke in ähn­lich gro­ßer Beset­zung, neben denen sie auf dem Pro­gramm­zet­tel ste­hen kann. Die «Hymn of Jesus» dage­gen ist schwie­ri­ger ins Pro­gramm zu heben. Zwei gro­ße gemisch­te Chö­re, Frau­en­chor und ein gro­ßes Orches­ter mit Kla­vier, Celes­ta und gro­ßer Orgel sind ein gewal­ti­ger Auf­wand für ein Stück von gut 20 Minu­ten Dau­er.

Die­se hohe Schwel­le steht bis heu­te häu­fi­gen Auf­füh­run­gen von Holsts Opus magnum im Wege. Doch wer Holsts attrak­ti­ve und gut sing­ba­re Musik auf­füh­ren möch­te, hat immer noch ein wei­tes Feld an Ent­de­ckun­gen vor sich.

Das Buch mit sie­ben Sie­geln
MDR-Rund­funk­chor, MDR-Sin­fo­nie­or­ches­ter, Fabio Lui­si; Quer­stand, 2004

Gur­re­lie­der
Bos­ton Sym­pho­ny Orches­tra, Sei­ji Oza­wa; Dec­ca, 1979

Pierre Bou­lez con­ducts Arnold Schoen­berg, BBC Sin­gers, BBC Cho­rus
Sony, 1973–1984

The Cloud Mes­sen­ger, The Hymn of Jesus u. a.
Lon­don Sym­pho­ny Cho­rus & Orches­tra, Richard Hick­ox; Chan­dos, 1990/1994

I vow to thee, my coun­try
Cha­pel Choir of the Roy­al Hos­pi­tal Chel­sea, Wil­liam Vann; Somm, 2021

Portrait von Friedrich Sprondel

Autor:in

Friedrich Sprondel

Friedrich Sprondel wurde im Norden geboren, studierte im Süden und ist Redakteur der Chorzeit. Er schreibt für verschiedene Medien, ist Jurymitglied beim Preis der deutschen Schallplattenkritik und lebt in Berlin.

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