Die Freiheit festhalten: Wie konservativ ist die Chorszene?

Autor:in

Friedrich Sprondel

Ausgabe

N° 133 | November 2026

Die meis­ten Musik­stü­cke sind nicht län­ger als ein paar Minu­ten. Aber die­se paar Minu­ten lang zählt beim Sin­gen oder Spie­len nichts ande­res als die Musik. Amateur:innen wis­sen, dass sie nicht per­fekt sind – das über­las­sen sie ger­ne den Pro­fis –, aber sie erle­ben trotz­dem das, was in der The­ra­pie­spra­che Selbst­wirk­sam­keit heißt. Die Ein­sicht «Wir kön­nen das» stärkt und erfreut, und wer einen Chor oder ein Orches­ter nach Pro­be oder Kon­zert erlebt hat, weiß, dass die Mitmusiker:innen viel von die­ser Wir­kung mit nach Hau­se neh­men. Sie erle­ben das Musi­zie­ren als eine Zeit, in der sie gemein­schaft­lich sou­ve­rän und frei sind. Sie erle­ben Frei­heit.

Die­ses gemein­schaft­li­che Erle­ben ist, ob bewusst oder unbe­wusst, eine Schnitt­stel­le zum Poli­ti­schen. Die Eman­zi­pa­ti­on des Bür­ger­tums über das 18. Jahr­hun­dert hin­weg, bei allen Schat­ten­sei­ten, schuf Wohl­stand und Frei­zeit. Das Auf­blü­hen des gemein­schaft­li­chen Sin­gens und Musi­zie­rens zum 19. Jahr­hun­dert hin ist Aus­druck von bür­ger­li­cher Eman­zi­pa­ti­on, und sei­ne Akteur:innen woll­ten die neu­ge­won­ne­ne Frei­heit nicht mehr auf­ge­ben. Man kann das heu­ti­ge Chor­le­ben, im Zusam­men­hang des Musik­le­bens ins­ge­samt, als vor­läu­fi­ges Ergeb­nis einer Ent­wick­lung sehen, die von Anfang an sowohl eman­zi­pa­to­risch als auch fest­hal­tend war.

Im Chorgesang zeigt das Bürgertum Stolz und Status

Bis in die Spät­zeit des Abso­lu­tis­mus, also bis tief ins 18. Jahr­hun­dert hin­ein, war auf­wän­di­ge Vokal­mu­sik nur Adels­hö­fen und wohl­ha­ben­den Kir­chen und Klös­tern zugäng­lich. Das änder­te sich, als Johann Fried­rich Fasch 1791 die Sing-Aka­de­mie zu Ber­lin grün­de­te, einen rasch wach­sen­den gemisch­ten Chor von Bür­ge­rin­nen und Bür­gern. Der eman­zi­pa­to­ri­sche Sog auf das auf­stei­gen­de Ber­li­ner Bür­ger­tum war so stark, dass Faschs Nach­fol­ger Carl Fried­rich Zel­ter für Ste­tig­keit sorg­te, dem immer noch wun­der­sa­men Gebil­de eine Ver­fas­sung gab und es an den preu­ßi­schen Staat band. Die Leis­tungs­fä­hig­keit des Chors sprach sich her­um, und Zel­ter fand Nach­ah­mer – zu den berühm­tes­ten zähl­ten Lud­wig Spohr (1784–1859) in Kas­sel und Carl Loe­we (1796–1869) in Stet­tin. Befeu­ert von den wach­sen­den Kult­be­we­gun­gen um Bach und Hän­del sowie vom auf­kei­men­den poli­ti­schen Natio­na­lis­mus, spros­sen allent­hal­ben grö­ße­re und klei­ne­re Chor­ver­ei­ni­gun­gen auf, nah­men das alte Reper­toire in Besitz, inspi­rier­ten Kom­po­nis­ten wie Spohr, Men­dels­sohn, Brahms, Bruch und vie­le wei­te­re zur Kom­po­si­ti­on neu­er Wer­ke, errich­te­ten sich eige­ne Säle und fei­er­ten zu Tau­sen­den bei Musik­fes­ten bür­ger­li­che Kunst­pro­duk­ti­on und bür­ger­li­chen Kunst­ge­nuss. Es ent­stan­den sozia­le Räu­me, in denen Bür­ger, jeden­falls die eini­ger­ma­ßen wohl­ha­ben­den, frei ihrem inter­es­se­lo­sen Wohl­ge­fal­len – wie Imma­nu­el Kant 1791 for­mu­lier­te – frö­nen konn­ten, in denen sie Kunst aus­üben konn­ten. Das war in den Jahr­zehn­ten nach der Revo­lu­ti­on und den Feld­zü­gen Napo­le­ons, zur Zeit der Restau­ra­ti­on, immer noch Aus­druck von eman­zi­pa­to­ri­schem Trotz.

Ordnung muss sein: Die Sängerbünde

Die neu­ge­won­nen sozia­len und kul­tu­rel­len Räu­me muss­ten abge­si­chert wer­den, umso mehr nach der März­re­vo­lu­ti­on 1848, als der eman­zi­pa­to­ri­sche Impuls sich poli­tisch auf den Natio­na­lis­mus und musi­ka­lisch auf das Män­ner­chor­we­sen ver­la­ger­te. 1862 kam der Deut­sche Sän­ger­bund zusam­men, 1908 der Deut­sche Arbei­ter-Sän­ger­bund. Die­se Bün­de schu­fen Ste­tig­keit, indem sie ihre Mit­glie­der immer wie­der an ihre gemein­schaft­li­che Stär­ke erin­ner­ten: in eige­nen Ver­öf­fent­li­chun­gen und Kom­po­si­ti­ons­auf­trä­gen, in regio­na­len und reichs­wei­ten Sän­ger­fes­ten. Wie bedroht die­ser Frei­raum immer war, bei aller Sän­ger­herr­lich­keit, zeig­te sich, als die Natio­nal­so­zia­lis­ten an die Macht kamen. Die tota­li­tä­ren Poli­ti­ker erkann­ten den eman­zi­pa­to­ri­schen Frei­heits­raum in den Sän­ger­bün­den; und der durf­te nicht über­le­ben, die Ver­ei­ni­gun­gen muss­ten kon­trol­lier­bar sein. Der Arbei­ter-Sän­ger­bund, der sich in der Wei­ma­rer Repu­blik ver­stärkt zu Arbei­ter­be­we­gung und Sozi­al­de­mo­kra­tie hin ent­wi­ckelt hat­te, lös­te sich auf – und beim Deut­schen Sän­ger­bund zeig­te sich, dass sei­ne orga­ni­sa­to­ri­sche Stär­ke nun zur Schwä­che wur­de. Er ließ sich naht­los der Reichs­mu­sik­kam­mer ein­glie­dern, das Füh­rer­prin­zip ras­te­te in den straf­fen Struk­tu­ren ein. Sowohl der erhal­ten­de als auch der frei­heit­li­che Impuls der Sän­ger­bün­de wur­de im Tota­li­ta­ris­mus neu­tra­li­siert. Was ihnen den Erhalt garan­tie­ren soll­te, kos­te­te sie nun die Unab­hän­gig­keit.

Dass sich die Sän­ger­bün­de nach 1945 so rasch wie­der eta­blier­ten, teils auch, wie in den meis­ten Gesell­schafts­be­rei­chen, mit dem alten Per­so­nal, spricht für die zähe Anzie­hungs­kraft des gemein­schaft­li­chen Sin­gens. 1952 kam die Bun­des­ver­ei­ni­gung Deut­scher Chor­ver­bän­de hin­zu, die auch die kirch­li­chen Chor­ver­bän­de ein­schloss. In der DDR wur­de die eine tota­li­tä­re Orga­ni­sa­ti­ons­form der Chö­re durch eine ande­re ersetzt: Das Chor­we­sen abseits der Kir­chen orga­ni­sier­ten weit­ge­hend die Betrie­be, damit stand es unter Par­tei­kon­trol­le.

Bundesweite Strukturen: Die Anziehungskraft von Verbänden in der Amateurmusik

Der Zusam­men­schluss von Deut­schem Sän­ger­bund und Deut­schem All­ge­mei­nem Sän­ger­bund zum Deut­schen Chor­ver­band 2005, dann die Bil­dung des Bun­des­mu­sik­ver­bands Chor & Orches­ter aus der Bun­des­ver­ei­ni­gung Deut­scher Chor­ver­bän­de und der Bun­des­ver­ei­ni­gung Deut­scher Orches­ter­ver­bän­de 2019 bil­det den vor­läu­fi­gen End­punkt in der Orga­ni­sa­ti­on der Ama­teur­mu­sik in Deutsch­land. Die Ver­bän­de bie­ten ihren Mit­glie­dern Unter­stüt­zung zum Erhalt ihrer Struk­tu­ren an, aber auch Ent­las­tun­gen, die den Mit­glie­dern Raum zur Ent­wick­lung bie­ten. Die Viel­falt inner­halb der gro­ßen Ama­teur­mu­sik­ver­ei­ni­gun­gen ist ein­drucks­voll, auch die Brei­te an gesell­schaft­li­chen Schich­ten und Grup­pen, die sie anspre­chen. Nach wie vor setzt das Ama­teur­mu­si­zie­ren aber eine gewis­se sozia­le Sta­bi­li­tät vor­aus, Frei­zeit, Bil­dung und die Geld­mit­tel, die für eine Aus­bil­dung zum Musi­zie­ren und des­sen Wei­ter­füh­ren uner­läss­lich sind. Wer nach der Mit­te der Gesell­schaft sucht, hät­te hier gute Chan­cen, fün­dig zu wer­den. Die lang­sa­me, aber doch spür­ba­re Erho­lung nach dem Ein­bruch in der Coro­na-Epi­de­mie zeigt erneut an, wie stark der Drang zum gemein­schaft­li­chen Sin­gen und Musi­zie­ren ist.

Und in Zukunft? Wie konservativ Chöre sein sollten

Gleich­zei­tig müs­sen die Ver­bän­de mit Ent­wick­lun­gen fer­tig­wer­den, die tief in ihrem eman­zi­pa­to­ri­schen Kern wur­zeln. So schwin­det die Bereit­schaft der Jün­ge­ren, sich dau­er­haft an Chö­re und Ver­ei­ne zu bin­den – sei es, weil sie sich nicht fest­le­gen wol­len und lie­ber auf viel­ver­spre­chen­de Ein­zel­pro­jek­te set­zen, sei es, weil ihre Arbeits- und Fami­li­en­bio­gra­fien unste­ter sind als die ihrer Eltern und Groß­el­tern. Wo sie Frei­hei­ten ent­de­cken, nut­zen sie sie, denn sin­gen wol­len sie trotz­dem, und zwar alles, von Jos­quin bis Tay­lor Swift, in allen For­ma­tio­nen, vom Quar­tett bis zum Mas­sen-Mit­singchor. Dass auch die­se wei­ter zer­streu­te und indi­vi­dua­li­sier­te Sing­lust Nut­zen aus dem Ange­bot der Gemein­schaft zie­hen kann, davon müs­sen die Ver­bän­de die Sing­lus­ti­gen über­zeu­gen.

Nach die­ser stark ver­kürz­ten Skiz­ze einer Geschich­te von Eman­zi­pa­ti­on und Erhal­tungs­stra­te­gien: Wie kon­ser­va­tiv ist also das Chor­we­sen in Deutsch­land? Eine Ant­wort wäre eher als Anspruch zu fas­sen: Sei­ne Struk­tu­ren müss­ten gera­de so viel Halt und gera­de so viel Anpas­sungs­be­reit­schaft bie­ten, dass sich alles ent­wi­ckeln kann, was aus dem Impuls zum gemein­schaft­li­chen Sin­gen an Neu­em ent­ste­hen will. Denn die­ser Impuls ist seit mehr als zwei­hun­dert Jah­ren Kern der Sache.

Portrait von Friedrich Sprondel

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Friedrich Sprondel

Friedrich Sprondel wurde im Norden geboren, studierte im Süden und ist Redakteur der Chorzeit. Er schreibt für verschiedene Medien, ist Jurymitglied beim Preis der deutschen Schallplattenkritik und lebt in Berlin.

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