Die Freiheit festhalten: Wie konservativ ist die Chorszene?
Die meisten Musikstücke sind nicht länger als ein paar Minuten. Aber diese paar Minuten lang zählt beim Singen oder Spielen nichts anderes als die Musik. Amateur:innen wissen, dass sie nicht perfekt sind – das überlassen sie gerne den Profis –, aber sie erleben trotzdem das, was in der Therapiesprache Selbstwirksamkeit heißt. Die Einsicht «Wir können das» stärkt und erfreut, und wer einen Chor oder ein Orchester nach Probe oder Konzert erlebt hat, weiß, dass die Mitmusiker:innen viel von dieser Wirkung mit nach Hause nehmen. Sie erleben das Musizieren als eine Zeit, in der sie gemeinschaftlich souverän und frei sind. Sie erleben Freiheit.
Dieses gemeinschaftliche Erleben ist, ob bewusst oder unbewusst, eine Schnittstelle zum Politischen. Die Emanzipation des Bürgertums über das 18. Jahrhundert hinweg, bei allen Schattenseiten, schuf Wohlstand und Freizeit. Das Aufblühen des gemeinschaftlichen Singens und Musizierens zum 19. Jahrhundert hin ist Ausdruck von bürgerlicher Emanzipation, und seine Akteur:innen wollten die neugewonnene Freiheit nicht mehr aufgeben. Man kann das heutige Chorleben, im Zusammenhang des Musiklebens insgesamt, als vorläufiges Ergebnis einer Entwicklung sehen, die von Anfang an sowohl emanzipatorisch als auch festhaltend war.
Im Chorgesang zeigt das Bürgertum Stolz und Status
Bis in die Spätzeit des Absolutismus, also bis tief ins 18. Jahrhundert hinein, war aufwändige Vokalmusik nur Adelshöfen und wohlhabenden Kirchen und Klöstern zugänglich. Das änderte sich, als Johann Friedrich Fasch 1791 die Sing-Akademie zu Berlin gründete, einen rasch wachsenden gemischten Chor von Bürgerinnen und Bürgern. Der emanzipatorische Sog auf das aufsteigende Berliner Bürgertum war so stark, dass Faschs Nachfolger Carl Friedrich Zelter für Stetigkeit sorgte, dem immer noch wundersamen Gebilde eine Verfassung gab und es an den preußischen Staat band. Die Leistungsfähigkeit des Chors sprach sich herum, und Zelter fand Nachahmer – zu den berühmtesten zählten Ludwig Spohr (1784–1859) in Kassel und Carl Loewe (1796–1869) in Stettin. Befeuert von den wachsenden Kultbewegungen um Bach und Händel sowie vom aufkeimenden politischen Nationalismus, sprossen allenthalben größere und kleinere Chorvereinigungen auf, nahmen das alte Repertoire in Besitz, inspirierten Komponisten wie Spohr, Mendelssohn, Brahms, Bruch und viele weitere zur Komposition neuer Werke, errichteten sich eigene Säle und feierten zu Tausenden bei Musikfesten bürgerliche Kunstproduktion und bürgerlichen Kunstgenuss. Es entstanden soziale Räume, in denen Bürger, jedenfalls die einigermaßen wohlhabenden, frei ihrem interesselosen Wohlgefallen – wie Immanuel Kant 1791 formulierte – frönen konnten, in denen sie Kunst ausüben konnten. Das war in den Jahrzehnten nach der Revolution und den Feldzügen Napoleons, zur Zeit der Restauration, immer noch Ausdruck von emanzipatorischem Trotz.
Ordnung muss sein: Die Sängerbünde
Die neugewonnen sozialen und kulturellen Räume mussten abgesichert werden, umso mehr nach der Märzrevolution 1848, als der emanzipatorische Impuls sich politisch auf den Nationalismus und musikalisch auf das Männerchorwesen verlagerte. 1862 kam der Deutsche Sängerbund zusammen, 1908 der Deutsche Arbeiter-Sängerbund. Diese Bünde schufen Stetigkeit, indem sie ihre Mitglieder immer wieder an ihre gemeinschaftliche Stärke erinnerten: in eigenen Veröffentlichungen und Kompositionsaufträgen, in regionalen und reichsweiten Sängerfesten. Wie bedroht dieser Freiraum immer war, bei aller Sängerherrlichkeit, zeigte sich, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Die totalitären Politiker erkannten den emanzipatorischen Freiheitsraum in den Sängerbünden; und der durfte nicht überleben, die Vereinigungen mussten kontrollierbar sein. Der Arbeiter-Sängerbund, der sich in der Weimarer Republik verstärkt zu Arbeiterbewegung und Sozialdemokratie hin entwickelt hatte, löste sich auf – und beim Deutschen Sängerbund zeigte sich, dass seine organisatorische Stärke nun zur Schwäche wurde. Er ließ sich nahtlos der Reichsmusikkammer eingliedern, das Führerprinzip rastete in den straffen Strukturen ein. Sowohl der erhaltende als auch der freiheitliche Impuls der Sängerbünde wurde im Totalitarismus neutralisiert. Was ihnen den Erhalt garantieren sollte, kostete sie nun die Unabhängigkeit.
Dass sich die Sängerbünde nach 1945 so rasch wieder etablierten, teils auch, wie in den meisten Gesellschaftsbereichen, mit dem alten Personal, spricht für die zähe Anziehungskraft des gemeinschaftlichen Singens. 1952 kam die Bundesvereinigung Deutscher Chorverbände hinzu, die auch die kirchlichen Chorverbände einschloss. In der DDR wurde die eine totalitäre Organisationsform der Chöre durch eine andere ersetzt: Das Chorwesen abseits der Kirchen organisierten weitgehend die Betriebe, damit stand es unter Parteikontrolle.
Bundesweite Strukturen: Die Anziehungskraft von Verbänden in der Amateurmusik
Der Zusammenschluss von Deutschem Sängerbund und Deutschem Allgemeinem Sängerbund zum Deutschen Chorverband 2005, dann die Bildung des Bundesmusikverbands Chor & Orchester aus der Bundesvereinigung Deutscher Chorverbände und der Bundesvereinigung Deutscher Orchesterverbände 2019 bildet den vorläufigen Endpunkt in der Organisation der Amateurmusik in Deutschland. Die Verbände bieten ihren Mitgliedern Unterstützung zum Erhalt ihrer Strukturen an, aber auch Entlastungen, die den Mitgliedern Raum zur Entwicklung bieten. Die Vielfalt innerhalb der großen Amateurmusikvereinigungen ist eindrucksvoll, auch die Breite an gesellschaftlichen Schichten und Gruppen, die sie ansprechen. Nach wie vor setzt das Amateurmusizieren aber eine gewisse soziale Stabilität voraus, Freizeit, Bildung und die Geldmittel, die für eine Ausbildung zum Musizieren und dessen Weiterführen unerlässlich sind. Wer nach der Mitte der Gesellschaft sucht, hätte hier gute Chancen, fündig zu werden. Die langsame, aber doch spürbare Erholung nach dem Einbruch in der Corona-Epidemie zeigt erneut an, wie stark der Drang zum gemeinschaftlichen Singen und Musizieren ist.
Und in Zukunft? Wie konservativ Chöre sein sollten
Gleichzeitig müssen die Verbände mit Entwicklungen fertigwerden, die tief in ihrem emanzipatorischen Kern wurzeln. So schwindet die Bereitschaft der Jüngeren, sich dauerhaft an Chöre und Vereine zu binden – sei es, weil sie sich nicht festlegen wollen und lieber auf vielversprechende Einzelprojekte setzen, sei es, weil ihre Arbeits- und Familienbiografien unsteter sind als die ihrer Eltern und Großeltern. Wo sie Freiheiten entdecken, nutzen sie sie, denn singen wollen sie trotzdem, und zwar alles, von Josquin bis Taylor Swift, in allen Formationen, vom Quartett bis zum Massen-Mitsingchor. Dass auch diese weiter zerstreute und individualisierte Singlust Nutzen aus dem Angebot der Gemeinschaft ziehen kann, davon müssen die Verbände die Singlustigen überzeugen.
Nach dieser stark verkürzten Skizze einer Geschichte von Emanzipation und Erhaltungsstrategien: Wie konservativ ist also das Chorwesen in Deutschland? Eine Antwort wäre eher als Anspruch zu fassen: Seine Strukturen müssten gerade so viel Halt und gerade so viel Anpassungsbereitschaft bieten, dass sich alles entwickeln kann, was aus dem Impuls zum gemeinschaftlichen Singen an Neuem entstehen will. Denn dieser Impuls ist seit mehr als zweihundert Jahren Kern der Sache.