Weg frei für Schaf und Tausendfüßler: drei neue Kinderchormusicals

Autor:in

Stella Antwerpen

Ausgabe

Chorzeit Online

Weihnachtlicher Aufruf: «Weg frei, bitte!» von Sabine Wiediger

Cover der besprochenen Noten: sehr dunkel mit einigen Kirchenfenstern im Hintergrund. Bunte Lichtreflektionen tanzen über die Seite.

Sabi­ne Wie­di­ger

WEG FREI, BITTE!
Weih­nacht­li­ches Kin­der­mu­si­cal rund um das Lied «Macht hoch die Tür»

Stru­be Edi­ti­on
28 Sei­ten • 12 Euro

Die ers­te Num­mer des Evan­ge­li­schen Gesang­buchs ist das bekann­te Lied «Macht hoch die Tür». Mit ihm begin­nen Advents­zeit und Kir­chen­jahr. Georg Weissel ver­fass­te das Kir­chen­lied zur Ein­wei­hung der Altroß­gär­ter Kir­che im dama­li­gen Königs­berg. Doch die Ankün­di­gung vom Ein­zug des Königs der Ehre und der Auf­ruf zu Nächs­ten­lie­be und Offen­heit aus Psalm 24 sind nicht sei­ne ein­zi­gen Bot­schaf­ten. Die Geschich­te erzählt auch von einem wohl­ha­ben­den Kauf­mann, der sei­ne Vil­la nahe der Kir­che mit Zäu­nen und ver­schlos­se­nen Toren umgab. Dadurch wur­de armen und gebrech­li­chen Men­schen aus einem benach­bar­ten Heim der direk­te Weg zur Kir­che und in die Stadt ver­sperrt. Weissel ver­stand das Lied als Appell, nicht nur das eige­ne Herz für Gott zu öff­nen, son­dern auch die abge­rie­gel­ten Tore für die Mit­men­schen.

Sabi­ne Wie­di­ger ließ sich für ihr Kin­der­mu­si­cal «Weg frei, bit­te!» von die­ser Mah­nung inspi­rie­ren. Die Sze­nen fol­gen den Jah­res­zei­ten. Nach der Ouver­tü­re fin­den sich die Chor­mit­glie­der in der Pro­be eines laut­ma­le­ri­schen Früh­lings­lie­des wie­der, beschwingt, im Refrain zwei­stim­mig und immer wie­der durch Schlag­werk ergänzt. Der Bezug zum Pfingst­fest wird in «Treff­punkt Kir­che» her­ge­stellt. Im Herbst­stück wird das Stau­nen über Got­tes Schöp­fung ange­bahnt, bevor die Geschich­te im Cho­ral «Macht hoch die Tür» ihren Höhe­punkt fin­det. Ein­ge­lei­tet wird der als Rap im Call-and-Respon­se-Stil.

Das Musi­cal rich­tet sich an Kin­der von sechs bis zwölf Jah­ren und ist für ein- bis zwei­stim­mi­gen Kin­der­chor, Spre­cher­rol­len, Kla­vier, Gitar­re und Schlag­werk mit optio­na­len Orff-Instru­men­ten ange­legt.

Cooler Löwe und schwermütiges Schaf im MÄHsical «Ein Schaf sagt Mäh»

Das Cover der besprochenen Noten: ein weißes Schaf steht auf einer grünen Wiese und sagt "mäh"

Johan­nes Söll­ner & San­dra Wel­lemey­er

EIN SCHAF SAGT MÄH
Ein MÄH­si­cal für Grund­schul­kin­der

Carus
ISMN 979–0‑007–35504‑3
Diri­gier­par­ti­tur, 32 Sei­ten • 32 Euro

Ein Schaf, das nicht «Mäh» machen kann und nicht blökt – was soll das für ein Schaf sein? Das sozi­al kom­pe­ten­te Schaf Nim­mer-Mäh. In die­sem beson­de­ren Musi­cal stel­len Johan­nes Söll­ner und San­dra Wel­len­mey­er sowohl inhalt­lich als auch musi­ka­lisch die sozia­len Fähig­kei­ten die­ses unge­wöhn­li­chen Scha­fes in den Mit­tel­punkt und heben sei­ne Vor­bild­funk­ti­on her­vor.

Das Musi­cal wur­de für Grund­schul­kin­der kom­po­niert. Es umfasst meh­re­re Sprech­rol­len, einen ein- bis zwei­stim­mi­gen Kin­der­chor, Kla­vier sowie Vio­lon­cel­lo und Per­kus­si­on. Die Komponist:innen set­zen auf ein­gän­gi­ge «Ohr­wür­mer», die leicht zu erler­nen sind und die Kin­der mit­rei­ßen. Mehr­stim­mig­keit kann dabei oft kanon­ar­tig aus bekann­tem Mate­ri­al ent­wi­ckelt wer­den. Die Zahl der Mit­wir­ken­den lässt sich fle­xi­bel erwei­tern; auch der Ein­satz von Orff-Instru­men­ten ist mög­lich. Vie­le Num­mern sind rhyth­misch geprägt und laden zum begeis­ter­ten Mit­groo­ven ein.

Die ein­zel­nen Tie­re wer­den musi­ka­lisch prä­gnant cha­rak­te­ri­siert: der brül­len­de, coo­le Löwe im rocki­gen Shuff­le-Rhyth­mus, der schnel­le Hase im «Karot­ten-Loop» (Vier­tel = 200), die ruhi­ge Eule oder das schwer­mü­ti­ge Schaf in einer kan­ta­blen Melo­die des Vio­lon­cel­los, das beson­de­re klang­li­che Akzen­te setzt und Atmo­sphä­re schafft.

Die Lan­des­aka­de­mie Och­sen­hau­sen zeich­ne­te das Musi­cal beim «Büh­ne frei»-Kompositionswettbewerb 2024 mit einem Son­der­preis aus – völ­lig zu Recht. Die Bot­schaft: Zivil­cou­ra­ge zei­gen, nicht weg­se­hen, wenn ande­ren Unrecht wider­fährt. Und wer könn­te hier­für eine bes­se­re Lehr­meis­te­rin sein als die Büh­ne selbst?

Cool Fox, Rumba und Easy Swing auf «Tausendfüßlers Tanzfest»

Cover der besprochenen Noten: Teile von einem grünen Tausendfüßler mit sehr vielen bunten Schuhen auf blauem Hintergrund

Peter Schind­ler, Babet­te Diet­rich

TAUSENDFÜSSLERS TANZFEST

Carus
ISMN 979–0‑007–35737‑5
Diri­gier­par­ti­tur Orches­ter­fas­sung, 74 Sei­ten • 45 Euro

Bei der beacht­li­chen Fül­le an Kin­der­chor­mu­si­cals, die Peter Schind­ler mitt­ler­wei­le her­aus­ge­bracht hat, könn­te man den­ken: Schon wie­der ein Schind­ler-Musi­cal. Doch gelingt ihm beson­de­re Inno­va­ti­on immer wie­der aufs Neue – so auch im vor­lie­gen­den Werk, wel­ches dem Ver­le­ger Gün­ther Grau­lich zum 99. Geburts­tag gewid­met ist.

«Tau­send­füß­lers Tanz­fest» ist anders. Das Musi­cal ist von Bewe­gung geprägt und regt somit zu einer ganz­heit­li­chen Kör­per­er­fah­rung an: Gras­hüp­fer sprin­gen, Regen­wür­mer schlän­geln sich und Tau­send­füß­ler haben vie­le Bei­ne. Wal­zer folgt auf Cool Fox, Rum­ba auf Easy Swing. So unter­schied­lich die Tie­re in ihren Bewe­gun­gen dar­ge­stellt wer­den, so viel­sei­tig ist auch der Cha­rak­ter der Musik, der durch die wun­der­ba­re, aus­kom­po­nier­te Orches­trie­rung gewinnt: Flö­te, Kla­ri­net­te, Fagott, Gei­gen, Cel­li, Bass, Kla­vier sowie Schlag­zeug kom­men zum Ein­satz. Der Chor singt im Wesent­li­chen zwei­stim­mig. Auch eine Kla­vier­fas­sung ist kom­po­niert.

Wie von Schind­ler gewohnt, ist die Kom­po­si­ti­on pass­ge­nau auf die Bedürf­nis­se und Mög­lich­kei­ten der Aus­füh­ren­den zuge­schnit­ten. Das Stück kommt mit einem ein­zi­gen Haupt­büh­nen­bild aus; selbst Umbau­mu­si­ken sind inte­griert. Zahl­rei­che pra­xis­na­he Auf­füh­rungs­tipps erleich­tern die Insze­nie­rung.

Im schu­li­schen Kon­text bie­ten sich Koope­ra­tio­nen mit den Fächern Sport/Tanz sowie Kunst für die Büh­nen­ge­stal­tung an. Auch eine Exkur­si­on im Fach Bio­lo­gie, um etwas über die mit­spie­len­den Tie­re wie Regen­wür­mer, Heu­schre­cken und das gesam­te Reich der Insek­ten zu erfah­ren, ist gut denk­bar. So schafft Schind­ler auch die Musi­ka­li­sie­rung einer gan­zen Schul­ge­mein­de.

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Stella Antwerpen

Stella Antwerpen ist Sängerin, Chorleiterin, Stimmbildungscoach und Gymnasiallehrerin. Sie schreibt für Fachmagazine und ist Mitglied verschiedener Wettbewerbsjurys.

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