Kleine Bewegung, große Wirkung: die Feldenkrais-Methode

Autor:in

Hilde Daniel

Ausgabe

N° 116 | Juni 2024

Ent­wi­ckelt wur­de die Fel­den­krais-Metho­de von dem Inge­nieur­wis­sen­schaft­ler und Judo­ka Mos­hé Fel­den­krais (1904–1984), der sys­te­ma­tisch mensch­li­che Bewe­gungs­ab­läu­fe und Ver­hal­tens­wei­sen beob­ach­te­te und ana­to­mi­sche, neu­ro­lo­gi­sche und ent­wick­lungs­ge­schicht­li­che Zusam­men­hän­ge erforsch­te. Lan­ge vor den Erkennt­nis­sen der moder­nen Neu­ro­phy­sio­lo­gie the­ma­ti­sier­te Fel­den­krais die Ein­heit von Kör­per und Geist und die mensch­li­che Fähig­keit, lebens­lang zu ler­nen. Ent­schei­dend war für den pas­sio­nier­ten Wis­sen­schaft­ler das «Wie», die Qua­li­tät einer Bewe­gung bezie­hungs­wei­se einer Hand­lung. Um das «Wie» zu erken­nen und indi­vi­du­ell frei gestal­ten zu kön­nen, müs­se die Wahr­neh­mung geschult und Bewusst­heit für das eige­ne Tun ent­wi­ckelt wer­den. Zu die­sem Zweck kon­zi­pier­te Fel­den­krais rund 3.000 Lek­tio­nen, in denen grund­le­gen­de Funk­tio­nen mensch­li­chen Lebens wie Ste­hen, Gehen, Sit­zen, Atmen oder Grei­fen und kom­pli­zier­te­re Bewe­gungs­ab­läu­fe wie Kopf- und Hand­stän­de oder Judo-Rol­len erkun­det wer­den.

Feldenkrais in der Praxis: Wie funktioniert die Methode?

Ver­mit­telt wird die Fel­den­krais-Metho­de in Ein­zel­ar­beit durch Berüh­rung der Hän­de («Funk­tio­na­le Inte­gra­ti­on» genannt) oder im Grup­pen­un­ter­richt mit Wor­ten, wobei prä­zi­se Bewe­gungs­an­lei­tun­gen mit Fra­gen zur Wahr­neh­mung wech­seln («Bewusst­heit durch Bewe­gung»). Die Fra­gen laden dazu ein, ohne vor­ge­ge­be­nes Ziel und ohne Druck einen für sich selbst stim­mi­gen Weg zu fin­den. Ori­gi­na­le Fel­den­krais-Lek­tio­nen dau­ern in der Regel 45 bis 60 Minu­ten und bau­en sys­te­ma­tisch einen kom­ple­xen Bewe­gungs­zu­sam­men­hang auf. Für den (sän­ge­ri­schen) All­tag las­sen sich dar­aus klei­ne Bewe­gungs­fol­gen her­aus­lö­sen. Um Nacken und Kie­fer schnell zu lockern, kann man zum Bei­spiel fol­gen­de Sequenz aus­pro­bie­ren: Im Sit­zen oder Ste­hen dreht man zunächst lang­sam den Kopf eini­ge Male nach rechts. Wie weit lässt sich der Kopf leicht dre­hen, bevor ein klei­ner Wider­stand spür­bar wird? Wohin schau­en die Augen? Dann lässt man den Kopf ruhen und öff­net und schließt mehr­mals den Mund. Wie weit lässt sich der Mund weich und leicht öff­nen? Lässt er sich rechts und links gleich weit öff­nen? Ist das Gefühl in den Kie­fer­ge­len­ken rechts und links gleich? In einer kur­zen Ruhe­pha­se spürt man den Bewe­gun­gen des Kie­fer­ge­lenks nach und fügt dann die Bewe­gun­gen zusam­men: Wäh­rend der Kopf nach rechts dreht, öff­net sich der Mund, wenn der Kopf zurück zur Mit­te kommt, schließt sich der Mund. Wie weit öff­net sich der Mund jetzt? Wie geschmei­dig kann sich der Kopf dre­hen? Wie­der folgt eine Pau­se, dann dreht man den Kopf ein­mal nach rechts und ein­mal nach links. Häu­fig lässt er sich nun deut­lich wei­ter nach rechts als nach links dre­hen. Viel­leicht fühlt sich auch die rech­te Schul­ter ent­spann­ter an. Das ist Moti­va­ti­on genug, die Kie­fer-Nacken-Kom­bi­na­ti­on auch zur ande­ren Sei­te aus­zu­pro­bie­ren.

Ein Mann in Sportjacke und Jeans steht im Kopfstand auf einem weißen Teppich. Die Beine hat er Richtung Boden abgewinkelt.
Der eige­ne Kör­per wird bei der Fel­den­krais-Metho­de mit­hil­fe ein­fa­cher und schwie­ri­ge­rer Übun­gen erkun­det © Mari­on Coers

Was macht Feldenkrais für Musizierende interessant?

Die beschrie­be­ne klei­ne Bewe­gungs­fol­ge fin­det sich in ähn­li­cher Form in dem Buch «Fel­den­krais für Sän­ger», das eine gute Samm­lung von kur­zen Bewe­gungs­mo­du­len für die sän­ge­ri­sche Pra­xis bie­tet. Dort wer­den auch ande­re The­men behan­delt, die für das Sin­gen und Musi­zie­ren wich­tig sind, wie bei­spiels­wei­se ein guter Boden­kon­takt beim Ste­hen, die Stel­lung des Beckens in Rela­ti­on zum Schul­ter­gür­tel und zum Kopf, die Auf­rich­tung der Wir­bel­säu­le, ein frei­er und tie­fer Atem und vie­les mehr. Fast alle Fel­den­krais-Lek­tio­nen sind für Musi­zie­ren­de hilf­reich, weil sie Ver­span­nun­gen lösen und die Kör­per­ko­or­di­na­ti­on ins­ge­samt ver­bes­sern. Inter­es­sant ist die Metho­de aber vor allem des­halb, weil sie qua­si neben­bei auch men­ta­le Fähig­kei­ten schult, die für das Musi­zie­ren essen­zi­ell sind. Durch den Auf­bau der Lek­tio­nen und die beglei­ten­den Fra­gen zur Wahr­neh­mung lernt man, das eige­ne Tun dif­fe­ren­ziert wahr­zu­neh­men und Kon­zen­tra­ti­on, Vor­stel­lungs­kraft und Krea­ti­vi­tät zu stei­gern. Man ent­deckt, wie man über­flüs­si­ge Kraft­an­stren­gung ver­mei­den, Vari­an­ten erpro­ben und neu­gie­rig for­schen kann, anstatt mecha­nisch zu üben. Kenn­zeich­nend für einen rei­fen Men­schen war für Mos­hé Fel­den­krais die «Spon­ta­nei­tät» in dem Sin­ne, dass man eine Bewe­gung oder Hand­lung in jedem Moment frei gestal­ten, umkeh­ren und ver­än­dern kann.

Feldenkrais im Chor etablieren –  durch geschulte Chorleiter:innen oder im Tandem

In sel­te­nen Fäl­len sind Chor­lei­ten­de gleich­zei­tig auch aus­ge­bil­de­te­te Fel­den­krais-Prac­ti­tio­ner. Anja Schlen­ker-Rap­ke, Kon­zert­sän­ge­rin, Gesangs­päd­ago­gin, Lei­te­rin meh­re­rer Chö­re und Fel­den­krais-Päd­ago­gin, berich­tet, dass sie durch die Fel­den­krais-Aus­bil­dung einen ganz­heit­li­chen Blick auf das «Instru­ment Mensch» bekam und zunächst an sich selbst erleb­te, «wie der Stand, die Kip­pung des Beckens und kleins­te Nuan­cen der Auf­rich­tung den Stimm­klang beein­flus­sen». Auf die­ser Grund­la­ge erar­bei­tet sie nun bei­spiels­wei­se mit ihren Chorsänger:innen in jeder Pro­be den opti­ma­len Stand bezie­hungs­wei­se die opti­ma­le Sitz­hal­tung.

Für Tobi­as Meis­ber­ger, eben­falls Gesangs­päd­ago­ge, Chor­lei­ter und Fel­den­krais-Prac­ti­tio­ner, hat sich eine Samm­lung von Tools bewährt, in denen er bestimm­te Ton­fol­gen mit einer Bewe­gung ver­knüpft. Ganz wich­tig sei, so betont Meis­ber­ger, Kon­tras­te zu schaf­fen. Um die Wir­kung bestimm­ter Übun­gen bewusst wahr­zu­neh­men, lässt er ein­zel­ne Stel­len oder Ton­fol­gen «vor­her» und «nach­her» sin­gen. Man dür­fe nicht müde wer­den, ergänzt er, klei­ne Details zur Kör­per­emp­fin­dung auch im Ver­lauf der Pro­be immer wie­der ins Gedächt­nis zu rufen.

In der Regel emp­fiehlt sich die Arbeit im Tan­dem. Chris­ti­na Schipp­rack-Wei­land, Fel­den­krais-Päd­ago­gin seit 1987 und erfah­re­ne Chor­sän­ge­rin, hat im März 2024 in Mün­chen zum zwei­ten Mal zusam­men mit Chor­lei­ter Tobi­as Dre­her den Wochen­end­work­shop «Fel­den­krais für (Chor-)Sänger:innen» ange­bo­ten. Fel­den­krais-Ein­hei­ten und Chor­pro­ben wech­sel­ten ein­an­der ab. Chris­ti­na Schipp­rack unter­rich­te­te eini­ge klas­si­sche Fel­den­krais-Lek­tio­nen für Atem, Kie­fer, Gesicht und eine gute Selbst-Orga­ni­sa­ti­on. Da sie selbst erfah­re­ne Chor­sän­ge­rin mit Zusatz­aus­bil­dun­gen zu Atem- und Stimm­ar­beit ist, konn­te sie wäh­rend der Fel­den­krais-Stun­den den Trans­fer zum Sin­gen anbie­ten. In den Chor-Pha­sen erar­bei­te­te Tobi­as Dre­her Kanons und klei­ne mehr­stim­mi­ge Stü­cke und ver­wies an geeig­ne­ten Stel­len auf die sen­so­ri­schen Erfah­run­gen aus der Fel­den­krais-Arbeit. Die Teil­neh­men­den emp­fan­den die Ver­bin­dung von Fel­den­krais und Gesang als sehr berei­chernd und waren über­rascht, wie schnell sie das Reper­toire lern­ten. Am Ende gab der Work­shop-Chor spon­tan ein klei­nes Kon­zert im Semi­nar­haus. 

Auf Feldenkrais einlassen: Mini-Workshops oder Intensivtage

Wenn Chö­re mit der Fel­den­krais-Metho­de arbei­ten möch­ten, sind Mini-Work­shops oder Inten­siv­ta­ge denk­bar. Für Tobi­as Meis­ber­ger haben sich Inten­siv­ta­ge außer­halb des nor­ma­len Pro­ben­be­triebs bewährt. Hier kön­nen sich die Teil­neh­men­den auf ein ver­tief­tes Erle­ben der Ver­bin­dung von Kör­per und Stim­me ein­las­sen. «In rou­ti­ne­mä­ßi­gen Pro­ben kann man Bewe­gungs­the­men nur antip­pen, es muss am Reper­toire, an Inter­pre­ta­ti­on, und Ago­gik gear­bei­tet wer­den. Außer­dem kön­nen man­che ori­gi­nä­re Fel­den­krais-Lek­tio­nen eine so star­ke kör­per­lich-see­li­sche Wir­kung her­vor­ru­fen, dass man danach nicht über­gangs­los wei­ter am sän­ge­ri­schen Reper­toire arbei­ten kann,» resü­miert Meis­ber­ger. Der Aha-Effekt kom­me dann, wenn die Sän­ger plötz­lich spü­ren, wie sie bei­spiels­wei­se den Unter­kie­fer hän­gen las­sen oder Frei­heit im Bereich der unte­ren Rip­pen her­stel­len kön­nen.

Fel­den­krais-Lek­tio­nen ent­hal­ten ein schier uner­schöpf­li­ches Reser­voir an Bewe­gungs­va­ria­tio­nen, mit denen sich Auf­rich­tung und Balan­ce, Atmung und Bewe­gungs­spiel­räu­me ver­bes­sern las­sen. Vor allem aber ver­mit­teln sie freud­vol­les Ler­nen. So resü­miert Anja Schlen­ker-Rap­ke: «Päd­ago­gisch habe ich bereits wäh­rend mei­ner Hei­del­ber­ger Fel­den­krais-Aus­bil­dung auf­ge­hört, in ‹Feh­lern› und ‹Bau­stel­len› bei mir selbst und bei Schüler:innen zu den­ken, son­dern eher: ‹Was klappt gut? Was sind die Stär­ken? Wel­cher Vokal geht am bes­ten? Wo ist die Stim­me zu Hau­se?› Ein Grund­ge­dan­ke der Fel­den­krais-Arbeit ist ja, das Gute sich aus­brei­ten zu las­sen, um stö­ren­de Mus­ter lang­sam abzu­bau­en. So hal­te ich es grund­sätz­lich in mei­nen Stun­den und auch mei­nen Chor­pro­ben und kom­me damit sehr gut klar.»

Lite­ra­tur­tipps

Buckard, Chris­ti­an: Mos­hé Fel­den­krais – Der Mensch hin­ter der Metho­de. Mün­chen, Piper 2007.

Fel­den­krais, Mos­hé: Die Ent­de­ckung des Selbst­ver­ständ­li­chen. Ber­lin, Suhr­kamp 17. Aufl. 2023 (1987).

Fel­den­krais, Mos­hé: Bewußt­heit durch Bewe­gung – Der auf­rech­te Gang. Ber­lin, Suhr­kamp 15. Aufl. 1996 (1967).

Nel­son, Samu­el H. / Blades-Zel­ler, Eli­sa­beth: Fel­den­krais für Sän­ger. Kas­sel, Bos­se 6. Aufl. 2023 (2004).

Zemach-Ber­sin, David / Zemach-Ber­sin, Kae­the / Ree­se, Marc: Gesund­heit und Beweg­lich­keit: 10 Fel­den­krais-Lek­tio­nen. Mün­chen, Kösel 4. Aufl. 1992 (1990).

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Hilde Daniel

Hilde Daniel arbeitet als freiberufliche Feldenkrais-Lehrerin, singt im Chor und war von 2010 bis 2023 im Projektmanagement, Marketing und Fundraising des Deutschen Chorverbands tätig.

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