Ausprobieren ist Trumpf – szenische Arbeit mit dem Chor
Die Verbindung von Musik und Szene ist wirkungsvoll und vielversprechend: Im Musiktheater sind die beiden Elemente seit jeher untrennbar miteinander verbunden. Doch auch sonst gibt es im vokalen und im instrumentalen Bereich spannende Möglichkeiten zur Verknüpfung der beiden Bestandteile. In den vergangenen Jahren haben sich diese Ideen zu einem Trend ausgeweitet und in der Chormusik entstanden viele Konzertprogramme mit szenischen Elementen. Das weckt in zahlreichen Chören und Ensembles das Interesse, in diesem Gebiet ebenfalls aktiv zu werden. Doch wie kann das Thema angegangen werden und was gibt es dabei zu beachten?
Wo soll es hingehen? Die richtigen Stilmittel finden
Zu Beginn stellt sich die grundlegende Frage: Welche Stilmittel sind möglich und passen zum gewünschten Programm? Die Auswahl an szenischen Elementen ist groß: Soll der Chor eine Choreografie präsentieren, ist die Arbeit mit Requisiten und Utensilien gewünscht, soll die Musik durch gesprochenes Wort, Tanz oder Licht ergänzt werden? Geht es um große Bewegungen im Raum oder eher kleine Effekte? Sollen einzelne Momente eines Konzerts szenisch unterstrichen werden oder ist eine durgehende Dramaturgie erwünscht? In jedem Fall muss man auf eine stimmige Auswahl achten – oft ist weniger mehr: Kommen zu viele unterschiedliche Dinge zusammen, ist nicht nur die Koordination der Mitwirkenden eine große Herausforderung, auch das Publikum könnte schnell überfordert werden. Am besten sorgen Sie für einen roten Faden, der sich durch das Programm zieht und vom Publikum verstanden wird. Mit dem Konstanzer Kammerchor bereite ich gerade ein Konzertprogramm mit dem Titel „Utopie – Vom Auflösen und Wiederfinden“ vor und als eines der Hauptstilmittel der szenischen Umrahmung verändert der Chor über die ganze Konzertdauer in verschiedenen Bewegungsabläufen immer wieder Standort und Zusammensetzung, löst sich Stück für Stück in einzelne Bestandteile auf und findet anschließend wieder als Gemeinschaft zusammen. So werden Konzerttitel und die dazu passenden Werke symbolisch unterstrichen.
Der Musikstil kann einen wichtigen Anhaltspunkt bieten: Bei eher unterhaltsameren Programmen oder im Bereich der Popmusik können zum Text passende Choreografien charmant sein. So baute das Londoner Ensemble Pink Singers kleine Szenen in das Instrumentalvorspiel des Stücks „Nine to Five“ von Dolly Parton ein: Es geht darin unter anderem um einen mühsamen Arbeitstag. Die Chormitglieder skizzierten die morgendlichen Vorbereitungen – vom Weckerklingeln über das Augenreiben bis hin zum Zähneputzen und Haarekämmen. Bei einem Konzert im Rahmen des Konstanzer Chorfestivals kamen bei John Lennons bekanntem Song „Imagine“ Seifenblasenmaschinen zum Einsatz, bei einem kapitalismuskritischen Stück wurden Spielgeldscheine ins Publikum geworfen. Auch kleine Ideen können überraschende Effekte schaffen. Bei klassischeren Programmen liegt die Kraft der Szene oft in kontrastierenden Elementen oder neuen, unerwarteten Kontexten. In einer Aufführung mit meinem Ensemble chor:werk baden-württemberg vor einigen Jahren, bei der es um den Kontrast von Krieg und Frieden ging, trug ein Teil des Chores alte Armeemäntel, die am Ende einer Requiemvertonung abgelegt und in der Konzertkirche vor dem Altar symbolisch zu Grabe getragen wurden.
Das Szenische entwickeln: mit allen und überall
Je nach Auswahl der szenischen Mittel stellt sich auch die Frage: wer bringt diese ein – der Chor selbst oder zusätzliche Personen wie beispielsweise Tänzer:innen, Sprecher:innen, Schauspieler:innen? Wenn die szenische Leistung aus dem Chor heraus erbracht wird, dann sollten Fähigkeiten und Qualifikationen in jedem Fall realistisch betrachtet werden. Dies zeigt sich vor allem in der Abgrenzung von Choreografie und Schauspiel: Ein Ensemble als Ganzes kann durch choreografische Elemente spannende Konzerterlebnisse schaffen – schauspielerische oder tänzerische Einzelleistungen jedoch wirken zumeist nur dann bereichernd, wenn sie professionell dargebracht werden und sollten daher entsprechend ausgebildeten Personen vorbehalten sein. Wird der Chor selbst szenisch tätig, sollte bedacht werden, dass es innerhalb der Gruppe voraussichtlich eine gewisse Varianz hinsichtlich der Experimentierfreude und der Fähigkeiten geben wird. Wenn also zum Beispiel das ganze Ensemble synchrone Bewegungen machen soll, ist es ratsam, diese so zu wählen, dass alle Beteiligten sich dabei wohlfühlen und diese auch souverän ausführen können. Falls es unterschiedliche Möglichkeiten gibt, sich in eine Performance einzubringen, können Aufgaben auch nach Präferenzen verteilt werden: Die einen bewegen sich vielleicht gerne, andere übernehmen gerne Textpassagen oder bleiben lieber im Hintergrund. Dies kann bei der Planung berücksichtigt und gegebenenfalls im Ensemble abgefragt werden.
Sinnvoll ist auch, die räumlichen und logistischen Gegebenheiten mit in die Überlegungen einzubeziehen: Klingt die Musik im Raum trotzdem noch gut und ausgewogen, auch wenn sich der Chor gemischt im Raum verteilt? Wenn Bewegungen des Chores geplant sind, können die entsprechenden Stücke dann auswendig gesungen werden oder erlaubt die geplante Performance das Singen mit Noten? Gibt es genug Platz für entsprechende Szenen oder entstehen gar potenziell gefährliche Situationen, zum Beispiel am Bühnenrand, auf Treppen oder Absätzen? Werden die möglichen Herausforderungen gleich mitgedacht, gibt es bei der Ausführung meist weniger Probleme.
Inspiration finden: Wie szenische Elemente Kraft aufbauen
Aber was genau kann man machen? Bei der Ideenentwicklung haben Sie verschiedene Möglichkeiten: Wenn Sie die Schwarmintelligenz und die Kreativität des Chores nutzen, kommen aus der Gruppe heraus möglicherweise interessante Vorschläge, an die Sie selbst nicht gedacht hätten. Gleichzeitig kann es aber herausfordernd sein, aus einer Vielzahl unterschiedlichster Ideen einen sinnvollen roten Faden herauszuarbeiten. Alternativ kann sich auch die Chorleitung oder eine dafür bestimmte Person oder Gruppe um die Konzeption einer szenischen Performance kümmern und gegebenenfalls externe Beratung in Sachen Regie oder Theaterpädagogik in Anspruch nehmen. Auch Aufführungen anderer Ensembles können als Inspiration dienen und die Weiterentwicklung eigener Ideen anregen. Je nachdem, für welche szenischen Elemente Sie sich entscheiden, stellt sich die Frage, ob sich diese in Zusammenhang mit dem Konzertprogramm für Zuhörende automatisch gut erschließen oder ob es hilfreich ist, dem Publikum etwas Hintergrundinformation zu geben: Was passiert im Konzert, entstehen durch die Szenen neue Themen, Kontexte oder Anspielungen? Dies könnte beispielsweise in einer kurzen Konzerteinführung oder auch durch einen Text im Programmheft erklärt werden. Grundsätzlich gilt: Szenische Mittel sind dann besonders interessant, wenn sie der Musik etwas Spannendes hinzufügen und damit verbundene Emotionen unterstreichen. Ein eindrückliches Beispiel hierfür lieferte das Ensemble amici musicae beim Deutschen Chorfest in Leipzig bei einer szenischen Aufführung von Bachs Johannes-Passion: Das Chorstück „Ruht wohl“ am Ende der Passion wurde untermalt, indem die Chorsänger:innen nach und nach paarweise zu einem stilisierten Grab schritten und den im Stück besungenen „heiligen Gebeinen“ die letzte Ehre erwiesen – ein intensives Bild zu einem wohlbekannten Stück.
Schritt für Schritt gemeinsam Bilder finden und entwickeln
Gerade wenn sich ein Chor neu mit dem Thema Szene beschäftig, ist Ausprobieren Trumpf! Trauen Sie sich, zu experimentieren, fangen Sie mit kleinen Ideen an und schauen Sie, was sich daraus entwickelt, zum Chor passt und beim Publikum ankommt. Auch Chormitglieder, die vielleicht zunächst skeptisch und wenig experimentierfreudig sind, werden besser motiviert, wenn sie nicht von Beginn an mit allzu spektakulären Ideen konfrontiert sind, sondern die Chance bekommen, sich langsam an szenische Elemente heranzutasten. Wenn ein Veränderungsmodus in langsamen Schritten aufgebaut wird, fällt weitere Veränderung und Entwicklung in der Regel leichter. Wenn etwas nicht passt, dann verwerfen Sie es wieder, wenn Ideen gut ankommen, dann entwickeln Sie diese weiter – alles ist erlaubt und der Kreativität sind grundsätzlich kaum Grenzen gesetzt.