Benno Schachtner, in Jeans und weißem T-Shirt an einer Truhenorgel stehend, dirigiert einen gemischten Chor, der um ihn herum angeordnet steht.
Probenarbeit: Benno Schachtner und der Chor der Diademus-Chorakademie © Benz Heinig

Stimmbildung neu denken – Benno Schachtner im Gespräch

Autor:in

Friedrich Sprondel

Ausgabe

N° 132 | September 2026

Herr Schacht­ner, Sie haben von 2000 bis 2004 in Det­mold und Basel Kir­chen­mu­sik, Gesang und Chor­lei­tung stu­diert. Wie wur­de da Stimm­bil­dung prak­ti­ziert und gelehrt?

Die Gesangs­pro­fes­so­ren haben da ihren Haupt­fäch­lern gesagt: «Ja nicht Chor­sin­gen, das ist schäd­lich, da ver­liert ihr die die gute Tech­nik wie­der.» Das war mei­ne ers­te Begeg­nung mit die­ser Hal­tung. Ich dach­te, Ziel mei­nes Gesangs­stu­di­ums wäre ein Pro­fichor wie der RIAS Kam­mer­chor. Was mir im Kir­chen­mu­sik­stu­di­um beim Chor­lei­tungs­un­ter­richt nicht so zuge­sagt hat, war der sehr hand­werk­li­che Zugang – man arbei­tet das und das ab und dann ist es gut. Für jede Übung gab es gute Grün­de, aber die muss­te man erst erfra­gen. Als ich an die Scho­la Can­torum in Basel gekom­men bin, war es ähn­lich, auch wenn dort das Sin­gen im Ensem­ble wich­tig genom­men wur­de.

War Ihnen das Ein­sin­gen zu tech­nisch gedacht?

Ich möch­te das nicht so stark bewer­ten. Aber ich mache es anders. Wenn ich eine Pro­be begin­ne, muss ich auf das reagie­ren, was vor mir ist. Jeder Mensch ist anders, auch in der Chor­pro­be. Um das ein­zu­schät­zen, braucht man das Know-how, wie eigent­lich Sin­gen funk­tio­niert. Das Auf­wär­men des Kör­pers wie beim Sport ist ein schö­ner Ver­gleich. Ich wür­de wahr­schein­lich auch mit Deh­nungs­übun­gen anfan­gen – aber vor allem mit der Atmung. Die Atmung ver­bin­det alles mit­ein­an­der. Viel­leicht gehe ich noch wei­ter: Das Sin­gen, also der Ton, ist nicht so wich­tig wie das Atmen. Tech­ni­sche Auf­wärm­übun­gen fin­de ich nicht falsch, aber sie kön­nen im Kon­text der Kom­po­si­ti­on statt­fin­den, um Natür­lich­keit und Frei­heit im Aus­druck und schließ­lich in und mit der Musik zu fin­den.

Sie sin­gen den Chor also ein, indem Sieih­m­zu­hö­ren und danach ent­schei­den, wie Sie auf die bestimm­te Her­aus­for­de­rung, die jetzt bevor­steht, reagie­ren?

Ja, genau. Grund­la­ge ist die gro­ße Palet­te an Mög­lich­kei­ten, die ich ken­ne – weil ich mich als Sän­ger und Hoch­schul­leh­rer tag­täg­lich mit mei­ner Stim­me und mit den Stim­men mei­ner Stu­die­ren­den beschäf­ti­ge. Mei­ne Gesangs­tech­nik bie­tet mir die Mög­lich­keit, genau in die Rich­tung zu arbei­ten, die wir gera­de brau­chen. Ich weiß, wo ich hin­will, und der Chor spielt mit. Das hat auch viel mit Intui­ti­on zu tun – aber über­haupt nicht mit irgend­wel­chen mecha­nis­ti­schen Din­gen.

Wie kommt bei die­ser Art des Arbei­tens Wolf­gang Stein­mül­ler ins Spiel?

Wolf­gang Stein­mül­lers Hin­ter­grund ist in der Musi­ker­me­di­zin, er arbei­tet viel mit Pro­fis und Amateurmusiker:innen, zu sei­nem Her­an­ge­hen gehö­ren Fel­den­krais-Metho­de und Ideo­ki­ne­se. In der Chor­aka­de­mie arbei­tet er in Grup­pen und ein­zeln mit den Teilnehmer:innen. Er beob­ach­tet in mei­nen Chor­pro­ben, wie ich arbei­te. Wenn ich spü­re, dass es durch kör­per­li­che Ein­schrän­kun­gen – Bauch fest, Kie­fer fest oder Ähn­li­ches – manch­mal nicht wei­ter­geht, wen­de ich mich an ihn. Er kann dann in sei­ner Arbeit mit den Teilnehmer:innen dar­auf reagie­ren. Und er sagt, das Beson­de­re an mei­ner Arbeit­wei­se sei in sei­nen Augen, dass ich beim Wach­sen betreue und nicht zie­he – wie im Gar­ten: Man hat da einen frucht­ba­ren Boden und lässt die Pflan­ze wach­sen, führt sie, lässt sie aber aus sich wach­sen.

Roko­ko und Kör­per­ar­beit: Wolf­gang Stein­mül­ler und Teilnehmer:innen der Chor­aka­de­mie © Benz Hei­nig

Wie haben Sie Ihre eige­ne Metho­de ent­wi­ckelt? Ist es schon eine Metho­de?

Ich den­ke schon. Ent­wi­ckelt hat sie sich auch aus einer per­sön­li­chen Kri­se, einer sän­ge­ri­schen. Ein­mal muss­te ich die Haupt­rol­le in einer Oper von Jona­than Dove sin­gen, «Flight», eine sehr for­dern­de Par­tie. Ich hat­te aber par­al­lel Kon­zer­te mit Bach. Und da bin ich an mei­ne Gren­zen gekom­men. Ich habe kei­ne klei­ne Stim­me, und bei der Pro­duk­ti­on mit gro­ßem Sin­fo­nie­or­ches­ter habe ich sie ziem­lich frei geführt – zu Bach pass­te das dann aber nicht. Das mach­te mich damals etwas rat­los. Da wur­de die Arbeit mit Wolf­gang Stein­mül­ler sehr wich­tig. Ich konn­te so über einen ande­ren Weg wie­der zurück­kom­men auf eine Spur, die aber viel rei­cher, viel blu­mi­ger, viel bun­ter war. Hin­zu kam mei­ne Lehr­tä­tig­keit an der Hoch­schu­le in Bre­men. In der Alte-Musik-Abtei­lung gibt es inner­halb der künst­le­ri­schen Gesangs­aus­bil­dung das Haupt­fach Ensem­ble­ge­sang im Vokal­ensem­ble, die Stu­die­ren­den ken­nen sich exzel­lent mit Stim­mun­gen, mit Into­na­ti­on, mit Spra­che aus. Mein Gesangs­un­ter­richt wur­de aber zur Her­aus­for­de­rung. Da habe ich ver­stan­den, was die Gesangs­pro­fes­so­ren mei­nen, wenn sie sagen: «Chor­sin­gen ist schäd­lich». Aber wor­an lag das? Mein Ein­druck war: Die kon­ven­tio­nel­le Art der Chor­lei­tung, der cho­ri­schen Stimm­bil­dung passt mit einer gesun­den Gesangs­tech­nik nicht zusam­men. Wie Sin­gen rich­tig funk­tio­niert, das ist vie­len Chorleiter:innen, glau­be ich, nicht bewusst – vie­le haben es auch nie gelernt. Da bin ich als aus­ge­bil­de­ter Sän­ger im Vor­teil. Ich habe mich in die­ses Grenz­ge­biet bege­ben und es von bei­den Sei­ten ana­ly­siert.

Sie mei­nen das Grenz­ge­biet zwi­schen Ensem­ble­sin­gen und Solo­ge­sang?

Genau. Ich muss rich­tig gut sin­gen, rich­tig frei, mit Vibra­to selbst­ver­ständ­lich – eine Opern­stim­me im Sinn der Bel­can­to-Tech­nik, wie sie sich von Mon­te­ver­di aus ent­wi­ckel­te. Aber ich muss auch wie­der zurück zu Bach fin­den, zu einem homo­ge­nen Ensem­ble­klang. Ich sage: Ja, das geht bei­des. Das ist auch mein Anspruch in Bre­men: dass die Leu­te sich frei in die­sem Grenz­ge­biet bewe­gen kön­nen, als Solist:innen und als Chorsänger:innen.

Wie lässt sich das auf ein Ama­teur-Ensem­ble über­tra­gen, zum Bei­spiel bei der Chor­aka­de­mie? Wann stan­den Sie vor dem Chor und dach­ten: «Heu­te Abend mache ich das anders»?

Letz­tes Jahr hat­ten wir Hän­dels «Messiah»auf dem Pro­gramm und ich muss­te kurz­fris­tig die Lei­tung der Chor­aka­de­mie von Jus­tin Doyle über­neh­men, dem Chef des RIAS Kam­mer­chors. Nun stand ich vor dem Chor, alles gute Chorsänger:innen, und da hieß es ein­fach: Kei­ne Angst vorm Sin­gen! Statt «Ich muss das rich­tig machen» erst­mal die­se Frei­heit geben, auch im Kopf. Ob ich jetzt vor mei­ner Hoch­schul­klas­se ste­he oder vor den Amateursänger:innen: Die Grund­la­ge, die Kör­per­ein­stel­lung, die Frei­heit des Kör­pers, das ist das­sel­be. Mit die­ser Frei­heit kann der Chor dann auch einen viel­far­bi­gen Klang ent­wi­ckeln.

Wie haben die Sänger:innen dar­auf reagiert?

Ste­pha­nie Watin, mei­ne Assis­ten­tin beim Dia­de­mus-Fes­ti­val und mei­ne rech­te und lin­ke Hand in der Orga­ni­sa­ti­on, ist selbst begeis­ter­te Chor­sän­ge­rin und sag­te: «Ben­no, du musst uns doch auch ein­sin­gen!», ande­re waren wohl auch auf sie zuge­kom­men. Eine ande­re gut geschul­te Sän­ge­rin kam zu mir: «Ich brau­che ein paar Übun­gen, sonst füh­le ich mich nicht wohl.» Ich woll­te das nicht ein­fach ableh­nen, etwas muss­te also anders wer­den. Ich kam dann dar­auf: Okay, lass die Leu­te weni­ger sin­gen, damit sie weni­ger Anspruch haben, ein­ge­sun­gen zu wer­den. Ich habe zum Bei­spiel erst ein­mal über das Stück gespro­chen, es ein­ge­ord­net, erzählt, wor­um es geht. Dann habe ich den Chor-Anfang «For unto us a child is born» vor­ge­spro­chen und wie­der und wie­der spre­chen las­sen. Da ergibt sich eine natür­li­che Sprech­me­lo­die mit dem akzen­tu­ier­ten «For» und einer Linie auf das «born» hin. Irgend­wann sind wir dann vom Spre­chen zum Sin­gen über­ge­gan­gen – und das klang ganz mühe­los und frei. Wenn der Chor dann ein­mal in die­sem fröh­li­chen Affekt ist, machen auch die anschlie­ßen­den Kolo­ra­tu­ren kei­ne Mühe mehr. Über das Spre­chen ver­ga­ßen sie die Angst vorm Sin­gen.

Bei der Dia­de­mus-Chor­aka­de­mie las­sen Sie sich in der Stimm­bil­dung unter­stüt­zen von den Sopra­nis­tin­nen Mari­an­ne Alt­stet­ter und Sibyl­la Ruben, der Altis­tin Inge­borg Danz und der Chor­lei­ter­ein Karin Freist-Wis­sing. Wie haben Sie sich mit denen ver­stän­digt?

Die cho­ri­sche Stimm­bil­dung liegt bei mir. Aber wir bie­ten auch Ein­zel­stimm­bil­dung an, und die Sän­ge­rin­nen sind renom­mier­te Sän­ger­per­sön­lich­kei­ten und erfah­re­ne Gesangs­leh­re­rin­nen. Bei Karin Freist-Wis­sing habe ich in Det­mold schon stu­diert. Als sie gehört hat, dass ich etwas Neu­es aus­pro­bie­re, wur­de sie neu­gie­rig und woll­te unbe­dingt dabei sein. Sie unter­stützt die Chor­ar­beit, zum Bei­spiel durch Stimm­grup­pen­pro­ben, damit der gemein­sam gefun­de­ne Ansatz nicht wie­der ver­ges­sen wird. Das Ziel ist, dass die Schwächs­ten in der Stim­me sich frei füh­len.

Bei Ihrem Ansatz spielt Intui­ti­on eine gro­ße Rol­le: Sie als Lei­ter füh­ren und reagie­ren intui­tiv, sie möch­ten die Sänger:innen zu einer intui­ti­ven Ant­wort brin­gen. Nun unter­rich­ten Sie auch. Ist das, was Sie hier aus­pro­bie­ren, lehr­bar?

Ja. Wenn ich das in Leit­sät­ze fas­sen soll­te: Erst­mal weg vom Sin­gen, hin zur Frei­heit der Stim­me. Dafür muss man als Lei­ter auch ein gewis­ses Instru­men­ta­ri­um haben. Ich muss ers­tens wis­sen: Da will ich hin, und zwei­tens: Das sind die Mög­lich­kei­ten, wie ich dahin kom­me. Als Sän­ger habe ich die­ses Instru­men­ta­ri­um ent­wi­ckelt und als Chor­lei­ter kann ich es für die Sänger:innen frucht­bar machen.

Zur Per­son

Ben­no Schacht­ner ist aus­ge­bil­de­ter Kir­chen­mu­si­ker und tritt als Coun­ter­te­nor auf inter­na­tio­na­len Büh­nen auf. 2018 grün­de­te er das Fes­ti­val Dia­de­mus und die Dia­de­mus-Chor­aka­de­mie in Rog­gen­burg. Neben einem Team hoch­qua­li­fi­zer­ter Musiker:innen unter­stützt ihn dabei der Musi­ker­me­di­zin-Spe­zia­list Wolf­gang Stein­mül­ler.

Portrait von Friedrich Sprondel

Autor:in

Friedrich Sprondel

Friedrich Sprondel wurde im Norden geboren, studierte im Süden und ist Redakteur der Chorzeit. Er schreibt für verschiedene Medien, ist Jurymitglied beim Preis der deutschen Schallplattenkritik und lebt in Berlin.

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