Die Kunst des Schreiens: Stimmbildung und Heavy-Metal-Gesang

Ein seitlicher Blick auf eine Frau mit einem langen Zopf, die mit Mikro in der Hand auf der Bühne steht. Sie schreit kraftvoll in das Mikrofon.
© Paul Verhagen - Britta Görtz steht seit über 20 Jahren als Leadsängerin auf der Bühne. Mit ihrer Band Hiraes erobert sie gerade die Melodic-Death-Metal-Szene

Das Ers­te, was die meis­ten Men­schen machen, wenn sie auf die Welt kom­men, ist, einen Metal-Scream los­zu­las­sen. Das ist auch zugleich der letz­te Scream, über den sich die Eltern freu­en», so Metal-Sän­ge­rin Brit­ta Görtz. Zuge­ge­ben, Kin­der­ge­schrei ist in den sel­tens­ten Fäl­len ange­nehm oder inspi­rie­rend, immer­hin erreicht es die Laut­stär­ke eines Düsen­jets. Doch die Power, mit der Klein­kin­der ihren Regun­gen Aus­druck ver­lei­hen, ist glei­cher­ma­ßen ergrei­fend wie respekt­ein­flö­ßend. Danach wer­den wir dis­zi­pli­niert und ver­lie­ren die Fähig­keit, instink­tiv unse­re Bedürf­nis­se aus uns her­aus­zu­schrei­en.

Lär­men galt der Mensch­heit seit jeher als Aus­druck von Unzu­frie­den­heit. Gebrüllt wird meist aus Ver­druss – und dann mit Sicher­heit nicht kunst­voll. Die­se wuch­ti­ge Ener­gie und for­dern­de Unmit­tel­bar­keit wird bewusst in Gesangs­tech­ni­ken beim Hard Rock, Punk und Metal ein­ge­setzt. Wäh­rend Screams und Shouts Anfang des 20. Jahr­hun­derts noch als Stil­ele­ment bei avant­gar­dis­ti­schen Klang­ex­pe­ri­men­ten ange­wandt wur­den, dif­fe­ren­zier­ten sich in den Sieb­zi­ger- und Acht­zi­ger­jah­ren die har­ten Stil­rich­tun­gen in Sub­gen­res wei­ter aus. Mit Auf­kom­men des Thrash Metal erfuhr selbst Hard­core noch eine Stei­ge­rung: Nun wur­de ganz­heit­lich gebrüllt und dabei konn­te es nicht laut, schnell und aggres­siv genug zuge­hen. Auch die Stim­men bil­den die klang­li­che Kom­ple­xi­tät aus ver­zerr­tem Sound, trei­ben­den Tem­pi und hef­ti­gen Rhyth­men­wech­seln ab und ver­lan­gen Sänger:innen wie Publi­kum alles ab. Die Ent­wick­lung des gut­tu­ra­len Brüll­ge­sangs setz­te sich im Death Metal und Black Metal fort. Aus die­ser extre­men musi­ka­li­schen Tra­di­ti­on kommt Brit­ta Görtz – eine außer­ge­wöhn­li­che Sän­ge­rin, die Harsh Vocals bei ihren Auf­trit­ten spie­lend ein­setzt. Seit 25 Jah­ren steht sie auf der Büh­ne und hat in diver­sen Bands gesun­gen, seit 2020 ist sie Front­frau der Melo­dic Death Metal Band Hiraes. Brit­ta war eine der ers­ten Scream Coa­ches in Deutsch­land. In der Ex­­tre­me-Metal-Sze­ne hat sie ein fes­tes Stan­ding.

Extremer geht es nicht

«Bei Klar­ge­sang schwin­gen die Stimm­lip­pen regu­lär, Harsh Vocals basie­ren meist auf irre­gu­lä­rer Stimm­lip­pen­schwin­gung, wie beim Vocal Fry. Die­se Tren­nung fin­de ich aller­dings künst­lich, sie ist eine Gedan­ken­gren­ze und hat nichts damit zu tun, was der Stimm­ap­pa­rat her­gibt. Wir ken­nen ‹Ratt­le› aus dem Jazz, das ist für mich auch ein Harsh Vocal.» Die bra­chia­le Stimm­ge­walt bei Growls, Shouts und Screams ent­steht nicht von unge­fähr. Die­se Gesangs­tech­ni­ken brau­chen jah­re­lan­ges Trai­ning, um rou­ti­niert und effek­tiv ein­ge­setzt wer­den zu kön­nen; vor allem, wenn man sich nicht die Stimm­bän­der rui­nie­ren will. Beim Shou­ting – zu Deutsch schrei­en, rufen – kommt die Brust­stim­me laut und aggres­siv zum Ein­satz, teils mit gut­tu­ra­len Ele­men­ten. Grow­ling – knur­ren, grun­zen – ist von der Ton­hö­he her sehr tief und hört sich an wie das Bel­len eines Höl­len­hun­des. Growls ent­ste­hen durch die Akti­vie­rung sub­glot­ti­scher Struk­tu­ren wie der fal­schen Stimm­lip­pen (Taschen­fal­ten) und erzeu­gen einen düs­te­ren, bedroh­li­chen Klang. Beim Pitch-Screa­ming kann damit auch melo­disch gear­bei­tet wer­den. Screa­ming – schrei­en, krei­schen – ist für die Ohren die anstren­gends­te Gesangs­tech­nik und kann extre­me Höhen errei­chen; High-Pit­ched-Screa­ming erin­nert an das Krei­schen einer Flug­zeug­tur­bi­ne. Doch Screams sind sehr varia­bel: Durch Tech­ni­ken wie Vocal Fry oder Fal­se Cord kann viel­fach modu­liert wer­den. Beim Fry Screa­ming wird durch Anspan­nung der Stimm­lip­pen ein kräch­zen­der, ver­zerr­ter Ton erzeugt. Die Sound­pa­let­te reicht vom Knar­ren einer alten Tür über das hei­se­re Seuf­zen eines uralten Geis­tes bis hin zu wei­ßem Rau­schen. Tie­fe­re Fre­quen­zen erreicht man mit Fal­se Cords – sie hören sich an wie generv­tes oder belei­dig­tes Grun­zen. Durch Vibra­ti­on der fal­schen Stimm­lip­pen erwirkt man eine tie­fe, raue­re Stimm­qua­li­tät. Dies sind nur eini­ge der bekann­ten Tech­ni­ken und Begrif­fe für Harsh Vocals. «Die Klas­sik hat sich ent­schie­den, dass sie den tie­fen Stimm­sitz prä­fe­riert. Im Metal brau­chen wir alles, hohen und tie­fen Stimm­sitz, weil wir ato­nal agie­ren und ganz viel mit Klang­räu­men machen müs­sen. Daher haben Metal-Sänger:innen eine hohe stimm­li­che Fle­xi­bi­li­tät.»

Schreien will gelernt sein

Ordent­li­che Vor­be­rei­tung ist wie bei allen Gesangs­ar­ten uner­läss­lich. Wer die eige­ne Stim­me nicht regel­mä­ßig übt und pflegt, läuft Gefahr, dass sie weg­bricht. Das gilt beson­ders für Anfänger:innen. «Man kann zwar viel aus­pro­bie­ren, doch darf man es nicht über­trei­ben.» So Ella Kra­mer, aus­ge­bil­de­te Sän­ge­rin und Gesangs­leh­re­rin mit einem brei­ten Stil­re­per­toire. Auch ihre Lei­den­schaft gilt den Rough-Vocal-Effects. Sogar ihre Abschluss­ar­beit im Gesangs­stu­di­um hat sie zum The­ma Screa­ming geschrie­ben. «Ab dem Punkt, wenn die Stim­me gut trai­niert ist, tut es nicht mehr weh. Es braucht viel Dis­zi­plin. Man merkt der Stim­me oft an, ob gera­de eine Pha­se mit vie­len Live-Kon­zer­ten ist oder im Stu­dio. Es ist je eine ande­re Form von Inten­si­tät.» Die Wie­ne­rin tritt seit 2018 als Live-Musi­ke­rin auf, unter­rich­tet selbst im Metal und Hard­core und ist mit ihren Bands Burns­well und AYMZ inter­na­tio­nal unter­wegs. 2024 lei­te­te sie bei der chor.com einen Work­shop zu Metal-Stimm­tech­ni­ken.

Die bei­den Metal-Ladys tren­nen rund 20 Jah­re. Als Ella Kra­mer ihren ers­ten Schrei los­ließ, mach­te Brit­ta Görtz bereits ihre ers­ten Band-Erfah­run­gen. Zum Gesang kam sie rela­tiv spät, mit 26. Sie wuchs auf mit dem Gedan­ken, sie habe kei­ne gute Stim­me. Irgend­wann ent­deck­te sie, dass man auch screa­men kann. «Das war qua­si mei­ne Befrei­ung von den men­ta­len Klam­mern.» Sie nahm Klar­ge­sangs­un­ter­richt, muss­te sich die Metal-Tech­ni­ken aber selbst bei­brin­gen. Ihre Gesangs­leh­re­rin äußer­te zu Brit­t­as ers­tem Album, in dem sie noch Klar­ge­sang mit Screa­ming mix­te: «Also was du machst, das klingt ganz gut, aber euer Sän­ger – das ist ja furcht­bar!» Als Brit­ta ant­wor­te­te, sie sei der Sän­ger, begeg­ne­te sie wenig Ver­ständ­nis. Auch im Chor war sie eine Zeit­lang aktiv, das aller­dings war eher frus­trie­rend: «Die haben mich in eine Alt-2-Stim­me gesteckt und das ist so ziem­lich das Lang­wei­ligs­te, was man sin­gen kann.» Dann wur­de sie eine der ers­ten Vocal Coa­ches für Harsh Vocals, die es gab. Seit 2016 beglei­tet sie Kolleg:innen, die sich ver­bes­sern und ihre Tech­ni­ken anpas­sen wol­len, sowie Inter­es­sier­te, die sich aus­pro­bie­ren wol­len. Aber nicht nur Metal­heads kom­men zu ihr, son­dern Sänger:innen aus Klas­sik, Rock und Pop, Beat Boxer, Jaz­zer, sogar Logopäd:innen und Voice actors. Der Ber­li­ner Metal-Chor Stimm­ge­walt bucht regel­mä­ßig Work­shops. Ihre ältes­te akti­ve Schü­le­rin ist 62 Jah­re, die meis­ten sind Anfang 20 oder Anfang 40. Jedes Jahr im Okto­ber fin­det in Han­no­ver ihr Harsh Vocal Camp statt – drei Tage Extrem vom Feins­ten mit Work­shops, Vor­trä­gen und vor allem: viel Power!

Eine Frau mit lockigen blond-roten Haaren steht mit Mikro in der Hand auf der Bühne. Sie schreit kraftvoll in das Mikrofon. Sie trägt eine kurze Lederweste, kurze Jeans und Netzstrümpfe.
© Rosi Pernt­hal­ler — Ella Kra­mer bei einem Auf­tritt mit ihrer Band Burns­well. Sie arbei­tet als Gesangs­leh­re­rin und beim jähr­lich statt­fin­den­den Jugend­mu­sik Fes­ti­val Sum­ma Cum Lau­de im Artis­tic Office.

Wis­sens­wer­tes:
Hier geht es zur Web­sei­te der Harsh Vocal School von Brit­ta Görtz: www.harsh-vocal-school.de

Unter www.hiraes.com fin­det man die Band Hiraes um Front­frau Brit­ta Görtz.

Ella Kra­mer ist auf Insta­gram unter @ella.shouts zu fin­den und auch der Büh­ne mit ihrer Band Burns­well.

Fokus: Stimm­bild
In der The­men­stre­cke «Fokus: Stimm­bild» beschäf­ti­gen wir uns mit den viel­fäl­ti­gen Gege­ben­hei­ten, Funk­tio­nen und Eigen­ar­ten der Stim­me. Wir schau­en uns ana­to­mi­sche, phy­sio­lo­gi­sche und psy­cho­lo­gi­sche Zusam­men­hän­ge an, ver­fol­gen Metho­den der Stimm­bil­dung und Stimm­pfle­ge für ver­schie­de­ne Anwen­dungs­be­rei­che, fra­gen nach beson­de­ren Gesangs­tech­ni­ken in unge­wöhn­li­chen oder extre­men Musik­sti­len und beschäf­ti­gen uns mit der Stim­me als Instru­men­ta­ri­um unse­rer Inten­tio­nen.

Titel­bild: ©Paul Ver­ha­gen — Brit­ta Görtz steht seit über 20 Jah­ren als Lead­sän­ge­rin auf der Büh­ne. Mit ihrer Band Hiraes erobert sie gera­de die Melo­dic-Death-Metal-Sze­ne.

Portrait von Nadine Kube

Autor:in

Nadine Kube

Nadine Kube ist als freischaffende Marketing-Managerin, Content-Strategin und Redakteurin tätig. Ihr Motto: «Identität braucht eine Sprache.»

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