Einen inklusiven Kinderchor gründen? ChorYOUgend Vol. 2 hilft dabei
Seit August 2024 fördert die Deutsche Chorjugend e. V. mit einem eigenen Projekt Inklusion im Kinder- und Jugendchor. Dank ChorYOUgend Vol. 2 sollen bis Ende 2027 in allen Bundesländern neue Chöre für junge Menschen entstehen. «Aktuell suchen wir bundesweit nach Chorleitenden, die im Rahmen von ‹ChorYOUgend Vol. 2› einen bedarfsorientierten Chor gründen möchten», erklärt Projektmanager:in Andi Richter. «Es geht darum, das Chorleben stärker nach den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen auszurichten. Inklusion definieren wir dabei ganzheitlich: Psychische, soziale und kognitive Barrieren im Choralltag sollen abgebaut werden, sodass Kinder mit den unterschiedlichsten Hintergründen, Identitäten und Fähigkeiten zusammen singen können.» Elf Chöre sind derzeit am Projekt beteiligt.
Alle dabei? Inklusive Kinderchöre in Schweich, Weißenau und Gunningen
Den Chor YouTH-Rock it!!! aus Schweich in Rheinland-Pfalz beschreibt Richter als «inklusiven Chor auf allen Ebenen». Hier kommen Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderungen zusammen. Geprobt wird in einer Förderschule unter der Leitung von Daniela Konz. Die persönlichen Bezugspersonen der Kinder wie Verwandte oder Freund:innen der Familie werden miteinbezogen – nach dem Motto «Wer im Raum ist, singt auch mit». So sind nun 65 Menschen aller Altersgruppen beteiligt. «Da entsteht ganz viel neuer Austausch, neue Verbindungen und Freundschaften», erzählt Richter. «Zu dem Chor gehört eine Combo aus drei Instrumentalist:innen, die das Singen begleiten. Außerdem gibt es projektbezogen ein Schattentheater, eine Band und ein Orchester. Alle gemeinsam gestalten einmal im Jahr ein großes Konzert, bei dem darauf geachtet wird, dass sich alle, Agierende wie Zuhörende, wohlfühlen. Das Licht muss passen, man darf sich auch hinlegen und es gibt genügend Pausen.»
Seit einem Jahr besteht außerdem der Kinderchor Weißenau bei Ravensburg in Baden-Württemberg. Er steht allen Kindern im Alter zwischen vier und acht Jahren offen. Im Kinderchor singen aktuell Kinder mit Seheinschränkung oder Kinder mit herausgeforderter Aufmerksamkeit mit. «Die Chorleiterin Stephanie Probst legt viel Wert auf den Austausch mit den Familien», berichtet Andi Richter. «Die Eltern sind oft besorgt, dass die Zeit im Chor ihr Kind überlasten könnte. Die Chorleiterin sucht mit ihnen dann eine Lösung.» Im April hat der Kinderchor Weißenau seine erste Aufführung präsentiert: Im Singstück «Die Vogelhochzeit» kamen Kostüme, Choreografien und weitere Musiker:innen zum Einsatz.

Ähnliche Strukturen wie der Kinderchor Weißenau hat das Karpfen-Chörle aus Gunningen in Baden-Württemberg. Es gibt eine Gruppe für Kinder ab drei Jahren und eine zweite für die Acht- bis Zwölfjährigen. «Sie proben im Gemeindesaal, die Gemeinde unterstützt das Projekt», erklärt Andi Richter. «Das Karpfen-Chörle hat verschiedene Rituale etabliert, zum Beispiel singen sie jedes Mal das ermutigende Lied ‹Ich bin ich›, das von einer Choreografie begleitet wird.» Das Liederlernen und Singen hilft besonders Kindern mit Sprachschwierigkeiten bei der Sprechentwicklung. Im Chor können sie Freundschaften schließen und ihre Stimme finden. Richter schwärmt von dem «sehr engagierten jungen Team» um Chorleiterin Sophia Scheerer, das sich um die vielen verschiedenen Bedürfnisse kümmere, die alle gesehen werden wollen. «Ein Jugendlicher begleitet den Chor auf der Gitarre und es sind immer mehrere Erwachsene da, etwa um ein Kind zur Toilette zu begleiten. In diesem Sommer wollen sie zum ersten Mal gemeinsam ins Ferienlager fahren. Und campen!»
Selbstgeschriebene Songs, selbstverwalteter Chor – Angebote aus Heidelberg, Koblenz, Karlsruhe und Brohl-Lützing
Beim PopChor Workshop in Heidelberg singen etwa einmal im Monat Jugendliche mit und ohne Assistenzbedarf. In mehreren Stunden werden Poplieder und selbst erdachte Choreografien erarbeitet. Gemeinsam mit der Chorleiterin Lisa Biggel hören die Kinder und Jugendlichen zunächst ein Lied an und überlegen dann, welche Tanzbewegungen dazu passen könnten. «Die Poplieder schaffen einen einfachen Zugang, weil die Jugendlichen die Melodien meist schon kennen und mögen. Bewegung hilft auch dabei, das Lied zu lernen und eine Verbindung zum eigenen Körper aufzubauen», erzählt Richter. «Über den Tag entsteht so ein Kollektiv mit einem selbst gewählten Namen, das zum Abschluss ein Konzert gibt.» Ende Juni wurde das Musical «Eule findet den Beat» gemeinsam mit anderen Chören in Heidelberg aufgeführt.
Die Benefiz Kids aus Koblenz sind ein Kinder- und Jugendchor für Acht- bis Sechzehnjährige. Sie singen Lieder über Demokratie, Zusammenleben und Inklusion. Viele davon schreibt Chorleiter Michel Brill selbst, darunter auch das Lied «All Together Hand in Hand», das zum Motto der Benefiz Kids geworden ist. «Die Kinder haben überall Mitspracherecht, etwa was die Auswahl der Lieder oder der Aufführungsorte angeht», erzählt Richter.
Zehn bis sechzehn Jahre alt sind die Sänger:innen von VocalUp in Karlsruhe. Chorleiterin Sarah Kuppinger legt besonderen Wert darauf, dass alles partizipativ abläuft, hat Andi Richter bemerkt. «Es gibt Arbeitsgruppen für bestimmte Aufgaben, beispielsweise die Betreuung des Social-Media-Kanals. All die verschiedenen Erfahrungen, Hintergründe und Fähigkeiten tragen zu dem diversen Repertoire bei, das der Chor regelmäßig aufführt, so wie das Themenkonzert ‹You’ve Got a Friend› über mentale Gesundheit». Ein zweiter Chor mit jungen Erwachsenen stehe bereit, um die Jüngeren bei Bedarf zu unterstützen und bei Bedarf bei den Proben zu begleiten. Zweimal im Jahr gibt Vocal Up ein Konzert zu einem selbstgewählten Thema. «Die haben einen total guten Zusammenhalt: Dass sich alle wohlfühlen, ist das Wichtigste! Jede:r erfährt: Hier kann ich aktiv sein und mich einbringen.»

Der Lützinger Lichterchor aus Brohl-Lützing in Rheinland-Pfalz besteht aus 24 Kindern im Alter von fünf bis fünfzehn Jahren. Geprobt wird bei der Chorleiterin und Förderschullehrerin Doris Lemjimer zuhause im Wohnzimmer, begleitet von zusätzlichen Betreuenden und Gitarre oder Cajon. «Das ist für das Wohlbefinden innerhalb der Gruppe ein wichtiger Aspekt», weiß Andi Richter. «Alle im Ort kennen das Haus der Chorleiterin mit dem Klavier im großen Wohnzimmer und dem Blick auf die Wälder. Gemütlich ist es da und das hilft dabei, sich etwas zuzutrauen. Je wohler man sich fühlt, desto besser funktioniert das. Ein Wohnzimmer ist andererseits kein neutraler Ort wie ein Gemeindesaal oder eine Schule. Deshalb ist es wichtig, dass auch andere Bezugspersonen die Probe begleiten. Jedes Chor-Kind hat außerdem ein Kissen mit dem eigenen Namen als Rückzugsinsel in der Probensituation.»
ChorYOUgend Vol. 2: ein Netzwerk mit starken Partner:innen
Die Neugründung von barrierearmen Chören für Kinder und Jugendliche unterstützt ChorYOUgend Vol. 2 auch im organisatorischen Bereich und hilft zum Beispiel bei Akquise oder Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Außerdem gibt es einmal im Monat ein Wissenscafé. «Das ist ein Online-Format, bei dem alle beteiligten Chorleitenden und Betreuenden teilnehmen», erläutert Andi Richter. «Mit je einem neuen thematischen Schwerpunkt erarbeiten die Teilnehmenden zusammen inklusionsfördernde und chorpädagogische Methoden. Die Wissenscafés geben Raum für Austausch über die eigenen Erfahrungen im Choralltag und schaffen ein bundesweites Netzwerk aus inklusiv arbeitenden Chorengagierten.» Beim Fachtag «Kinderschutz inklusive!» in Frankfurt am Main gab es im April auch die Gelegenheit, sich einmal persönlich zu treffen und auszutauschen.
ChorYOUgend Vol. 2 wurde zunächst durch den Verein «Herzenssache» von SWR und SR unterstützt, daher waren die ersten Chöre im Südwesten Deutschlands zuhause. Seit Juli 2025 gehört außerdem die Deutsche Fernsehlotterie zu den Förder:innen, nun soll in jedem Bundesland mindestens ein begleiteter Chor seinen Sitz haben. Und wirklich haben sich in den letzten Monaten weitere Chöre gegründet, andere stehen gerade in den Startlöchern: in Nordrhein-Westfalen das Kinderchörchen Würselen, in Berlin Quoir, in Bremen Sing! und in Sachsen der Chaos Chor. In München wird sich demnächst ein Chor in einer Logopädiepraxis gründen. «Solche zunächst einmal choruntypischen Orte zu erreichen und einzubeziehen, ist unser Ziel. Singen, besonders in der Gruppe, fördert nicht nur Musikalität, Selbstausdruck und Teilhabe, sondern auch die Gesundheit», erklärt Richter. Durch die Kollaborationen können auch Kinder und Jugendliche im Chor singen, denen bisher Barrieren im Weg standen.
Weitere Informationen
Auf der Website des Projekts ChorYOUgend Vol. 2 hat die Deutsche Chorjugend alle Informationen zusammengetragen.
Fokus: all incl.
Mit «Fokus: all incl.» möchten wir zeigen, wie Musik Menschen mit unterschiedlichen Möglichkeiten und Fähigkeiten zusammenbringt. Wir berichten von Projekten, in denen Menschen gemeinsam musizieren, voneinander lernen und neue Wege ausprobieren, um Teilhabe erlebbar zu machen. Wir verstehen Gesellschaft als Ganzes aus vielen und sehr diversen Teilen. Die Beiträge sollen Lust machen, neue Ideen auszuprobieren und Vielfalt in der eigenen musikalischen Praxis zu leben.