Wie es wohl werden wird? Der Konzert­kalender der chor.com 2026

Autor:in

Friedrich Sprondel

Ausgabe

N° 131 | Juli 2026

So lang­sam stellt sich das Gefühl ein, dass man auf der chor.com in Leip­zig ange­kom­men ist. Am 1. Okto­ber konn­te man um halb zwölf im Hotel ein­che­cken und schaff­te es zur Eröff­nung um 13 Uhr in der Kon­gress­hal­le am Zoo. Ehr­gei­zig wie man ist, hat­te man sich zwei Work­shops für den Nach­mit­tag vor­ge­nom­men – den zwei­ten am bes­ten gleich anschlie­ßen, solan­ge einem noch der Kopf schwirrt von den Anre­gun­gen aus dem ers­ten. Aus­ru­hen kann man spä­ter!

Haupt­ver­an­stal­tungs­ort der chor.com 2026 und Aus­gangs­punkt für die Kon­zer­te am Abend: die Leip­zi­ger Kon­gress­hal­le am Zoo © Tho­mas Dah­l­strom Niel­sen

Drei Kirchen, ein Schankraum: die Konzert­spiel­stätten der chor.com 2026

Jetzt fehlt nur noch ein gutes Kon­zert – end­lich mal Musik am Stück hören, nach­dem man so viel über sie gehört und von ihr gespro­chen hat. Auch hier gilt: Heu­te fühlt man sich noch fit, da besucht man am bes­ten gleich zwei, schließ­lich gibt es den frü­hen Pro­gramms­lot um 18.30 Uhr und den spä­te­ren um 21 Uhr. Die chor.com-Konzerte fin­den jeden Abend an vier Kon­zer­tor­ten statt, die alle – wie man fest­stel­len wird – ihr ganz eige­nes Geprä­ge haben. Etwa die Peters­kir­che süd­lich der Innen­stadt, fer­tig­ge­stellt 1886 und bis 2014 saniert, die äußer­lich die Gotik des Mai­län­der Doms zitiert und einen wei­ten Innen­raum mit Stein­bo­den und umlau­fen­der Empo­re zu bie­ten hat. Das macht sie zu einem belieb­ten Kon­zert­raum. Inti­mer ist der Kup­fer­saal im Stadt­zen­trum, benannt nach der kur­zen, aber char­man­ten Kup­fer­gas­se. Seit 2017 ist der ehe­ma­li­ge Schank­raum ein belieb­ter und zen­tral gele­ge­ner Ver­an­stal­tungs­raum. Die Phil­ip­pus­kir­che wur­de 1910 ein­ge­weiht. Sie ist ein evan­ge­li­scher Zen­tral­raum, in dem Altar, Kan­zel und Kir­chen­mu­sik in der Sicht­ach­se der Gemein­de über­ein­an­der ange­ord­net sind – gute Vor­aus­set­zun­gen für Kon­zer­te. Hin­zu kom­men die his­to­ri­schen Klapp­sit­ze wie im Thea­ter oder Hör­saal. Das Inne­re ist geprägt von der Archi­tek­tur und Ein­rich­tung im Jugend­stil. Die Tho­mas­kir­che schließ­lich ist seit der Stadt­grün­dung eine der bei­den Haupt­kir­chen Leip­zigs, die ande­re ist die Niko­lai­kir­che. Der heu­ti­ge Bau der Tho­mas­kir­che als spät­go­ti­sche Hal­len­kir­che mit beein­dru­cken­dem Netz­ge­wöl­be geht auf das 15. Jahr­hun­dert zurück. Und seit dem frü­hen 19. Jahr­hun­dert ist die eins­ti­ge Amts­stät­te des Tho­mas­kan­tors Johann Sebas­ti­an Bach natür­lich so etwas wie das Zen­trum des inter­na­tio­na­len Bach-Kults.

Leipzig erkunden: Konzerte am ersten Abend der chor.com 2026

Am ers­ten Abend ist das Ange­bot noch fast über­sicht­lich. Von der Kon­gress­hal­le aus geht man eine hal­be Stun­de zu Fuß durchs Zen­trum – etwas schnel­ler mit der Stra­ßen­bahn, die ring­för­mig ums Zen­trum fährt – und gelangt zur Peters­kir­che, wo um 18.30 Uhr Chor­werk Ruhr ein Pro­gramm mit Musik von Kom­po­nis­tin­nen von Hil­de­gard bis Nana For­te singt, Titel: «She». In zwan­zig Minu­ten erreicht man zu Fuß den Kup­fer­saal, und hier singt um 18.30 Uhr das Frau­en­en­sem­ble Lyy­ra ein span­nen­des Pro­gramm aus alter und zeit­ge­nös­si­scher Musik von Wil­liam Byrd bis Bil­lie Eilish. Das könn­te was sein! Wenn man gleich dableibt, kann man um 21 Uhr der Vocal-Band Quin­ten­se und den fünf Her­ren des Ensem­ble Nobi­les im Pro­gramm «Bridges – Klas­sik trifft Pop» lau­schen. Oder man nimmt von der Kon­gress­hal­le aus die Stra­ßen­bahn zur Phil­ip­pus­kir­che und hört, wie die Sing­pho­ni­ker um 18.30 Uhr von «Carl und Vero­ni­ka» sin­gen: ein Stell­dich­ein Carl Orffs mit der unge­nann­ten Schö­nen aus dem Spar­gel­schla­ger der Come­di­an Har­mo­nists. Oder einem ist ernst zumu­te: nach «Stimm­di­men­sio­nen» mit Homi­li­us, Men­dels­sohn und Toshio Hoso­ka­wa in der Tho­mas­kir­che, gesun­gen ab 18.30 Uhr vom Kam­mer­chor Stutt­gart unter Frie­der Ber­ni­us. Legen­den unter sich.

FOMO am Freitag? Die Qual der Wahl am zweiten Abend der chor.com 2026

Ein anstren­gen­der Tag – solan­ge man fit ist, nimmt man mit, was geht. Also zwei Work­shops am Mor­gen, um 9 Uhr und um 11.30 Uhr, ein kur­zer Imbiss, und hin­ein in den Nach­mit­tag mit zwei wei­te­ren Work­shops. Die Wahl war schwer genug! Heu­te zwei Kon­zer­te oder nur eines? Dabei sind sie­ben im Ange­bot! Wenn man schon mal in Leip­zig ist, könn­te man in der Peters­kir­che die Tho­man­er unter ihrem Kan­tor Andre­as Rei­ze und mit Tho­mas­or­ga­nist Johan­nes Lang um 18.30 Uhr mit dem Pro­gramm «Ver­leih uns Frie­den» hören – gesun­gen wer­den unter ande­rem Wer­ke von Las­so, Schütz und die Motet­ten «Fürch­te dich nicht, ich bin bei dir» von Bach und «War­um ist das Licht gege­ben» von Brahms! Wenn man nach so herr­li­chen wie bewähr­ten Gesän­gen Neu­es hören möch­te, kann man gleich dablei­ben: Um 21 Uhr sin­gen «Rei­ne Frau­en­sa­che» und der Mäd­chen- und Frau­en­chor der Scho­la Can­torum Leip­zig Stü­cke aus dem neu­en Noten­band «Uplifted Voices», von Roman­tik bis Gegen­wart, von Frau­en für Frau­en­stim­men geschrie­ben. Im Kup­fer­saal sin­gen um 18.30 Uhr die Lat­vi­an Voices bal­ti­sche und deut­sche Volks­lie­der – da ist Exqui­si­tes zu erwar­ten. Um 21 Uhr fol­gen die Ger­man Gents mit ihrem Bar­ber­shop-Pro­gramm «Life Could Be a Dream».

Oder geht man heu­te end­lich in die Phil­ip­pus­kir­che? Auch da erklingt Feins­tes: um 18.30 Uhr der Rund­funk-Jugend­chor Wer­ni­ge­ro­de mit neu­en Arran­ge­ments zum Deutsch-Jüdi­schen Lie­der­buch, von denen eini­ge schon auf dem Chor­fest 2025 Auf­se­hen erreg­ten; und um 21 Uhr sin­gen dort Sja­el­la ihr Pro­gramm «Half My Voice Is Human» mit Musik von Jane­quin, Pur­cell und jun­gen Kom­po­nis­tin­nen unse­rer Zeit. Dickes Blei­stift­kreuz an den Ter­min – aber auch die Tho­mas­kir­che macht wie­der neu­gie­rig: Dort erklingt um 21 Uhr Bachs Magni­fi­cat, mit moder­nen Ein­la­ge­sät­zen von Mår­ten Jans­son ver­se­hen, ganz so, wie Bach es sel­ber schon 1723, in sei­nem ers­ten Leip­zi­ger Jahr, getan hat­te. Spä­te Stun­de, schwe­re Wahl.

Schlussspurt: erst­klassige Konzert­besuche auch am dritten chor.com-Tag

Die wil­des­te Neu­gier könn­te am drit­ten Tag gestillt sein: Heu­te viel­leicht nur den 9‑Uhr-Work­shop mit­ge­nom­men, dann über das Forum geschlen­dert, bei den Ver­la­gen und ande­ren Aussteller:innen vor­bei­ge­schaut, mit jeman­dem von der Chor­zeit geplau­dert und anschlie­ßend mit einer alten oder neu­en Musik­be­kannt­schaft einem Tipp fürs Mit­tag­essen nach­ge­gan­gen. Aber am Nach­mit­tag muss­ten es doch zwei Work­shops sein, die­se Chor­lei­te­rin woll­te man nicht ver­pas­sen! Heu­te Abend wird es aber wirk­lich schwie­rig mit der Aus­wahl. Sage und schrei­be acht Kon­zer­te, und nur zwei kann man besu­chen! Trotz ers­ter Anzei­chen von Erschöp­fung schaut man genau hin. In der Peters­kir­che könn­te man um 18.30 Uhr ein Dop­pel­kon­zert «Auf­bruch Moder­ne» mit dem Lan­des­ju­gend­chor Baden-Würt­tem­berg und dem SWR Vokal­ensem­ble erle­ben – Mes­siaens Chor­mu­sik in die­sem wei­ten Raum, dazu pol­ni­sche Chor­mu­sik von Mit­tel­al­ter bis Gegen­wart. Wenn man dort­bleibt, gestal­tet die Zür­cher Sing­aka­de­mie eine «Naht zur Nacht» mit Bach, Brahms, Pou­lenc, Rau­ta­vaara und ande­ren Kost­bar­kei­ten. Kon­trast­pro­gramm im Kup­fer­saal um 18.30 Uhr mit Pop-Up und Titeln von Cold­play bis Auro­ra, danach um 21 Uhr der jun­ge Leip­zi­ger Chor Lype mit Arran­ge­ments von Bil­ly Joel bis Jacob Col­lier. Das wäre ein ent­spann­ter Abschluss.

Kon­zert­stät­te im Leip­zi­ger Wes­ten: In der Phil­ip­pus­kir­che prä­sen­tie­ren unter ande­rem das Cal­mus Ensem­ble und Sja­el­la erst­klas­si­ge Vokal­kunst © W.pseudon / Wiki­me­dia Com­mons

In der Phil­ip­pus­kir­che könn­te man aber auch noch ein­mal das eige­ne Hören her­aus­for­dern: Das Vokal­so­lis­ten Ensem­ble Gli Scar­lat­tis­ti samt den Vio­lin Sis­ters aus Indi­en kom­bi­nie­ren Stü­cke von Hein­rich Schütz mit indi­scher Tem­pel­mu­sik – wahr­lich, «buil­ding bridges»! Auch danach bleibt es hier im Jugend­stil­raum span­nend, denn um 21 Uhr singt das Cal­mus-Ensem­ble Chor-Arran­ge­ments aus Bachs «Wohl­tem­pe­rier­tem Cla­vier» – wie sie das machen, möch­te man schon ger­ne hören! Dabei wäre es sicher auch inter­es­sant, in der Tho­mas­kir­che ab 18.30 Uhr alter ero­ti­scher Dich­tung zu lau­schen: «Let Him Kiss Me» heißt das Pro­gramm des Vokal­fo­rums Graz mit Stü­cken von Mon­te­ver­di bis Ola Gjei­lo, kom­bi­niert mit dem Syn­ago­gen­ge­sang von Aron Saltiel. Um 21 Uhr kann man dort den Gus­taf Sjök­vists Kammar­kör mit schwe­di­scher Chor­mu­sik aus dem 20. Jahr­hun­dert erle­ben. Am Ende kommt das MDR-Sin­fo­nie­or­ches­ter dazu, und es erklingt die groß­an­ge­leg­te «Sanc­tua­ry Mass» des schwe­disch-ame­ri­ka­ni­schen Kom­po­nis­ten Matthew Peter­son in einer deutsch­spra­chi­gen Ver­si­on. Auch das wäre sicher ein loh­nen­der Abschluss der span­nen­den Kon­zert­se­rie der chor.com.

Zum The­ma

Der voll­stän­di­ge Kon­zert­ka­len­der der chor.com vom 1. bis 4. Okto­ber 2026 in Leip­zig kann online abge­ru­fen wer­den.

Tickets kön­nen für jede Ver­an­stal­tung durch Wei­ter­lei­tung zum Anbie­ter reser­vix, direkt auf chorcom.reservix.de, tele­fo­nisch unter 0761 888499 99, an den bekann­ten Vor­ver­kaufs­stel­len sowie an der Abend­kas­se (ab eine Stun­de vor Ver­an­stal­tungs­be­ginn) erwor­ben wer­den.

Portrait von Friedrich Sprondel

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Friedrich Sprondel

Friedrich Sprondel wurde im Norden geboren, studierte im Süden und ist Redakteur der Chorzeit. Er schreibt für verschiedene Medien, ist Jurymitglied beim Preis der deutschen Schallplattenkritik und lebt in Berlin.

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