Wie es wohl werden wird? Der Konzertkalender der chor.com 2026
So langsam stellt sich das Gefühl ein, dass man auf der chor.com in Leipzig angekommen ist. Am 1. Oktober konnte man um halb zwölf im Hotel einchecken und schaffte es zur Eröffnung um 13 Uhr in der Kongresshalle am Zoo. Ehrgeizig wie man ist, hatte man sich zwei Workshops für den Nachmittag vorgenommen – den zweiten am besten gleich anschließen, solange einem noch der Kopf schwirrt von den Anregungen aus dem ersten. Ausruhen kann man später!

Drei Kirchen, ein Schankraum: die Konzertspielstätten der chor.com 2026
Jetzt fehlt nur noch ein gutes Konzert – endlich mal Musik am Stück hören, nachdem man so viel über sie gehört und von ihr gesprochen hat. Auch hier gilt: Heute fühlt man sich noch fit, da besucht man am besten gleich zwei, schließlich gibt es den frühen Programmslot um 18.30 Uhr und den späteren um 21 Uhr. Die chor.com-Konzerte finden jeden Abend an vier Konzertorten statt, die alle – wie man feststellen wird – ihr ganz eigenes Gepräge haben. Etwa die Peterskirche südlich der Innenstadt, fertiggestellt 1886 und bis 2014 saniert, die äußerlich die Gotik des Mailänder Doms zitiert und einen weiten Innenraum mit Steinboden und umlaufender Empore zu bieten hat. Das macht sie zu einem beliebten Konzertraum. Intimer ist der Kupfersaal im Stadtzentrum, benannt nach der kurzen, aber charmanten Kupfergasse. Seit 2017 ist der ehemalige Schankraum ein beliebter und zentral gelegener Veranstaltungsraum. Die Philippuskirche wurde 1910 eingeweiht. Sie ist ein evangelischer Zentralraum, in dem Altar, Kanzel und Kirchenmusik in der Sichtachse der Gemeinde übereinander angeordnet sind – gute Voraussetzungen für Konzerte. Hinzu kommen die historischen Klappsitze wie im Theater oder Hörsaal. Das Innere ist geprägt von der Architektur und Einrichtung im Jugendstil. Die Thomaskirche schließlich ist seit der Stadtgründung eine der beiden Hauptkirchen Leipzigs, die andere ist die Nikolaikirche. Der heutige Bau der Thomaskirche als spätgotische Hallenkirche mit beeindruckendem Netzgewölbe geht auf das 15. Jahrhundert zurück. Und seit dem frühen 19. Jahrhundert ist die einstige Amtsstätte des Thomaskantors Johann Sebastian Bach natürlich so etwas wie das Zentrum des internationalen Bach-Kults.
Leipzig erkunden: Konzerte am ersten Abend der chor.com 2026
Am ersten Abend ist das Angebot noch fast übersichtlich. Von der Kongresshalle aus geht man eine halbe Stunde zu Fuß durchs Zentrum – etwas schneller mit der Straßenbahn, die ringförmig ums Zentrum fährt – und gelangt zur Peterskirche, wo um 18.30 Uhr Chorwerk Ruhr ein Programm mit Musik von Komponistinnen von Hildegard bis Nana Forte singt, Titel: «She». In zwanzig Minuten erreicht man zu Fuß den Kupfersaal, und hier singt um 18.30 Uhr das Frauenensemble Lyyra ein spannendes Programm aus alter und zeitgenössischer Musik von William Byrd bis Billie Eilish. Das könnte was sein! Wenn man gleich dableibt, kann man um 21 Uhr der Vocal-Band Quintense und den fünf Herren des Ensemble Nobiles im Programm «Bridges – Klassik trifft Pop» lauschen. Oder man nimmt von der Kongresshalle aus die Straßenbahn zur Philippuskirche und hört, wie die Singphoniker um 18.30 Uhr von «Carl und Veronika» singen: ein Stelldichein Carl Orffs mit der ungenannten Schönen aus dem Spargelschlager der Comedian Harmonists. Oder einem ist ernst zumute: nach «Stimmdimensionen» mit Homilius, Mendelssohn und Toshio Hosokawa in der Thomaskirche, gesungen ab 18.30 Uhr vom Kammerchor Stuttgart unter Frieder Bernius. Legenden unter sich.
FOMO am Freitag? Die Qual der Wahl am zweiten Abend der chor.com 2026
Ein anstrengender Tag – solange man fit ist, nimmt man mit, was geht. Also zwei Workshops am Morgen, um 9 Uhr und um 11.30 Uhr, ein kurzer Imbiss, und hinein in den Nachmittag mit zwei weiteren Workshops. Die Wahl war schwer genug! Heute zwei Konzerte oder nur eines? Dabei sind sieben im Angebot! Wenn man schon mal in Leipzig ist, könnte man in der Peterskirche die Thomaner unter ihrem Kantor Andreas Reize und mit Thomasorganist Johannes Lang um 18.30 Uhr mit dem Programm «Verleih uns Frieden» hören – gesungen werden unter anderem Werke von Lasso, Schütz und die Motetten «Fürchte dich nicht, ich bin bei dir» von Bach und «Warum ist das Licht gegeben» von Brahms! Wenn man nach so herrlichen wie bewährten Gesängen Neues hören möchte, kann man gleich dableiben: Um 21 Uhr singen «Reine Frauensache» und der Mädchen- und Frauenchor der Schola Cantorum Leipzig Stücke aus dem neuen Notenband «Uplifted Voices», von Romantik bis Gegenwart, von Frauen für Frauenstimmen geschrieben. Im Kupfersaal singen um 18.30 Uhr die Latvian Voices baltische und deutsche Volkslieder – da ist Exquisites zu erwarten. Um 21 Uhr folgen die German Gents mit ihrem Barbershop-Programm «Life Could Be a Dream».
Oder geht man heute endlich in die Philippuskirche? Auch da erklingt Feinstes: um 18.30 Uhr der Rundfunk-Jugendchor Wernigerode mit neuen Arrangements zum Deutsch-Jüdischen Liederbuch, von denen einige schon auf dem Chorfest 2025 Aufsehen erregten; und um 21 Uhr singen dort Sjaella ihr Programm «Half My Voice Is Human» mit Musik von Janequin, Purcell und jungen Komponistinnen unserer Zeit. Dickes Bleistiftkreuz an den Termin – aber auch die Thomaskirche macht wieder neugierig: Dort erklingt um 21 Uhr Bachs Magnificat, mit modernen Einlagesätzen von Mårten Jansson versehen, ganz so, wie Bach es selber schon 1723, in seinem ersten Leipziger Jahr, getan hatte. Späte Stunde, schwere Wahl.
Schlussspurt: erstklassige Konzertbesuche auch am dritten chor.com-Tag
Die wildeste Neugier könnte am dritten Tag gestillt sein: Heute vielleicht nur den 9‑Uhr-Workshop mitgenommen, dann über das Forum geschlendert, bei den Verlagen und anderen Aussteller:innen vorbeigeschaut, mit jemandem von der Chorzeit geplaudert und anschließend mit einer alten oder neuen Musikbekanntschaft einem Tipp fürs Mittagessen nachgegangen. Aber am Nachmittag mussten es doch zwei Workshops sein, diese Chorleiterin wollte man nicht verpassen! Heute Abend wird es aber wirklich schwierig mit der Auswahl. Sage und schreibe acht Konzerte, und nur zwei kann man besuchen! Trotz erster Anzeichen von Erschöpfung schaut man genau hin. In der Peterskirche könnte man um 18.30 Uhr ein Doppelkonzert «Aufbruch Moderne» mit dem Landesjugendchor Baden-Württemberg und dem SWR Vokalensemble erleben – Messiaens Chormusik in diesem weiten Raum, dazu polnische Chormusik von Mittelalter bis Gegenwart. Wenn man dortbleibt, gestaltet die Zürcher Singakademie eine «Naht zur Nacht» mit Bach, Brahms, Poulenc, Rautavaara und anderen Kostbarkeiten. Kontrastprogramm im Kupfersaal um 18.30 Uhr mit Pop-Up und Titeln von Coldplay bis Aurora, danach um 21 Uhr der junge Leipziger Chor Lype mit Arrangements von Billy Joel bis Jacob Collier. Das wäre ein entspannter Abschluss.

In der Philippuskirche könnte man aber auch noch einmal das eigene Hören herausfordern: Das Vokalsolisten Ensemble Gli Scarlattisti samt den Violin Sisters aus Indien kombinieren Stücke von Heinrich Schütz mit indischer Tempelmusik – wahrlich, «building bridges»! Auch danach bleibt es hier im Jugendstilraum spannend, denn um 21 Uhr singt das Calmus-Ensemble Chor-Arrangements aus Bachs «Wohltemperiertem Clavier» – wie sie das machen, möchte man schon gerne hören! Dabei wäre es sicher auch interessant, in der Thomaskirche ab 18.30 Uhr alter erotischer Dichtung zu lauschen: «Let Him Kiss Me» heißt das Programm des Vokalforums Graz mit Stücken von Monteverdi bis Ola Gjeilo, kombiniert mit dem Synagogengesang von Aron Saltiel. Um 21 Uhr kann man dort den Gustaf Sjökvists Kammarkör mit schwedischer Chormusik aus dem 20. Jahrhundert erleben. Am Ende kommt das MDR-Sinfonieorchester dazu, und es erklingt die großangelegte «Sanctuary Mass» des schwedisch-amerikanischen Komponisten Matthew Peterson in einer deutschsprachigen Version. Auch das wäre sicher ein lohnender Abschluss der spannenden Konzertserie der chor.com.
Zum Thema
Der vollständige Konzertkalender der chor.com vom 1. bis 4. Oktober 2026 in Leipzig kann online abgerufen werden.
Tickets können für jede Veranstaltung durch Weiterleitung zum Anbieter reservix, direkt auf chorcom.reservix.de, telefonisch unter 0761 888499 99, an den bekannten Vorverkaufsstellen sowie an der Abendkasse (ab eine Stunde vor Veranstaltungsbeginn) erworben werden.