Spontane Gemein­schaft – der ritual Chor in Köln

Autor:in

Daniel Frosch

Ausgabe

N° 131 | Juli 2026

Der Köl­ner Stadt­gar­ten liegt geo­gra­fisch viel­ver­spre­chend, ragt als Beu­le des Inne­ren Grün­gür­tels noch ein biss­chen ins Stadt­zen­trum und ver­län­gert so die ent­spann­te Atmo­sphä­re des Köl­ner Nah­erho­lungs­raums in die Stadt hin­ein. «Der Stadt­gar­ten liegt sehr zen­tral in Köln», betont dann auch die Musik­jour­na­lis­tin, Kura­to­rin und Ver­an­stal­te­rin Sophie Emi­lie Beha, «und er ver­bin­det auch vie­le ver­schie­de­ne Kon­zer­tor­te.»

Die Kuratorin Sophie Emilie Beha läuft an der Spitze eines kleinen Menschenzugs auf einem Kiesweg durch den Kölner Stadtgarten.
Sophie Emi­lie Beha lei­tet einen Hör-Spa­zier­gang durch den Köl­ner Stadt­gar­ten © Lucie Schul­ze

Am süd­li­chen Ende des Stadt­gar­tens fin­det sich bei­spiels­wei­se die gleich­na­mi­ge Spiel­stät­te mit Kon­zert­saal, Klub und Open-Air-Spiel­flä­che. Dort hat im ver­gan­ge­nen Jahr die von Beha kon­zi­pier­te Kon­zert­rei­he ritu­al begon­nen. Ein Kon­zert der Saxo­pho­nis­tin und Kom­po­nis­tin Lui­se Volk­mann mach­te den Anfang, noch fünf wei­te­re Kon­zer­te mit Grö­ßen aus Jazz, expe­ri­men­tel­ler und Neu­er Musik im Stadt­gar­ten und in der benach­bar­ten Chris­tus­kir­che mach­ten das ers­te ritu­al-Jahr zum Erfolg. Der Stadt­gar­ten, die­se städ­ti­sche Oase, hat für ritu­al seit dem ers­ten Tag eine wich­ti­ge Funk­ti­on. Vor jedem Kon­zert lei­tet Beha dort soge­nann­te Hör-Spa­zier­gän­ge. Klän­ge gibt es im Stadt­gar­ten genug, wobei der 29 Jah­re alten Ver­an­stal­te­rin etwas ande­res wich­ti­ger ist: «Wenn vie­le Men­schen sich gleich­zei­tig sen­si­bi­li­sie­ren und kon­zen­trie­ren, dann pas­siert ja etwas mit so einer Grup­pe, auch ohne dass ich wie im Kin­der­thea­ter sage: ‹Lauscht mal, ob ihr die­ses oder jenes hören könnt.›»

Aus ver­ein­zel­ten Besucher:innen neue Gemein­schaf­ten bil­den – der Erfolg der Hör-Spa­zier­gän­ge hat Beha zu den­ken gege­ben: «Im ver­gan­ge­nen Jahr haben vie­le Din­ge gut funk­tio­niert, aber ich habe gemerkt, dass noch eine ande­re Form von Gemein­schaft mög­lich ist und auch eine ande­re Ein­bin­dung des Publi­kums. Und so ist die Idee für einen Chor ent­stan­den, der extrem nied­rig­schwel­lig ist.» Mit Beginn der zwei­ten Sai­son ist der ritu­al Chor am 1. Mai 2026 zum ers­ten Mal zusam­men­ge­kom­men. Dem Auf­ruf über Social Media folg­ten mehr Men­schen, als Beha ange­nom­men hat­te: «Es haben etwas mehr als 30 Men­schen geschrie­ben, 20 haben zusätz­lich zuge­sagt. Wir haben von 10 Uhr mor­gens bis 18 Uhr abends geprobt. Jede:r hät­te an die­sem Tag auch etwas ande­res machen kön­nen, der 1. Mai war ja auch ein son­ni­ger Fei­er­tag. Das war wirk­lich berüh­rend.»

Gelei­tet wird der ritu­al Chor von Kla­ra Hens, die unter ande­rem in Däne­mark «Inno­va­ti­ve Choir Lea­ding » stu­diert hat und an der Hoch­schu­le für Musik und Tanz Köln unter­rich­tet. «Mich inter­es­siert sehr, wer eigent­lich bestimmt, wann etwas ein fer­ti­ges, büh­nen­rei­fes Kunst­werk ist, und was im stil­len Käm­mer­lein blei­ben muss», sagt Hens über den ritu­al Chor, der das Ergeb­nis eines Pro­ben­ta­ges anschlie­ßend beim abend­li­chen Kon­zert prä­sen­tiert. «Der ritu­al Chor knüpft für mich schön an die­se Fra­gen an, weil hier das Publi­kum – also Men­schen, die kei­ne aka­de­mi­sche Aus­bil­dung haben – trotz­dem kul­tur­schaf­fend sein kann und kul­tur­re­le­vant ist.»

Auf­tritt in der Köl­ner Kir­che Neu St. Alban: Nach jeder Pro­be prä­sen­tiert der ritu­al Chor sei­ne Arbeit beim Kon­zert am Abend © Lucie Schul­ze

Ein Chor, der Teil einer Kon­zert­rei­he mit expe­ri­men­tel­ler Musik ist, ist vor­ge­prägt. Die in St. Peters­burg gebo­re­ne, inzwi­schen in Köln leben­de Kom­po­nis­tin Dari­ya Mami­no­va schreibt für den ritu­al Chor eige­ne Musik. Sie klingt ein­gän­gig und urwüch­sig, dabei aber sper­rig genug, um die Neu­gier von ritu­al zu unter­strei­chen. «Ich mag Mer­edith Monk», sagt Mami­no­va, «neben dem Gesang spielt auch das Per­for­ma­ti­ve bei ihr eine Rol­le. Für sie ist Musik nicht nur Klang, auch Bewe­gung und der Raum sind ihr wich­tig. Monk ver­wen­det oft ein­fa­che Moti­ve, die sich wie­der­ho­len und intui­tiv zu sin­gen sind, und ich dach­te, das passt doch gut zu unse­rem Pro­jekt.»

Für den zwei­ten Ter­min am 1. Juni hat Dari­ya Mami­no­va ihr Werk erwei­tert. Und auch ritu­al tas­tet sich vor­an, zum ers­ten Mal war die Kir­che Neu St. Alban Spiel­stät­te, die im Nor­den an den Stadt­gar­ten angrenzt. Zum zwei­ten Tref­fen des ritu­al Chors kamen etwa 20 Men­schen – vie­le von ihnen waren schon beim ers­ten Ter­min dabei. Der Plan, durch den ritu­al Chor neue Gemein­schaf­ten zu bil­den, scheint auf­zu­ge­hen.

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen

Chor­na­me: ritu­al Chor
Ort/Landkreis: Köln
Chor­lei­tung: Kla­ra Hens
Mit­glie­der: kei­ne fes­te Mit­glied­schaft
Pro­ben und Auf­füh­run­gen: Jeweils am Monats­ers­ten
Nächs­te Auf­füh­run­gen: Mul­ti­ple Voices & Spem in Ali­um, 01.08.2026, 13–22 Uhr, Chris­tus­kir­che, Köln
Web­site: www.ritual-music.de/chor

Der beson­de­re Chor

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Daniel Frosch

Daniel Frosch ist Redakteur der Chorzeit.

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