Volkslied – ein Begriff bleibt in Bewegung
Volksmusikforschung beschäftigt sich hauptsächlich mit historisch gewachsener und regional verorteter Musik und mit jenen kleineren sozialen Gruppen und den Persönlichkeiten, die sie pflegen und teilen. Volksmusik in diesem Sinn, ob mündlich oder schriftlich vermittelt, gründet sich weniger auf organisiertes pädagogisches oder kulturpolitisches Handeln. Der Begriff bietet heute eine ungefähre Orientierung über Formen und Gattungen, die historisch auf die Musikpraxis des «gemeinen Volkes» der europäischen Ständegesellschaft bezogen werden können oder an diese Praxis anschließen. Das heißt nicht, dass sich die Arbeitsfelder der Volksmusikforschung hierauf beschränken – Überschneidungen zur Popularmusikforschung zum Beispiel, zu Rock, Pop und anderes, sind ebenso interessant.
Regional und universell – das Volkslied als Brauchtum
Der deutsch-russische Universalgelehrte Jacob von Stählin verwendete 1770 «Volks-Musik» synonym zur «Lands-Musik des gemeinen Volks in Dörfern, Flecken und Städten». Damit war also weder die für eine Nation als typisch angenommene Musik gemeint – wie Johann Gottfried Herder (1744–1803) es vom Volkslied meinte – noch eine «Bauernmusik» im Sinne der Nationalromantik. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts war im deutsch- und im englischsprachigen Raum der Begriff Volkslied/Volksmusik bedeutungsgleich mit Nationallied/Nationalmusik. Man sprach von «Tiroler Nationalliedern», was im Sinn regionaler Prägung gemeint war, nicht im Sinn des Nationalstaats. Matthew Gelbart, einer der besten Kenner der Ideengeschichte der Volksmusik, hat gezeigt, dass die Begrifflichkeiten erst später auf das Feld der nationalen Kompositionsschulen übertragen worden sind. Er sprach auch einen merkwürdigen Widerspruch im Volksmusikdiskurs zur Zeit Herders an: wenn ein Stil oder Repertoire gleichzeitig als natürlich, also universell, und gleichzeitig als national spezifisch deklariert wurde.
Abkehr von der Moderne: Projektionsfläche Volkslied
Im 19. Jahrhundert arbeitete die deutsche Volksliedforschung immer noch vorwiegend mit schriftlichen Quellen, weniger auf Grundlage von Feldforschungen. Gleichzeitig rückte, wie anderswo in Europa, das Bauerntum als vermeintlich letzter Träger und Hüter des nationalen Elements in den Vordergrund. Ein mächtiges Korrektiv legte 1868 der Musikschriftsteller Wilhelm Tappert mit seiner Studie «Wandernde Melodien» vor. Darin zeigte er, wie Lieder in einer Gesellschaft (vertikal) und zwischen Kulturen (horizontal) weitergegeben werden und wie solche Transferprozesse das gebräuchliche Liedrepertoire formen; eine Position, die der Germanist John Meier 40 Jahre später mit seiner Untersuchung «Kunstlieder im Volksmunde» weiter festigte.
Allgegenwärtig war zu dieser Zeit die Unterscheidung zwischen «echten Volksliedern» – im «Volk» entstanden – und «volkstümlichen Liedern» – also «unechten», aus den gebildeten Milieus entlehnten Liedern. Der «Volksmensch» wurde besonders von Josef Pommer (1845–1918) in Österreich idealisiert als jemand, der möglichst wenig schulische Bildung genossen hat. Diese im Wortsinn reaktionären, antimodernen, antiurbanen und oft genug antisemitischen Haltungen vieler Volksliedbegeisterter – jedoch weit weniger der international profilierten Fachvertreter – spiegeln sich oft schon in diesem unreflektierten Sprachgebrauch. Pommers Bestehen auf das schöpferische Potential traditioneller schriftferner Milieus wird oft «Produktionstheorie» genannt – nicht ganz korrekt, da dem Rechtsaußenpolitiker und Volksliedsammler Pommer wissenschaftliches Denken vollkommen fremd war. Der wahre Kern von Pommers feldforschungsgestützten Überlegungen besteht darin, dass die Entstehung reichhaltiger Liedbestände ohne schriftliche Grundlage schon deshalb möglich sein muss, da zahlreiche Sprachgruppen, etwa Finnen und Letten, bis ins 19. Jahrhundert über keine eigene und auch keine linguistisch nah verwandte schriftliche Literatur verfügten.

In der deutschen Forschungstradition wird seit Curt Sachs (1881–1959) nur dann von Volksmusik gesprochen, wenn diese von einer Musik der sozialen Eliten unterschieden werden kann – mit der sie sich laut Walter Wiora (1906–1997) in einem stetigen Austausch befindet. Damit sah auch ein Fürsprecher des «echten Volkslieds» dieses nicht als statisch oder gegen äußere Einflüsse immun an.
Ein überladener Begriff? Dem Volkslied neu zuhören
Zoltán Kodály zeigte sich 1935 der Debatten um den Begriff des Volkslieds müde: Man solle besser untersuchen, was die Menschen auf dem Dorf alles sängen. Diese Ausweitung des Fokus auf die Alltagskultur der Gegenwart wurde gleichzeitig um eine stärkere Einbeziehung des städtischen Raums ergänzt. Es war der Ansatz der theoretischen Folkloristik, künstlerische Ausdrucksformen in Face-to-face-Gruppen ohne vorgefasste ästhetische oder sonstige Wertmaßstäbe zu untersuchen. Im Zuge dieser Neuorientierungen geriet auch der Volksliedbegriff selbst in die Kritik. Gegen Walter Wiora verwarf Ernst Klusen (1909–1988) das Volkslied als Erfindung Herders und brachte – nicht sonderlich erfolgreich – den soziologisch begründeten Begriff des Gruppenliedes ins Spiel. Nach Gerlinde Haid (1943–2012) ist das Volkslied «nicht viel mehr ist als ein historisch ererbter Begriff, den man aus praktischen Gründen sein lässt». Er wird also verstanden, hat aber weder konzeptuell noch emotional sonderlich viel zu bieten. Die Volksmusikforschung kann mit dem Paradox, dass uns das «Volk» als Schlüsselbegriff abhandengekommen ist, ganz gut leben.
Und außerdem? Blasmusik und Gesangsvereine
In der Praxis des deutschsprachigen Raums firmiert Volksmusik, zumal wenn es sich um historisch orientierte Aufführungspraxis handelt, sehr häufig als traditionelle Musik. Typisch für diese Szenen sind die Orientierung an bestimmten Regionen, Quellen (Handschriften) oder historischen Instrumenten und eine internationale Vernetzung.

In Bayern ist mit Volksmusik oft instrumentale Musik in traditionellen, kleineren Besetzungen gemeint. In Österreich wird der Begriff der Volksmusik alltagssprachlich manchmal von dem der Blasmusik unterschieden, besonders wenn es sich um größere Musikkapellen mit modernerem, heterogenem Repertoire handelt. Ganz ähnlich wird das Gesangvereinswesen oft weniger mit dem Begriff der Volksmusik assoziiert. Ein Grund mag sein, dass traditionelle, schriftlos vermittelte Mehrstimmigkeit nicht auf Chorgesang beruht, sondern die Stimmen solistisch hervortreten und mögliche Stimmgruppen heterophon organisiert sind – man singt nebeneinander her statt im koordinierten Ensemble, etwa beim Jodler der Ostalpen, aber auch in zahlreichen Regionalstilen Südeuropas, des Balkans, Osteuropas und des Kaukasus.
Spät, aber wirkungsvoll: das nationale Volkslied
Was die Volksmusikbewegungen seit der Frühromantik mit dem Chorvereinswesen verbindet, ist häufig das Ziel, über eine Erneuerung des Musiklebens in die Gesellschaft hineinzuwirken. Die Strategien politischer oder religiöser Liedpublizistik sind bereits aus der Antike bekannt. Die Idee, sich durch die Kultivierung eines besonderen Musikstils gesellschaftspolitisch zu positionieren, ist dagegen ein neueres Phänomen. Am Anfang dürfte das erste Harfenfestival der irischen Nationalbewegung in Granard (1781) stehen, auf dem Kontinent folgte 1805 das Unspunnenfest in der Schweiz. Charakteristisch ist hier einerseits eine «abwehrende Bewahrungshaltung» (Dieter Ringli), anderseits die Neigung, Stil und Repertoire zu standardisieren und zu modernisieren. Im deutschsprachigen Raum stehen die Liedertafeln, Liederkränze und Gesangvereine seit dem frühen 19. Jahrhundert für die Emanzipation und zunehmend auch für die gesamtgesellschaftliche Verantwortung des nationalliberalen Bürgertums. Komponisten wie Friedrich Silcher (1789–1860) und Anton Ritter von Spaun (1790–1849) hatten hierbei politisch auch die europäische Perspektive im Blick. In Österreich schuf Spaun mit den «Oesterreichischen Volksweisen» (1845) die erste Liedsammlung in musikpraktischer und kulturpolitischer Absicht. Das «allen Deutschen» gewidmete Werk sollte im Sinne der sogenannten Großdeutschen Lösung «alle deutschen Stämme» dazu bewegen, «sich inniger zu befreunden».
Ein schillernder Begriff: das Volkslied heute
Im Gegensatz zu den reaktionären Volksliedideologen des späten 19. und des 20. Jahrhunderts waren Hans Georg Nägeli (1773–1836) und Silcher wie auch traditionsorientierte Forscher in weiten Teilen Europas entschiedene Fürsprecher der Volksbildung und des sozialen Fortschritts. Die Idee, den Verlust der «guten alten Zeit» rückgängig zu machen, konnte erst entstehen, als das Bürgertum die Früchte des Fortschritts, die gesamtgesellschaftliche Verbesserung der Lebensverhältnisse, als gesichert ansah. Die Antimoderne der Lebensreform fand später ihre Fortsetzung in den Alternativbewegungen der alten Bundesrepublik mit ihren engen Verflechtungen zum «Deutsch-Folk». Die heutige historisch orientierte Szene, für die etwa das seit 20 Jahren bestehende Klangrauschtreffen oder das Windros-Festival stehen, zeichnet sich durch einen unideologischen Umgang mit der Geschichte, dafür aber durch eine ausgesprochen genaue Kenntnis und kreative Umsetzung der Quellen aus. Und je selbstverständlicher und intensiver die sozial eingebundene künstlerische Praxis funktioniert, desto weniger dringlich erscheint die Frage, was nun ein Volkslied ist.