«Existenziell wichtig» – wenn Musik neurodivergenten Menschen hilft
Wenn Sprache nicht ausreicht, um sich zu verständigen, ist Musik eine hervorragende Alternative. Mehr noch, sie ist vielleicht die Meta-Sprache schlechthin, genauso wie jede andere Form von Kunst abseits dessen, was wir verbal ausdrücken können. Musik ist mein Stimming Nummer eins. Meine Familie trug passioniert dazu bei: Oma war eine ausgezeichnete Sängerin, andere Verwandte sangen ambitioniert im Kirchenchor und mein Vater mit seiner Sammelleidenschaft prägte maßgeblich meinen musikalischen Werdegang. In unserem Wohnzimmer stapelten sich CDs und Platten sauber aufgereiht bis unter die Decke, aus der limitiert handgefertigten HiFi-Anlage brachten Van Halen, The Prodigy, Depeche Mode oder Foreigner auf gefühlt 130 Dezibel die Nachbarn zur Verzweiflung. Schon als Kind war mir Elektromusik lieber als typisch kindgerechte Lalamucke.
Trotzdem hatte ich kein Bedürfnis nach musikalischer Ausbildung. Im Gegenteil, allein die Vorstellung, lernen und mich mit anderen Menschen treffen und austauschen zu müssen, rief in mir eine Ablehnung hervor, die ich bis ins Erwachsenenalter nicht greifen oder näher bezeichnen konnte. Hinzu kam das unangenehme Gefühl, schnell von vielem begeistert zu sein, doch ebenso schnell keine Motivation mehr aufbringen zu können, um dranzubleiben. Zum Ende der Grundschule hin nahm ich zwar Klavierunterricht, lernte aber nie richtig Notenlesen – warum auch, mein musikalisches Gedächtnis funktionierte wunderbar. Generell verfüge ich über eine sehr schnelle Auffassungsgabe – Fluch und Segen zugleich, denn mir flog zwar alles zu, aber ich hatte grundsätzlich keine Lust, die Erwartungen anderer zu erfüllen. Alles, was mir nicht entsprach, führte zum Shutdown – überlagert vom Schatten der Unzufriedenheit, meine Fähigkeiten nicht vollends nutzen zu können. Heute weiß ich, dass ich als Autistin sowohl reizüberflutet als auch sozial überfordert war. Dass ich zusätzlich auch ADHS-neurodivergent bin, ist extrem wahrscheinlich.
Gut zu wissen …
Stimming ist der Begriff für sensorische und emotionale Mechanismen der Selbstregulierung, die alle Menschen zur Kompensation und Stimulation nutzen, neurodivergente jedoch besonders intensiv. Dazu gehören visuelle, auditorische und taktile Stims wie Blinzeln, Stiftdrehen, Wippen, Musikhören, Summen, Haarezwirbeln, Essen et cetera – steuerbare Regungen.
Neurodivergenz ist kein medizinischer Fachbegriff, sondern beschreibt ein soziales Konzept, nach dem Menschen mit unterschiedlichen neurologischen Betriebssystemen existieren. Die Mehrheitsgesellschaft wird als neurotypisch bezeichnet, davon abweichende Individuen als neurodivergent und die Gruppe aus allen gemeinsam als neurodivers.
Hochtouriger Leerlauf – Jugend als Überlastung
Aus dieser inneren Unruhe und dem Frust über mich selbst heraus entwickelte ich mit der Pubertät eine unerwartet extrovertierte Persönlichkeit, die zwar ein authentischer Teil von mir war, zugleich aber auch emotional unberechenbar, zu groß und zu laut. Ich war gestresst von meinen Bedürfnissen, die so konträr gelagert waren. Von meiner Umwelt wurde ich zugleich über- und unterschätzt, und niemand – inklusive mir selbst – konnte meine inneren Kämpfe nachvollziehen. Oft bekam ich die Rückmeldung, ich sei eloquent, hätte einen exzellenten, sarkastischen Humor und ein großes Allgemeinwissen. Hyperempathie und ein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn machten es nicht einfacher: Da ich nie den Mund halten konnte, Ungerechtigkeiten sofort und undiplomatisch ansprach und mir Hierarchien nichts bedeuteten, eckte ich oft an. Ins Gespräch zu kommen, fiel mir leicht, aber das Aufrechterhalten von Beziehungen nicht. Mein Freundeskreis war dementsprechend sehr klein und bestand aus anderen Weirdos.
Ich wollte dabei sein, ohne mich anpassen zu müssen.
Mir wurde über Jahre das Gefühl vermittelt, ich sei ein ungeschliffener Rohdiamant. Dabei hatte ich weder ein Interesse daran, meine intensive Gefühlswelt zu drosseln, noch meine Talente kommerziell nutzbar zu verfolgen. Menschen und ihre Ambitionen waren mir mindestens suspekt, meistens sogar zu unlogisch, zu primitiv und bedrohlich. Ich wollte dabei sein, ohne mich anpassen zu müssen, nicht zur Marionette einer manipulativen Gesellschaft werden. Ich sprengte schlicht alle Schubladen, in die man mich zu stecken versuchte, mit meinem Trotz und der sensorischen Überlastung, die dazu führte, dass ich ein frecher, wütender und immer erschöpfter Teenager wurde. Das erste Mal ging ich wegen Angstzuständen in Therapie, als ich zwölf Jahre alt war.
Gut zu wissen …
Spektrumstörung ist ein Sammelbegriff für unterschiedlich ausgeprägte Symptome neurologischer Entwicklungsstörungen wie Autismus und ADHS. Die Bandbreite reicht von einzelnen Persönlichkeitszügen bis hin zu schwerwiegenden Krankheitsmustern, die das Leben und das soziale Miteinander stark behindern; Übergänge sind fließend. Es gibt keine erworbene ADHS oder Autismus-Spektrum-Störung (ASS), beides ist überwiegend erblich bedingt. Autisten sind reizoffener und nehmen sich und ihre Umwelt anders wahr als neurotypische Menschen. ADHS äußert sich unter anderem durch innere oder motorische Unruhe sowie Impulsivität und leichte Ablenkbarkeit. Den Funktionsbildern gemein sind intensive Wahrnehmung, Hyperfokus und eine schnelle Auffassungsgabe durch alternative Assoziationsketten. Etwa zwei Prozent der Bevölkerung sind autistisch veranlagt, circa fünf Prozent der Menschheit und bis zu 70 Prozent der autistischen Menschen sind ADHS-neurodivergent.
Subkultur als Hort kreativer Identität
Die Musik vernetzte mich auf dem Weg zum Erwachsenwerden mit anderen, denen es ähnlich ging: die keine Worte für die Welt hatten und zu viele zugleich. Mit 14 tauchte ich in die Metal- und Gothic-Szene ab. In diesem Subkulturkreis, der nahezu frei von Drogen und Gewalt war, konnte ich zunehmend aus mir herausgehen, die Welt erkunden und mich alternativ kreativ ausprobieren. Hier bot sich mir eine Art der Kommunikation außerhalb konservativer Normen.
Bei diesen Menschen fühlte ich mich zu Hause.
Ich fühlte mich geistig angekommen, mein Bedürfnis nach Grenzerfahrung und ganzheitlicher Ästhetik wurde endlich befriedigt: Die intensive düster-erotische Sinnlichkeit, das Ausleben von Weltschmerz, aber vor allem das Zelebrieren von Andersartigkeit war für mich die ultimative Sicherheitszone. Diese Freiheit hatte einen großen Selbstermächtigungseffekt. Die Menschen, mit denen ich connecten konnte, waren unkonventionelle und schräge Vögel. Alter, Geschlecht oder sozio-ökonomischer Status spielten kaum eine Rolle. Bei diesen Menschen fühlte ich mich zu Hause. Ich erfuhr in meinem Bekanntenkreis eine Form von Wertschätzung und Kritik, die es in der Mehrheitsgesellschaft nicht gab, da sich meine Stärken in davon abweichenden Bereichen befanden. Mit 16 oder 17 sang ich außerdem für eine Weile im Taizé-Chor; das eröffnete mir eine Gemeinschaft, in die ich immer hineinwollte, mich aber lange nicht getraut hatte. Meine Stimme stand da nicht im Fokus, ich konnte sie langsam entdecken. Dann begann ich, selbst Musik zu komponieren und lernte kurz darauf in einem Nachtclub Arne kennen, in dessen Elektro-Wave-Band Mechanical Moth ich mit einer Unterbrechung seit fast 20 Jahren singe, texte und Musikvideos drehe. Die Musik wurde für mich zu einer Sprache, die es mir ermöglichte, meine Wut über die kommunikativen Missverständnisse mit der neurotypischen Welt auszudrücken.
Als Hochsensible in einer genormten Hölle
Nach der Schule landete ich in der Planlosigkeit der beruflichen Zukunftsängste. Da ich in meinen Wunschstudiengang nicht reinkam, begann ich eine kaufmännische Ausbildung in einer Anwaltskanzlei und scheiterte erfolgreich am 9‑to-5-System. Mein extrem empfindliches Nervensystem kollabierte. Zwischen Front-Desk-Telefonie, Smalltalk-Hölle der Kolleg:innen und den starken Hierarchien wurde ich depressiv, entwickelte Panikattacken und beendete die Ausbildung verkürzt. Außerhalb meiner Szene war ich von den Anforderungen der Erwachsenenwelt maßlos überfordert und landete im Burnout. In mir wuchsen Zweifel, dass ich irgendwie kaputt war, nie ankommen und selbstständig in dieser Welt bestehen würde. Mein Körper spielte verrückt, wenn ich überlastet war. Hypersensible Wahrnehmung und verringerte Reizfilter führten zum konstanten Overload und regelmäßigen Meltdowns. Anpassungsstörung, Depression, Ängste – die Diagnosen der Psycholog:innen verfehlten die Ursache jedes Mal. Es gab keinen konkreten Auslöser für meine allumfassende Belastungsintoleranz. Erst nach der Ausbildung gab mir ein aufmerksamer Therapeut den Hinweis, ich sei Synästhetikerin und eben «etwas mehr autistisch als andere». Ich wusste nicht einmal, was das bedeutete.
Gut zu wissen …
Overload ist ein Zustand der Überlastung. Oftmals sind autistische Menschen unter Stress durch Eindrücke und Anforderungen der Umwelt. Reizüberflutung und fehlende Option auf rechtzeitigen Rückzug können zu einem Meltdown führen, bei dem das übersteuernde Nervensystem starke Gefühle wie Angst, Hilflosigkeit und Überforderung nicht mehr kompensieren kann; nach außen kann das aggressiv wirken, ist jedoch nie zielgerichtet.
Synästesie ist ein Wahrnehmungsphänomen, bei dem verschiedene Sinneskanäle miteinander verknüpft sind. Synästhetiker:innen nehmen zum Beispiel Musik oder Buchstaben in Farbe oder Geruch wahr, das Zeitkonzept mehrdimensional. Etwa vier Prozent aller Menschen sind synästhetisch veranlagt, viele davon im ADHS- und Autismus-Spektrum.
Verschiedene Jobwechsel, die mittlerweile vierte Psychotherapie und eine Schwangerschaft später nahm ich eine kreative Auszeit, schrieb einen Roman und arbeitete als persönliche Assistentin für einen befreundeten Schriftsteller. Mir wurde plötzlich klar, dass ich eine Nische für mich finden musste.
Diagnose als Basis für Empowerment
Erst mit der Vernetzung über Twitter und Instagram bekam ich mit Ende Zwanzig den Verdacht, dass mein Gehirn ein anderes neurologisches Betriebssystem haben könnte und ich überhaupt nicht kaputt war. Ich las viele Postings und Hashtags der kreativ arbeitenden neurodivergenten Community, mit denen ich mich komplett identifizieren konnte, sodass es mich förmlich überrollte. Da war sie, die Erklärung für die Inkompatibilität mit dem Großteil meiner Umwelt. Nach einer dreijährigen Intensivauseinandersetzung mit dem Thema Neurodivergenz meldete ich mich zur Diagnostik an. Die erfahrene Psychiaterin sichtete meine detailliert verschriftlichten Hinweise und Notizen und fragte amüsiert, wann ich mir meine Diagnose abholen kommen würde, sie sei offensichtlich. Ich war ein Paradebeispiel für eine spätdiagnostizierte Frau, die durchs Raster der veralteten Diagnosekriterien gefallen war.

Heute weiß ich gut, was ich brauche und was mich erfüllt. Mein neurodivergentes Gehirn würde ich für kein Geld der Welt eintauschen wollen, auch wenn es manchmal schwer ist, ihm gerecht zu werden. Ich muss mich in meinem Tempo mit der Welt auseinandersetzen, die Musik hat mich dabei unentwegt begleitet, gestützt, entreizt und vernetzt. Musik ist existenziell wichtig für meine persönliche Entwicklung in einer Welt, die nicht auf meine Bedürfnisse ausgelegt ist. Noten lesen kann ich bis heute nicht richtig, aber ich fühle Musik durch die Synästhesie in Farbe und Bewegung. Anfang des Jahres habe ich mein Bachelorstudium der Sozialen Arbeit im Schwerpunkt Kultur und Medien über Ressourcen von Musik in der Arbeit mit neurodivergenten Menschen abgeschlossen. Dadurch konnte ich auf gewisse Weise meinen Frieden mit dem Zwiespalt aus dem Bedürfnis nach Musik und der Überforderung durch soziale Interaktion und Lernmotivation schließen.
Ich muss Musiktheorie nicht verstehen, um Musik fühlen zu können. Ich muss nicht Musik studiert haben, um anderen Menschen den Kontakt zu sich selbst über Musik, Hörspiele, Gesang oder Soundexperimente zu ermöglichen. Rhythmus, Klang und Spiel sind elementare Aspekte unseres Daseins, die wir zuerst intuitiv nutzen lernen sollten, bevor wir sie akademisieren. Musik kann dabei helfen, uns in einer komplexen Welt zu ordnen. Neben Mechanical Moth, den mittlerweile neun Büchern, die ich geschrieben habe, sowie Job und Familie habe ich letztes Jahr noch ein eigenes Metal-Projekt gegründet. Zum ersten Mal bin ich nicht verunsichert, sondern Feuer und Flamme für all meine kreative Energie.
Fokus: all incl.
Mit der Themenstrecke «Fokus: all incl.» möchten wir ganzheitliches Denken, Tun und Sein zur Maxime erheben und einen Beitrag zur Sensibilisierung beim Thema Diversity leisten. Wir stehen nicht in der Mitte einer normativen Gesellschaft und inkludieren Andersartigkeit. Wir sind ein Ganzes, das aus vielen und sehr diversen Teilen besteht. Wir sprechen von gemeinsamer Gestaltung und geben bewährte Tipps aus dem gelebten Alltag.
