Kopfporträt von Lucia Birzer
Die junge Dirigentin Lucia Birzer wird vom Forum Dirigieren gefördert ©Kerstin Muth

Forum Dirigieren: Wirkungsvolle Förderung für den Nachwuchs

Autor:in

Friedegard Hürter

Ausgabe

N° 113 | März 2024

Beson­ders für ange­hen­de Profidirigent:innen ist den Über­gang vom Stu­di­um in den Beruf häu­fig nicht leicht. Für sie kommt noch eine spe­zi­el­le Hür­de hin­zu: Sie kön­nen nicht im stil­len Käm­mer­lein üben, son­dern brau­chen einen sehr leis­tungs­fä­hi­gen Klang­kör­per. Doch die Mög­lich­kei­ten, Pra­xis­er­fah­rung mit Pro­fis sam­meln zu kön­nen, sind rar gesät. Umso wich­ti­ger sind För­der­pro­gram­me, die den diri­gen­ti­schen Spit­zen­nach­wuchs unter­stüt­zen. Die­ses Vaku­um füllt der Deut­sche Musik­rat, der Musik­för­de­rung im brei­tes­ten Sin­ne betreibt, mit sei­nem zwei­stu­fi­gen, auf vier Jah­re ange­leg­ten Pro­gramm «Forum Diri­gie­ren».

Nach dem Studium, vor der Anstellung: Wie findet man den Weg in die Berufspraxis?

Den Anfang mach­te zu Beginn der 1990er-Jah­re der Orches­ter­för­der­zweig, der 2008 um den Chor­för­der­zweig ergänzt wur­de. «Dort gab es im Prin­zip das glei­che Pro­blem. Zwar hat­ten die jun­gen Leu­te mehr Pra­xis­er­fah­rung, weil sie oft schon lan­ge im Chor gesun­gen und mit Lai­en- oder semi­pro­fes­sio­nel­len Chö­ren gear­bei­tet haben, aber auf dem Spit­zen­ni­veau gab es sehr weni­ge Mög­lich­kei­ten, mit Pro­fis prak­ti­sche Erfah­run­gen sam­meln zu kön­nen», erklärt Eva Pegel, die das «Forum Diri­gie­ren» als Pro­jekt­lei­te­rin betreut. Obwohl auch Hoch­schu­len zuneh­mend Koope­ra­tio­nen mit renom­mier­ten Ensem­bles ein­ge­hen, ist der Bedarf an Unter­stüt­zung wei­ter­hin groß. «Die Chor­sze­ne hat sich in den letz­ten 30 Jah­ren sehr pro­fes­sio­na­li­siert. Damit ist auch der Anspruch an alle Sei­ten gestie­gen, nicht nur an die Stu­die­ren­den, son­dern auch an die, die sie unter­rich­ten», weiß der inter­na­tio­nal gefrag­te Chor­di­ri­gent Georg Grün, der sowohl den Kam­mer­Chor als auch den Bach­Chor Saar­brü­cken lei­tet und eine Pro­fes­sur für Chor­lei­tung an der Hoch­schu­le für Musik Saar inne­hat. «Nach dem Stu­di­um der Chor­lei­tung fal­len vie­le erst­mal in ein Loch, weil sie nicht genau wis­sen, wohin die Rei­se geht. Es gibt ja ganz vie­le ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten, mit einem Chor zu arbei­ten, vom Thea­ter bis zu semi­pro­fes­sio­nel­len Ensem­bles in der frei­en Sze­ne. Und da ist ein Pro­gramm wie ‹Forum Diri­gie­ren› eine wun­der­ba­re Gele­gen­heit für die­se Zwi­schen­schrit­te, die nach dem Stu­di­um feh­len.»

Wie fördert das Forum Dirigieren?

Für den Chor­för­der­zweig stellt der Deut­sche Musik­rat 15 Plät­ze zur Ver­fü­gung, für die man sich bis zum Alter von 30 Jah­ren belie­big oft bewer­ben kann. Zwar klei­ner als der Orches­ter­zweig, ist das Geschlech­ter­ver­hält­nis hier im Unter­schied zum Instru­men­tal­be­reich aus­ge­wo­gen. Wer zum Vor­di­ri­gie­ren ein­ge­la­den und in die ers­te För­der­stu­fe auf­ge­nom­men wird, erhält die Mög­lich­keit, gut zwei Jah­re lang unter Anlei­tung nam­haf­ter Dirigent:innenpersönlichkeiten an Meis­ter­kur­sen mit unter­schied­lichs­ten Chö­ren teil­zu­neh­men, sei­en es Opern‑, Rund­funk- oder auch sehr gute semi­pro­fes­sio­nel­le Chö­re und Kam­mer­chö­re. Zusätz­lich ste­hen soge­nann­te Aka­de­mie­ver­an­stal­tun­gen auf dem Pro­gramm, bei denen es um außer­mu­si­ka­li­sche, aber den­noch berufs­re­le­van­te The­men wie Steu­ern, Musik­recht, Kon­zert­mo­de­ra­ti­on oder Musi­ker­ge­sund­heit geht. «Nicht ganz unwich­tig ist, dass die Stipendiat:innen auch Teil unse­res Netz­werks sind», meint Eva Pegel. «Wir sind auch eine Anlauf­stel­le, stel­len Kon­tak­te her und ver­su­chen, ganz indi­vi­du­ell Din­ge zu ermög­li­chen, zum Bei­spiel Opern­as­sis­ten­zen. Gera­de im Chor­be­reich ist es oft so, dass die jun­gen Leu­te gar nicht so sehr ans Thea­ter wol­len. Man­che sind aber doch im Opern­be­reich gelan­det und haben Blut geleckt, nach­dem sie mal eine Assis­tenz über sechs Wochen mit­ge­macht und eine gan­ze Pro­duk­ti­on erlebt haben.»

Von der Blaskapelle ans Stadttheater: Lucia Birzer über ihre ersten Karriereschritte

Wenn auch ohne vor­he­ri­ge Opern­as­sis­tenz, hat Lucia Bir­zer, Sti­pen­dia­tin in der ers­ten För­der­stu­fe, im Musik­thea­ter der­zeit ihre Auf­ga­be gefun­den. «Ich habe mich selbst ins kal­te Was­ser gewor­fen», erzählt die 28-Jäh­ri­ge lachend. Sie ist seit Sep­tem­ber 2022 Chor­di­rek­to­rin am Thea­ter in Hof, wo sie ein viel­fäl­ti­ges Auf­ga­ben­ge­biet betreut. «Ich bin natür­lich haupt­ver­ant­wort­lich für den zwan­zig­köp­fi­gen Opern­chor, der immer für die fol­gen­de Pro­duk­ti­on ein­stu­diert sein muss. Da ich, wie an klei­ne­ren Thea­tern üblich, kei­ne Assis­tenz habe, muss ich sowohl die Pro­ben lei­ten als auch Kla­vier spie­len.» Auch per­so­nal­mä­ßig ist sie für den Chor ver­ant­wort­lich, orga­ni­siert die Tages­ab­läu­fe bis hin zu den Kos­tüm­an­pro­ben und darf auch Vor­stel­lun­gen im Gra­ben diri­gie­ren. «An grö­ße­ren Häu­sern wäre das wahr­schein­lich nicht mög­lich. Für mich als Berufs­an­fän­ge­rin ist es schön, viel machen zu dür­fen und ver­schie­de­ne Auf­ga­ben ken­nen­zu­ler­nen. Ich diri­gie­re sehr oft auch sze­ni­sche Pro­ben, habe manch­mal Kla­vier­auf­ga­ben und assis­tie­re dem Musik­di­rek­tor bei den gro­ßen Pro­duk­tio­nen.»

Ihr Inter­es­se am Diri­gie­ren zeig­te sich schon früh und war, wie sie sagt, kei­ne «Mein Traum»-Geschichte. «Ich habe immer im Dorf in der Blas­ka­pel­le gespielt, und als ich 14 oder 15 Jah­re alt war und jemand gesucht wur­de, der die Lei­tung über­nimmt, habe ich das auto­ma­tisch gemacht. In der Ober­stu­fe habe ich im musi­schen Gym­na­si­um in Eich­stätt aus mei­ner Jahr­gangs­stu­fe einen Chor zusam­men­ge­setzt, und wir haben bei Schul­kon­zer­ten auch eige­ne Stü­cke auf­ge­führt. » Dass sie nach dem Abitur zunächst in Mün­chen ein Stu­di­um der Schul­mu­sik absol­vier­te, ehe sie an der Hoch­schu­le für Musik Franz Liszt Wei­mar Chor­di­ri­gie­ren stu­dier­te und mit dem Mas­ter abschloss, hält sie im Rück­blick für eine gute Ent­schei­dung. «Ich glau­be, mit 18 wäre ich dafür noch nicht reif genug gewe­sen. Für ein Diri­gier­stu­di­um braucht man viel Vor­be­rei­tung und viel Per­sön­lich­keit.» Als Sti­pen­dia­tin beim «Forum Diri­gie­ren» hat sie bereits an meh­re­ren Mas­ter­clas­ses mit bekann­ten Chordirigent:innen teil­ge­nom­men. «Die Pra­xis­er­fah­rung, die wir sogar mit Rund­funk­chö­ren sam­meln dür­fen, ist sehr wert­voll. Das Ensem­ble singt jeden Tag zusam­men, die Sän­ge­rin­nen und Sän­ger haben sehr, sehr viel Übung und Rou­ti­ne und kor­ri­gie­ren sich manch­mal schon selbst, oder es reicht ein klei­ner Hin­weis.»

Profis und Halbprofis: Herausforderungen der Chorarbeit

Obwohl bei den Stipendiat:innen sehr gefragt, müs­sen Rund­funk­chö­re für den diri­gen­ti­schen Nach­wuchs nicht immer das Non­plus­ul­tra sein. Wenn Georg Grün Mas­ter­clas­ses lei­tet, hat er sein eige­nes Ensem­ble zur Ver­fü­gung, den semi­pro­fes­sio­nel­len Kam­mer­Chor Saar­brü­cken. «Der Deut­sche Musik­rat arbei­tet ja mit ver­schie­de­nen Kolleg:innen und ihren Ensem­bles zusam­men, die alle unter­schied­li­che Struk­tu­ren haben. Das Schö­ne bei dem Gesamt­pro­gramm ist, dass die Sti­pen­dia­ten sich unter­schied­li­che Ensem­bles mit unter­schied­li­chen Ansprü­chen und unter­schied­li­chen Schat­tie­run­gen sowie deren Leiter:innen anschau­en und davon pro­fi­tie­ren kön­nen», ist sei­ne Erfah­rung. «Das Schö­ne an semi­pro­fes­sio­nel­len Ensem­bles ist, dass sie manch­mal fle­xi­bler sind in der Art und Wei­se, sich auf Dirigent:innen ein­zu­las­sen, weil sie stär­ker auf das ange­wie­sen sind, was von vor­ne gezeigt wird, als ein rein pro­fes­sio­nel­les Ensem­ble, das aus sich her­aus ein ganz eige­nes Stan­ding hat und manch­mal aus der Kom­fort­zo­ne nicht so ganz her­aus­kom­men kann oder will.» So kann es pas­sie­ren, dass ein Pro­fichor auf sei­nem Niveau bleibt und bes­ser singt, als die Diri­gent: in es gera­de hin­kriegt. «Mei­ne Erfah­rung in den letz­ten Jah­ren war – und das war auch das Feed­back vie­ler Stipendiat:innen –, dass die Spie­ge­lung bei einem semi­pro­fes­sio­nel­len Chor rea­lis­ti­scher ist, weil das Ensem­ble dann schlecht singt, wenn schlecht gear­bei­tet wird.»

Eine künstlerische Persönlichkeit entwickeln: Chance der zweiten Förderstufe

Im Som­mer endet für Lucia Bir­zer und ihre Kolleg:innen die ers­te För­der­stu­fe. Um in die zwei­te För­de­rung auf­ge­nom­men zu wer­den, steht ein erneu­tes Vor­di­ri­gie­ren an, und nicht alle, son­dern nur rund die Hälf­te wer­den den Sprung schaf­fen. Wem dies aber gelingt, hat in den fol­gen­den zwei Jah­ren die Mög­lich­keit, sei­ne künst­le­ri­sche Per­sön­lich­keit abzu­run­den. «Tech­ni­sche Aspek­te sind dann gar kein The­ma mehr, son­dern die Erwar­tung ist, dass eine künst­le­ri­sche Rei­fe zum Aus­druck kommt», sagt Grün. Zugleich wer­den die Stipendiat:innen auf die Kon­zert­för­de­rungs­lis­te gesetzt, die von der Ver­wer­tungs­ge­sell­schaft für aus­üben­de Künstler:innen und Hersteller:innen (gvl) bezu­schusst wird. «Das bedeu­tet kon­kret, dass Chö­re und Orches­ter einen Zuschuss bean­tra­gen kön­nen, wenn sie Nachwuchsdirigent:innen für Kon­zert­pro­jek­te oder Ein­stu­die­run­gen enga­gie­ren. Es hilft, das Hono­rar für die jun­gen Leu­te etwas auf­zu­sto­cken, und soll Chö­re auch dazu anre­gen, weni­ger bekann­te Namen zu enga­gie­ren, ohne sich um einen finan­zi­el­len Ver­lust sor­gen zu müs­sen», erklärt Eva Pegel.

Der Abschlusspreis ist nicht das Ende

Am Ende der ins­ge­samt vier­jäh­ri­gen För­de­rung steht auto­ma­tisch die Teil­nah­me am Deut­schen Chor­di­ri­gen­ten­preis mit dem RIAS Kam­mer­chor in Ber­lin. Im Okto­ber 2024 wer­den dort drei oder vier Kan­di­dat: innen eine gan­ze Woche lang mit den Pro­fis ein Pro­gramm erar­bei­ten. Wur­de der Gewinn bis­her nur einer Per­son zuge­spro­chen, so steht die­ses Prin­zip der­zeit etwas in Fra­ge, wie Pro­jekt­lei­te­rin Pegel anmerkt. «Wir über­le­gen gera­de, ob wir nicht auch einen 2. und 3. Preis ver­ge­ben sol­len, damit nicht einer oder eine alles bekommt und die ande­ren leer aus­ge­hen. Mit einem gro­ßen Abschluss­kon­zert, zu dem auch Ver­an­stal­ter: innen und Agen­tu­ren ein­ge­la­den wer­den, bie­tet der Deut­sche Musik­rat dem diri­gen­ti­schen Nach­wuchs noch ein­mal eine Platt­form. Auch auf der Kon­zert­för­de­rungs­lis­te blei­ben die Stipendiat:innen noch wei­te­re zwei Jah­re. Denn es ist ja nicht so, dass sie dann plötz­lich im Berufs­le­ben ste­hen, son­dern das ist ein lan­ger Pro­zess. Und da wol­len wir sie noch etwas län­ger­fris­tig beglei­ten.»

Portrait von Friedegard Hürter

Autor:in

Friedegard Hürter

Friedegard Hürter ist Musikwissenschaftlerin, begeisterte Chorsängerin und als Musik- und Kulturjournalistin tätig.

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