Verantwortung, Leidenschaft
Frau Mänd, wenn deutsche Sängerinnen und Sänger in einem estnischen Chor vorbeischauen: Welche Unterschiede würden ihnen auffallen?
Sie bemerken wahrscheinlich zunächst unsere Disziplin. Wir haben eine ausgeprägte Probenkultur und zeigen hohen Respekt gegenüber der musikalischen Leitung. Überraschend ist für viele allerdings unser zurückhaltendes Wesen: Estinnen und Esten singen gern zusammen, treten aber ungern in den Vordergrund, zum Beispiel für Solostellen. Das ist keine Frage fehlenden Zutrauens oder Könnens, sondern der Mentalität. Interessant ist der Widerspruch, dass ein eher introvertiertes Volk ein riesiges Gemeinschaftsereignis wie das Sängerfest entwickelt hat. Vielleicht, weil dort die Nähe nicht privat, sondern kulturell vermittelt ist. Während Corona haben wir über die Abstandsregeln gescherzt, die für uns unangenehm enge Abstände vorsahen. «Was? Wir sollen jetzt auf zwei Meter zusammenrücken?» Und doch stehen beim Sängerfest Zehntausende Schulter an Schulter.
Welche Rolle spielt das Sängerfest heute?
Eine absolut zentrale. Für ein Land mit so «kleiner» Sprache ist es identitätsstiftend. Ein Großteil – circa 70 bis 80 Prozent – der Amateurchöre singt überwiegend estnisches Repertoire: von Veljo Tormis, Gustav Ernesaks, den Komponistinnen und Komponisten des Sängerfestes und natürlich von Arvo Pärt. Professionelle Ensembles sind internationaler aufgestellt, tragen aber bewusst estnische Werke ins Ausland. Unsere Komponist:innen haben Estlands kulturelle Präsenz enorm gestärkt. Viele Dirigentinnen und Dirigenten betrachten es als Verpflichtung, estnische Musik im Gepäck zu haben, wenn sie international arbeiten. Auch ich. Für ein kleines Land ist Kultur immer auch Repräsentation.
Die Rolle der Chöre in Estland
Und aufs Inland geschaut: Welche sozialen Funktionen übernehmen Chöre dort?
Chöre sind Orte radikaler Gleichheit: Kleidung, Einkommen, Herkunft, soziale Lage – das spielt alles keine Rolle. Gerade für Jugendliche, die sich im Schulsystem nicht wohlfühlen oder psychisch belastet sind, kann ein Chor ein stabilisierender, nicht wertender Raum sein. Musik heilt; erst recht, wenn man mit anderen zusammen singt. Das ist angesichts der steigenden seelischen Belastungen junger Menschen Gold wert. Hinzu kommt allerdings die Konkurrenz zu anderen Freizeitangeboten. Kinder und Jugendliche können heute zwischen zahllosen Aktivitäten wählen. Darum hängt die Attraktivität eines Chores stark von der Dirigentin oder dem Dirigenten ab. Das können wir ganz klar sehen: Wo Charisma am Pult steht, sind die Chöre voll – unabhängig von regionalen Umständen und Schwierigkeiten.
Aber auch die Familien spielen sicher eine große Rolle beim Weiterreichen der Chor-«Flamme», oder nicht?
Oh ja, das tun sie! In vielen Familien wird Chorsingen als Selbstverständlichkeit über Generationen hinweg vermittelt und gepflegt. Das weiß ich aus eigener Hand. Mein Großvater hat einen Männerchor geleitet und oft am Sängerfest teilgenommen. Für mich war es nie eine Frage, ob ich das auch tun möchte. Das war Ehrensache und eine große Freude. Schwierig wird es in den Familien allerdings, wenn Eltern – verständlicherweise – versuchen, ihre Kinder möglichst breit zu fördern und jede Woche mit vielen weiteren Verpflichtungen füllen. Dass das möglich ist, ist natürlich wunderbar für die Kinder, aber es belastet vor allem schulische Chöre, die Kontinuität brauchen. Gleichzeitig ist die gesellschaftliche Reichweite des Chorsingens enorm: Jede:r Singende zieht einen Kreis von Angehörigen und Bekannten mit, die das Chorleben miterleben und oft fördern. Eine Studie ermittelte jüngst, dass etwa 86 Prozent unserer Bevölkerung in irgendeiner Form mit dem Sängerfest verbunden sind. Das erklärt, warum dieses Ereignis landesweit eine solche emotionale Wucht hat.
Was zeichnet denn den Gesang selbst im Vergleich zu anderen Ländern aus?
Das fängt schon beim Stimmklang an: klar, direkt, vibratoarm – ein gemeinsames Merkmal im baltischen Raum. Unterschiede sehe ich auch beim Repertoireverständnis. In Deutschland, Frankreich oder Großbritannien sind selbst Amateurchöre stilistisch und historisch breit aufgestellt, mit Klassikern wie Mozart und Bach als selbstverständlichem Bestandteil. In Estland ist das weniger ausgeprägt. Das hängt mit der starken nationalen Ausrichtung zusammen: Viele Chöre singen in erster Linie estnische Musik. Andererseits ist unsere solidere musikalische Grundausbildung außergewöhnlich. Kinder lernen früh, vom Blatt zu singen, Solmisation ist weit verbreitet, und traditionell hatte fast jede Schule einen Chor. Dieses Fundament ist ein kultureller Schatz, doch mittlerweile gefährdet.
Unser Chorleben ist zugleich robust und fragil. Robust, weil unsere Tradition tief wurzelt; fragil, weil die Bedingungen stark variieren und sich die Belastungen an den Schulen zuspitzen.
Und dem wollen Sie mit dem Chorleiterverband vorbeugen? Im dritten Jahr stehen Sie ihm nun vor. Wie sehen Sie die Rolle des Verbands?
Unsere Aufgaben sind breiter gefächert, als man vielleicht zunächst vermuten würde. Wir arbeiten daran, bestehende Strukturen zu stabilisieren und trotzdem notwendige Reformen zügig umzusetzen. Das estnische Chorleben ist zugleich robust und fragil. Robust, weil unsere Tradition so tief wurzelt; fragil, weil die Bedingungen vor Ort stark variieren und sich die Belastungen an den Schulen dramatisch zuspitzen.
Strukturen, Herausforderungen und Hoffnung
Wie kommt das? Wo liegen die strukturellen Spannungen?
Nach der Sowjetzeit war es Estland gelungen, gute Strukturen für Musikkultur und musische Ausbildung zu schaffen. Viele ehemals staatliche Chöre sind zum Vereinswesen übergegangen; die nötigen Vereinsbeiträge sind heute ein Problem für viele. Das Fundament unseres Systems sind allerdings die schulgebundenen Kinder- und Jugendchöre sowie die gemischten Oberstufenchöre. Erst darüber entstehen semiprofessionelle und professionelle Ensembles. Gerade die Schule hat sich inzwischen zum neuralgischen Punkt entwickelt. Viele Musiklehrkräfte möchten keine zusätzlichen Choraufgaben mehr übernehmen, weil die Bezahlung dafür zu niedrig und die zusätzliche Arbeitslast zu hoch ist. Mancherorts findet sich überhaupt keine Musiklehrkraft mehr. Wenn eine Schule schließt, verschwindet auch ihr Chor. Und wenn kleine Schulen zu einer großen zusammengelegt werden, entsteht nicht automatisch ein großer Chor. Auf dem Weg gehen Stimmen verloren. Besonders kritisch ist die Lage in den Grenzregionen, die sich entvölkern.
Wie wirkt sich das langfristig auf die Chorlandschaft aus?
Wir stehen vor einer Generationenlücke. Estland zählt derzeit ungefähr 800 aktive Dirigentinnen und Dirigenten – doch etwa 60 Prozent von ihnen sind bereits älter als 65 Jahre. In zehn bis fünfzehn Jahren wird ein großer Teil von ihnen ausgeschieden sein, und der Nachwuchs ist nicht gesichert. Dieses Problem betrifft allerdings nicht nur das Chorwesen, sondern das gesamte Musik- und Schulsystem. Um gegenzusteuern, haben wir eine Jugendakademie gegründet. Jugendliche, die selbst im Chor singen, begleiten dort ihre Dirigierenden, hospitieren in Proben und bekommen einen realistischen Einblick in das Berufsbild. Wir hoffen, dass einige sich dadurch für das Studium begeistern lassen.
Bei all den genannten Herausforderungen: Wo sehen Sie besondere Chancen?
Die größte Chance liegt in der kulturellen Selbstverständlichkeit des Singens. Für viele Est:innen bildet Chormusik einen Kern unserer Identität. Im Ausland haben unsere Komponist:innen und Ensembles Estland überproportional sichtbar gemacht. Das erfüllt uns mit Stolz, bringt aber auch viel Verantwortung mit sich. Erfreulicherweise wächst das Interesse an gemeinschaftlicher Kultur wieder, wie die steigenden Teilnehmerzahlen beim Sängerfest beweisen. Die Menschen wollen singen, zusammen! Wenn wir die dazu nötigen Strukturen stabilisieren können – bessere Bezahlung, nachhaltige Ausbildung –, dann wird diese Tradition nicht nur überleben, sondern blühen.
Woran arbeiten Sie persönlich im Moment?
Neben den Aufgaben im Verband beschäftigen mich zurzeit natürlich aktuelle Projekte zum Jubiläumsjahr von Arvo Pärt. Und mir liegt es am Herzen, estnische Musik international sichtbarer zu machen. Gleichzeitig versuchen wir, im Inland das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass Kultur kein Selbstläufer ist. Man muss für sie sorgen. Dafür braucht es kontinuierliches Engagement – und Leidenschaft.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Zur Person
Auch als Vorsitzende des Estnischen Chorleiterverbands bleibt die vielfach prämierte Chor- und Orchesterdirigentin Ingrid Mänd am Pult aktiv. Sie leitete u. a. das Nationale Estnische Symphonieorchester und Tallinner Kammerorchester, den Estnischen Nationalen Männerchor, das Symphonieorchester der Königlichen Musikakademie Stockholm, den gemischten Chor HUIK! sowie den Chor des Orchestre de Paris und gründete den Frauenchor Kammerhääled.
