Trans im Chor: Ein Paar und seine Erfahrungen
In der Oper gibt es seit Jahrhunderten Hosenrollen: Eine Frau stellt einen jungen Mann dar, wie in Mozarts «Figaro» den gefühlsverwirrten Cherubino. In «Arabella» von Strauss und Hofmannsthal fließt das Spiel mit den Geschlechtern sogar in die Erzählung ein: Eine Zdenka wird von den Eltern als Zdenko verkleidet, um der Welt einen Sohn vorzugaukeln. Ungewohnt ist es aber doch, wenn ein Mann den Mozart-Knaben verkörpert (und dabei Sopran singt) oder wenn ein Regisseur herausarbeitet, dass das «Mädchen» Zdenka den in einem Streit mit der Schwester geäußerten Wunsch, ein «Bub» zu bleiben, womöglich ernst meint.
Routinierte Opernfans mögen mit den Schultern zucken, aber für Menschen mit Transidentität kann ein Opernhaus ein Glücksraum sein, wie es Orlando Meier-Brix ausdrückt, «ein Ort, wo sich meine Fantasie entfaltet, ein Transutopia». Aber es ist das eine, Althergebrachtes auf der Opernbühne in neuem Licht zu sehen, und es ist ein anderes, eine Identität abseits des Gewohnten in einen Chor einzubringen.
Orlando und Malin Meier-Brix, 26 und 27, seit 2017 ein Paar, seit gut einem halben Jahr verheiratet, wohnhaft in Berlin, sind Chormenschen aus Leidenschaft und singen seit der Jugend. Sie lernten sich bei einem Chorprojekt kennen und wirken in verschiedenen Berliner Chören mit, wobei es sich ergeben hat, dass sie die vokalen Aktivitäten jeweils zwischen einem eher klassisch ausgerichteten, auf Dauer organisierten Chor und einem experimentelleren, diverseren Projektchor aufteilen.
Soll man das Anderssein laut oder leise erklären?
Malin und Orlando wurden in ihren Familien musikalisch geprägt und gefördert. Malin wählte das Gymnasium vor allem wegen des reiselustigen Schulchors aus, und Orlando strebte ein Gesangsstudium an. Sie schulten ihren Sinn für musikalische Qualität durch Wettbewerbsteilnahmen, Konzert- und Opernbesuche und entwickelten einen «Drang, Musik auf hohem Niveau zu betreiben, egal ob im Wohnzimmer oder in der Chorprobe», wie Orlando es ausdrückt.
Auch wenn es in einem Chor primär um die Musik gehen sollte, handelt es sich doch immer um eine Gemeinschaft von unterschiedlichen Menschen, die sich ständig neu austariert. «Je höher die Qualität eines Chores ist, umso traditioneller sind meist seine Strukturen», schätzt Orlando, und das kann problematisch werden. Da ist die allererste Frage, die sich bei jeder Identität, bei jedem Lebensentwurf stellt, der vom Gewohnten abweicht: Soll ich das Anderssein laut erklären oder leise einfließen lassen, oute ich mich ausdrücklich und wenn ja, wie?
«Alles zu erklären, ist mir zu anstrengend», sagt Malin, «wer mich näher kennenlernt, erfährt es sowieso, denn ich bin laut genug!» Orlando ergänzt, vieles ergebe sich von allein im Umgang mit¬einander und in Gesprächen. «Ich habe nie einen ausdrücklich queeren Chor gesucht. Ein schwuler Chor beispielsweise ist supercool, wäre für mich aber nicht das Richtige.» Im ‘HXOS Chor stimmten der musikalische Anspruch und das Gemeinschaftsgefühl, viele im Chor seien queer. «Man muss nicht groß erklären und teilt seine Erfahrungen.» Malin macht im Jassa Oberstimmenchor ähnliche Erfahrungen: «Transthemen sind dort präsenter, wir sind basisdemokratisch organisiert und haben uns bewusst nicht Frauenchor genannt. Aber auch dort bin ich in den meisten Proben die einzige Person, die sich nicht als Frau identifiziert.» Diese Erfahrung – «die einzige Person» zu sein – ziehe sich durch Leben und musikalische Laufbahn.
Das teilen sie gewiss mit vielen Transpersonen, und die für jeden jungen Menschen beinahe lebensnotwendigen Vorbilder sind selten, viel seltener als bei Jugendlichen, die beispielsweise ihre Homosexualität entdecken. Immerhin haben sich Transmenschen, die professionell singen, in den letzten Jahren immer stärker als solche bemerkbar gemacht: Lucia Lucas verkörpert als Transfrau Baritonrollen auf der Opernbühne, Adrian Angelico singt als Transmann Mezzosopranpartien, und Holden Madagame schaffte den Wechsel vom Mezzo zum Tenor. Alle drei geben in vielen Medien sehr ehrliche Auskünfte über ihr neues Leben und den komplizierten Weg dorthin.
«Ich habe nie Hormone genommen, weil sich sonst meine Stimme verändert hätte, und eine schöne Stimme zu haben, ist ein riesengroßer Teil meiner Identität.»
Rücksicht auf die Gesangsstimme war eine große Sache
Wenn man als Transperson mit großem Engagement singt, sei es professionell oder zumindest auch im Chor an Profis orientiert, steht man vor einem besonderen Problem: Wie stark betrifft eine Wandlung die Stimme? «Meine Identität im Chor ist Sopran 2», sagt Malin und gibt damit zu erkennen, dass es vielleicht auch so etwas wie eine vokale Identität gibt. «Bei der Entscheidung zur Transition war das für mich ein ganz wesentlicher Punkt. Ich habe nie Hormone genommen, weil sich sonst meine Stimme verändert hätte, und eine schöne Stimme zu haben, ist ein riesengroßer Teil meiner Identität.» Durch Hormone kommt es zum Stimmbruch: «Wie in der jugendlichen Pubertät ist die Stimmentwicklung nicht vorhersehbar», erklärt Malin. Der Verzicht auf Hormone hat indes eine Schattenseite: «Ich werde durch die hohe Stimme als weiblich wahrgenommen, meine Transidentität wird unsichtbar, das ist bei Orlando anders.»
«Es war für mich ein Glück, dass sich meine Stimme wieder eingependelt hat.»
Die Einnahme von Testosteron hat Orlandos Stimme verändert, und man würde sie wohl inzwischen beim schieren Höreindruck als männlich kategorisieren. Auch für Orlando war die Rücksicht auf die Gesangsstimme eine große Sache und «der wichtigste Punkt meiner Überlegungen. Aber es ging mir psychisch und körperlich irgendwann einfach zu schlecht, um wegen des Singens keine Transition zu machen.» Die Entscheidung, mit dem Singen aufzuhören und auch die beruflichen Pläne aufzugeben, konnte Orlando nach wenigen Jahren revidieren: «Es war für mich ein Glück, dass sich meine Stimme wieder eingependelt hat, und ich finde sie jetzt besser denn je.» Die weitere Einnahme von Testosteron dient dazu, diese Entwicklung nicht zu gefährden. «Ich finde aber auch die körperlichen Veränderungen meist gut und habe meine persönliche Mischung gefunden, von klassisch männlichen Attributen, aber auch androgynen oder weiblichen.»
Flexiblerer Umgang mit Stimmtypen und Stimmfarben
Eine Gewohnheit ist eine Gewohnheit ist eine Gewohnheit. Auch in der Alltagssprache können Gewohnheiten das Leben vereinfachen, aber sie können es für manche Menschen auch erschweren. Bei der Chorprobe wird von Frauen- und Männerstimmen gesprochen, bei der Chorfreizeit wird nach starken Männern zum Ausräumen eines Autos gerufen. Orlando berichtet von einem Chorleiter, der Frauen in Hosen nicht mochte und ihnen deshalb einen langen Rock vorschrieb, so, wie Männer in den meisten Chören zum Sakko verpflichtet werden. Malin findet das inkonsequent: «Die Ansage ‹schwarz und elegant› würde ausreichen.» Orlando vermutet zwar, dass es im Chor allen egal wäre, falls ein Tenor sich für den langen, roten Rock entscheiden würde, der von den Frauen erwartet wird, «aber ich fände es auch gut, wenn man Optionen hat, die nicht geschlechterbezogen sind». Beiden ist klar, dass das Ausschließen oder, wie sie es nennen, Unsichtbarmachen von Transmenschen durch den eingeübten Sprachgebrauch nicht grundsätzlich böse Absicht ist oder unmittelbar Transfeindlichkeit ausdrückt. Ablehnung oder Anfeindungen haben sie in ihren Chören auch nicht erlebt. Es ist ihnen aber ein Anliegen, «dass man einsieht, dass Stimmtypen und Stimmfarben nicht mit einem einzigen biologischen Geschlecht verknüpft sind», sagt Orlando, «und man müsste auch in der Chorliteratur davon wegkommen, dass biologisches gleich soziales Geschlecht ist, dies all unser Handeln und Wahrnehmen bestimmt und sich auch auf die Musik überträgt».
Denn auch der Umgang mit dem Chorrepertoire ist zu einem guten Teil von Gewohnheiten geprägt. Männerchor ist Männerchor – dürfte eine Transfrau mit tiefer Stimme mitsingen? Jungen vor dem Stimmbruch singen womöglich «Frauenstücke» mit, aber würde ein erwachsener Sopranist von einem Ensemble aufgenommen, das sich Frauenchor nennt? Könnte man aus den jeweiligen Stücken heraus Vorbehalte gegen eine solche, gleichsam genderfluide Besetzung begründen, oder geht es in erster Linie um den Klangcharakter eines Werks, dem das in der Regel nicht schaden würde?
Von alten Gewohnheiten zu respektvollem Miteinander
Eine Gewohnheit ist eine Gewohnheit ist … Schluss damit. Vielleicht können gerade Chöre als Gemeinschaften, die sich ohnehin immer wieder neuen Herausforderungen stellen müssen, wenn schon kein Transutopia, so doch eine Art von Laboratorium sein, in dem gesellschaftliche Entwicklungen sich spiegeln und bewähren können. Und so dabei helfen, das Neue im Alltag sichtbar zu machen. «Wir haben unterschiedliche Erfahrungen, wir reden immer wieder darüber», sagen Malin und Orlando. Die Baritonistin Lucia Lucas hat es, anlässlich ihres ersten Wotans im Theater Magdeburg, in einem Interview mit der Magdeburger Volksstimme paradox einleuchtend auf den Punkt gebracht: «Wenn wir darüber sprechen, wird es immer weniger wichtig, und irgendwann ist es vielleicht ganz egal.» Ein Synonym für «egal» ist «gleichgültig», und vielleicht könnte man dieses Wort mit Blick auf diverse Identitäten ausnahmsweise anders schreiben: gleich gültig.