Verantwortung, Leidenschaft

Eine Frau mittleren Alters steht vor einem bunten Hintergrund. Sie trägt eine weiße Bluse, an Kristall erinnernde Ohrringe und einen Seitenscheitel im halblangen, dunklen Haar. Sie lächelt in die Kamera
Die vielfach prämierte Chor- und Orchesterdirigentin Ingrid Mänd ist Vorsitzende des Estnischen Chorleiterverbands © Martin Dremljuga/iseoma

Frau Mänd, wenn deut­sche Sän­ge­rin­nen und Sän­ger in einem est­ni­schen Chor vor­bei­schau­en: Wel­che Unter­schie­de wür­den ihnen auf­fal­len?

Sie bemer­ken wahr­schein­lich zunächst unse­re Dis­zi­plin. Wir haben eine aus­ge­präg­te Pro­ben­kul­tur und zei­gen hohen Respekt gegen­über der musi­ka­li­schen Lei­tung. Über­ra­schend ist für vie­le aller­dings unser zurück­hal­ten­des Wesen: Estin­nen und Esten sin­gen gern zusam­men, tre­ten aber ungern in den Vor­der­grund, zum Bei­spiel für Solo­stel­len. Das ist kei­ne Fra­ge feh­len­den Zutrau­ens oder Kön­nens, son­dern der Men­ta­li­tät. Inter­es­sant ist der Wider­spruch, dass ein eher intro­ver­tier­tes Volk ein rie­si­ges Gemein­schafts­er­eig­nis wie das Sän­ger­fest ent­wi­ckelt hat. Viel­leicht, weil dort die Nähe nicht pri­vat, son­dern kul­tu­rell ver­mit­telt ist. Wäh­rend Coro­na haben wir über die Abstands­re­geln gescherzt, die für uns unan­ge­nehm enge Abstän­de vor­sa­hen. «Was? Wir sol­len jetzt auf zwei Meter zusam­men­rü­cken?» Und doch ste­hen beim Sän­ger­fest Zehn­tau­sen­de Schul­ter an Schul­ter.

Wel­che Rol­le spielt das Sän­ger­fest heu­te?

Eine abso­lut zen­tra­le. Für ein Land mit so «klei­ner» Spra­che ist es iden­ti­täts­stif­tend. Ein Groß­teil – cir­ca 70 bis 80 Pro­zent – der Ama­teur­chö­re singt über­wie­gend est­ni­sches Reper­toire: von Vel­jo Tor­mis, Gus­tav Erne­saks, den Kom­po­nis­tin­nen und Kom­po­nis­ten des Sän­ger­fes­tes und natür­lich von Arvo Pärt. Pro­fes­sio­nel­le Ensem­bles sind inter­na­tio­na­ler auf­ge­stellt, tra­gen aber bewusst est­ni­sche Wer­ke ins Aus­land. Unse­re Komponist:innen haben Est­lands kul­tu­rel­le Prä­senz enorm gestärkt. Vie­le Diri­gen­tin­nen und Diri­gen­ten betrach­ten es als Ver­pflich­tung, est­ni­sche Musik im Gepäck zu haben, wenn sie inter­na­tio­nal arbei­ten. Auch ich. Für ein klei­nes Land ist Kul­tur immer auch Reprä­sen­ta­ti­on.

Die Rolle der Chöre in Estland

Und aufs Inland geschaut: Wel­che sozia­len Funk­tio­nen über­neh­men Chö­re dort?

Chö­re sind Orte radi­ka­ler Gleich­heit: Klei­dung, Ein­kom­men, Her­kunft, sozia­le Lage – das spielt alles kei­ne Rol­le. Gera­de für Jugend­li­che, die sich im Schul­sys­tem nicht wohl­füh­len oder psy­chisch belas­tet sind, kann ein Chor ein sta­bi­li­sie­ren­der, nicht wer­ten­der Raum sein. Musik heilt; erst recht, wenn man mit ande­ren zusam­men singt. Das ist ange­sichts der stei­gen­den see­li­schen Belas­tun­gen jun­ger Men­schen Gold wert. Hin­zu kommt aller­dings die Kon­kur­renz zu ande­ren Frei­zeit­an­ge­bo­ten. Kin­der und Jugend­li­che kön­nen heu­te zwi­schen zahl­lo­sen Akti­vi­tä­ten wäh­len. Dar­um hängt die Attrak­ti­vi­tät eines Cho­res stark von der Diri­gen­tin oder dem Diri­gen­ten ab. Das kön­nen wir ganz klar sehen: Wo Cha­ris­ma am Pult steht, sind die Chö­re voll – unab­hän­gig von regio­na­len Umstän­den und Schwie­rig­kei­ten.

Aber auch die Fami­li­en spie­len sicher eine gro­ße Rol­le beim Wei­ter­rei­chen der Chor-«Flamme», oder nicht?

Oh ja, das tun sie! In vie­len Fami­li­en wird Chor­sin­gen als Selbst­ver­ständ­lich­keit über Gene­ra­tio­nen hin­weg ver­mit­telt und gepflegt. Das weiß ich aus eige­ner Hand. Mein Groß­va­ter hat einen Män­ner­chor gelei­tet und oft am Sän­ger­fest teil­ge­nom­men. Für mich war es nie eine Fra­ge, ob ich das auch tun möch­te. Das war Ehren­sa­che und eine gro­ße Freu­de. Schwie­rig wird es in den Fami­li­en aller­dings, wenn Eltern – ver­ständ­li­cher­wei­se – ver­su­chen, ihre Kin­der mög­lichst breit zu för­dern und jede Woche mit vie­len wei­te­ren Ver­pflich­tun­gen fül­len. Dass das mög­lich ist, ist natür­lich wun­der­bar für die Kin­der, aber es belas­tet vor allem schu­li­sche Chö­re, die Kon­ti­nui­tät brau­chen. Gleich­zei­tig ist die gesell­schaft­li­che Reich­wei­te des Chor­sin­gens enorm: Jede:r Sin­gen­de zieht einen Kreis von Ange­hö­ri­gen und Bekann­ten mit, die das Chor­le­ben mit­er­le­ben und oft för­dern. Eine Stu­die ermit­tel­te jüngst, dass etwa 86 Pro­zent unse­rer Bevöl­ke­rung in irgend­ei­ner Form mit dem Sän­ger­fest ver­bun­den sind. Das erklärt, war­um die­ses Ereig­nis lan­des­weit eine sol­che emo­tio­na­le Wucht hat.

Was zeich­net denn den Gesang selbst im Ver­gleich zu ande­ren Län­dern aus?

Das fängt schon beim Stimm­klang an: klar, direkt, vibra­to­arm – ein gemein­sa­mes Merk­mal im bal­ti­schen Raum. Unter­schie­de sehe ich auch beim Reper­toire­ver­ständ­nis. In Deutsch­land, Frank­reich oder Groß­bri­tan­ni­en sind selbst Ama­teur­chö­re sti­lis­tisch und his­to­risch breit auf­ge­stellt, mit Klas­si­kern wie Mozart und Bach als selbst­ver­ständ­li­chem Bestand­teil. In Est­land ist das weni­ger aus­ge­prägt. Das hängt mit der star­ken natio­na­len Aus­rich­tung zusam­men: Vie­le Chö­re sin­gen in ers­ter Linie est­ni­sche Musik. Ande­rer­seits ist unse­re soli­de­re musi­ka­li­sche Grund­aus­bil­dung außer­ge­wöhn­lich. Kin­der ler­nen früh, vom Blatt zu sin­gen, Sol­mi­sa­ti­on ist weit ver­brei­tet, und tra­di­tio­nell hat­te fast jede Schu­le einen Chor. Die­ses Fun­da­ment ist ein kul­tu­rel­ler Schatz, doch mitt­ler­wei­le gefähr­det.

Unser Chor­le­ben ist zugleich robust und fra­gil. Robust, weil unse­re Tra­di­ti­on tief wur­zelt; fra­gil, weil die Bedin­gun­gen stark vari­ie­ren und sich die Belas­tun­gen an den Schu­len zuspit­zen.

Und dem wol­len Sie mit dem Chor­lei­ter­ver­band vor­beu­gen? Im drit­ten Jahr ste­hen Sie ihm nun vor. Wie sehen Sie die Rol­le des Ver­bands?

Unse­re Auf­ga­ben sind brei­ter gefä­chert, als man viel­leicht zunächst ver­mu­ten wür­de. Wir arbei­ten dar­an, bestehen­de Struk­tu­ren zu sta­bi­li­sie­ren und trotz­dem not­wen­di­ge Refor­men zügig umzu­set­zen. Das est­ni­sche Chor­le­ben ist zugleich robust und fra­gil. Robust, weil unse­re Tra­di­ti­on so tief wur­zelt; fra­gil, weil die Bedin­gun­gen vor Ort stark vari­ie­ren und sich die Belas­tun­gen an den Schu­len dra­ma­tisch zuspit­zen.

Strukturen, Herausforderungen und Hoffnung

Wie kommt das? Wo lie­gen die struk­tu­rel­len Span­nun­gen?

Nach der Sowjet­zeit war es Est­land gelun­gen, gute Struk­tu­ren für Musik­kul­tur und musi­sche Aus­bil­dung zu schaf­fen. Vie­le ehe­mals staat­li­che Chö­re sind zum Ver­eins­we­sen über­ge­gan­gen; die nöti­gen Ver­eins­bei­trä­ge sind heu­te ein Pro­blem für vie­le. Das Fun­da­ment unse­res Sys­tems sind aller­dings die schul­ge­bun­de­nen Kin­der- und Jugend­chö­re sowie die gemisch­ten Ober­stu­fen­chö­re. Erst dar­über ent­ste­hen semi­pro­fes­sio­nel­le und pro­fes­sio­nel­le Ensem­bles. Gera­de die Schu­le hat sich inzwi­schen zum neur­al­gi­schen Punkt ent­wi­ckelt. Vie­le Musik­lehr­kräf­te möch­ten kei­ne zusätz­li­chen Chor­auf­ga­ben mehr über­neh­men, weil die Bezah­lung dafür zu nied­rig und die zusätz­li­che Arbeits­last zu hoch ist. Man­cher­orts fin­det sich über­haupt kei­ne Musik­lehr­kraft mehr. Wenn eine Schu­le schließt, ver­schwin­det auch ihr Chor. Und wenn klei­ne Schu­len zu einer gro­ßen zusam­men­ge­legt wer­den, ent­steht nicht auto­ma­tisch ein gro­ßer Chor. Auf dem Weg gehen Stim­men ver­lo­ren. Beson­ders kri­tisch ist die Lage in den Grenz­re­gio­nen, die sich ent­völ­kern.

Wie wirkt sich das lang­fris­tig auf die Chor­land­schaft aus?

Wir ste­hen vor einer Gene­ra­tio­nen­lü­cke. Est­land zählt der­zeit unge­fähr 800 akti­ve Diri­gen­tin­nen und Diri­gen­ten – doch etwa 60 Pro­zent von ihnen sind bereits älter als 65 Jah­re. In zehn bis fünf­zehn Jah­ren wird ein gro­ßer Teil von ihnen aus­ge­schie­den sein, und der Nach­wuchs ist nicht gesi­chert. Die­ses Pro­blem betrifft aller­dings nicht nur das Chor­we­sen, son­dern das gesam­te Musik- und Schul­sys­tem. Um gegen­zu­steu­ern, haben wir eine Jugend­aka­de­mie gegrün­det. Jugend­li­che, die selbst im Chor sin­gen, beglei­ten dort ihre Diri­gie­ren­den, hos­pi­tie­ren in Pro­ben und bekom­men einen rea­lis­ti­schen Ein­blick in das Berufs­bild. Wir hof­fen, dass eini­ge sich dadurch für das Stu­di­um begeis­tern las­sen.

Bei all den genann­ten Her­aus­for­de­run­gen: Wo sehen Sie beson­de­re Chan­cen?

Die größ­te Chan­ce liegt in der kul­tu­rel­len Selbst­ver­ständ­lich­keit des Sin­gens. Für vie­le Est:innen bil­det Chor­mu­sik einen Kern unse­rer Iden­ti­tät. Im Aus­land haben unse­re Komponist:innen und Ensem­bles Est­land über­pro­por­tio­nal sicht­bar gemacht. Das erfüllt uns mit Stolz, bringt aber auch viel Ver­ant­wor­tung mit sich. Erfreu­li­cher­wei­se wächst das Inter­es­se an gemein­schaft­li­cher Kul­tur wie­der, wie die stei­gen­den Teil­neh­mer­zah­len beim Sän­ger­fest bewei­sen. Die Men­schen wol­len sin­gen, zusam­men! Wenn wir die dazu nöti­gen Struk­tu­ren sta­bi­li­sie­ren kön­nen – bes­se­re Bezah­lung, nach­hal­ti­ge Aus­bil­dung –, dann wird die­se Tra­di­ti­on nicht nur über­le­ben, son­dern blü­hen.

Wor­an arbei­ten Sie per­sön­lich im Moment?

Neben den Auf­ga­ben im Ver­band beschäf­ti­gen mich zur­zeit natür­lich aktu­el­le Pro­jek­te zum Jubi­lä­ums­jahr von Arvo Pärt. Und mir liegt es am Her­zen, est­ni­sche Musik internatio­nal sicht­ba­rer zu machen. Gleich­zei­tig ver­su­chen wir, im Inland das Bewusst­sein dafür zu schär­fen, dass Kul­tur kein Selbst­läu­fer ist. Man muss für sie sor­gen. Dafür braucht es kon­ti­nu­ier­li­ches Enga­ge­ment – und Lei­den­schaft.

Herz­li­chen Dank für das Gespräch!

Zur Per­son
Auch als Vor­sit­zen­de des Est­ni­schen Chor­lei­ter­ver­bands bleibt die viel­fach prä­mier­te Chor- und Orches­ter­di­ri­gen­tin Ingrid Mänd am Pult aktiv. Sie lei­te­te u. a. das Natio­na­le Est­ni­sche Sym­pho­nie­or­ches­ter und Tall­in­ner Kam­mer­or­ches­ter, den Est­ni­schen Natio­na­len Män­ner­chor, das Sym­pho­nie­or­ches­ter der König­li­chen Musik­aka­de­mie Stock­holm, den gemisch­ten Chor HUIK! sowie den Chor des Orchest­re de Paris und grün­de­te den Frau­en­chor Kam­mer­hää­led.

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Portrait von Jens Berger

Autor:in

Jens Berger

Der Autor ist Verfasser des Buchs «111 Gründe, Klassische Musik zu lieben». Er arbeitete als Musikdramaturg für Festivals, Orchester und Chöre und lebt als Redakteur und Autor in München. Dort schreibt er über Klassische Musik und Wissenschaftsthemen und singt Tenor im Chor.

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