Trans im Chor: Ein Paar und seine Erfahrungen

Autor:in

Jürgen Hartmann

Ausgabe

N° 105 | Juni 2023

In der Oper gibt es seit Jahr­hun­der­ten Hosen­rol­len: Eine Frau stellt einen jun­gen Mann dar, wie in Mozarts «Figa­ro» den gefühls­ver­wirr­ten Che­ru­bi­no. In «Ara­bel­la» von Strauss und Hof­manns­thal fließt das Spiel mit den Geschlech­tern sogar in die Erzäh­lung ein: Eine Zden­ka wird von den Eltern als Zden­ko ver­klei­det, um der Welt einen Sohn vor­zu­gau­keln. Unge­wohnt ist es aber doch, wenn ein Mann den Mozart-Kna­ben ver­kör­pert (und dabei Sopran singt) oder wenn ein Regis­seur her­aus­ar­bei­tet, dass das «Mäd­chen» Zden­ka den in einem Streit mit der Schwes­ter geäu­ßer­ten Wunsch, ein «Bub» zu blei­ben, womög­lich ernst meint.

Rou­ti­nier­te Opern­fans mögen mit den Schul­tern zucken, aber für Men­schen mit Tran­si­den­ti­tät kann ein Opern­haus ein Glücks­raum sein, wie es Orlan­do Mei­er-Brix aus­drückt, «ein Ort, wo sich mei­ne Fan­ta­sie ent­fal­tet, ein Trans­uto­pia». Aber es ist das eine, Alt­her­ge­brach­tes auf der Opern­büh­ne in neu­em Licht zu sehen, und es ist ein ande­res, eine Iden­ti­tät abseits des Gewohn­ten in einen Chor ein­zu­brin­gen.

Orlan­do und Malin Mei­er-Brix, 26 und 27, seit 2017 ein Paar, seit gut einem hal­ben Jahr ver­hei­ra­tet, wohn­haft in Ber­lin, sind Chor­men­schen aus Lei­den­schaft und sin­gen seit der Jugend. Sie lern­ten sich bei einem Chor­pro­jekt ken­nen und wir­ken in ver­schie­de­nen Ber­li­ner Chö­ren mit, wobei es sich erge­ben hat, dass sie die voka­len Akti­vi­tä­ten jeweils zwi­schen einem eher klas­sisch aus­ge­rich­te­ten, auf Dau­er orga­ni­sier­ten Chor und einem expe­ri­men­tel­le­ren, diver­se­ren Pro­jekt­chor auf­tei­len.

Soll man das Anderssein laut oder leise erklären?

Malin und Orlan­do wur­den in ihren Fami­li­en musi­ka­lisch geprägt und geför­dert. Malin wähl­te das Gym­na­si­um vor allem wegen des rei­se­lus­ti­gen Schul­chors aus, und Orlan­do streb­te ein Gesangs­stu­di­um an. Sie schul­ten ihren Sinn für musi­ka­li­sche Qua­li­tät durch Wett­be­werbs­teil­nah­men, Kon­zert- und Opern­be­su­che und ent­wi­ckel­ten einen «Drang, Musik auf hohem Niveau zu betrei­ben, egal ob im Wohn­zim­mer oder in der Chor­pro­be», wie Orlan­do es aus­drückt.

Auch wenn es in einem Chor pri­mär um die Musik gehen soll­te, han­delt es sich doch immer um eine Gemein­schaft von unter­schied­li­chen Men­schen, die sich stän­dig neu aus­ta­riert. «Je höher die Qua­li­tät eines Cho­res ist, umso tra­di­tio­nel­ler sind meist sei­ne Struk­tu­ren», schätzt Orlan­do, und das kann pro­ble­ma­tisch wer­den. Da ist die aller­ers­te Fra­ge, die sich bei jeder Iden­ti­tät, bei jedem Lebens­ent­wurf stellt, der vom Gewohn­ten abweicht: Soll ich das Anders­sein laut erklä­ren oder lei­se ein­flie­ßen las­sen, oute ich mich aus­drück­lich und wenn ja, wie?

«Alles zu erklä­ren, ist mir zu anstren­gend», sagt Malin, «wer mich näher ken­nen­lernt, erfährt es sowie­so, denn ich bin laut genug!» Orlan­do ergänzt, vie­les erge­be sich von allein im Umgang mit¬einander und in Gesprä­chen. «Ich habe nie einen aus­drück­lich quee­ren Chor gesucht. Ein schwu­ler Chor bei­spiels­wei­se ist super­cool, wäre für mich aber nicht das Rich­ti­ge.» Im ‘HXOS Chor stimm­ten der musi­ka­li­sche Anspruch und das Gemein­schafts­ge­fühl, vie­le im Chor sei­en que­er. «Man muss nicht groß erklä­ren und teilt sei­ne Erfah­run­gen.» Malin macht im Jas­sa Ober­stim­men­chor ähn­li­che Erfah­run­gen: «Trans­the­men sind dort prä­sen­ter, wir sind basis­de­mo­kra­tisch orga­ni­siert und haben uns bewusst nicht Frau­en­chor genannt. Aber auch dort bin ich in den meis­ten Pro­ben die ein­zi­ge Per­son, die sich nicht als Frau iden­ti­fi­ziert.» Die­se Erfah­rung – «die ein­zi­ge Per­son» zu sein – zie­he sich durch Leben und musi­ka­li­sche Lauf­bahn.
Das tei­len sie gewiss mit vie­len Trans­per­so­nen, und die für jeden jun­gen Men­schen bei­na­he lebens­not­wen­di­gen Vor­bil­der sind sel­ten, viel sel­te­ner als bei Jugend­li­chen, die bei­spiels­wei­se ihre Homo­se­xua­li­tät ent­de­cken. Immer­hin haben sich Trans­men­schen, die pro­fes­sio­nell sin­gen, in den letz­ten Jah­ren immer stär­ker als sol­che bemerk­bar gemacht: Lucia Lucas ver­kör­pert als Trans­frau Bari­ton­rol­len auf der Opern­büh­ne, Adri­an Ange­li­co singt als Trans­mann Mez­zo­so­pran­par­tien, und Hol­den Mada­ga­me schaff­te den Wech­sel vom Mez­zo zum Tenor. Alle drei geben in vie­len Medi­en sehr ehr­li­che Aus­künf­te über ihr neu­es Leben und den kom­pli­zier­ten Weg dort­hin.

«Ich habe nie Hor­mo­ne genom­men, weil sich sonst mei­ne Stim­me ver­än­dert hät­te, und eine schö­ne Stim­me zu haben, ist ein rie­sen­gro­ßer Teil mei­ner Iden­ti­tät.»

Rücksicht auf die Gesangsstimme war eine große Sache

Wenn man als Trans­per­son mit gro­ßem Enga­ge­ment singt, sei es pro­fes­sio­nell oder zumin­dest auch im Chor an Pro­fis ori­en­tiert, steht man vor einem beson­de­ren Pro­blem: Wie stark betrifft eine Wand­lung die Stim­me? «Mei­ne Iden­ti­tät im Chor ist Sopran 2», sagt Malin und gibt damit zu erken­nen, dass es viel­leicht auch so etwas wie eine voka­le Iden­ti­tät gibt. «Bei der Ent­schei­dung zur Tran­si­ti­on war das für mich ein ganz wesent­li­cher Punkt. Ich habe nie Hor­mo­ne genom­men, weil sich sonst mei­ne Stim­me ver­än­dert hät­te, und eine schö­ne Stim­me zu haben, ist ein rie­sen­gro­ßer Teil mei­ner Iden­ti­tät.» Durch Hor­mo­ne kommt es zum Stimm­bruch: «Wie in der jugend­li­chen Puber­tät ist die Stimm­ent­wick­lung nicht vor­her­seh­bar», erklärt Malin. Der Ver­zicht auf Hor­mo­ne hat indes eine Schat­ten­sei­te: «Ich wer­de durch die hohe Stim­me als weib­lich wahr­ge­nom­men, mei­ne Tran­si­den­ti­tät wird unsicht­bar, das ist bei Orlan­do anders.»

«Es war für mich ein Glück, dass sich mei­ne Stim­me wie­der ein­ge­pen­delt hat.»

Die Ein­nah­me von Tes­to­ste­ron hat Orlan­dos Stim­me ver­än­dert, und man wür­de sie wohl inzwi­schen beim schie­ren Hör­ein­druck als männ­lich kate­go­ri­sie­ren. Auch für Orlan­do war die Rück­sicht auf die Gesangs­stim­me eine gro­ße Sache und «der wich­tigs­te Punkt mei­ner Über­le­gun­gen. Aber es ging mir psy­chisch und kör­per­lich irgend­wann ein­fach zu schlecht, um wegen des Sin­gens kei­ne Tran­si­ti­on zu machen.» Die Ent­schei­dung, mit dem Sin­gen auf­zu­hö­ren und auch die beruf­li­chen Plä­ne auf­zu­ge­ben, konn­te Orlan­do nach weni­gen Jah­ren revi­die­ren: «Es war für mich ein Glück, dass sich mei­ne Stim­me wie­der ein­ge­pen­delt hat, und ich fin­de sie jetzt bes­ser denn je.» Die wei­te­re Ein­nah­me von Tes­to­ste­ron dient dazu, die­se Ent­wick­lung nicht zu gefähr­den. «Ich fin­de aber auch die kör­per­li­chen Ver­än­de­run­gen meist gut und habe mei­ne per­sön­li­che Mischung gefun­den, von klas­sisch männ­li­chen Attri­bu­ten, aber auch andro­gy­nen oder weib­li­chen.»

Flexiblerer Umgang mit Stimmtypen und Stimmfarben

Eine Gewohn­heit ist eine Gewohn­heit ist eine Gewohn­heit. Auch in der All­tags­spra­che kön­nen Gewohn­hei­ten das Leben ver­ein­fa­chen, aber sie kön­nen es für man­che Men­schen auch erschwe­ren. Bei der Chor­pro­be wird von Frau­en- und Män­ner­stim­men gespro­chen, bei der Chor­frei­zeit wird nach star­ken Män­nern zum Aus­räu­men eines Autos geru­fen. Orlan­do berich­tet von einem Chor­lei­ter, der Frau­en in Hosen nicht moch­te und ihnen des­halb einen lan­gen Rock vor­schrieb, so, wie Män­ner in den meis­ten Chö­ren zum Sak­ko ver­pflich­tet wer­den. Malin fin­det das inkon­se­quent: «Die Ansa­ge ‹schwarz und ele­gant› wür­de aus­rei­chen.» Orlan­do ver­mu­tet zwar, dass es im Chor allen egal wäre, falls ein Tenor sich für den lan­gen, roten Rock ent­schei­den wür­de, der von den Frau­en erwar­tet wird, «aber ich fän­de es auch gut, wenn man Optio­nen hat, die nicht geschlech­ter­be­zo­gen sind». Bei­den ist klar, dass das Aus­schlie­ßen oder, wie sie es nen­nen, Unsicht­bar­ma­chen von Trans­men­schen durch den ein­ge­üb­ten Sprach­ge­brauch nicht grund­sätz­lich böse Absicht ist oder unmit­tel­bar Trans­feind­lich­keit aus­drückt. Ableh­nung oder Anfein­dun­gen haben sie in ihren Chö­ren auch nicht erlebt. Es ist ihnen aber ein Anlie­gen, «dass man ein­sieht, dass Stimm­ty­pen und Stimm­far­ben nicht mit einem ein­zi­gen bio­lo­gi­schen Geschlecht ver­knüpft sind», sagt Orlan­do, «und man müss­te auch in der Chor­li­te­ra­tur davon weg­kom­men, dass bio­lo­gi­sches gleich sozia­les Geschlecht ist, dies all unser Han­deln und Wahr­neh­men bestimmt und sich auch auf die Musik über­trägt».


Denn auch der Umgang mit dem Chor­re­per­toire ist zu einem guten Teil von Gewohn­hei­ten geprägt. Män­ner­chor ist Män­ner­chor – dürf­te eine Trans­frau mit tie­fer Stim­me mit­sin­gen? Jun­gen vor dem Stimm­bruch sin­gen womög­lich «Frau­en­stü­cke» mit, aber wür­de ein erwach­se­ner Sopra­nist von einem Ensem­ble auf­ge­nom­men, das sich Frau­en­chor nennt? Könn­te man aus den jewei­li­gen Stü­cken her­aus Vor­be­hal­te gegen eine sol­che, gleich­sam gen­der­flui­de Beset­zung begrün­den, oder geht es in ers­ter Linie um den Klang­cha­rak­ter eines Werks, dem das in der Regel nicht scha­den wür­de?

Von alten Gewohnheiten zu respektvollem Miteinander

Eine Gewohn­heit ist eine Gewohn­heit ist … Schluss damit. Viel­leicht kön­nen gera­de Chö­re als Gemein­schaf­ten, die sich ohne­hin immer wie­der neu­en Her­aus­for­de­run­gen stel­len müs­sen, wenn schon kein Trans­uto­pia, so doch eine Art von Labo­ra­to­ri­um sein, in dem gesell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen sich spie­geln und bewäh­ren kön­nen. Und so dabei hel­fen, das Neue im All­tag sicht­bar zu machen. «Wir haben unter­schied­li­che Erfah­run­gen, wir reden immer wie­der dar­über», sagen Malin und Orlan­do. Die Bari­to­nis­tin Lucia Lucas hat es, anläss­lich ihres ers­ten Wotans im Thea­ter Mag­de­burg, in einem Inter­view mit der Mag­de­bur­ger Volks­stim­me para­dox ein­leuch­tend auf den Punkt gebracht: «Wenn wir dar­über spre­chen, wird es immer weni­ger wich­tig, und irgend­wann ist es viel­leicht ganz egal.» Ein Syn­onym für «egal» ist «gleich­gül­tig», und viel­leicht könn­te man die­ses Wort mit Blick auf diver­se Iden­ti­tä­ten aus­nahms­wei­se anders schrei­ben: gleich gül­tig.

Portrait von Jürgen Hartmann

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Jürgen Hartmann

Jürgen Hartmann ist Musikwissenschaftler, arbeitet als Dramaturg bei einem Musikverlag, lebt an der Wesermündung und liebt neben der Musik und dem Gesang seinen Garten.

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