Die Kunst des Schreiens: Stimmbildung und Heavy-Metal-Gesang
Das Erste, was die meisten Menschen machen, wenn sie auf die Welt kommen, ist, einen Metal-Scream loszulassen. Das ist auch zugleich der letzte Scream, über den sich die Eltern freuen», so Metal-Sängerin Britta Görtz. Zugegeben, Kindergeschrei ist in den seltensten Fällen angenehm oder inspirierend, immerhin erreicht es die Lautstärke eines Düsenjets. Doch die Power, mit der Kleinkinder ihren Regungen Ausdruck verleihen, ist gleichermaßen ergreifend wie respekteinflößend. Danach werden wir diszipliniert und verlieren die Fähigkeit, instinktiv unsere Bedürfnisse aus uns herauszuschreien.
Lärmen galt der Menschheit seit jeher als Ausdruck von Unzufriedenheit. Gebrüllt wird meist aus Verdruss – und dann mit Sicherheit nicht kunstvoll. Diese wuchtige Energie und fordernde Unmittelbarkeit wird bewusst in Gesangstechniken beim Hard Rock, Punk und Metal eingesetzt. Während Screams und Shouts Anfang des 20. Jahrhunderts noch als Stilelement bei avantgardistischen Klangexperimenten angewandt wurden, differenzierten sich in den Siebziger- und Achtzigerjahren die harten Stilrichtungen in Subgenres weiter aus. Mit Aufkommen des Thrash Metal erfuhr selbst Hardcore noch eine Steigerung: Nun wurde ganzheitlich gebrüllt und dabei konnte es nicht laut, schnell und aggressiv genug zugehen. Auch die Stimmen bilden die klangliche Komplexität aus verzerrtem Sound, treibenden Tempi und heftigen Rhythmenwechseln ab und verlangen Sänger:innen wie Publikum alles ab. Die Entwicklung des gutturalen Brüllgesangs setzte sich im Death Metal und Black Metal fort. Aus dieser extremen musikalischen Tradition kommt Britta Görtz – eine außergewöhnliche Sängerin, die Harsh Vocals bei ihren Auftritten spielend einsetzt. Seit 25 Jahren steht sie auf der Bühne und hat in diversen Bands gesungen, seit 2020 ist sie Frontfrau der Melodic Death Metal Band Hiraes. Britta war eine der ersten Scream Coaches in Deutschland. In der Extreme-Metal-Szene hat sie ein festes Standing.
Extremer geht es nicht
«Bei Klargesang schwingen die Stimmlippen regulär, Harsh Vocals basieren meist auf irregulärer Stimmlippenschwingung, wie beim Vocal Fry. Diese Trennung finde ich allerdings künstlich, sie ist eine Gedankengrenze und hat nichts damit zu tun, was der Stimmapparat hergibt. Wir kennen ‹Rattle› aus dem Jazz, das ist für mich auch ein Harsh Vocal.» Die brachiale Stimmgewalt bei Growls, Shouts und Screams entsteht nicht von ungefähr. Diese Gesangstechniken brauchen jahrelanges Training, um routiniert und effektiv eingesetzt werden zu können; vor allem, wenn man sich nicht die Stimmbänder ruinieren will. Beim Shouting – zu Deutsch schreien, rufen – kommt die Bruststimme laut und aggressiv zum Einsatz, teils mit gutturalen Elementen. Growling – knurren, grunzen – ist von der Tonhöhe her sehr tief und hört sich an wie das Bellen eines Höllenhundes. Growls entstehen durch die Aktivierung subglottischer Strukturen wie der falschen Stimmlippen (Taschenfalten) und erzeugen einen düsteren, bedrohlichen Klang. Beim Pitch-Screaming kann damit auch melodisch gearbeitet werden. Screaming – schreien, kreischen – ist für die Ohren die anstrengendste Gesangstechnik und kann extreme Höhen erreichen; High-Pitched-Screaming erinnert an das Kreischen einer Flugzeugturbine. Doch Screams sind sehr variabel: Durch Techniken wie Vocal Fry oder False Cord kann vielfach moduliert werden. Beim Fry Screaming wird durch Anspannung der Stimmlippen ein krächzender, verzerrter Ton erzeugt. Die Soundpalette reicht vom Knarren einer alten Tür über das heisere Seufzen eines uralten Geistes bis hin zu weißem Rauschen. Tiefere Frequenzen erreicht man mit False Cords – sie hören sich an wie genervtes oder beleidigtes Grunzen. Durch Vibration der falschen Stimmlippen erwirkt man eine tiefe, rauere Stimmqualität. Dies sind nur einige der bekannten Techniken und Begriffe für Harsh Vocals. «Die Klassik hat sich entschieden, dass sie den tiefen Stimmsitz präferiert. Im Metal brauchen wir alles, hohen und tiefen Stimmsitz, weil wir atonal agieren und ganz viel mit Klangräumen machen müssen. Daher haben Metal-Sänger:innen eine hohe stimmliche Flexibilität.»
Schreien will gelernt sein
Ordentliche Vorbereitung ist wie bei allen Gesangsarten unerlässlich. Wer die eigene Stimme nicht regelmäßig übt und pflegt, läuft Gefahr, dass sie wegbricht. Das gilt besonders für Anfänger:innen. «Man kann zwar viel ausprobieren, doch darf man es nicht übertreiben.» So Ella Kramer, ausgebildete Sängerin und Gesangslehrerin mit einem breiten Stilrepertoire. Auch ihre Leidenschaft gilt den Rough-Vocal-Effects. Sogar ihre Abschlussarbeit im Gesangsstudium hat sie zum Thema Screaming geschrieben. «Ab dem Punkt, wenn die Stimme gut trainiert ist, tut es nicht mehr weh. Es braucht viel Disziplin. Man merkt der Stimme oft an, ob gerade eine Phase mit vielen Live-Konzerten ist oder im Studio. Es ist je eine andere Form von Intensität.» Die Wienerin tritt seit 2018 als Live-Musikerin auf, unterrichtet selbst im Metal und Hardcore und ist mit ihren Bands Burnswell und AYMZ international unterwegs. 2024 leitete sie bei der chor.com einen Workshop zu Metal-Stimmtechniken.
Die beiden Metal-Ladys trennen rund 20 Jahre. Als Ella Kramer ihren ersten Schrei losließ, machte Britta Görtz bereits ihre ersten Band-Erfahrungen. Zum Gesang kam sie relativ spät, mit 26. Sie wuchs auf mit dem Gedanken, sie habe keine gute Stimme. Irgendwann entdeckte sie, dass man auch screamen kann. «Das war quasi meine Befreiung von den mentalen Klammern.» Sie nahm Klargesangsunterricht, musste sich die Metal-Techniken aber selbst beibringen. Ihre Gesangslehrerin äußerte zu Brittas erstem Album, in dem sie noch Klargesang mit Screaming mixte: «Also was du machst, das klingt ganz gut, aber euer Sänger – das ist ja furchtbar!» Als Britta antwortete, sie sei der Sänger, begegnete sie wenig Verständnis. Auch im Chor war sie eine Zeitlang aktiv, das allerdings war eher frustrierend: «Die haben mich in eine Alt-2-Stimme gesteckt und das ist so ziemlich das Langweiligste, was man singen kann.» Dann wurde sie eine der ersten Vocal Coaches für Harsh Vocals, die es gab. Seit 2016 begleitet sie Kolleg:innen, die sich verbessern und ihre Techniken anpassen wollen, sowie Interessierte, die sich ausprobieren wollen. Aber nicht nur Metalheads kommen zu ihr, sondern Sänger:innen aus Klassik, Rock und Pop, Beat Boxer, Jazzer, sogar Logopäd:innen und Voice actors. Der Berliner Metal-Chor Stimmgewalt bucht regelmäßig Workshops. Ihre älteste aktive Schülerin ist 62 Jahre, die meisten sind Anfang 20 oder Anfang 40. Jedes Jahr im Oktober findet in Hannover ihr Harsh Vocal Camp statt – drei Tage Extrem vom Feinsten mit Workshops, Vorträgen und vor allem: viel Power!

Wissenswertes:
Hier geht es zur Webseite der Harsh Vocal School von Britta Görtz: www.harsh-vocal-school.de
Unter www.hiraes.com findet man die Band Hiraes um Frontfrau Britta Görtz.
Ella Kramer ist auf Instagram unter @ella.shouts zu finden und auch der Bühne mit ihrer Band Burnswell.
Fokus: Stimmbild
In der Themenstrecke «Fokus: Stimmbild» beschäftigen wir uns mit den vielfältigen Gegebenheiten, Funktionen und Eigenarten der Stimme. Wir schauen uns anatomische, physiologische und psychologische Zusammenhänge an, verfolgen Methoden der Stimmbildung und Stimmpflege für verschiedene Anwendungsbereiche, fragen nach besonderen Gesangstechniken in ungewöhnlichen oder extremen Musikstilen und beschäftigen uns mit der Stimme als Instrumentarium unserer Intentionen.
Titelbild: ©Paul Verhagen — Britta Görtz steht seit über 20 Jahren als Leadsängerin auf der Bühne. Mit ihrer Band Hiraes erobert sie gerade die Melodic-Death-Metal-Szene.