Stellungswechsel – wie Proben ohne Leerlauf gelingen

Autor:in

Martin Seiler

Ausgabe

N° 129 | März 2026

Geprägt durch mei­ne eige­ne Zeit als Chor­sän­ger ist ein wesent­li­ches Ziel mei­ner Chor­ar­beit, die Pro­ben so effek­tiv und zeit­spa­rend wie mög­lich zu gestal­ten. In mei­ner Erin­ne­rung ging die Hälf­te der Pro­ben­zeit dafür drauf, ande­ren Regis­tern beim Erler­nen ihrer Stim­men zuzu­hö­ren. Mit einer Engels­ge­duld spiel­te der Chor­lei­ter zum Bei­spiel dem Alt oder Tenor gefühl­te Ewig­kei­ten ihre Stel­len vor, bis man dann end­lich wie­der gemein­sam sin­gen konn­te. Gefüllt hat man die­se «War­te­zeit» mit Gesprä­chen über alles Mög­li­che, nur nicht mit Chor­the­men. Kurz gesagt: Mir war oft lang­wei­lig! Einen Groß­teil die­ses Dilem­mas habe ich in den letz­ten 20 Jah­ren damit gelöst, dass alle Arran­ge­ments mitt­ler­wei­le nicht mehr nur in Noten­form, son­dern auch mit gesun­ge­nen Teach-Me-Tracks – auch Übe-MP3s oder Trai­nings­tracks genannt – zur Ver­fü­gung gestellt wer­den und somit die selbst­stän­di­ge Vor­be­rei­tung viel leich­ter gewor­den ist: Man kann nicht nur am Kla­vier mit Noten, son­dern auch im Auto auf dem Weg zur Arbeit üben. Trotz­dem bin ich immer noch dabei, einen Pro­ben­ab­lauf zu fin­den, der die Zeit des gemein­sa­men Sin­gens maxi­mal erhöht und die Zeit des Sin­gens mit ein­zel­nen Stim­men auf ein Mini­mum redu­ziert. Mei­nen momen­ta­nen Stand der Din­ge möch­te ich hier mal als Denk­an­stoß und ger­ne auch als Dis­kus­si­ons­grund­la­ge vor­stel­len.

In mei­nen Chor­pro­ben haben sich drei Auf­stel­lun­gen eta­bliert, die bei der Ein­stu­die­rung jedes Songs in irgend­ei­ner Pha­se zum Ein­satz kom­men:

Level 1 Hier sit­zen alle Sän­ge­rin­nen und Sän­ger von hoch nach tief neben­ein­an­der. Nicht nur in Stimm­grup­pen, son­dern sogar inner­halb der Stimm­grup­pen mög­lichst von hoch nach tief sor­tiert. Ein Sopran, der ger­ne auch mal tie­fer aus­hilft, sitzt also nah beim Alt, wäh­rend eine Altis­tin, die auch mal im Tenor aus­hel­fen kann, an der Gren­ze zum Tenor sitzt; eben­so wie ein Bari­ton, der auch mal nach oben aus­hel­fen kann. Die­se Auf­stel­lung hilft mir, mei­ne Songs «ein­zu­rich­ten». Gera­de in mei­nem zen­tra­len Bereich, der Pop- und Jazz-Chor­lei­tung, ver­schwim­men die Gren­zen der klas­si­schen Stimm­grup­pen immer mehr, und wenn Melo­dien zum Bei­spiel im Mez­zo­so­pran, Alt oder Tenor lie­gen, kann man die­se pri­ma prä­sen­ter machen, indem man sich von den benach­bar­ten Stimm­grup­pen ein paar Stim­men borgt. So ist es bei Greg is back etwa kei­ne Sel­ten­heit, dass eine Melo­die in der «drit­ten Stim­me» – ich nen­ne sie bewusst nicht «Alt» – von Män­nern und Frau­en uni­so­no gesun­gen wird. Die­se Auf­stel­lung erleich­tert mir die­se Arbeit mit mei­ner Farb­pa­let­te an Stim­men unge­mein, weil ich sie wie eine Kla­vier­tas­ta­tur von tief bis hoch sor­tiert vor mir habe. Auch den Sän­ge­rin­nen macht es oft Spaß, nicht auf eine Stim­me fest­ge­legt zu sein, son­dern sich als Teil die­ses Kon­ti­nu­ums allen sei­nen ein­an­der über­lap­pen­den Mög­lich­kei­ten zu begrei­fen. Die­se Auf­stel­lung kommt als eigent­lich immer zu Beginn der Arbeit an einem neu­en Song zum Ein­satz.

Nach zwei oder drei Durch­läu­fen klä­ren sich vie­le Pro­blem­stel­len von ganz allei­ne.

Level 2 Die­se Auf­stel­lung erle­be ich in ande­ren Chö­ren sehr sel­ten, sie ist aber ein abso­lut zen­tra­ler Bestand­teil mei­nes Kon­zepts. Die Stimm­grup­pen stel­len sich hier in eige­ne Krei­se. Bei einem SMATB-Arran­ge­ment ste­hen dann also fünf sepa­ra­te Krei­se im Raum. In die­ser Auf­stel­lung wird das Stück jetzt sofort mehr­stim­mig gesun­gen. Die Auf­ga­be für jede Stimm­grup­pe besteht dar­in, den jewei­li­gen Part mög­lichst kom­plett zu schaf­fen, egal, ob es schon jede ein­zel­ne Sän­ge­rin kann oder nicht. Der grup­pen­dy­na­mi­sche Pro­zess, der dabei in Gang kommt und sich im Lau­fe der Zeit immer mehr ver­fei­nert, ist dra­ma­tisch: In den Stimm­grup­pen eta­blie­ren sich «Co-Chor­lei­ter», die den schwä­che­ren Sänger:innen durch das Stück hel­fen. Das kön­nen auch durch­aus meh­re­re Per­so­nen sein – gera­de im Pop hat man dann oft rhyth­misch sehr ver­sier­te Ein­zel­kön­ner oder auch her­vor­ra­gen­de Blatt­le­ser. Nach zwei oder drei Durch­läu­fen klä­ren sich dann vie­le Pro­blem­stel­len von ganz allei­ne – und das in allen Stim­men gleich­zei­tig! Mei­ne Auf­ga­be als Chor­lei­ter besteht dann dar­in, den jeweils schwächs­ten Grup­pen ein wenig zu hel­fen: Mal ste­he ich mit beim Tenor, mal spie­le ich mit dem Kla­vier an bestimm­ten Stel­len Stim­men mit, mal klat­sche ich nur Vier­tel für die Syn­chro­ni­zi­tät. Gera­de im Jugend­chor-Bereich habe ich damit her­vor­ra­gen­de Erfah­run­gen gemacht: Die Pro­ben­ge­schwin­dig­keit steigt rapi­de an, das Zusam­men­ge­hö­rig­keits­ge­fühl und der Team­geist inner­halb der Stimm­grup­pen wächst, die Eigen­ver­ant­wor­tung steigt und aus schüch­ter­nen, aber hoch­mu­si­ka­li­schen Mäd­chen wer­den ech­te Füh­rungs­per­so­nen. Die Kids mer­ken sehr schnell, an wem sie sich ori­en­tie­ren kön­nen und wer topp vor­be­rei­tet ist. Level 2 ist mei­ne Haupt-Chor­auf­stel­lung für das Ein­stu­die­ren von Noten. Selbst wenn ich mal mit einer Stimm­grup­pe allein arbei­ten muss, blei­ben wir in die­ser Kreis­auf­stel­lung.

Ist der Song auf­tritts­reif, stel­le ich den Chor in zwei mög­lichst gleich star­ken Grup­pen ein­an­der gegen­über, und wir sin­gen uns das Ergeb­nis gegen­sei­tig vor: So kann jedes Chor­mit­glied auch ein­mal zuhö­ren.

Level 3 Das ist unse­re Kon­zertauf­stel­lung. Je nach Chor ist das eine gemisch­te, halb­ge­misch­te oder sor­tier­te Auf­stel­lung, jedoch nie­mals eine Auf­stel­lung mit den Män­nern hin­ten. Die Stimm­grup­pen sind in jedem Fall gleich­be­rech­tigt neben­ein­an­der. In die­ser Auf­stel­lung wird jetzt an der Dyna­mik und dem Aus­druck gefeilt, und die Auf­merk­sam­keit ist jetzt wie­der bei mir als Chor­lei­ter. Stel­le ich Pro­ble­me mit Noten fest, wech­seln wir sofort zurück zu Level 2. Ist der Song auf­tritts­reif, stel­le ich den Chor in zwei mög­lichst gleich star­ken Grup­pen ein­an­der gegen­über, und wir sin­gen uns das Ergeb­nis gegen­sei­tig vor: So kann jedes Chor­mit­glied auch ein­mal zuhö­ren und selbst kri­tisch reflek­tie­ren, inwie­weit wir schon ein hörens­wer­tes Ergeb­nis erzielt haben. Die jeweils sin­gen­de Hälf­te hat den Auf­trag, den Zuhö­rern in die Augen zu sehen und wirk­lich für sie zu sin­gen. Somit wird auch gleich die Kon­takt­auf­nah­me mit dem Publi­kum geübt.

Mei­ner Mei­nung nach wird die­ses The­ma in vie­len Chö­ren mas­siv unter­schätzt. Eine Chor­auf­stel­lung wie in alten Klas­sen­zim­mern mit 6 Rei­hen und dem Chor­lei­ter fron­tal davor ist so ziem­lich die schlech­tes­te Alter­na­ti­ve. Sit­zen dann noch die flei­ßigs­ten und bes­ten in der ers­ten Rei­he, haben die hin­te­ren gar nichts davon und blei­ben abge­hängt. Gelun­ge­ne Auf­stel­lungs­va­ri­an­ten kön­nen die gegen­sei­ti­ge Wert­schät­zung, das Zusam­men­wach­sen und das Her­aus­bil­den eines intel­li­gen­ten und resi­li­en­ten Cho­res mas­siv stär­ken und die Pro­ben­ar­beit um ein Viel­fa­ches beschleu­ni­gen. Dabei bin ich immer gespannt auf Tipps von Kol­le­gen, die viel­leicht mit wie­der neu­en Ideen kom­men.

Wie ver­mei­den Sie Pro­ben-Leer­lauf? Mit wel­chen Tricks kommt Ihr Chor in Ziel? Schrei­ben Sie uns!

feedback@chorzeit.de

Portrait von Martin Seiler

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Martin Seiler

Martin Seiler ist Sänger und Arrangeur der A-cappella-Gruppe Cash-n-go, leitet das A-cappella-Ensemble magpie alley sowie den Popchor Greg is Back, betreibt ein Tonstudio und arbeitet als Coach.

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