Stellungswechsel – wie Proben ohne Leerlauf gelingen
Geprägt durch meine eigene Zeit als Chorsänger ist ein wesentliches Ziel meiner Chorarbeit, die Proben so effektiv und zeitsparend wie möglich zu gestalten. In meiner Erinnerung ging die Hälfte der Probenzeit dafür drauf, anderen Registern beim Erlernen ihrer Stimmen zuzuhören. Mit einer Engelsgeduld spielte der Chorleiter zum Beispiel dem Alt oder Tenor gefühlte Ewigkeiten ihre Stellen vor, bis man dann endlich wieder gemeinsam singen konnte. Gefüllt hat man diese «Wartezeit» mit Gesprächen über alles Mögliche, nur nicht mit Chorthemen. Kurz gesagt: Mir war oft langweilig! Einen Großteil dieses Dilemmas habe ich in den letzten 20 Jahren damit gelöst, dass alle Arrangements mittlerweile nicht mehr nur in Notenform, sondern auch mit gesungenen Teach-Me-Tracks – auch Übe-MP3s oder Trainingstracks genannt – zur Verfügung gestellt werden und somit die selbstständige Vorbereitung viel leichter geworden ist: Man kann nicht nur am Klavier mit Noten, sondern auch im Auto auf dem Weg zur Arbeit üben. Trotzdem bin ich immer noch dabei, einen Probenablauf zu finden, der die Zeit des gemeinsamen Singens maximal erhöht und die Zeit des Singens mit einzelnen Stimmen auf ein Minimum reduziert. Meinen momentanen Stand der Dinge möchte ich hier mal als Denkanstoß und gerne auch als Diskussionsgrundlage vorstellen.
In meinen Chorproben haben sich drei Aufstellungen etabliert, die bei der Einstudierung jedes Songs in irgendeiner Phase zum Einsatz kommen:
Level 1 Hier sitzen alle Sängerinnen und Sänger von hoch nach tief nebeneinander. Nicht nur in Stimmgruppen, sondern sogar innerhalb der Stimmgruppen möglichst von hoch nach tief sortiert. Ein Sopran, der gerne auch mal tiefer aushilft, sitzt also nah beim Alt, während eine Altistin, die auch mal im Tenor aushelfen kann, an der Grenze zum Tenor sitzt; ebenso wie ein Bariton, der auch mal nach oben aushelfen kann. Diese Aufstellung hilft mir, meine Songs «einzurichten». Gerade in meinem zentralen Bereich, der Pop- und Jazz-Chorleitung, verschwimmen die Grenzen der klassischen Stimmgruppen immer mehr, und wenn Melodien zum Beispiel im Mezzosopran, Alt oder Tenor liegen, kann man diese prima präsenter machen, indem man sich von den benachbarten Stimmgruppen ein paar Stimmen borgt. So ist es bei Greg is back etwa keine Seltenheit, dass eine Melodie in der «dritten Stimme» – ich nenne sie bewusst nicht «Alt» – von Männern und Frauen unisono gesungen wird. Diese Aufstellung erleichtert mir diese Arbeit mit meiner Farbpalette an Stimmen ungemein, weil ich sie wie eine Klaviertastatur von tief bis hoch sortiert vor mir habe. Auch den Sängerinnen macht es oft Spaß, nicht auf eine Stimme festgelegt zu sein, sondern sich als Teil dieses Kontinuums allen seinen einander überlappenden Möglichkeiten zu begreifen. Diese Aufstellung kommt als eigentlich immer zu Beginn der Arbeit an einem neuen Song zum Einsatz.
Nach zwei oder drei Durchläufen klären sich viele Problemstellen von ganz alleine.
Level 2 Diese Aufstellung erlebe ich in anderen Chören sehr selten, sie ist aber ein absolut zentraler Bestandteil meines Konzepts. Die Stimmgruppen stellen sich hier in eigene Kreise. Bei einem SMATB-Arrangement stehen dann also fünf separate Kreise im Raum. In dieser Aufstellung wird das Stück jetzt sofort mehrstimmig gesungen. Die Aufgabe für jede Stimmgruppe besteht darin, den jeweiligen Part möglichst komplett zu schaffen, egal, ob es schon jede einzelne Sängerin kann oder nicht. Der gruppendynamische Prozess, der dabei in Gang kommt und sich im Laufe der Zeit immer mehr verfeinert, ist dramatisch: In den Stimmgruppen etablieren sich «Co-Chorleiter», die den schwächeren Sänger:innen durch das Stück helfen. Das können auch durchaus mehrere Personen sein – gerade im Pop hat man dann oft rhythmisch sehr versierte Einzelkönner oder auch hervorragende Blattleser. Nach zwei oder drei Durchläufen klären sich dann viele Problemstellen von ganz alleine – und das in allen Stimmen gleichzeitig! Meine Aufgabe als Chorleiter besteht dann darin, den jeweils schwächsten Gruppen ein wenig zu helfen: Mal stehe ich mit beim Tenor, mal spiele ich mit dem Klavier an bestimmten Stellen Stimmen mit, mal klatsche ich nur Viertel für die Synchronizität. Gerade im Jugendchor-Bereich habe ich damit hervorragende Erfahrungen gemacht: Die Probengeschwindigkeit steigt rapide an, das Zusammengehörigkeitsgefühl und der Teamgeist innerhalb der Stimmgruppen wächst, die Eigenverantwortung steigt und aus schüchternen, aber hochmusikalischen Mädchen werden echte Führungspersonen. Die Kids merken sehr schnell, an wem sie sich orientieren können und wer topp vorbereitet ist. Level 2 ist meine Haupt-Choraufstellung für das Einstudieren von Noten. Selbst wenn ich mal mit einer Stimmgruppe allein arbeiten muss, bleiben wir in dieser Kreisaufstellung.
Ist der Song auftrittsreif, stelle ich den Chor in zwei möglichst gleich starken Gruppen einander gegenüber, und wir singen uns das Ergebnis gegenseitig vor: So kann jedes Chormitglied auch einmal zuhören.
Level 3 Das ist unsere Konzertaufstellung. Je nach Chor ist das eine gemischte, halbgemischte oder sortierte Aufstellung, jedoch niemals eine Aufstellung mit den Männern hinten. Die Stimmgruppen sind in jedem Fall gleichberechtigt nebeneinander. In dieser Aufstellung wird jetzt an der Dynamik und dem Ausdruck gefeilt, und die Aufmerksamkeit ist jetzt wieder bei mir als Chorleiter. Stelle ich Probleme mit Noten fest, wechseln wir sofort zurück zu Level 2. Ist der Song auftrittsreif, stelle ich den Chor in zwei möglichst gleich starken Gruppen einander gegenüber, und wir singen uns das Ergebnis gegenseitig vor: So kann jedes Chormitglied auch einmal zuhören und selbst kritisch reflektieren, inwieweit wir schon ein hörenswertes Ergebnis erzielt haben. Die jeweils singende Hälfte hat den Auftrag, den Zuhörern in die Augen zu sehen und wirklich für sie zu singen. Somit wird auch gleich die Kontaktaufnahme mit dem Publikum geübt.
Meiner Meinung nach wird dieses Thema in vielen Chören massiv unterschätzt. Eine Choraufstellung wie in alten Klassenzimmern mit 6 Reihen und dem Chorleiter frontal davor ist so ziemlich die schlechteste Alternative. Sitzen dann noch die fleißigsten und besten in der ersten Reihe, haben die hinteren gar nichts davon und bleiben abgehängt. Gelungene Aufstellungsvarianten können die gegenseitige Wertschätzung, das Zusammenwachsen und das Herausbilden eines intelligenten und resilienten Chores massiv stärken und die Probenarbeit um ein Vielfaches beschleunigen. Dabei bin ich immer gespannt auf Tipps von Kollegen, die vielleicht mit wieder neuen Ideen kommen.
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