So klingt der Frühling!

Autor:in

Henriette Schwarz

Ausgabe

N° 114 | April 2024

Spä­tes­tens Ende März fängt es an: Die Tage wer­den län­ger und wär­mer, auf den Wie­sen blitzt das ers­te Grün her­vor und an Bäu­men und Sträu­chern sprie­ßen zar­te Knos­pen. Und wie jedes Jahr um die­se Zeit höre ich ihn auch jetzt wie­der, den Ruf der Natur, der mir sagt: Die gemüt­li­che Couch­zeit ist vor­bei, geh gefäl­ligst an die fri­sche Luft und reak­ti­vie­re dei­ne Sozi­al­kon­tak­te! Da bin ich anschei­nend nicht die Ein­zi­ge. Kaum zei­gen sich die ers­ten Son­nen­strah­len, wol­len sich Hinz und Kunz drau­ßen tref­fen, weil «das Wet­ter so schön ist». Der Früh­ling setzt mich unter Druck, ich emp­fin­de Früh­lings­stress! Und was in die­ser Situa­ti­on garan­tiert nicht hilft, sind die unzäh­li­gen Lie­der, in denen freu­dig gewan­dert, gepflückt oder gezwit­schert wird, aber wie­der mal nie­mand über sei­ne Angst vor Asia­ti­schen Tiger­mü­cken singt. Die­se gan­ze Sache mit der Natur wird in vie­len Chor­wer­ken mei­ner Mei­nung nach ein­fach zu unre­flek­tiert betrach­tet.

Schwärmender Schöpfungsgesang

Schön­heit der Schöp­fung: Pfau im Abend­licht © Tashmetova808

Die pene­tran­te Schwär­me­rei über Flo­ra und Fau­na ging schon früh los. So preist zum Bei­spiel der «Can­ti­co del­le Crea­tu­re» (Son­nen­ge­sang) von Franz von Assi­si aus dem 13. Jahr­hun­dert die Schön­heit der Schöp­fung mit all ihren Facet­ten und Ele­men­ten. Hier heißt es: «Gelobt seist Du, mein Gott, mit allem, was Du erschaf­fen hast.» Ähm, ich will ja nichts sagen, aber hat der Hei­li­ge Fran­zis­kus je einen Nackt­mull gese­hen? Oder einen Grot­ten­olm? Mei­ne liebs­te Ver­to­nung des «Son­nen­ge­sangs» ist die Ver­si­on von Petr Eben (1929 – 2007) für gemisch­ten Chor a cap­pel­la. Sie ver­wen­det zum Glück die umbri­sche Ori­gi­nal­spra­che, was mei­ne gedank­li­chen Abschwei­fun­gen beim Sin­gen wei­test­ge­hend im Zaum hält. Der cools­te Part ist die letz­te Stro­phe. Da geht es um den Tod. «Den Tod des Lei­bes, dem kein Leben­der ent­rin­nen kann» – mit ange­mes­se­ner Dra­ma­tik stei­gert sich der Chor­satz hier in immer inten­si­ve­re Stac­ca­to-Rhyth­men, die sich schließ­lich in einem nach­ge­ahm­ten Echo­ef­fekt ent­la­den. Lie­be ich!

Bedrückendes Naturlied

Doch zurück zum Früh­ling. Zu den abso­lu­ten Klas­si­kern der Natur-Chor­li­te­ra­tur, die immer wie­der in Früh­lings­kon­zer­ten auf dem Pro­gramm ste­hen, zäh­len Felix Men­dels­sohns «Sechs Lie­der im Frei­en zu sin­gen» op. 59. Gleich das ers­te Lied, «Im Grü­nen» nach einem Text von Hel­mi­ne von Ché­zy, ist für mich ein rich­ti­ger Wolf im Men­dels­sohn­spelz. Der hei­te­re Rhyth­mus, die ein­gän­gi­ge, fröh­lich-jauch­zen­de Melo­die … da wäre man bei­na­he geneigt, zu einem klei­nen Spa­zier­gang auf­zu­bre­chen. Fast hat­te der Felix mich soweit! Aber ach­ten Sie mal genau auf den Text. Da steht doch tat­säch­lich: «Im Grü­nen da geht alles gut, was je das Herz bedrückt» – Fake News. Roman­ti­sche Ver­klä­rung schön und gut, aber das holt mein Klas­sen­fahrt-Trau­ma wie­der hoch: Ich habe mich damals in der tsche­chi­schen Ein­öde ohne Orts­kennt­nis und Han­dy­emp­fang ver­lau­fen und bin stun­den­lang im Wald her­um­ge­irrt. Das bedrück­te mein Herz schon etwas, muss ich sagen. Und die Zecken erst! Lied Num­mer drei «Abschied vom Wal­de» ist da schon eher was für mich.

Risi­ko­freie Natur­er­fah­rung: Son­nen­licht in den eige­nen vier Wän­den © Car­lo­ta Grau

Schnulziges Madrigal

Neben der Natur gibt es noch ein zwei­tes The­ma, das untrenn­bar mit der Früh­lings­zeit ver­bun­den ist: die Lie­be. Ich weiß ja nicht, wie Sie die soge­nann­ten Früh­lings­ge­füh­le wahr­neh­men, aber ich bemer­ke sie vor allem dadurch, dass mich nun wie­der mehr Män­ner bei Tin­der zu «einem Späti-Bier und Net­flix» ein­la­den. Des­halb ist mein Ver­hält­nis zu Lie­bes­lie­dern auch etwas zwie­ge­spal­ten. Ein Bei­spiel: Orlan­do di Las­sos «Ich lie­be dich», ein süßes, schnul­zi­ges Madri­gal aus dem 16. Jahr­hun­dert und eines der popu­lärs­ten Chor­wer­ke zum The­ma Lie­be. Ich muss geste­hen, dass ich eigent­lich eine gro­ße Schwä­che für die­ses Stück habe. Das inten­si­ve, wie­der­keh­ren­de Anfangs­mo­tiv, das den natür­li­chen Sprach­duk­tus (in der Ori­gi­nal­spra­che übri­gens «Je l’aime bien») ein­fach per­fekt in die Musik trans­por­tiert, berührt mich jedes Mal. Oder die lan­gen Kolo­ra­tu­ren auf dem Wort «Leben», die für mich den Wunsch aus­drü­cken, dass die besun­ge­ne Lie­be bis ans Ende aller Tage bestehen möge. Das Pro­blem ist nur: Es macht mich gleich­zei­tig so ver­dammt wütend! Ich will auch so ein Lied geschrie­ben bekom­men! Was hat die­se Frau, was ich nicht habe? Was, Orlan­do, was?! Puh, durch­at­men. Um wie­der run­ter­zu­kom­men, höre ich gern Johan­nes Brahms’ Lied «All mei­ne Herz­ge­dan­ken» nach einem Gedicht von Paul Heyse. Dar­in ver­ar­bei­tet ein Lie­ben­der die schmerz­haf­te Tren­nung von sei­ner Ange­be­te­ten, das beru­higt mich.

Erotische Motette

Apro­pos Früh­lings­ge­füh­le, wie sexy fin­den Sie eigent­lich Tho­mas Tal­lis (1505 – 1585)? Dar­über haben Sie noch nie nach­ge­dacht? Dann ist jetzt ein guter Zeit­punkt dafür. Denn Tal­lis, genau­er gesagt sei­ne 40-stim­mi­ge (Viel Spaß beim Pro­ben!) Motet­te «Spem in ali­um», hat es sogar auf den Sound­track der wohl bekann­tes­ten Ero­tik-Gro­schen­ro­man-Ver­fil­mung über­haupt, «Fif­ty Shades of Grey», geschafft. Das Stück ist zu hören, als Prot­ago­nist Chris­ti­an Grey sich mit Ana­sta­sia in sei­nem «Spiel­zim­mer» ver­gnügt. Lei­der konn­te ich die Sze­ne trotz gründ­li­cher You­Tube-Recher­che nicht fin­den – scha­de. Ich hät­te Ihnen, aus rein musik­wis­sen­schaft­li­chem Inter­es­se natür­lich, gern detail­liert beschrie­ben, wie die Musik die Film­hand­lung aus­deu­tet. So müs­sen wir unse­rer Fan­ta­sie frei­en Lauf las­sen. Viel­leicht hilft die­se kur­ze Zusam­men­fas­sung des Stücks: Es beginnt sanft und ruhig, wird aber schnell inten­si­ver und stei­gert sich immer wei­ter, abge­se­hen von ein paar klei­nen Durch­hän­gern. Der Höhe­punkt kommt dann ein biss­chen plötz­lich. Und nach etwa zehn Minu­ten ist auch alles schon wie­der vor­bei.

Schamloses Volkslied

Wo kein Gras, da kein «mey­en» – oder doch? Strand­korb an der Ost­see © Diet­mar Rabich

Eigent­lich hät­te auch das Volks­lied «Es wollt ein Mey­er mey­en» gut zum ero­ti­schen Film-Sound­track gepasst. Dar­in geht es näm­lich ein­deu­tig zwei­deu­tig zur Sache. «Sein Sen­se­lein tät er wet­zen drey­mal in einer Stund. Da war das Mägd­lein fröh­lich das er gut mey­en kund» – Sie ahnen es, damit ist nicht wirk­lich das «Mey­en» (Mähen) gemeint. Span­nend ist, dass sich der über­lie­fer­te Text im Lau­fe der Zeit ver­än­dert hat. In der ursprüng­li­chen Ver­si­on von etwa 1560 wur­de noch die männ­li­che Sicht beschrie­ben, wäh­rend es in spä­te­ren Fas­sun­gen die Frau ist, die den Mann aktiv dazu auf­for­dert, ihr näher zu kom­men: «Mein Mey­er soll tu blei­ben, den gan­zen Som­mer lang!». You go, girl! Sehr bedau­er­lich, dass das Lied heut­zu­ta­ge recht unbe­kannt ist, obwohl es in den 1970ern offen­bar ein klei­nes Revi­val durch das sym­pa­thi­sche Duo Zupf­gei­gen­han­sel gab. Ein Chor­satz davon scheint lei­der (noch) nicht zu exis­tie­ren, dabei wäre das bestimmt der Hit bei jedem Früh­lings­kon­zert. Vor­schlag an die Chor­zeit-Redak­ti­on: Den Kom­po­si­ti­ons­wett­be­werb «Wer mey­ert am bes­ten» aus­ru­fen!

Lie­be Leser:innen, ich hof­fe, Ihnen haben mei­ne Reper­toire-Tipps gefal­len. Wie bit­te, was höre ich da? Das waren gar kei­ne rich­ti­gen Tipps und außer­dem lie­ben Sie den Früh­ling? OK. Viel Spaß mit der Asia­ti­schen Tiger­mü­cke.

Portrait von Henriette Schwarz

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Henriette Schwarz

Henriette Schwarz ist Musikwissenschaftlerin und arbeitet beim DCV in der Öffentlichkeitsarbeit. Sie schreibt oft humorvoll über die facettenreichen Seiten des Chorsingens.

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