So klingt der Frühling!
Spätestens Ende März fängt es an: Die Tage werden länger und wärmer, auf den Wiesen blitzt das erste Grün hervor und an Bäumen und Sträuchern sprießen zarte Knospen. Und wie jedes Jahr um diese Zeit höre ich ihn auch jetzt wieder, den Ruf der Natur, der mir sagt: Die gemütliche Couchzeit ist vorbei, geh gefälligst an die frische Luft und reaktiviere deine Sozialkontakte! Da bin ich anscheinend nicht die Einzige. Kaum zeigen sich die ersten Sonnenstrahlen, wollen sich Hinz und Kunz draußen treffen, weil «das Wetter so schön ist». Der Frühling setzt mich unter Druck, ich empfinde Frühlingsstress! Und was in dieser Situation garantiert nicht hilft, sind die unzähligen Lieder, in denen freudig gewandert, gepflückt oder gezwitschert wird, aber wieder mal niemand über seine Angst vor Asiatischen Tigermücken singt. Diese ganze Sache mit der Natur wird in vielen Chorwerken meiner Meinung nach einfach zu unreflektiert betrachtet.
Schwärmender Schöpfungsgesang

Die penetrante Schwärmerei über Flora und Fauna ging schon früh los. So preist zum Beispiel der «Cantico delle Creature» (Sonnengesang) von Franz von Assisi aus dem 13. Jahrhundert die Schönheit der Schöpfung mit all ihren Facetten und Elementen. Hier heißt es: «Gelobt seist Du, mein Gott, mit allem, was Du erschaffen hast.» Ähm, ich will ja nichts sagen, aber hat der Heilige Franziskus je einen Nacktmull gesehen? Oder einen Grottenolm? Meine liebste Vertonung des «Sonnengesangs» ist die Version von Petr Eben (1929 – 2007) für gemischten Chor a cappella. Sie verwendet zum Glück die umbrische Originalsprache, was meine gedanklichen Abschweifungen beim Singen weitestgehend im Zaum hält. Der coolste Part ist die letzte Strophe. Da geht es um den Tod. «Den Tod des Leibes, dem kein Lebender entrinnen kann» – mit angemessener Dramatik steigert sich der Chorsatz hier in immer intensivere Staccato-Rhythmen, die sich schließlich in einem nachgeahmten Echoeffekt entladen. Liebe ich!
Bedrückendes Naturlied
Doch zurück zum Frühling. Zu den absoluten Klassikern der Natur-Chorliteratur, die immer wieder in Frühlingskonzerten auf dem Programm stehen, zählen Felix Mendelssohns «Sechs Lieder im Freien zu singen» op. 59. Gleich das erste Lied, «Im Grünen» nach einem Text von Helmine von Chézy, ist für mich ein richtiger Wolf im Mendelssohnspelz. Der heitere Rhythmus, die eingängige, fröhlich-jauchzende Melodie … da wäre man beinahe geneigt, zu einem kleinen Spaziergang aufzubrechen. Fast hatte der Felix mich soweit! Aber achten Sie mal genau auf den Text. Da steht doch tatsächlich: «Im Grünen da geht alles gut, was je das Herz bedrückt» – Fake News. Romantische Verklärung schön und gut, aber das holt mein Klassenfahrt-Trauma wieder hoch: Ich habe mich damals in der tschechischen Einöde ohne Ortskenntnis und Handyempfang verlaufen und bin stundenlang im Wald herumgeirrt. Das bedrückte mein Herz schon etwas, muss ich sagen. Und die Zecken erst! Lied Nummer drei «Abschied vom Walde» ist da schon eher was für mich.

Schnulziges Madrigal
Neben der Natur gibt es noch ein zweites Thema, das untrennbar mit der Frühlingszeit verbunden ist: die Liebe. Ich weiß ja nicht, wie Sie die sogenannten Frühlingsgefühle wahrnehmen, aber ich bemerke sie vor allem dadurch, dass mich nun wieder mehr Männer bei Tinder zu «einem Späti-Bier und Netflix» einladen. Deshalb ist mein Verhältnis zu Liebesliedern auch etwas zwiegespalten. Ein Beispiel: Orlando di Lassos «Ich liebe dich», ein süßes, schnulziges Madrigal aus dem 16. Jahrhundert und eines der populärsten Chorwerke zum Thema Liebe. Ich muss gestehen, dass ich eigentlich eine große Schwäche für dieses Stück habe. Das intensive, wiederkehrende Anfangsmotiv, das den natürlichen Sprachduktus (in der Originalsprache übrigens «Je l’aime bien») einfach perfekt in die Musik transportiert, berührt mich jedes Mal. Oder die langen Koloraturen auf dem Wort «Leben», die für mich den Wunsch ausdrücken, dass die besungene Liebe bis ans Ende aller Tage bestehen möge. Das Problem ist nur: Es macht mich gleichzeitig so verdammt wütend! Ich will auch so ein Lied geschrieben bekommen! Was hat diese Frau, was ich nicht habe? Was, Orlando, was?! Puh, durchatmen. Um wieder runterzukommen, höre ich gern Johannes Brahms’ Lied «All meine Herzgedanken» nach einem Gedicht von Paul Heyse. Darin verarbeitet ein Liebender die schmerzhafte Trennung von seiner Angebeteten, das beruhigt mich.
Erotische Motette
Apropos Frühlingsgefühle, wie sexy finden Sie eigentlich Thomas Tallis (1505 – 1585)? Darüber haben Sie noch nie nachgedacht? Dann ist jetzt ein guter Zeitpunkt dafür. Denn Tallis, genauer gesagt seine 40-stimmige (Viel Spaß beim Proben!) Motette «Spem in alium», hat es sogar auf den Soundtrack der wohl bekanntesten Erotik-Groschenroman-Verfilmung überhaupt, «Fifty Shades of Grey», geschafft. Das Stück ist zu hören, als Protagonist Christian Grey sich mit Anastasia in seinem «Spielzimmer» vergnügt. Leider konnte ich die Szene trotz gründlicher YouTube-Recherche nicht finden – schade. Ich hätte Ihnen, aus rein musikwissenschaftlichem Interesse natürlich, gern detailliert beschrieben, wie die Musik die Filmhandlung ausdeutet. So müssen wir unserer Fantasie freien Lauf lassen. Vielleicht hilft diese kurze Zusammenfassung des Stücks: Es beginnt sanft und ruhig, wird aber schnell intensiver und steigert sich immer weiter, abgesehen von ein paar kleinen Durchhängern. Der Höhepunkt kommt dann ein bisschen plötzlich. Und nach etwa zehn Minuten ist auch alles schon wieder vorbei.
Schamloses Volkslied

Eigentlich hätte auch das Volkslied «Es wollt ein Meyer meyen» gut zum erotischen Film-Soundtrack gepasst. Darin geht es nämlich eindeutig zweideutig zur Sache. «Sein Senselein tät er wetzen dreymal in einer Stund. Da war das Mägdlein fröhlich das er gut meyen kund» – Sie ahnen es, damit ist nicht wirklich das «Meyen» (Mähen) gemeint. Spannend ist, dass sich der überlieferte Text im Laufe der Zeit verändert hat. In der ursprünglichen Version von etwa 1560 wurde noch die männliche Sicht beschrieben, während es in späteren Fassungen die Frau ist, die den Mann aktiv dazu auffordert, ihr näher zu kommen: «Mein Meyer soll tu bleiben, den ganzen Sommer lang!». You go, girl! Sehr bedauerlich, dass das Lied heutzutage recht unbekannt ist, obwohl es in den 1970ern offenbar ein kleines Revival durch das sympathische Duo Zupfgeigenhansel gab. Ein Chorsatz davon scheint leider (noch) nicht zu existieren, dabei wäre das bestimmt der Hit bei jedem Frühlingskonzert. Vorschlag an die Chorzeit-Redaktion: Den Kompositionswettbewerb «Wer meyert am besten» ausrufen!
Liebe Leser:innen, ich hoffe, Ihnen haben meine Repertoire-Tipps gefallen. Wie bitte, was höre ich da? Das waren gar keine richtigen Tipps und außerdem lieben Sie den Frühling? OK. Viel Spaß mit der Asiatischen Tigermücke.