Singen im Metalchor: Growlen in guter Gesellschaft

Autor:in

Sandra van Lente

Ausgabe

N° 126 | September 2025

Zum Online-Inter­view tref­fen sich sechs Stim­men aus der Metal­chor-Sze­ne und berich­ten über ihre Lei­den­schaft: Jele­na Dobric, Vocal Coach, Metal-Sän­ge­rin und Grün­de­rin von Metal­Mor­phix in Han­no­ver, Sän­ge­rin Kim und Chor­lei­ter Uwe See­mann von Tunes of Dark­ness in Ham­burg, Coach Mel Stau­de und Sän­ger Kiki der Nor­t­hern Ravens aus Lübeck und Bir­te Schwarz, stell­ver­tre­ten­de Vor­sit­zen­de von Metal­chor e. V.

Seit wann singt ihr zusam­men im Metal­chor und wie ist euer Chor ent­stan­den?

Jele­na: Unser Chor Metal­Mor­phix ist noch ziem­lich jung, es gibt uns seit April 2025. Der Chor ist Teil mei­nes Pro­jekts «Metal­Mor­phix» – ich bin selbst Sän­ge­rin und Vocal Coach und hat­te so rich­tig Bock auf einen Rock-Metal-Chor. Wäh­rend ich mit der Idee gespielt habe, kam Hen­na von 30666 City of Metal zu mir und mein­te: «Wir wür­den ger­ne einen Metal­chor star­ten. Hast du Lust, ihn zu lei­ten?» Ich fin­de, es ist immer schö­ner, wenn man was zusam­men macht. Und 30666 ist eine Com­mu­ni­ty von Metal­heads hier in Han­no­ver, die schon lan­ge exis­tiert. Das pass­te per­fekt zusam­men.

Bir­te: Die Chö­re Nor­t­hern Ravens und die Tunes of Dark­ness sind ursprüng­lich aus einem ande­ren Chor ent­stan­den. Im April 2024 haben wir uns neu for­miert.

Was spielt es für euch für eine Rol­le, in einem Ver­ein zu sein?

Bir­te: Der Vor­teil vom Ver­ein ist natür­lich, dass alle Mit­glie­der ein Stück Mit­be­stim­mungs­recht haben, das war uns sehr wich­tig! Und als Ver­ein hat man auch eine ande­re Wir­kung auf ande­re, zum Bei­spiel wenn man irgend­wo auf­tre­ten will. «Ey, wir sind ein ein­ge­tra­ge­ner, gemein­nüt­zi­ger Ver­ein und wol­len hier einen Auf­tritt machen» klingt anders als «Wir sind ein Metal-Chor und grö­len mal durch die Gegend». Als juris­ti­sche Per­son wirkt man ganz anders. Ein biss­chen seriö­ser [lacht].

Mehrere Menschen stehen auf einer blau angeleuchteten Bühne. Viele tragen schwarze Kleidung und zeigen den Heavy Metal Gruß mit ihren Händen.
 ©Metal­Mor­phix
Der Metal­chor Metal­Mor­phix singt in Han­no­ver unter der Lei­tung von Jele­na Dobric

Die Menschen im Metalchor: alles außer eintönig

Und wer sind die Men­schen in eurem Metal­chor?

Uwe: Die «typi­schen» Men­schen bei uns sind sehr divers. Das zeich­net ja die Hea­vy-Metal-Sze­ne gene­rell aus. Das sind sehr inter­es­san­te Men­schen, vie­le Men­schen ganz unter­schied­li­cher Her­kunft, sozi­al, beruf­lich, mit ihren Lebens­ge­schich­ten. Und das macht es eigent­lich auch immer wie­der inter­es­sant, weil man eben kei­ne mono­for­me Grup­pe hat.

Jele­na: Wir sind ganz unter­schied­lich und die Leu­te mögen auch ver­schie­de­ne Rich­tun­gen von Metal. Eini­ge beherr­schen «Harsh Vocals» schon rela­tiv gut, vie­le wol­len es ler­nen, man­che auch gar nicht. Die wol­len ein­fach nur im Chor sin­gen. Wir haben hier Men­schen von 16 bis 66. Wir machen kein Vor­sin­gen, weil wir eine Com­mu­ni­ty sein wol­len, in der sich alle wohl­füh­len und vor allem von den Per­sön­lich­kei­ten her gut zusam­men­pas­sen. Mir war bewusst, dass es für mich als Chor­lei­te­rin eine gro­ße Her­aus­for­de­rung wird mit so unter­schied­li­chen Levels im Chor. Wir tei­len uns zum Pro­ben manch­mal auf und arbei­ten an Har­mo­nien und unse­rer Sta­bi­li­tät. Wir sind dran. [lacht] Die Stim­mung ist sehr gut und zusam­men haben wir ganz viel Spaß.

«Mich begeis­tert, dass ich ein­mal die Woche wirk­lich ein­fach mal alle Fil­ter fal­len las­sen kann. Ein­fach mal nicht zu viel über alles nach­den­ken, ein­fach auch mal laut sein und ein biss­chen sich selbst und das Leben nicht so ernst zu neh­men.»

Motivation und Programmgestaltung im Metalchor

Und war­um singt ihr im Metal­chor, Kim und Kiki?

Kim: Ich bin jetzt schon vier Jah­re dabei und mich begeis­tert, dass ich ein­mal die Woche wirk­lich ein­fach mal alle Fil­ter fal­len las­sen kann. Ein­fach mal nicht zu viel über alles nach­den­ken, ein­fach auch mal laut sein und ein biss­chen sich selbst und das Leben nicht so ernst zu neh­men – wenigs­tens ein­mal die Woche. Da bin ich dann sehr glück­lich mit dem Chor.

Kiki: Ich ken­ne auch die ande­re Sei­te der Chor­mu­sik, sozu­sa­gen, aus einem tra­di­ti­ons­rei­chen städ­ti­schen Kin­der­chor. Und hier ist halt ein­fach alles etwas chil­li­ger, ent­spann­ter. Es ist locker, kei­ner wird blöd ange­macht, egal ob groß, klein, dick, dünn. Man fühlt sich ein­fach will­kom­men. Es ist eine tol­le Gemein­schaft, das merkt man auch an Klei­nig­kei­ten wie spon­ta­nen Fahr­ge­mein­schaf­ten, wenn mal ein Bus aus­fällt. Wir unter­stüt­zen ein­an­der. Das ist ein­fach toll und man hat das Gefühl, man wird auf­ge­fan­gen und die Leu­te sind für­ein­an­der da.

Eine Gruppe Menschen steht eng zusammen und lächelt fröhlich in die Kamera.
©Jele­na Dobric. Metal-Gesang und viel Spaß bei Metal­Mor­phix aus Han­no­ver

Wie stellt ihr euer Reper­toire zusam­men und wo fin­det ihr die Noten für euren Metal­chor?

Jele­na: Am Anfang habe ich «Aeri­als» von Sys­tem of a Down aus­ge­wählt. Da kann man ein paar Har­mo­nien auf­bau­en, Call-and-Respon­se bringt Abwechs­lung. Und danach habe ich Vor­schlä­ge aus dem Chor gesam­melt und geschaut, was gut arran­giert wer­den kann, was zu unse­rer Grup­pe passt. Ich schrei­be zur­zeit auch selbst Arran­ge­ments – weil ich drauf Bock habe.

Mel: Mein offi­zi­el­ler Titel ist «Raben­be­treu­ungs­be­auf­trag­te»: Alle dür­fen Vor­schlä­ge machen und wenn sie eine Zwei­drit­tel­mehr­heit errei­chen, wer­den sie im Chor aus­pro­biert. Ich gehe dann auf die Suche nach einem Play­back und berei­te den Text vor. Wir ent­wi­ckeln zusam­men Ideen, wie wir das zum Klin­gen brin­gen kön­nen. Oder ich schau mal, ob die Ham­bur­ger [von Tunes of Dark­ness, Anmer­kung der Redak­ti­on] schon was dazu vor­be­rei­tet haben (lacht). Und dann pro­bie­ren wir das aus. Wir sin­gen nicht nach Noten, wir sin­gen nach Gefühl. Wir haben auch eine Band, die uns bei man­chen Auf­trit­ten unter­stützt.

Uwe: Man muss auch gucken: Was kommt im Publi­kum an? Was wirkt eher kurz­wei­lig, was schnell lang­wei­lig? Also zum Bei­spiel immer die­sel­ben Ton­ar­ten, immer die­sel­ben Geschwin­dig­kei­ten, immer die­sel­be Art von Song. Ich kann acht fan­tas­ti­sche Songs auf­füh­ren, die alle ähn­lich wie «Enter Sand­man» von Metal­li­ca sind. Die sind auch jeder für sich toll, aber nach zehn Minu­ten, ist es für die, die da unten ste­hen, total lang­wei­lig. Und das ist halt nicht mein Anspruch, son­dern ich möch­te ver­su­chen – alles im Kon­sens natür­lich – eine mög­lichst viel­fäl­ti­ge Palet­te der Musik und auch des Kön­nens abzu­bil­den.

«Und dann machen wir zum Schluss eigent­lich immer noch mal drei Stan­dard­songs, ein­fach um Spaß zu haben, also wo dann nicht mehr gear­bei­tet wer­den muss, son­dern wo es ein­fach um Raus­schrei­en, um Spaß­ha­ben geht.»

<Typische> Proben im Metalchor

Wie sieht eine typi­sche Pro­be bei euch aus?

Mel: Wir star­ten spät um 21 Uhr. Das hat sich so ein­ge­bür­gert und passt für mich auch sehr gut beruf­lich. Wir tref­fen uns meis­tens schon um 20.30 Uhr. Dann wird geschnackt, noch eine Ziga­ret­te geraucht, also ein­fach die­se Gemein­schaft genos­sen, von der Kiki sprach. Zwei lie­be Men­schen küm­mern sich immer um die Tech­nik und die Chor­spre­cher oder ande­re Frei­wil­li­ge machen dann das Auf­wär­men. Als Ope­ner gibt es immer «Brea­king the Law» von Judas Priest. Grund­sätz­lich star­ten wir in Lübeck erst­mal uni­so­no. Und wenn eine gewis­se Grund­si­cher­heit im Song drin ist, über­le­gen wir: Gibt es im Ori­gi­nal eine höhe­re Stim­me, kön­nen das mei­ne hohen Stim­men nach­sin­gen? Wenn nicht, kön­nen wir eine eige­ne Linie kre­ieren oder kön­nen die tie­fen Stim­men eine Extra­va­ganz mit rein­brin­gen? Und dann machen wir zum Schluss eigent­lich immer noch mal drei Stan­dard­songs, ein­fach um Spaß zu haben, also wo dann nicht mehr gear­bei­tet wer­den muss, son­dern wo es ein­fach um Raus­schrei­en, um Spaß­ha­ben geht.

Stimmbildung beim Singen im Metalchor

Ihr habt alle berich­tet, dass ihr eure Stim­men gut auf­wärmt. Macht ihr etwas Beson­de­res in Rich­tung Stimm­bil­dung?

Jele­na: Manch­mal tei­len wir uns auf, zwei Mädels aus dem Chor über­neh­men eine Grup­pe und dann wech­seln wir für die Detail­ar­beit. Harsh Vocals nut­zen wir noch nicht so viel, ich mei­ne vor allem Growl und Scream. Wir inte­grie­ren es von denen, die das schon beherr­schen. Und in man­chen Pro­ben üben wir das auch, aber lie­ber am Ende und ganz vor­sich­tig. Dafür muss man erst Grund­la­gen schaf­fen. Es ist schon eine spe­zi­el­le Arbeit, wenn man mit Harsh Vocals arbei­tet, weil das Struk­tu­ren im Hals braucht, die man nor­ma­ler­wei­se bei Gesprä­chen im All­tag nicht benutzt. Wir kön­nen das theo­re­tisch alle machen, aber unser Appa­rat weiß nicht wie. Und dann machen wir meis­tens zu viel Druck und kön­nen hei­ser wer­den. Aber grund­sätz­lich kön­nen wir das alle machen, das sind «pri­mal» Geräu­sche, die man irgend­wann mal gemacht hat (lacht).

«Es [geht] nicht nur um das Sin­gen, son­dern auch um die Gemein­schaft. Und die Mit­glie­der sind eben divers und vie­le Din­ge, die sie mit­brin­gen, machen sie nor­ma­ler­wei­se irgend­wo anders zu Außen­sei­tern. […] Wir sind ein wirk­lich inte­gra­ti­ves Ele­ment.»
Eine Frau mit langen dunklen Haaren steht im Vordergrund. Sie singt und sieht dabei sehr kraftvoll aus. Im Hintergrund steht ein Chor mit Noten in den Händen.
©cathe­roi­ne Jele­na Dobric lei­tet Metal­Mor­phix mit Spaß, Lei­den­schaft und musi­ka­li­schen Zie­len: «Wir haben noch viel, was wir aus­pro­bie­ren kön­nen»

Zukunftspläne

Was hat sich euer Metal­chor für die Zukunft vor­ge­nom­men?

Jele­na: Ziel Num­mer eins ist, dass wir unser Gesangs­le­vel ver­bes­sern und uns ein sehr gutes Reper­toire für etwa 45 Minu­ten auf­bau­en – und dass unser Auf­tritt so rich­tig cool aus­sieht. Ich wür­de mir wün­schen, dass wir im April 2026 zu unse­rem Ein­jäh­ri­gen etwas auf die Büh­ne brin­gen. Und dann wei­ter: so rich­tig fit wer­den und mit sehr guter Per­for­mance auf Metal-Fes­ti­vals auf­tre­ten, viel­leicht auch mit Band und irgend­wann auch Ori­gi­nal­songs machen! Wir sind mit 30 bis 40 Men­schen schon eine rela­tiv gro­ße Grup­pe und da gibt es vie­le Mög­lich­kei­ten – wir haben noch viel, was wir aus­pro­bie­ren kön­nen.

Uwe: Eine ganz wich­ti­ge Sache ist, dass es nicht nur um das Sin­gen geht, son­dern auch um die Gemein­schaft. Und die Mit­glie­der sind eben divers und vie­le Din­ge, die sie mit­brin­gen, machen sie nor­ma­ler­wei­se irgend­wo anders zu Außen­sei­tern. Also ADHS, Autis­mus, es gibt Leu­te, die haben Sozi­al­pho­bien. Wir sind ein wirk­lich inte­gra­ti­ves Ele­ment. Und weil eben jeder anders ist, sind wir auch alle wie­der gleich und tref­fen uns gemein­sam auf die­ser Ebe­ne.

Mehr über die Metal­chö­re
 
Metal­Mor­phix aus Han­no­ver ist der viel­leicht jüngs­te Metal­chor in Deutsch­land. Auf Insta­gram ist er unter @metalmorphix.official zu fin­den.
 
Den Ver­ein Metal­chor e.V., in dem die Metal­chö­re Tunes of Dark­ness und Nor­t­hern Ravens ver­eint sind, fin­den Sie unter: www.metalchor-ev.de Auf Insta­gram fin­den sich unter @metalchor_e.v Inspi­ra­tio­nen aus dem Chor- und Ver­eins­le­ben.
 
Die Nor­t­hern Ravens aus Lübeck fin­det ihr auf Insta­gram unter @northern_ravens und hier geht es zur Web­site: www.northernravens.de
 
Die Tunes of Dark­ness aus Ham­burg rocken das World Wide Web unter www.tunesofdarkness.de und Insta­gram unter @mc_tunesofdarkness
 
Alle drei Chö­re freu­en sich über neue Sänger:innen in allen Höhen und Tie­fen.

Portrait von Sandra van Lente

Autor:in

Sandra van Lente

Sandra van Lente ist promovierte Literaturwissenschaftlerin und unterstützt die Chorzeit-Redaktion sowie Öffentlichkeitsarbeit und Projekte des DCV. Ihr Herz schlägt für inklusive Kulturprojekte.

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